Buchrezensionen

Anna Ahrens: Der Pionier. Wie Louis Sachse in Berlin den Kunstmarkt erfand, Böhlau Verlag 2017

Er kam in genau dem richtigen Moment, sah – und erfand den modernen Kunstmarkt. Der Lithograf und Kunsthändler Louis Sachse legte mit die Grundlage für die Kunsthauptstadt Berlin und brachte völlig neue Aspekte in das System des Kunsthandels ein. Anna Ahrens beleuchtet die Erfolgsgeschichte des Kunsthändlers. Andreas Maurer hat das Buch mit Genuss gelesen.

Preise für Gemälde klettern auf Auktionen immer wieder in schwindelerregendere Höhen. Sammler protzen nicht zuletzt in selbstgebauten Privatmuseen mit ihren Erwerbungen. In den Großstädten der Welt sprießen Galerien wie Pilze aus dem Boden. Es lässt sich nicht leugnen: Das Geschäft mit der Kunst boomt, und das nicht erst seit gestern.

Seinen Anfang nahm der Kunsthandel bereits im 17. Jahrhundert in den Niederlanden. Künstler wagten den Schritt, ohne die herkömmlichen Auftraggeber (Höfe, Kirchen, Klöster) für einen offenen Markt zu produzieren. Zu dieser bis in die heutige Zeit spürbaren Entwicklung finden sich gelegentlich in Künstlermonografien einige Zeilen, eine wirkliche Geschichte des modernen Kunstmarktes fehlte aber bis dato in den Bücherregalen. Anna Ahrens Monumentalwerk füllt nun diese Lücke. Das 760 Seiten starke Werk – 2013 promovierte die Kunsthistorikerin und Mitarbeiterin des Berliner Auktionshaus Villa Griesebach damit an der Humboldt Universität zu Berlin – sucht in der gegenwärtigen Forschungsliteratur seinesgleichen – eine Pionierarbeit, wie sie auch Ahrens' Protagonist Louis Sachse im 19. Jahrhundert auf seinem Gebiet leistete.

Entgegen dem gängigen Vorurteil wurden schon im 18. Jahrhundert Kunstwerke, die nicht in Auftrag gegeben waren, nicht in den Ateliers der jeweiligen Künstler erworben, sondern über höfische Agenten und einzelne Sammler. Als beliebteste Umschlagplätze für diese Luxusware galten Paris, Amsterdam und Rom. In dieses pulsierende Markttreiben trat nun ein junger Mann aus dem Umfeld der Gebrüder Humboldt: Louis Sachse. Hellwach und neugierig analysierte er die vorherrschenden Netzwerke und Dynamiken und erfand schließlich seine eigenen. Der findige Händler hatte nämlich sofort erkannt, woran es dem Kunstmarkt mangelte, ergriff die Chance und füllte jene Lücke, die von staatlicher Seite nicht bedient oder beachtet wurden.

Dank des aufklärerischen 18. Jahrhunderts war der Wunsch nach Kunstbesitz bereits im Alltagsleben des (kaufkräftigen) Bürgertums angekommen, Kundenpotential also vorhanden. Das Problem jedoch war eigentlich mehr als offensichtlich: Friedrich der Große von Preußen etwa musste seine französischen Kunstwerke direkt in Frankreich ankaufen lassen – eine mühsame und kostenintensive Prozedur, die es zu vereinfachen galt.

Sachse drehte den Spieß um, und brachte nicht den Kunden zum Kaufobjekt, sondern gleich die Ware an den Endverbraucher. Dazu organisierte er in Deutschland Kaufangelegenheiten und hielt systematisch und dauerhaft ein aktuelles Angebot an Kunstwerken bereit. Abseits der jährlichen Handelsmessen konnte z.B. französische Kunst nun auf deutschem, auf Berliner Boden erworben werden, und das nicht nur für Mitglieder des Adelshauses! Einfach und doch innovativ war eine Galerie mit Verkaufsraum entstanden.

