Ausstellungsbesprechungen

Annäherung – Künstlerinnen des Böblinger Kunstvereins und der GEDOK Karlsruhe, Galerie Contact, Böblingen, bis 25. November 2012

Ob eine Geigerin, die rot sieht oder eine Geheimschrift aus dem 18. Jahrhundert; ob Zeichnung, Plastik, Lithografie oder Collage – vielfältig sind die Begegnungen, die den interessierten Besucher in der Böblinger Galerie Contact erwarten. Günter Baumann war schon vor Ort und berichtet.

Die städtische Galerie Contact steht im Zeichen der Annäherung: Einzelwerke von je 15 Künstlerinnen des Kunstvereins Böblingen und der GEDOK Karlsruhe suchen –vorausgewählt von einer dreiköpfigen Jury und inszeniert von den Kuratorinnen Gudrun Latten und Rosa Baum – paarweise Anknüpfungspunkte, aber auch Abgrenzungen, vergleichbar magnetischen Phänomenen, die sich mal anziehend, mal abweisend geben. Das Konzept legt nahe, dass die Kunstvereins- und GEDOK-Protagonistinnen nicht gruppenweise auftreten, sondern im unmittelbaren dialogischen Austausch, nicht zuletzt auch im Wettbewerb württembergischer und badischer Werdegänge. So treffen die Künstlerinnen im mal engen und mal weiteren, lockeren Kontext, mal rein technisch und mal inhaltlich begründet aufeinander, es werden Schnittstellen und Berührungspunkte genauso sichtbar wie Kontraste. Selbstverständlich nutzten manche Teilnehmerinnen das Thema auch als Motiv für ihre eingereichten Arbeiten.

»Fluidal« nennt Heidi Knapp ihr fasriges Relief, das die Fließstrukturen erstarrter Schmelzvorgänge aufgreift, während Karin Allmendinger in ihrer »Nachtlichter«-Impression eine atmosphärisch dahinfließende Bewegung oszillierender Lichtquellen auf die Leinwand bannt. Die Malerinnen Heidrun Bulling und Gloria Keller finden sich in einem abstrahierten Menschenbild, einmal als pigmentreiches Traumbild, das andre Mal in emotional fundierten Farbfeldern. Sylvia Faragò erkannte in ihrer titellosen Papierarbeit dieselbe Materialpoesie wie in der benachbarten »Behausung« Christine Bauers, einem Objekt aus Leinen, Öl und Bienenwachs.

Weniger Gemeinsamkeiten zeigen dagegen auf den ersten Blick die zwei fünfteiligen Textsäulen von Lilo Maisch und die Tuschfederzeichnung von Claudia Fischer-Walter, doch nähern sich die Arbeiten in Maischs skripturalen Zeichen – Umsetzungen einer Geheimschrift aus dem 18. Jahrhundert – den erzählerischen und nicht minder geheimnisvollen Vogelbildern der Kollegin an. Sowohl in der erdfarbenen Darstellung wie in Detailstrukturen kommunizieren die fetischartigen Bronze-Keramik-Miniaturen von Susanne Gaspar mit einer Mischtechnikarbeit von Brunhilde Gierend, die beide im Titel einen flüchtigen Augenblick festhalten – »Im Moment« und »Blickwinkel«. Ebenso im Austausch von plastischer Gestaltung und der Arbeit in der Fläche befinden sich Carola von Geras »Kopflast«, die das Über- und Untereinander formal, inhaltlich wie sozial thematisiert, und Sylvia Kiefers Vanitas-Objekt »Repos des animaux«, ein weiß getünchter Tierfriedhof – beides vereint in einer zum Kreuz gebildeten Komposition.

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Dass ein hochrechteckiges großes Leinwandbild, das in einer abstrakt-reduzierten Farbigkeit an die Chromatik alter Fotografien erinnern könnte, wunderbar mit einem an sich grundverschiedenen kleinen, querformatigen Schwarzweiß-Foto harmonieren kann, beweisen die Arbeiten von Iris Kamlah, »Kopf Gefühl«, und Julia Hillesheim, deren »Tatort 3« in der Binnengliederung auch das Hochrechteck zeigt. Einmal mehr erkennt man, wie sich unsere Wahrnehmung instinktiv und intuitiv beeinflussen lässt – unbewusst setzt das Gehirn Gesehenes in Verbindung.

