Buchrezensionen

Anne-Christine Brehm: Hans Niesenberger von Graz. Ein Architekt der Spätgotik am Oberrhein, Schwabe Verlag 2014

Licht ins Dunkel möchte Anne-Christine Brehm mit ihrer Dissertation bringen. Ihr Untersuchungsobjekt, Hans Nierenberger von Graz, hat nämlich seine Spuren an zahlreichen Bauwerken hinterlassen, während nur wenig über sein Leben bekannt ist. Ulrike Schuster hat sich in selbiges vertieft darin entdeckt, was das mittelalterliche Bauwesen mit dem heutigen gemein hat.

Hans Niesenberger war Steinmetz und Baumeister aus Graz, e. Ein polyglotter Vertreter seiner Zunft, der an zahlreichen bedeutenden Baustellen seiner Zeit mitwirken durfte. Sogar die Leitung über die prominenten Bauhütten von Straßburg und Mailand wurde ihm einige Jahre lang übertragen. Trotz der zahlreichen berühmten Wirkungsorte weiß man bislang jedoch wenig über sein Lebenswerk.

Anne-Christine Brehm, Architektin und Bauforscherin, will diesem Manko in ihrer Doktorarbeit abhelfen. Sie widmet sich ihrem Thema mit viel Akribie und minutiösen Beobachtungen des Befundes vor Ort. Das letztere ist notwendig, denn die Quellenlage, wenig verwunderlich angesichts der Epoche, ist eine schwierige. Oft lässt sich die Tätigkeit des Grazer Baumeisters nur indirekt über Stilvergleiche ermitteln. Über die lokalhistorische Bedeutung hinaus – die Bauhistorien der Niesenberger’schen Kirchen werden sehr ausführlich abgehandelt – ergibt sich aus der Spurensuche Brehms das Porträt eines spätmittelalterlichen Handwerkermeisters, der in seinem Leben zahllose Höhen und Tiefen durchwanderte und dessen Vita dennoch durchaus als prototypisch für einen Vertreter seines Standes gelesen werden kann.

Das Geburtsdatum Niesenbergers ist nicht bekannt. Allgemein wird jedoch angenommen, dass er um 1413/14 zur Welt kam. In jungen Jahren wirkte er auf der Baustelle des Grazer Doms, jenem Bau, den Friedrich III. ab 1433 gegenüber seiner neuen Residenz errichten ließ. Lange wollte die lokale Bauforschung in Niesenberger den »Erbauer des Grazer Doms« erblicken, heute ist man jedoch von dieser Auffassung abgerückt. Wohl aber muss er im Zuge dieses monumentalen Bauprojektes, das übrigens einen deutlichen Einfluss der Prager Dombauhütte aufweist, seine Lehrjahre absolviert haben. Als 1450 die Arbeiten am Bau zwischenzeitlich zum Erliegen kamen, zog es den jungen Baumeister hinaus in die weite Welt, in die prosperierenden Städte am Oberrhein.

Brehm zeichnet ein anschauliches Bild von den Stationen seiner Vita. Der Weg führte Niesenberger zunächst über Ulm nach Ravensburg, wo er ein stattliches Bürgerhaus in bester Lage besaß und eine florierende Steinmetzwerkstätte betrieb. Gleichzeitig erhielt er Aufträge in Emmendingen, Schlettstadt, Breisach und Thann und endlich in Freiburg im Breisgau, wo er zwanzig Jahre lang den Chorbau des Münsters Unserer Lieben Frau leitete.

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Doch spätestens an dieser Stelle zeigt sich, dass seine Karriere keine makellose war. Zahlreiche Prozesse begleiteten die Laufbahn des Meisters »hans von gretz«. Die Vorwürfe wogen schwer: So soll Niesenberger »gute Knechte« gegen einfachere Lehrknechte ersetzt haben, seinen Auftraggebern gegenüber aber den Lohn für ausgelernte Gesellen verrechnet haben. Die Probleme auf der mittelalterlichen Baustelle wirken durchaus zeitlos aktuell, denn zum Verdacht auf Unterschlagung öffentlicher Gelder und Lohndumping kamen wiederholte Anwürfe bezüglich der überlangen Bauzeit und der schlechten, schlampigen Ausführung von Steinmetzarbeiten, insbesondere in den Gewölben.

Brehm führt die Problematik in erster Linie auf die häufigen Abwesenheiten Niesenbergers zurück. Als vielbeschäftigter Baumeister war er ständig auf Reisen. Den Polieren vor Ort erteilte er Anweisungen per Brief und offenbar wurden diese nicht immer fachgerecht umgesetzt. Mit dieser Argumentation jedenfalls pflegte Niesenberger sich vor Gericht zu wehren, was ihm auch mehrmals gelang bis endlich das Maß voll war. Mit den zusätzlichen Aufträgen am Straßburger Münster, so wie wenig später am Mailänder Dom, hatte sich der Baumeister wohl übernommen. Es folgte eine Reihe schmachvoller Entlassungen: In Mailand musste er im Jahr 1486 das Handtuch werfen musste, 1491 verlor er die Leitung über den Bau in Freiburg. Sein lokalhistorischer Ruf hat darunter bis zum heutigen Tag Schaden gelitten. Generationen von Bauforschern haben seither versucht, Niesenbergers Fehler an den Gewölben der Liebfrauenkirche ausfindig zu machen. Der Befund ist freilich alles andere als eindeutig.

Brehm möchte ihren Protagonisten gerne in Schutz nehmen, manchmal sogar ein wenig zu sehr, so der Eindruck der Rezensentin. Dennoch lassen sich gewisse Aspekte nicht von der Hand weisen. Als Niesenbergers Stern im Sinken war, zeichnete sich zum Beispiel vielerorts ein Generationswechsel ab – auch anderswo wurden einstige Weggefährten und Berufskollegen von jungen, ehrgeizigen Baumeistern abgelöst. In dieser Zeit des Wandels fehlten Hans Niesenberger die nötigen Unterstützer. Zu seinen Gunsten ist auch anzuführen, dass er zeitlebens ein viel gefragter Bauunternehmer blieb. Auffallend oft wurde er herangezogen, wenn es um statisch schwierige Bauten ging. Die letzten Stationen seines Lebens führten ihn nach Luzern und Basel, wo man ihn offenbar schätzte.

Einen soliden Eindruck vermitteln Niesenbergers Bauten übrigens wirklich: Er bevorzugte zeitlebens eine reduzierte Formensprache mit einer starken Betonung der tektonischen Gliederung des Baukörpers. Plastischer Bauschmuck kommt nur sparsam, dafür jedoch umso effektvoller, zum Einsatz. Als typisches Niesenberger-Element verweist Brehm auf die Verschleifungen und Überkreuzungen der Gewölberippen in den Ansätzen und den Bogenscheiteln. Aller Kritik zum Trotz durfte er endlich auf eine erkleckliche Schar von Schülern und Nachfolgern blicken. Deren Oeuvre, und somit ein Nachleben des Meisters, ist in den oberrheinischen Städten noch bis in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts nachweisbar.