Buchrezensionen, Rezensionen

Anja Baumhoff/Magdalena Droste (Hg.): Mythos Bauhaus. Zwischen Selbsterfindung und Enthistorisierung, Reimer Verlag 2009

Der erste Teil des Buchtitels klingt zunächst etwas verwirrend, da er den Eindruck einer esoterischen Auseinandersetzung mit dem Bauhaus andeutet, was nicht stimmt. Vielmehr handelt es sich um eine kompakte Zusammenfassung der Konferenz «Die Bauhaus-Moderne und ihre Mythen», die im November 2007 im Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld stattfand. In der Einleitung, die als Resümee des Buchinhalts verstanden werden kann, wird zunächst der hier verwendete Begriff „Mythos“ definiert als eine vom Ereignis abweichende Darstellung und hat also nichts mit Prometheus oder der Theogonie Hesiods zu tun. Die Leitfrage ist vielmehr wie man das Bauhaus heute kritisch würdigen kann. Einen analogen Ansatz verfolgen übrigens auch die Beiträge in Oswalt 2009, so dass es teilweise zu inhaltlichen Überschneidungen der Publikationen kommt.

Christoph Wagner weist in seinem Beitrag darauf hin, dass das Bauhaus, der Antike gleich, einen zeitlosen Kanon der bildkünstlerischen und gestalterischen Mitte, eine Systematisierung der künstlerischen Elementarformen und eine universelle Grammatikalisierung der Gestaltungsgesetze etabliert hat. Verursacht wurde dies durch die Definition der Welt als in sich geschlossene kosmische Komposition aus immer kleiner werdenden Kompositionen, laut Kandinsky. Mittel zu diesem Zweck waren daher bildfüllende Elemente Helligkeit, Farbigkeit, Räumlichkeit und Stofflichkeit, andererseits die Formelemente Punkt, Linie und Fläche. Eine vollständige Rationalisierung der Kunst schien somit machbar.
Kathleen James-Chakraborty untersucht dagegen das Verhältnis von Henry van de Velde und Walter Gropius. Van de Velde dachte über eine Rückkehr 1919 nach Weimar nach, was Munition für die Bauhausgegner hinsichtlich der «Futuristen» am Bauhaus gewesen wäre und von Gropius verhindert wurde. Van de Velde und Gropius besaßen dabei durchaus gemeinsame Ansichten hinsichtlich einer neuen Moderne. So setzte sich van de Velde bereits 1893 für die Integration von Werkstätten für Tapisserie, Stickerei und Spitze an den Kunstakademien ein und wollte die Kunst in das tägliche Leben integrieren. Wo es einen Bruch zu Gropius gab, war die Ansicht, dass der neue „Stil“ aus dem Ornament erwachsen müsse. Gropius, in Anlehnung an Worringer, ließ sich von der Aussage, dass «die einfache Linie und ihre Weiterbildung in rein geometrischer Gesetzmäßigkeit […] für den durch die Unklarheit und Verworrenheit der Erscheinungen beunruhigten Menschen die größte Beglückungsmöglichkeit darbieten [müsse]» inspirieren.
Paul Peret untersucht in seinem Beitrag die plastische Werkstatt am Bauhaus im Kontext der Debatte über die Plastik im 20. Jahrhundert. Er stellt dar, dass das Bauhaus nicht in der Lage war, eine überzeugende Auffassung von Skulptur und Plastik und ihrer Stellung bzw. Bedeutung in Theorie und Praxis zu entwickeln. Als Fallstudien dient hier zum einen die 1923 entstandene Skulptur «Abstrakte Figur (Freiplastik G)» von Oskar Schlemmer und der Aufsatz «Plastik…und das am Bauhaus?!?!» (1928) von Joost Schmidt. Die Figur erscheint dabei schizophren durch maschinenartige und biomorphe Formen, die sie wie einen verwundeten Körper mit prothetischen Ersatzteilen wirken lassen. Sie stellt ein Emblem der rationalen Moderne oder ein klassizistisches Ideal im Zeitalter maschineller Schönheit dar. Im Gegensatz dazu erscheinen nun die stark ausgeleuchteten Fotografien plastischer Objekte, die den Aufsatz von Schmidt illustrieren. Sie stehen für die Entmaterialisierung des Objekts und zeigen die nun zentrale Rolle der Fotografie in der Werkstatt. Deutlich wird auch die zunehmende Konzentration auf Werbung und Ausstellungsgestaltung, in der die eigentliche Plastik durch Leuchtanzeigen und kinetische Objekte ersetzt wird.