Ganz im offenbar trauten Einvernehmen stehen der skurrile, langnasige »King« Linda Krimmels und die Geigerin »Maria« von Jutta Hieret beieinander, die nichts als rot sieht. Genau genommen: Sie, Maria, »spielt rot«, so dass man versucht ist zu fragen, wer von beiden für den Fliegereinsatz an Hierets unterem Bildrand verantwortlich ist und wo das Spiel noch Spiel ist.

Ein kleines, feines Duett ergibt sich durch die gleichsam malerischen und zeichnerischen Elemente in Heide Grit Sauers Collage »Frauenbildnis« und in Brigitte Martins »Mind watch 2«, wobei die Kupfergrundierung hier und der Holzgrund dort auch die Differenzen kenntlich macht. Obwohl in den Gattungen auch verschieden, gewinnt man den Eindruck, als seien Cornelia Scheiwein-Luleys Transferlithografie mit dem Schriftzug »Frühling« und die abstrakt bemalte Holz-»Säule 3« von Uschi Lüdemann farblich aufeinander abgestimmt; kaum schöner könnte man sich hier etwa kombinierte Informationsstelen im öffentlichen Raum vorstellen.

Demgegenüber kommt man der Mischdrucktechnik von Agnes Schmidt-Schöne, eine »Szene mit roten Steinen«, und dem schwarzen geöffneten Marmorring von Gabriele Müller-Nagler mit dem Titel »Aufbruch« allein über die Rundformen der Farbflächen bzw. des Steins näher, doch immerhin erkennt man vergleichbare Grundkoordinaten einer kollektiven Wahrnehmung. Zwei der schönsten Paarbildungen ergeben sich durch die Annäherungen von Gertrud Schosser und Ingrid Bürger sowie von Linde Wallner und Brigitte Nowatzke-Kraft. Zum einen faszinieren die Machart des filigranen Bücherkoffers aus bemaltem Papier, mit dem Ingrid Bürger »Geheimes Wissen« vermittelt, und die lyrisch offene Szene in Gertrud Schossers »Andernorts«-Duo, das auch in diesem Kontext Bücher insinuieren könnte. Im anderen Ensemble treffen sich Linde Wallner mit ihren archäologischen Funden ähnelnden Gefäßen und Brigitte Nowatzke-Kraft, die eine anmutig grüne Landschafts-Chiffre auf Leinwand geschaffen hat – im übertragenen Sinne vereinen sich hier unterirdische Kultur und imaginierte Natur, aus denen der Mensch seine Erinnerungen speist.

Wenn schließlich Unvereinbares im guten Miteinander zusammengeführt wird, ist dies angesichts der nahezu unerschöpflichen Dialoge nicht verwunderlich und führt wiederum auf das Ausstellungskonzept, das eben auch nur indirekt Zugängliches enthält. Zu diesen Kandidatinnen gehören Heide Welfonder mit ihrer fantastisch leuchtenden, floralen »Fata Morgana« neben der abstrakt skizzierten, aber pflanzlich assoziierbaren Kaltnadelradierung von Sylvia Braun. Noch deutlicher ist jene Annäherung durch antipodische Widerspiegelung bei den Blättern »Aus den Skizzenbüchern« von Waltraud Wallmann, deren Tiersujets sich wacker behaupten gegenüber dem provokant-ironischen »Goldboy« von Annemarie Heitzmann, einem von innen beleuchteten präpotenten Mannestorso aus einem Holzstamm, dem die Künstlerin eine halbwegs faustdicke Büstenminiatur aufgesetzt hat, um das Missverhältnis von Machogehabe und Denkleistung zu demonstrieren. Wenn auch unrühmlich, ist diese Arbeit die einzige Annäherung an den Mann in der Ausstellung.

Weitere Informationen

Die Ausstellung ist vom 12. April bis zum 5. Mai 2013 auch in den Räumen der Karlsruher GEDOK zu sehen.