Kataloge

Andreae, Bernard: Malerei für die Ewigkeit. Die Gräber von Paestum, Hirmer Verlag, München 2007.

In Paestum, südlich von Pompeji am Golf von Salerno, stehen nicht nur die drei berühmten dorischen Tempel, die seit Mitte des 18. Jahrhunderts zum europäischen Bildungsgut avancierten und bis heute – als UNESCO-Weltkulturerbe – zu den Top Ten antiker touristischer Ziele gehören, sondern dort hat sich auch mit den Gräbern der Lukaner ein einzigartiger Schatz antiker Freskomalerei aus dem 4. Jh. v. Chr. erhalten. Diese Kostbarkeiten werden nun erstmals in einer Ausstellung im Bucerius Kunst Forum vorgestellt.

Da es keinerlei schriftliche Zeugnisse gibt, sind die hinreißend schönen Malereien den Archäologen und Historikern heute eine unvergleichliche Quelle – sowohl für den noch weitgehend unbekannten italischen Volksstamm der Lukaner als auch für die nahezu gänzlich verlorenen griechischen Malereien, die den Künstlern von Paestum als Vorbild dienten. Sie bieten einen seltenen Einblick in die damalige Bildkunst – und damit auch in die Bräuche und Gewohnheiten dieser Menschen – und haben große kunsthistorische Bedeutung. Erst in den 1960er Jahren entdeckt, haben Angela Pontrandolfo und Agnès Rouveret 1992 die bisher geborgenen Einzelplatten mit den dazugehörigen Grabbeigaben zum ersten Mal publiziert (»Le Tombe dipinte di Paestum«) und die wissenschaftliche Grundlage zur künftigen Erforschung der Nekropolen gelegt.

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Der Ausstellungskatalog knüpft nun daran an und bewertet die künstlerische Qualität der Malereien völlig neu. 43 bemalte Grabplatten aus dem Museo Archeologico Nazionale di Paestum, die dort bislang nur als Einzelplatten zu studieren waren, sind in der Hamburger Schau erstmals seit ihrer Auffindung wieder in ihrer ursprünglichen räumlichen Konstellation als vollständiges Kastengrab zu sehen. Diese neue Präsentationsform gibt der Katalog anschaulich wider und ermöglicht überhaupt erst, das Bildprogramm und künstlerische Verfahren, den inhaltlichen Zusammenhang und damit auch den eigentlichen Sinn der Malereien zu erschließen.

Der Frage, wie sich die lukanische Gesellschaft im Bildprogramm der Grabmalereien widerspiegelt, gehen Marina Cipriani, die Direktorin des Museo Archeologico Nazionale di Paestum, Angela Pontrandolfo und Agnès Rouveret in ihrem Essay nach. Dabei untersuchen sie die »Welt der Männer« mit den darin vorkommenden Formen von Heroisierung und die »Welt der Frauen«, denen die Darstellung der Bestattungsriten vorbehalten ist, während Bildvorstellungen vom Jenseits und Darstellungen von Trauerspielen in den Gräbern beider Geschlechter zu finden sind. Einen kurzen Abriss der Stadtgeschichte Paestums in lukanischer Zeit liefert Emanuele Greco.

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Der renommierte Archäologe Bernard Andreae ist nach den ebenfalls von ihm konzipierten Ausstellungen über »Die Etrusker« (2004) und »Kleopatra und die Caesaren« (2006) – beide Kataloge sind übrigens noch lieferbar – nun schon zum dritten Mal Gastkurator im Bucerius Kunst Forum. Er hat die ersten 15 Katalognummern (von insgesamt 45) bearbeitet, die die ausgestellten Gräber und deren Grabbeigaben präsentieren, und darin Aufstellung und Rekonstruktion ausführlich dokumentiert. In seinen Beschreibungen der Malereien weist er eine Ikonographie nach, die mit den überlieferten griechischen Bestattungszeremonien ebenso in Beziehung steht wie mit der zeitgleich entstandenen Bildwelt etruskischer Gräber. Zugleich sind die Bilder durch stilistische Eigenständigkeit charakterisiert und lassen eine Entwicklung von grafisch wirkender Umrisszeichnung zu mehr Plastizität erkennen.

