Buchrezensionen

Anne-Kathrin Hillenbach: Literatur und Fotografie. Analysen eines intermedialen Verhältnisses, transcript Verlag 2012

Wie verändert sich der Sinngehalt des jeweils anderen Mediums, wenn Fotografien in einen literarischen Text respektive Texte in eine Fotografie integriert werden? In ihrer Publikation beantwortet Anne-Kathrin Hillenbach nicht nur diese das Wechselverhältnis offenlegende Frage, sondern leistet zugleich einen wichtigen Beitrag zur Intermedialitätsforschung, wie unsere Rezensentin Verena Paul konstatiert.

Den Austausch zweier Medien zu untersuchen, ist fraglos ein komplexes sowie vielfach schwieriges Unterfangen und setzt ein theoretisches Fundament voraus. Nachdem Anne-Kathrin Hillenbach im ersten Kapitel in das Thema »Literatur und Fotografie« eingeführt, Probleme und Fragestellungen ihrer Arbeit konturiert hat, widmet sie sich deshalb den wissenschaftlichen Konzeptualisierungen. Dort erläutert sie etwa die für den analytischen Teil wichtigen Begriffe Fiktionalität, Authentizität und Indexikalität, verweist auf das narrative Potential von Fotografien oder zeigt, wie fruchtbar das Konkurrenzverhältnis zwischen Literatur und Fotografie ist.

Besonders leserfreundlich sind die in dem Kapitel »Formale Kriterien« zusammengestellten Leitfragen, die für die Analyse der literarisch-fotografischen Kunstwerke hilfreich sein werden. Zu fragen wäre unter anderem, wo und wie häufig Fotografien im Text platziert sind, woher die Aufnahmen stammen und wie sie in den Text integriert werden. Nicht zuletzt muss im Kontext der »Formalen Kriterien« eruiert werden, wie sich der Text zur Fotografie respektive die Fotografie zum Text verhält, »inwiefern der literarische Text oder die Fotografie auf Literatur- und Fototheorie eingehen und«, so Hillenbachs Ergänzung, »ob sie eine Metareflexion über die medialen Qualitäten ihrer selbst vornehmen.«

Nachdem der Theorieteil an dieser Stelle abgeschlossen ist, finden die daraus geschöpften Ergebnisse Anwendung auf die von der Autorin klug gewählten acht Primärwerke, die in fünf Werkgruppen rubriziert werden. Dabei begründet Hillenbach den Maßstab ihrer Auswahl wie folgt: »Beide Medien müssen tatsächlich und materiell vorhanden sein« und sie sollen hauptsächlich nach 1980 entstanden sein. Diese zeitliche Schnittstelle wird aufgrund des stark zugenommenen theoretischen Interesses an der Fotografie gesetzt, das nun – so die These Hillenbachs – in Kunstwerken reflektiert wird. Zudem seien Fotografien im Zuge des Interesses an der Erinnerungskultur verstärkt in die Literatur eingebunden worden und stellen insofern einen reizvollen Untersuchungsgegenstand dar.

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In der ersten Werkgruppe rücken – als Paradigmen fiktionaler Texte – W. G. Sebalds Erzählband »Die Ausgewanderten« sowie Jonathan Safran Foers »Extrem Laut & Unglaublich Nah« in den Fokus, wobei Erinnerung generierende Fotografien in den Text eingespeist sind. Die (auto-)biografischen Werke »Pawels Briefe« und »Geburtsort Berlin« von Monika Maron bilden eine weitere Gruppe, in der Fotografien auf vielfältige Weise nutzbar gemacht werden. Mit der dreiteiligen Comicreihe »Der Fotograf« von Didier Lefèvre, Emmanuel Guibert und Frédéric Lemercier stellt die Autorin schließlich die selten anzutreffende Inkorporation von Fotografien im Comic vor.

Während in diesen ersten drei Teilen der Text Vorrangstellung besitzt, widmet sich Anne-Kathrin Hillenbach in den beiden nachfolgenden Werkgruppen Fotografien, in die literarische Texte integriert sind. Hierzu gehört die ausdrucksstarke schwarz-weiß gestaltete Fotoserie »Women of Allah« der persisch-amerikanischen Fotografin Shirin Neshat. Auf den Aufnahmen sind mit schwarzen Tschadors verschleierte Frauen zu sehen. Indem die Künstlerin sie mit Stereotypen und Fantasien auflädt, die im Westen von der islamischen Welt zirkulieren, verunsichere sie – nach Auffassung der Autorin – den westlichen Betrachter bezüglich seiner eigenen Wahrnehmung.

