Buchrezensionen, Rezensionen

Angelus Eisinger, Die Stadt der Architekten. Anatomie einer Selbstmontage, Bauwelt Fundamente Bd. 131, Birkhäuser – Verlag für Architektur, Basel / Berlin 2006

„Städte entwickeln sich nicht nach den Partituren, die Architekten ihnen komponieren“, konstatiert Angelus Eisinger, der als Experte für Städtebau u.a. an der renommierten ETH Zürich tätig ist. Der Befund ist nicht neu, aber die Abhandlung fasst den komplexen Sachverhalt kompakt und stringent zusammen, konzentriert sich auf das Wesentliche und besticht zudem durch kluge, pointierte Formulierungen, ohne dabei in Polemik zu verfallen.

Der eingangs zitierte Satz steht am Beginn des Buches und umreißt zugleich dessen Thema: Warum ist die Moderne am Städtebau gescheitert? Eisinger setzt dazu bei den Anfängen des modernen Städtebaus um 1920 an, verfolgt die Entwicklung bis in die Gegenwart und zeichnet ein Bild eines permanenten Missverständnisses: die Verflechtungen von Gesellschaft und Urbanismus wurden in der Theorie zwar stets reklamiert, in der Praxis jedoch übersehen; nicht zuletzt aufgrund eines fundamentalen Irrtums, gesellschaftliche Probleme als Probleme räumlicher Organisation bewältigen zu wollen.
In den ersten Kapiteln seiner Abhandlung widmet sich Eisinger vier Fallstudien von mehr oder weniger klassischen Beispielen: den Kongressen und Programmen der CIAM, der New Towns-Politik in Großbritannien, einem virtuellen Idealstadtprojekt für Otelfingen bei Zürich um 1957 sowie Lúcio Costas Masterplan für Brasilia, der Stadt, die Höhepunkt und Sündenfall der Utopie der Moderne symbolisiert.
Dabei geht es weniger um die Korrektheit des architektonischen Vokabulars als um das Verständnis des Stadtbegriffes an sich. Die Idealvorstellungen der architektonischen und städtebaulichen Moderne umgebe aus heutiger Sicht eine Ironie, versuchte man doch, die Stadt in der Zukunft zu verorten, während sie doch nur aus der Warte der Gegenwart konzipiert werden konnte. Letztlich ließ sich gesellschaftliche Dynamik nicht einfach von Planung und Städtebau steuern.
Insbesondere nimmt der Autor dabei das Selbstbild des Berufsstandes in kritischen Augenschein und rüttelt am populären Mythos des Architekten als Universalisten: Der privilegierte Baumeister der Gesellschaft, „der Raum, Kultur, Technik und Gesellschaft miteinander zu versöhnen verspricht,“ konnte nie mehr sein als eine Standardfigur der modernen Architekturrhetorik.
In Wahrheit habe es an wissenschaftlichen Grundlagen und am interdisziplinären Dialog mit den Geistes- und Sozialwissenschaften gefehlt – vor der daraus resultierenden „Gefahr des Dilettantismus“ hatte Bruno Taut übrigens schon 1929 gewarnt. Indem der Architekt für sich reklamierte, weit über gestalterische Belange hinaus für die Gesellschaft zuständig zu sein, versuchte er eine „Realität von oben“ herzustellen, während das autonome Verhalten von unten eine ganz andere Realität schuf.
Der städtebaulichen Planungsarbeit wohnte zudem ein „paternalistisches Moment“ inne – ungeachtet aller Bekenntnisse zur engen Kooperation mit Wissenschaft, Wirtschaft und Kunst verstand sich die Aufgabenverteilung im Sinne einer klaren Hierarchie der Kompetenzen und Entscheidungsbefugnisse, an deren Spitze wie eh und je der Architekt stand. An diesem Punkt gewinnt Eisingers Analyse an aktueller Brisanz, sieht er doch ein unterschwelliges Fortwirken des Rollenverständnisses bis in die heutige Zeit.
Dennoch nimmt er die Protagonisten vor dem Vorwurf der Megalomanie in Schutz: „Nicht verfehlte Machtansprüche der Architektur und des Urbanismus, sondern die Ohnmacht beider Disziplinen gegenüber dem gesellschaftlichen Wandel ist wohl das entscheidende Fazit.“ Im Spannungsfeld von Kreativität, Bürokratie und gesellschaftlicher Dynamik würden auch noch so ausgeklügelte Pläne auflaufen und gut Gemeintes in sein Gegenteil verkehren. Anstelle von Schuldzuweisungen zieht es der Autor vor, von einem „flirrendem Unbestimmten zwischen richtig und falsch“ zu sprechen.

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Bereits um 1960 wurde die Krise im Städtebau sichtbar und die Ernüchterung begann um sich zu greifen. In der zweiten Hälfte des Essays folgt Eisinger den Wendungen und Verzweigungen der Stadttheorie nach der Moderne und kommt wiederum zu einem kritischen Befund: auch in den Gegenentwürfen der jüngeren Architektengenerationen verfiel man, trotz vielversprechender neuer Ansätze, am Ende den Verlockungen der abstrakten Planwelten und so schlich sich die Weltfremdheit moderner Stadtvisionen, gegen die man einst angetreten war, erneut ein.
Im kurzen Intermezzo der Postmoderne sieht der Autor eine verpasste Chance. Ungeachtet ihrer eigenen Postulate von Vielheit und Differenz hätten die postmodernen Urbanisten die Herausforderung nicht angenommen, über das Ephemere, Geschichtliche und Unvollständige im Städtebau zu reflektieren. Stattdessen habe man lediglich nach einer möglichst kräftigen visuellen Zäsur gegenüber der Moderne gesucht.
In Bezug auf die Gegenwart zeichnet Eisinger ein zwiespältiges Bild: auf der einen Seite steht das Eingestehen des Scheiterns. Der überwiegende Teil der heutigen Siedlungsrealitäten habe nichts mit der Stadt der Architekten zu tun. Eine andere räumliche Wirklichkeit – Zwischenstadt, Stadtland, zersiedelte Landschaften – habe ihren Sieg davon getragen, gegen den Willen von Architekten und Planern. Im Gegenzug habe dies zum Verlust der städtebaulichen Positionen geführt. Die heutige „Stadt der Theorie“ kenne keine „Theorie der Stadt“ mehr.
Auf der anderen Seite erlebt der klassische Städtebaugedanke zur Zeit ein Comeback. Davon zeugen großangelegte Projekte, beispielsweise in Berlin oder in den Metropolen des Fernen Ostens. Mit dem Rückgriff auf traditionelle Konzepte der Raumgestaltung wiederholen sich allerdings auch die alten Fehler und Untugenden.
Der Städtebau von morgen – ein Schlingern zwischen Scylla und Charybdis? Nicht zwangsläufig, meint Eisinger. Er fordert die Architekten und Planer auf, Position zu beziehen, gleichzeitig aber auch die Grenzen der Zuständigkeit zu sehen und die Begrenztheit der Mittel der Architektur zur Kenntnis zu nehmen.
Es gelte, die Ablehnung des Unkontrollierbaren und Offenen zu überwinden, die den meisten Planungen bis in die heutige Zeit anhaftet, und städtische Wirklichkeiten als Ergebnisse vielschichtiger Entwicklungsprozesse zu verstehen: nicht „dank ihrer Architekturen“ sondern „mit ihren Architekturen“ sollten die Städte leben. Darin liegt für den Autor eine neue Herausforderung, aber auch eine Chance.