Ausstellungsbesprechungen

Andrew Gilbert – Ulundi is Jerusalem, Andrew is Emperor, Brocoli is Holy, Overbeck Gesellschaft – Kunstverein Lübeck, bis 17. April 2016

Gotische Kirchen hat Lübeck nun wirklich genug. Was macht man mit einer alten Kirche, wenn schon die anderen kaum benutzt werden? Man widmet sie um und lässt sie eine Kunstkirche sein. Bei St. Petri in Lübeck funktioniert das sehr gut, besonders jetzt mit einer Ausstellung des schottischen Künstlers Andrew Gilbert. Stefan Diebitz hat seine Doppelausstellung besucht.

St. Petri ist ein wesentlicher Teil der Lübecker Silhouette, zum Beispiel vom »Malerwinkel« aus, wo heute allerdings wesentlich häufiger Fotografen als Maler stehen, um das Spiegelbild der Kirchtürme im dunklen Travewasser zu fixieren. Zusammen mit der doppeltürmigen Marienkirche bildet der von vier kleinen Ecktürmchen umkränzte Turm der Kirche ein charakteristisches Ensemble. Aber innen ist die fünfschiffige Kirche nicht sehr ansehnlich, seit bei dem Luftangriff auf Lübeck 1942 bis auf ein einziges Taufbecken die gesamte, zum Teil alte und wertvolle Inneneinrichtung ein Raub der Flammen wurde. Sie wurde niemals ersetzt. Der hohe und weite, an sonnigen Tagen lichtdurchflutete Raum wird seit dem Brand nicht mehr zu Gottesdiensten benutzt, bildet aber einen fantastischen Rahmen für Konzerte und Kunstausstellungen.

Zum ersten Mal arbeiten jetzt die der ganz der Moderne verpflichtete Overbeck-Gesellschaft und die Petrikirche zusammen und organisieren eine Doppelausstellung – zur einen Hälfte in dem bescheidenen Pavillon im Garten des Behnhauses, zur anderen in der Kirche. Der schottische Künstler Andrew Gilbert, geboren 1980 in Edinburgh und seit langem in Berlin lebend, stellt an diesen beiden so unterschiedlichen Orten zu Installationen zusammengestellte Puppen sowie Bilder aus, die sich polemisch mit der europäischen Kolonialzeit beschäftigen. Es ist also eine hochpolitische Ausstellung. Auch Deutschland bekommt dabei sein Fett ab, aber viel schlechter kommt England weg, dem der Schotte bereits den 1746 in der Schlacht von Culloden errungenen Sieg übel nimmt. Und die angelsächsischen Schlächtereien in Afrika sieht er noch viel kritischer.

Auslösendes Moment für sein Interesse an den Kolonialkriegen waren aber nicht die Erinnerungen irgendwelcher Vorväter, sondern die nationalistisch verbohrten Spielfilme, die er bereits als Kind und Jugendlicher im Fernsehen zu sehen bekam. So erklärt sich auch das Bild, das niemand anderen als den später zum Charakterdarsteller gereiften, damals noch jungen und wahrscheinlich sehr hübschen, aber vielleicht auch etwas unbedarften Michael Caine in seiner allerersten Rolle zeigt. Es muss ein schlimmer Kriegsfilm gewesen sein. Ein anderes Bild zeigt Peter O’Toole in seiner berühmtesten Rolle als »Lawrence von Arabien«, aber die Unterschrift sagt etwas Anderes: »Andrew of Arabia«.

Diese Identifizierungen finden sich bereits im Titel der Ausstellung. Mit »Ulundi is Jerusalem« wird die letzte Schlacht der Briten gegen die Zulu angesprochen, die 1879 im südafrikanischen Ulundi stattfand, und »Andrew is Emperor« spielt auf die kindlichen Fantasien des Künstlers an, auf die er heute ironisch anspielt. »Brocoli is Holy« stößt dagegen weitgehend auf Unverständnis.

Im 18. und 19. Jahrhundert war es in imperialistischen Kreisen üblich, die Sprachen kleiner Völker zu verbieten. Bis vor kurzem war Kurdisch in der Türkei verboten, und vor zweihundert Jahren unterdrückten die Polen das Litauische oder eben die Engländer das Gälische als die Sprache der Schotten. Dieses Verbot der Volkssprache und die Einebnung einer originär schottischen Kultur prangert Gilbert ebenso an wie den Umgang der Engländer mit afrikanischen oder sonst exotischen Kulturen. Er reflektiert den Kulturimperialismus in Bildern, die in ihrer kruden Roheit wie in ihren Sujets explizit an den Expressionsmus Emil Noldes und Max Pechsteins anschließen – ihre Bildwerke finden sich sogar von ihm zitiert –, aber auch in kleinen, von ihm leicht veränderten und ergänzten Skulpturen und schließlich in mit allerlei Kleidern behängten Puppen.

Im Pavillon findet sich neben einer Reihe von Bildern eine Installation, die vom Besucher betreten werden darf und die bereits mit dem Schottenmuster an der Wand deutlich macht, auf welches Land uns der Künstler hinweisen möchte. Aber so polemisch das zunächst auch aussieht, so lohnt doch noch ein genaueres Hinschauen, denn in allen Arbeiten finden sich immer wieder interessante Details, die oft ironisch auf den Künstler selber zielen. Vor allem das »Brocoli«, von Gilbert absichtlich mit nur einem c geschrieben, oder ein kleines Vögelchen möchte er als Hinweise auf die eigene Person verstanden wissen.

In der Kirche (die ja eigentlich eine ehemalige Kirche ist oder nur ein Kirchenraum) bilden seine Figuren eine sich durch die Mitte der mächtigen Halle bewegende militärische Prozession, die auf das von Arnulf Rainer geschaffene Kreuz zielt, das als letztes daran erinnert, wem dieses Haus einmal gewidmet war oder wozu es dienen sollte. Vor dem Kreuz steht ein martialischer Zulu-Priester. Eine eindeutige Botschaft kann man aus alldem wohl kaum extrahieren. An den Wänden finden sich dann noch zahlreiche Bilder zu derselben Thematik.

Kulturimperialismus findet Gilbert nicht allein in der Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart. Im Grunde handelt man immer noch mit Glasperlen, für die man einst Gold einzutauschen hoffte; nur sind es heute Mobiltelefone einer minderen Qualität oder anderer Elektroschrott. Den Besuch eines noch jugendlich anmutenden amerikanischen Internetmilliardärs in Indien sieht Gilbert als eben einen solchen Versuch an, mit »Schrottkultur« nicht weniger als ein ganzes, fast eine ganze Milliarde zählendes Volk einzunorden und auf diese Weise sein eigenes Vermögen zu mehren. So sind dann die Puppen, die den vergangenen englischen Imperialismus darstellen sollen, aber auch noch den heutigen meinen, ziemlich fratzenhaft-hässlich geworden – einerseits. Andererseits sind sie, mit allerlei buntem Krimskrams behängt und dazu noch mit hochhackigen Damenstiefeln ausgestattet, auch wieder ziemlich ausdrucksvoll und pittoresk, wie sie durch die Mitte des weiß gekalkten Raumes auf das schwarze Kreuz zuwandern.