Buchrezensionen

Andreas Müller-Weiss: Der Farbanschlag, Edition Moderne 2014

Dem deprimierenden Grau der Zürcher Fassaden überdrüssig, startete der Stadtbaumeister Hermann Herter in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts das ambitionierte Projekt »Das farbige Zürich«. Erste Farbkonzepte lieferten die Künstler Augusto Giacometti und Giuseppe Scartezzini. Doch das Unterfangen scheiterte. In seiner Graphic Novel hat es der Schweizer Zeichner Andreas Müller-Weiss aufgegriffen und will es nun zu einem wahnwitzigen Ende führen. Mehr verrät Rowena Fuß.

»Es ist eine nasse Geschichte«, beginnt das Vorwort von Stadtwanderer Benedikt Loderer. Und in der Tat zieht sich die Sihl durch den gesamten Comic. Am unteren Seitenrand schlängelnd, transportiert sie die ganze Zeit unterschwellig Zeugs: Bierflaschen, Sägen, Hölzer, Schuhe mit Nagelsohlen, weiße Kaninchen, Zauberstäbe und Zylinder, Küken, Tomaten, Kürbisse, Patronen, Schnuller, Schaukelpferdchen, knurrende Hunde, Reagenzgläser, Trompeten, Tulpen, Münzen, kleine Putti und Angelruten. Derweil steigt das Wasser immer mehr an, bis es sich rot gefärbt aus einer Staumauer ergießt. Diese wurde vorher natürlich zum Teil gesprengt.

Folgt man nur diesen Hinweisen, lässt sich nur schwer die eigentliche Geschichte des Comics rekonstruieren. Zu vertrackt sind die Informationsschnipsel. Was man aber weiß, ist, dass es um einen Farbanschlag geht. Der rot gefärbte Fluss soll irgendetwas fluten – schon für sich genommen eine ungeheuerliche Tat!

Farbanschläge im kleineren Format kennt man aus den Nachrichten. Immer wieder wird so mancher Farbbeutel gegen die Mauern öffentlicher wie privater Gebäude geschleudert oder bunte Schriftzüge aufgebracht. Sie versinnbildlichen zum einen freilich die Wut ihrer Väter. Zum anderen sorgen sie aber auch für Aufmerksamkeit. Selten hat so ein Anschlag in Berlin, Heilbronn, Magdeburg, Leipzig, Delmenhorst, Wien oder Basel – und das ist nur eine Auswahl der letzten sechs Monate – jedoch etwas mit Kunst zu tun. Doch genau die steht im Zentrum der Graphic Novel von Andreas Müller-Weiss.

Die Kriminalgeschichte um zwei Zürcher Ordnungshütern und ihren Ermittlungen, die allerhand zu Tage fördern, spielt Anfang September 1937. In einer düsteren Nacht wird Umberto Campi, ein aus der Toskana eingewanderter Freskenmaurer, von der Polizei aufgegriffen, nachdem er mehrere Farbflaschen gegen die Brandwache von Stadtbaumeister Herter geworfen hatte. Da er bei der Vernehmung mit noch viel schlimmeren Anschlägen droht, vermuten Polizeiassistentin Gilg und Wachtmeister Studer eine rechtsextreme Verschwörung und führen eine Hausdurchsuchung durch. Dabei finden sie Indizien, die auf eine Beteiligung des berühmten Malers Augusto Giacometti hindeuten. Der hatte erst kürzlich dem italienischen Diktator Mussolini ein Pastell zukommen lassen. Höchst verdächtig! Die gegen ihn vorgebrachten Anschuldigungen bestreitet er vehement, gibt jedoch zu, Campi zu kennen. Vor über zehn Jahren, als er die Blüemlihalle der Polizeiwache Urania ausmalte, engagierte er ihn als Freskenmaurer. Damals erzählte er Campi auch von seinem Projekt »Das farbige Zürich«, welches allerdings wegen der Weltwirtschaftskrise, die auf den Börsencrash 1929 folgte, nicht umgesetzt wurde. Studer und Gilg ahnen nichts Gutes. Das Gefühl wird durch einen Anruf der Schweizer Kantonspolizei verstärkt: Ein Zeuge hätte beobachtet, wie jemand säckeweise Farbpulver in den Sihlsee schüttete. Dies und die Aussage einer ehemaligen Arbeitgeberin Campis, die ihn einst für Sprengungen in einem Steinbruch beschäftigte, lassen die Polizisten handeln. Ihre Befürchtung: Campi will die Mauer des Stausees sprengen! Dann würde sich das gefärbte Wasser auf die gesamte Stadt ergießen. Am Ende kommt es jedoch nicht zur Katastrophe – soviel sei an dieser Stelle verraten. Sie ist eine böse Ahnung, die jedoch Fiktion bleibt.

Zu verdanken ist dies der Polizeiassistentin Gilg, die mit ihrer »Frauenschläue« Zürich rettet, so Loderer ironisch gebrochen im Vorwort. Denn die Dame kann Bilder lesen und damit das Programm des Verbrechens aufdecken, welches sich in Giacomettis Bildern versteckt, die in Campis Wohnung hängen. Was den Maurer dazu getrieben hat, ganz Zürich durch das farbige Wasser der gestauten Sihl färben zu wollen, wird jedoch nicht erklärt. Müller-Weiss verweist lediglich auf eine psychische Erkrankung des Italieners.

Wie eine Attacke reihen sich auch die Bilder des Comic aneinander. Man könnte sie für bunte Flugblätter oder Plakate halten. Das rührt vor allem von der Farbgebung. Es dominieren matte Töne einer begrenzten Farbpalette. Die Figuren wurden vereinfacht und besitzen keine Konturlinien, ihre Körper wirken flächig. Auf insgesamt 56 Seiten, wovon sechs den umfangreichen Anmerkungen zu den realen Vorbildern der Comic-Protagonisten vorbehalten sind, bombardiert Müller-Weiss den Leser mit Personen, Plätzen und Ideen. Auf dem Vorsatzblatt des Buches sind Tatorte und Schauplätze sowie Giacomettis Spuren in Zürich akkurat auf einer Karte vermerkt.

Dennoch ist das Leben manchmal seltsamer als jede Fiktion. Zeitnah zum Veröffentlichungsdatum der Graphic Novel gab es tatsächlich einen Farbanschlag in Zürich. Wie die NZZ berichtete, beschmierten Unbekannte das Rathaus Anfang August diesen Jahres mit Farbe. Warum, weiß keiner. Kurios auch, dass noch bis Anfang Februar 2015 eine Augusto Giacometti-Ausstellung im Berner Kunstmuseum unter dem Titel »Die Farbe und ich« läuft.

Fazit: Die Graphic Novel besitzt einen Mehrwert: Besucher der Berner Schau »Die Farbe und ich. Augusto Giacometti« können mit dem Comic-Roman gleich ein bisschen mehr über die Projekte des Malers erfahren. Andererseits kann der Leser gleich den Weg ins Museum suchen, um sich dort weiter mit dem Schweizer Maler und dessen Gedanken zum Thema Farbe zu beschäftigen. Insofern bilden Buch und Ausstellung eine geradezu unheimlich gute Allianz. Doch ist die Publikation noch mehr. Die Geschichte spiegelt letztlich auch politische wie städtebauliche Diskussionen zur lebenswerten Umgebung wider, die heute erneut aktuell sind.