Nicht zuletzt wird diese Unsicherheit durch die Einbindung von filigranen persischen Tuscheschriftzügen unterstrichen, die Hillenbach als zweiten Schleier verstanden wissen möchte. Denn diese Schrift »bedeckt und verhüllt die Fotografie an den Stellen, an denen nackte Haut zu sehen ist.« Allerdings wirkt der transparente Schriftschleier durch den ihm innewohnenden Sinn gleichzeitig enthüllend und lässt Blicke auf den weiblichen Körper zu. Shirin Neshat webt nämlich Gedichte respektive Gedichtfragmente der persischen Dichterinnen Forough Farrokhzad und Tahereh Saffardazeh in ihre fotografischen Arbeiten ein. Die emotionale Lyrik Farrokhzads, die ein weibliches Recht auf Sinnlichkeit und Sexualität einfordert, bildet ebenso einen spannenden Kontrapunkt zu der starren Ausdruckslosigkeit und der aggressiv aufgeladenen Bildsprache wie die Lyrik Saffardazehs, die jedoch, wie Hillenbach erläutert, »den Schleier als Befreiung muslimischer Frauen von westlicher Bevormundung« feiert.

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In der fünften und damit letzten Werkgruppe untersucht die Autorin die Integration literarischer Texte in zwei Fotobüchern: Zum einen Sophie Calles »Double Game« und zum anderen Michael Lesys »Wisconsin Death Trip«. Die französische Künstlerin präsentiert ihre »Text und Fotografie enthaltenden Kunstprojekte« und setzt diese in Bezug zu Paul Austers Roman »Leviathan«. Insofern verfolgt sie, so Hillenbach weiter, »eine Neuzusammenstellung ihrer Werke« sowie »einen direkten Bezug zu einem erfolgreichen Roman.« Michael Lesy entwickelt demgegenüber in seinem 1973 erschienen Fotobuch das düstere Porträt einer amerikanischen Stadt um 1900, indem er die Fotografien des Stadtfotografen Charles Van Schaik mit zeitgenössischen (Zeitungs-)Berichten oder Erzähltexten kombiniert. Das Besondere an diesem Band ist Lesys Umgang mit dem vorgefundenen Material: Ihm geht es nicht um eine Neuauslotung von Kunst, stattdessen möchte er den »authentischen Gestus seiner Fotografien und Texte« bewahren. »Seine Komposition ist künstlerisch, die Einzelelemente sollen aber«, fügt Anne-Kathrin Hillenbach erklärend hinzu, »Dokumente bleiben und auch als solche verstanden werden.«

Bei ihren Werkanalysen – und darin liegt die Stärke dieser Arbeit – verbindet die Autorin literatur- und kunstwissenschaftliche Methoden geschickt miteinander. Während die literarischen Texte mit Hilfe »narratologischer Verfahren und close reading aufgeschlüsselt« werden, greift Hillenbach bei den Fotografien auf das »klassische Verfahren der Bildanalyse unter besonderer Berücksichtigung der medialen Besonderheiten der Fotografie« zurück. Auf diese Weise findet eine äußerst fruchtbare Annäherung an zwei Medien statt und der Leser wird nicht nur bereichert aus der Lektüre entlassen, sondern auch zu einer intensiven Weiterbeschäftigung mit dem Thema animiert.

Obgleich ich die Publikation mit großer Freude gelesen habe, sind mir zwei kleinere Mängel aufgefallen: Zum einen sind es die Fehler in der Orthografie sowie kleinere stilistische Unebenheiten und zum anderen betrifft es das Splitten der Kapitel in zahlreiche Unterkapitel im Text. Leider wurden diese im Inhaltsverzeichnis nicht aufgenommen, womit dem Leser das Nachschlagen erschwert wird.

Resümee: Mit »Literatur und Fotografie« von Anne-Kathrin Hillenbach legt der transcript Verlag eine überzeugende und – vor allem im analytischen Teil – spannend zu lesende Publikation vor. Indem die Autorin die bisweilen von gegensätzlichen Positionen geprägte Dialogfähigkeit von Literatur und Fotografie vorführt (und unter Beweis stellt, dass durch die Wechselwirkung die Komplexität des Einzelmediums potenziert wird), konturiert sie das vielschichtige Verhältnis. Ein Band, den ich mit großer Neugierde aufgesogen und genossen habe. Deshalb möchte ich ihn allen empfehlen, die gerne in Wort- und Bildwelten eintauchen und das äußerst fruchtbare Wechselspiel von Literatur und Fotografie kennenlernen wollen.