Die Benennungen der Gräber beziehen sich immer auf das zentrale Bildmotiv: Grab des heimkehrenden Ritters, der Hirschjagd, der Granatäpfel, der kämpfenden Tiere, der Schecken, der Klagefrauen, des schwarzen Ritters, der Nereide, des bunten Hahnes, der Leichenspiele, von Mutter und Kind, des Maultierkarrens, des Kinderkarrens, der großen Toten. Im ergänzenden Essay »Malerei im Vorborgenen« erläutert Andreae neben kulturhistorischem Hintergrund und Totenkult der lukanischen aristokratischen Gesellschaft auch ausführlich die Umstände bei der Anfertigung der Gräber, alle vorkommenden Motive, Stilfragen und die dezidiert private Funktion der bemalten Gräber. Sie wurden gleich nach der Bestattung verschlossen wurden und waren nicht für die Nachwelt bestimmt. Die Fresken sollten, ebenso wie die Grabbeigaben, die Verstorbenen auf ihrem Weg ins Jenseits begleiten und drückten ihren Glauben an das Weiterleben nach dem Tod aus.

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Aus der griechischen Epoche ist nur ein einziges mit Figurenmalerei ausgestattetes Einzelgrab erhalten: die berühmte »Tomba del Tuffatore« (Grab des Tauchers bzw. Turmspringers, 490–480 v. Chr., Museo Archeologico Nazionale di Paestum), »das bedeutendste Monument großgriechischer Malerei der spätarchaischen Zeit«, mit dem sich Andreae in einem separaten Aufsatz befasst. Diese Darstellungen liefern somit die einzigen unmittelbaren Vergleichsbeispiele mit den lukanischen Malereien.

Allem vorangestellt ist eine grundlegende Einführung von Dieter Mertens über Ursprung, Stil und Funktion der griechischen Tempel von Paestum sowie über deren architektonischen Details und Differenzen. Er informiert über den derzeitigen Erkenntnisstand und formuliert die zukünftigen Forschungsaufgaben.

Dem zweiten Teil der Ausstellung entspricht ein zweiter Katalogteil, der sich der künstlerischen Rezeption der drei dorischen Tempel in den bildenden Künsten von 1750–1850 anhand von 55 Gemälden, Aquarellen, Radierungen und Reiseberichten widmet. Sowohl der Katalog der Gemälde und Zeichnungen als auch die zugehörigen Essays stammen von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Bucerius Kunst Forums Nina Simone Schepkowski. Seit etwa 1740 standen die Tempel im Blickpunkt topografischer Beschreibungen und übten auf die Bildungsreisenden eine ungeheure Anziehungskraft aus.

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Einer der ersten deutschen Besucher war Johann Joachim Winckelmann, der sie in seinen »Anmerkungen über die Baukunst der Alten« 1762 im deutschsprachigen Raum bekannt machte. 1824 folgte ihm u.a. der Berliner Architekt Karl Friedrich Schinkel, bei dem die eindrucksvolle Atmosphäre »unendlich viel Stoff zu Gedanken« hinterließ. Zu den frühesten Darstellungen der Tempel gehören die Ansichten des aus Modena stammenden Malers Antonio Joli: etwa das Gemälde »Die Tempelruinen von Paestum« von 1765, das sich heute in der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz befindet. Und nicht zuletzt waren die Tempel auch Vorbild für das Brandenburger Tor in Berlin.

Hervorzuheben sind die präzisen Zeichnungen, die Giovanni Battista Piranesi kurz vor seinem Tod in Paestum für sein aufwändiges Kupferstichwerk »Différentes vues de Pesto« angefertigt hat. Bei der Herausgabe 1778 sorgten die 20 Vedutenstiche der drei Tempel mit ihrer starken Perspektivwirkung und Detailgenauigkeit für Aufsehen. Mit einer detaillierten Betrachtung der klassizistischen Korkmodelle aus der Sammlung des Museo Archeologico Nazionale in Neapel, die Modellschneider um 1820 als Ersatz für das Antikenstudium in situ von den drei dorischen Tempeln angefertigt hatten, rundet Bernard Andreae die Rezeptionsgeschichte der berühmten Tempelanlage von Paestum ab.