Sachse war auch zuvor nicht untätig gewesen, und gilt als einer der Ersten, welcher das Medium der Lithografie markttechnisch für sich zu nutzen wusste. Er erkannte das das Potential der Technik – Bilder für jedermann also, die bewusst alle Bevölkerungsschichten ansprachen – und wurde Inhaber eines Lithografischen Instituts.

Sorgfältig recherchiert – Primärquellen in einigen Berliner Archiven und der im Landesarchiv Berlin seit 1953 aufbewahrte Sachse-Nachlass wurden ausgewertet und ergänzt – deckt das leicht und gut lesbare Buch auf, wie aus der Entscheidung eines Einzelnen ein ganzes System erwachsen konnte: der deutsche, auf die internationalen Zeitgenossen ausgerichtete Kunsthandel.

Neben seinem eindrucksvollen Händlergeist, lässt die Monografie auch Sachses große Leidenschaft für Kunst spüren, erzählt anschaulich von jenen Menschen, die der Kaufmann miteinander in Beziehung setzte, bringt der Leserschaft die technischen Innovationen der Drucktechnik, die der Motor seines Aufstieges waren, näher und betont einmal mehr die Wichtigkeit der Kunsthändler für den Aufstieg eines Künstlers. So gilt Sachse unter anderem als Entdecker von Carl Blechen und Adolph Menzel.

Das Kunstgeschichtspanorama, welches Ahrens mit diesem Buch ausbreitet, mag einen allein vom Umfang und Gewicht abschrecken, dennoch: Die Wortwahl ist, obwohl es sich um eine Dissertation handelt, verständlich, Zusammenhänge schlüssig und nachvollziehbar dargestellt. Gut strukturierte Kapitel spannen den Bogen von der Lithografie (»Industrie und Avantgarde«) über die Fotografie (»Phänomen und Fortschritt«) bis hin zur zeitgenössische Malerei des 19. Jahrhunderts (»Ideal und Aufbruch«), ohne den Weg der schillernden Identifikationsfigur aus den Augen zu verlieren. Für alle, die den Kunstmarkt als abscheuliche Chimäre des Systems sehen, bildet übrigens vor allem das letzte Kapitel über »Böse Kunsthändler« sicher einen unverzichtbaren Beitrag.

Lobenswert: Fußnoten und Anmerkungen finden sich gleich unter den Textzeilen; Durchhaltevermögen beim Blättern bleibt einem dennoch nicht erspart, denn die reiche Bildauswahl (100 Seiten Abbildungen!) befindet sich leider erst im Anhang. Auch den üblichen Verdächtigen wie Literaturverzeichnis, Archivalien, Namensregister etc. wird dort Rechnung getragen.

Aber man wird auch mit einigen unerwarteten Schätzen belohnt: Einmal das verschollen geglaubte Reisetagebuch Sachses mit persönlichen Notizen seiner sechzehn Reisen zwischen 1834 und 1861, weiters ein Artikel betreffend seine Tätigkeit auf dem Gebiet der Daguerreotypie (verfasst von Sachses Sohn), sowie ein Lexikon der erwähnten Kunsthändler (inkl. Kurzbiografien) und ein Verzeichnis der Künstler der permanenten Gemäldeausstellung von Louis Sachse (1853–1865). Zusammengefasst ist allein der Anhang eine wahre Fundgrube für weitere Forschungen und das (Weiter-)Spinnen von Netzwerken.

»Der Pionier« ist ein Buch über die ersten Schritte des Berliner Kunsthandels, über die Kunst zu handeln und letztendlich eine packende Geschichte über den Aufstieg des Lithografen, Kunstförderers und Kunsthändlers Louis Sachse. Eine späte Würdigung, welche nicht nur stur biografische Daten aneinanderreiht, sondern die Hollywood-taugliche Erfolgsstory eines Galeristen, Händlers und Verlegers erzählt, die hoffentlich dazu beiträgt eine echte Geschichte des Kunstmarktes voranzutreiben.