Ausstellungsbesprechungen

Andrea Mantegna und die Druckgraphik

In Stuttgart werden die druckgraphischen Werke Mantegnas gezeigt,im Schatten der brillanten Matisse-Schau und der neu gestalteten Sammlungsräume, vermitteln sie allemal die Bedeutung Mantegnas für die Kunst, so unser Rezensent Günther Baumann.

Die Stuttgarter Staatsgalerie ist nicht der Louvre. Dort ging soeben eine große Mantegna-Ausstellung zu Ende, die sich dem Werk dieses grandiosen italienischen Malers widmete. In Stuttgart muss man sich mit druckgraphischen Arbeiten begnügen, die im Schatten der brillanten Matisse-Schau und der neu gestalteten Sammlungsräume, zumal im konservatorisch notwendigen Halbdunkel allzu schnell als Randerscheinung abgetan sind. Nun hat es Graphik allerdings nicht immer leicht, in der reizüberfluteten Bilderwelt zu bestehen. Doch in jeder Hinsicht tut man sowohl der verantwortlichen Konservatorin als auch dem Künstler Unrecht, wenn man diese kleine, aber sehr feine Präsentation mehrerer Graphik-Zyklen links liegen lässt. Weiß man erst, dass Mantegnas Beitrag zum Kupferstich bis auf den heutigen Tag umstritten ist – manche Wissenschaftler bestreiten die eigenhändige Arbeit mit dem Stichel und schreiben alle Tiefdruck-Blätter anderen Künstlern zu – , und doch immerhin mindestens sieben Werken als »echte« Mantegnas gehandelt werden und die anderen gezeigten Blätter einen direkten oder indirekten Bezug zu dem genialen Meister der Frührenaissance haben, wird man Zeuge differenzierter Kunstgeschichtsschreibung, die zuweilen vom Ergriffensein über sensible Detektivarbeit bis hin zur Feldforschung reicht. Und über allem ist zu bemerken: Diese sogenannten »Meisterstiche« sowie die drei Graphikfolgen in Kupferstich, Radierung und Holzschnitt nach Fresken des Malers sind ein ästhetischer Genuss und vermitteln allemal die Bedeutung Mantegnas für die Kunst.

 
Johann Wolfgang Goethe, der vor dem Zyklus zum »Triumphzug Caesars« von 1598/99 zum Gelegenheits-Kunsthistoriker wurde, war bereits 1823 des Lobes voll für die Werke »dieses außerordentlichen Künstlers«. Diesem gelinge »auch die unmittelbarste und individuellste Natürlichkeit bei Darstellung der mannigfaltigsten Gestalten und Charaktere. Die Menschen wie sie leiben und leben mit persönlichen Vorzügen und Mängeln, wie sie auf dem Markte schlendern, in Prozessionen einhergehen, sich in Haufen zusammendrängen, weiß er zu schildern«. Der Klassiker sieht in Mantegnas Werk das Ideelle mit dem Natürlichen vereint. Ihm entging freilich die offenkundige Zuschreibungsproblematik nicht, aber feinsinnig folgt Goethe den Arbeiten bis ins Detail, um – wie es der heutige Betrachter in Stuttgart nachvollziehen kann – sie selbst im Umfeld Mantegnas als Meisterstücke der graphischen Kunst vorzuführen.
 
Es ist ein Gemeinplatz, dass die Graphik eine Verbreitungsmöglichkeit hatte, die den Menschen Kunst nahe brachte, die sie vor den zugrunde liegenden Originalgemälden womöglich nie zu Gesicht bekämen. Das galt zwar früher mehr als heute; »denn das ist ja eben eins der größten Verdienste der Kupferstichkunst«, so Goethe, »dass sie uns mit der Denkweise so vieler Künstler bekannt macht, und, wenn sie uns die Farbe entbehren lehrt, das geistige Verdienst der Erfindung auf das sicherste überliefert«. Aber auch wir können in dieser Stuttgarter Kabinettausstellung einen Hauch von Renaissance mit nach Hause nehmen. Was die Farbe angeht, findet der Besucher hier sogar eine kolorierte Version der »Geschichte der Hll. Jacobus d. Ä. und Christophorus« nach einem 1944 weitgehend zerstörten und erst vor kurzem restaurierten Freskenzyklus in Padua. Giovanni David schuf eine Version mit Umrissradierungen, eine schraffierte Folge sowie jene handkolorierte Fassung – eine Begegnung mit allen diesen Arbeiten dürfte in absehbarer Zeit nicht mehr möglich sein. So gesehen ist die kleine Schau auch eine einmalige Gelegenheit – und wie meinte Goethe: »Wir wünschen einem jeden wahren Kunstfreunde diesen Genuss«.
 
Im Rahmen der Ausstellung veranstalten die Staatsgalerie und das Italienische Kulturinstitut am 17. Januar einen Nachmittag mit Lesungen und Vorträgen zum Thema:
14 Uhr: Führung in italienischer Sprache.
15 Uhr: Der Schauspieler Benjamin Grüter (Schauspiel Stuttgart) liest Texte von Johann Wolfgang Goethe und von Inger Christensen. Einführung von Dr. Corinna Höper.
17.30 Uhr: Dr. Hermann Mildenberger (Klassik-Stiftung, Weimar) spricht über »Chiaroscuro in Weimar«
 
Voranmeldung bis 16.1. unter
kunstvermittlung@staatsgalerie.de oder Tel. 0711-47040453)
 

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