Magdalena Droste analysiert in ihrem Beitrag die Wandgestaltung Oskar Schlemmers im Werkstattgebäude in Weimar von 1923. Hier hat dieser zum ersten Mal den Mensch als Typus dargestellt und nicht als Individuum. Schlemmer sprach sich mit dem verwendeten Typ, dem Gebrauch von Grundfarben und dem Architekturbezug für das Bauhaus aus, beharrt jedoch auf dem Symbolischen und Metaphysischen.

Peter Bernhard beschäftigt sich mit den Gastvorträgen am Bauhaus als «zweites Bauhaus», ging es doch darum, möglichst viele verschiedene geistige Strömungen in die Schule aufzunehmen. Die Überschneidung von Themenbereichen in Vorträgen wie Karlfried Graf Dürckheims «Über den Erlebnisraum und objektiven Raum» (Philosophie und Psychologie) sowie Otto Neuraths «Voraussagen und Tat» (Soziologie in einem philosophischen Kontext) tragen diesem Bestreben Rechnung und geben Auskunft über die ideengeschichtliche Situierung des Bauhausprojekts.

Fortsetzung von Seite 1

Helmuth Lethen setzt sich mit der anthropologischen Dimension des Neuen Bauens, dem «Kältepol», auseinander. Die Bauhaus-Bauten begegnen dem Verlangen nach Rückzug in heimatliche Räume der Geborgenheit demnach mit der Preisgabe des Lebens in völliger Transparenz. Die Trennung von wärmenden familiären Binnenräumen evoziert ein Gefühl der Kälte gegenüber diesen funktionalistischen Bauten. Gleichzeitig evoziert dieses Gefühl auch Mobilität, womit die Grundlage für die Umwälzung der Gesellschaft gelegt wird. Der Architekt Siegfried Kracauer sprach in diesem Zusammenhang davon, dass «keineswegs Menschliches in den neuen Wohnungen freigesetzt [wird], sondern der Mensch des heute geltenden Wirtschaftssystems».

Robin Schuldenfrei verweist in ihrem Abschnitt «Luxus, Produktion, Reproduktion» auf die Divergenz zwischen Bauhausprodukten als Massenprodukte und Luxusgüter für wenige. Obwohl das Credo, gutes Design zu erschwinglichen Preisen für die breite Bevölkerung herzustellen, nicht umgesetzt wurde, war es doch sinnstiftend.

Wolfgang Ruppert befasst sich in seinem Beitrag mit Kandinsky und dem Künstlerhabitus am Bauhaus. Dort wurden im Gestalter die Kompetenzen von Malern und Entwurfskünstlern vereinigt. Als Beispiel dient Kandinsky. Dieser brachte in seiner Bauhauszeit seine künstlerische Kompetenz in den kunstwissenschaftlichen Unterricht für Gestalter ein. Konnotationen, die seither mit dem Begriff Künstler verhaftet waren wie Schöpfer, Genie und Pionier im Allgemeinen und Maler, Architekt, Kunsthandwerker und Designer im Besonderen wurden unter dem Begriff Künstlerhabitus subsumiert.

Sigrid Schade und Anja Baumhoff untersuchen in ihren Abschnitten die Bauhausideen unter feministischen Gesichtspunkten und führen die von Gropius verkündete Gleichberechtigung von männlichen und weiblichen Studenten ad absurdum, denn viele Studentinnen fanden sich in der Werkstatt für Weberei wieder. In einem größeren Kontext gesehen wird das Kunsthandwerk hier den Frauen zugeordnet, die Bildende Kunst dagegen den Männern. Das männliche Künstlergenie steht dem weiblichen Fleiß gegenüber.

