Rezensionen

Angus Hyland/Kendra Wilson: Bäume in der Kunst. Dumont Verlag

Von David Hockneys baumgesäumten Hainen über Georgia O’Keeffes Blick in die nächtliche Kiefer bis hin zu Egon Schieles zarten Aquarellen von Kastanienbäumen. Seit jeher sind Bäume ein beliebtes Motiv in der Kunstgeschichte, die Darstellungsmöglichkeiten scheinen unerschöpflich. Ein kleiner Band versammelt nun Werke vom 19. Jahrhundert bis heute, begleitet von kurzen Beschreibungen und Zitaten großer Meister. Eine Rezension von Walter Kayser.

Cover © Dumont Verlag
Cover © Dumont Verlag

 Seit einigen Jahren hat auch die breite Masse durch unterhaltsam geschriebene Sachbücher, die in den Bestsellerlisten stets auf den vordersten Plätzen parkten, erfahren können, was es mit Bäumen wirklich auf sich hat: Sie sind Lebewesen wie du und ich, ähnlich dem Internet kommunizieren sie über ein weites Wurzelnetz miteinander; sie können sich mit Zuckerlösungen gegenseitig aufpäppeln, wenn zum Beispiel ein vom Blitz getroffener Urahn schlapp macht; sie können sich sogar über Duftstoffe vor einer anrückenden Borkenkäferinvasion warnen. Es gibt verwöhnte Einzelgänger unter ihnen und so etwas wie eingeschworene Familienverbände. – Doch wie weit darf die Vermenschlichung von Bäumen in Zeiten, in denen das deutsche Wort »Waldsterben« in alle möglichen fremden Idiome eingewandert ist, gehen? »Bäume in der Kunst«, ein Buch zum kurzweiligen Durchblättern, als Lizenz einer englischen Ausgabe gerade bei DuMont erschienen, kann vielleicht helfen, unser Verhältnis zu Bäumen in kunstgeschichtlicher Perspektive zu reflektieren.

Doch, um es gleich zu sagen: Der Grundsätzliches und Letztgültiges in Aussicht stellende Titel hält leider nicht ganz, was er umfassend verspricht. Die Bilder sind schön, dekorativ in Szene gesetzt, der Text hinkt jedoch an vielen Stellen der Qualität der Darstellungen hinterher.
»Bäume stellen für Künstler ein wunderbar abwechslungsreiches Thema dar, nicht nur wegen der Vielfalt an Formen, Charakter und Farben, sondern auch auf Grund des Reichtums an Assoziationen, Mythen, Folklore, religiöser und symbolischer Bedeutung, den sie zu verkörpern vermögen«, heißt es in der Verlagsankündigung. Das klingt nach »anything goes«, Leipziger Allerlei, unverbindlich. Schön erbaulich und gut verdaulich. Und tatsächlich: Das Ergebnis ist ein typisches anglo-amerikanisches Leichte-Kost-Buch.
Rührend und gut gemeint ist der Einband aus brauner Recyclingpappe, dem man das Ökobewusstsein gleich ansieht. Denn Bücher sind ja verwandelte Bäume, wie wir (hoffentlich) wissen.
Es ist auch nichts dagegen zu sagen, dass die Abbildungen dann nicht mehr so umweltbewusst und bescheiden daherkommen: satter Hexachrome-Druck, der Ausschnitt oftmals so ins Große gezoomt, dass man als Betrachter meint, man säße in einer Baumkrone. Ein plakativer Zugang, der einen analytischen Blick so aber leider verhindert. Dazwischen gibt es die Wahl zwischen kurzen und superkurzen Texten. Einzelne Zitate, die wie Aphorismen Zusammenhänge oftmals vermissen lassen, versuchen tiefe Einsichten zu vermitteln, füllen ganze Seiten. –
Nur nicht anstrengen!

Unter diesen Zitaten sind etliche an Banalität kaum zu überbieten: Auf dem Rücken prangt hinten die Einsicht: »Wie Menschen sind auch Bäume Individuen«. – Da kann man nur froh sein, dass David Hockney der Menschheit anderes hinterlässt als solche Erkenntnisse! Oder auf der vorletzten Seite, in Ökopappe wie in Stein gemeißelt, der wohl irrelevanteste Satz, den William Blake in seinem 67 Jahre währenden Leben jemals von sich gegeben hat: »Ein Baum, der manche zu Freudentränen rührt, ist für andere ein grünes Ding, das im Weg steht«.

Doch zurück zu den Darstellungen: Das Buch beginnt mit jenen Namen, die »ziehen«: Gustav Klimt, Vincent van Gogh, Caspar David Friedrich. Überall poster– und kalendertauglich, wie oft genug erprobt. Das geht immer. Dann folgen aber - und das muss man dem Band zu Gute halten - Künstlern, die hierzulande nicht so geläufig sind. Zu Unrecht, denn die angelsächsische Welt hat großartige Maler*innen zu bieten: Claire Cansick (*1979), Annie Ovenden (*1945) oder der wunderbare John Singer Sargent (1856-1925). Nur ist das, was man dann an Analyse zu einem Gemälde oder an Informationen zu einem Maler/einer Malerin erfährt, herzlich wenig - ein Bildhappen oder zwei, maximal eine einseitige Erläuterung für eine zweiminütige Lektüre. Kann man der Leserschaft heute wirklich nicht mehr zumuten?

Nun könnte man nachsichtig konzedieren, dass bei diesem Buch »Bäume in der Kunst« vielleicht weniger die Kunsthistoriker und –liebhaber auf ihre Kosten kommen sollten als die biologisch Interessierten. Aber auch für diese ist der Erkenntniszuwachs leider eher gering. Zwar wird erwähnt, dass Weiden Wasserläufe anzeigen, sich der Weißdorn bei Elfen großer Beliebtheit erfreut oder woher sich der Name des Teebaumöls ableitet, aber das war's dann auch schon.
Schade eigentlich, aber offensichtlich hat die Machart Methode, denn die Verfasser sind ein eingespieltes Erfolgsteam: Kendra Wilson ist Journalistin, schreibt für den amerikanischen Blog »Gardenista«, Zeitschriften wie »House & Garden« und die »Sunday Times«. Angus Hyland ist »Autor, Kreativdirektor und Grafikdesigner«. In derselben Art und Weise hat auch er schon vieles produziert: ›Hunde in der Kunst‹ (2017), ›Katzen in der Kunst‹ (2017), ›Pferde in der Kunst‹ (2018), ›Blumen in der Kunst‹ (2019) und ›Vögel in der Kunst‹ (2020). Bilderbücher für Erwachsene, Mitbringsel zum Kaffeeklatsch, eine Illustrierte zum Durchblättern eingespannt zwischen zwei Buchdeckeln.
»Kunsthistorisch« gesprochen vielleicht nicht der Rede wert, aber sicher ein niederschwelliger Zugang zur »Materie« Baum und offensichtlich eine Marktlücke auf dem Büchermarkt.


Bäume in der Kunst
Angus Hyland, Kendra Wilson
Originaltitel: The Book of the Tree: Trees in Art
Übersetzung: Birgit Lamerz–Beckschäfer
160 Seiten, 110 farbige Abbildungen
Originalverlag: Laurence King, London 2020
Dumont Verlag, Köln 2021

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