Dietrich Neumann beschäftigt sich mit dem Barcelona-Pavillon Mies van der Rohes für die Weltausstellung in Barcelona 1929. Er stellt dabei heraus, dass der Pavillon weniger das Deutsche Reich repräsentierte als die Gestaltungslehre van der Rohes und symptomatisch die politische Haltung seiner Auftraggeber zum Ausdruck bringt.

Fortsetzung von Seite 2

Irene Below untersucht, in Anlehnung an den Beitrag James-Chakrabortys, Gropius’ Verhalten gegenüber Konkurrenten. Hier thematisiert sie die Rivalität zwischen dem Chefarchitekten des Anhaltinischen Siedlerverbandes Leopold Fischer und Gropius bei Bauten in Dessau. Obwohl Fischer Prinzipien des Neuen Bauens bei seinen Bauten in Dessau-Ziebigk berücksichtigte, bestritt er vehement den Einfluss von Gropius und den des Bauhauses.
Regina Göckede setzt sich in ihrem Beitrag über « Das Bauhaus nach 1933: Migration und semantische Verschiebungen» hauptsächlich mit der Migration von Bauhausprinzipen in die USA und Israel auseinander, jedoch nicht mit einer linguistischen Analyse. Als Bedeutungsverschiebung fasst sie hierbei Entlehnungen, selektive Umdeutungen und interpretative Synonymisierung. In den USA war die Übernahme von Bauhaus-Gedanken zunächst die Übernahme eines fremden Kulturgutes. Sie zielte nicht auf die Internationalisierung und Nationalisierung des Bauhauses ab, sondern auf die Anreicherung eines angestrebten amerikanischen Internationalismus. Im Kalten Krieg diente es dann als kulturpolitisches Symbol transatlantischer Beziehungen. Im Gegensatz dazu hatte das Bauhaus in Israel einen Anteil am performativen Prozess nationaler Selbstzeugung. Bauhausabsolventen wie Arieh Sharon, Joseph Neufeld und Shmuel Mestechkin gelang es mit Unterstützung der politischen Führungsriege, die Debatte über die offizielle Architektur Israels noch vor der Gründung 1948 in einen Konsens für das Bauhaus zu überführen. Die Verbindung zur westlichen Zivilisation und europäischen Kultur diente dabei als Abgrenzung zum arabischen Palästina.

Nicola Hille befasst sich analog zum Beitrag von Otl Aicher in Oswalt 2009 mit der Hochschule für Gestaltung Ulm als „zweites Bauhaus“. Sie stellt dabei heraus, dass das Bauhaus mit seiner Grundlehre, seinen Ansichten zu Wissenschaft und Design sowie seiner die soziale Komponente einbeziehenden Gestaltung zwar Pate für die Hochschule stand, darüber hinaus jedoch eigene Wege beschritt.
Der Abschnitt von Frederic J. Schwartz zum Formalismus heute liest sich analog zu Michael Müllers Beitrag «Bauhauskritik von links» in Oswalt 2009.

Im letzten Beitrag von Klaus von Beyme wird die Frage untersucht, warum das Bauhaus ein Mythos ist bzw. warum es zu einem wurde. Fakten wie die künstlerische Vielheit, Fraktionskämpfe, wandelnde Konstellationen wie der Esoterik unter Itten bzw. der konstruktivistischen Komponente unter Moholy-Nagy sowie die Gruppenkonflikte zwischen reinen Künstlern und Nützlichkeitsfunktionalisten trugen in der Auseinandersetzung am Bauhaus und mit dem Bauhaus schließlich zu dessen Status als Mythos bei.

Als wissenschaftliche Fachpublikation erfordert dieser Band eine gehörige Portion Konzentration, um den Ausführungen der Autoren folgen zu können, da eine Information der nächsten folgt und häufig auftretende kompakte Nominalkonstruktionen das Verständnis zusätzlich erschweren. Kenntnisse zur Philosophie Kants, Hegels, Heideggers, Adornos und Benjamins sind zudem hilfreich. Zur Auflockerung der Textblöcke tragen allerdings die gliedernden Zwischenüberschriften sowie kleine Abbildungen bei. Alles in allem gesehen ist die Lektüre sehr lohnenswert.