Ausstellungsbesprechungen

Annegret Soltau – Self Performing, 1973–2010. Galerie Merkle im Galerienhaus Stuttgart, bis 30. März 2010

Die Präsenz von Annegret Soltau ist überwältigend: Von Berlin bis Rom und von Stuttgart bis Memmingen ist sie in diesem Frühjahr allein oder in Gruppenschauen zu sehen – sie steht, so scheint es, am Zenit ihrer Karriere als eine der beeindruckendsten Aktionskünstlerinnen unserer Zeit. Günter Baumann hat sich dieser Ausnahmekünstlerin und ihren Werken genähert und die Stuttgarter Ausstellung für PKG besucht.

Spätestens mit der Übernahme des Lehrauftrags für experimentelle Fotografie in Bielefeld vor 20 Jahren ist Soltau aus der schattigen Nische einer frauenbewegten Provokationskunst getreten und de- bzw. rekonstruiert unter einer teils euphorisierten, teils empörten Öffentlichkeit, was die eigene Vita ihr mit auf den Weg gegeben, wenn nicht sogar in die Wiege gelegt hat. Die 1946 in Lüneburg geborene Foto- und Videokünstlerin wuchs bei der Großmutter auf und lernte in die 1960ern das Leben u.a. als Assistentin eines Unfallarztes am Hamburger Hafen kennen - eine hautnahe Konfrontation mit dem Schmerz, der später künstlerisch aufgearbeitet wird. Unberührt tritt man ihren Arbeiten nicht gegenüber. Die Unmittelbarkeit, mit der Annegret Soltau sich selbst zum Thema macht, erregt angesichts der inszenierten Verletzungen Abscheu, wie sie zugleich angesichts der dargestellten Verletzlichkeit unsere Anteilnahme weckt. »In ihren charakteristischen Tableaus und Fotovernähungen«, so urteilte die Jury anlässlich der Verleihung des Maria-Sibylla-Merian-Preises 1999, »gehen surreale Fantasie und dadaistische Ironie eine Verbindung mit radikaler auto- und familienbiografischer Offenheit ein«, die die Weiblichkeit vor dem Hintergrund von Geburt und Alter neu erfindet. Stich um Stich: Sie zeigt nicht die heile Welt ums Mutterglück, sondern die Bedrohungen, Entbehrungen und Risse auf dem Weg dorthin. Die Galerie Merkle zeigt einen repräsentativen Ausschnitt des vielseitigen Werks.

Ihre Bildserie der Verschnürungen bzw. Verstrickungen aus der Mitte der 1970er Jahre, in denen Soltau das eigene Gesicht mit einem Faden nach und nach, ja zusehends in einschneidender Weise verspinnt, setzt den Menschen noch allgemein vor einer existenzialistischen Kulisse dem Netzwerk eines undurchdringlichen Daseins aus. Mit den darauf folgenden Fotoradierungen liefert sie sich noch drastischer, persönlich ergreifender der Selbstauslöschung aus – hier sicher schon als Revolte gegen das offizielle, männerbestimmte Frauenbild verstanden. Mit der Erfahrung der Schwangerschaft und der Geburt ihrer Kinder 1978 und 1980 entwickelte Annegret Soltau die Serien der Übernähungen und Fotocollagen, in denen sie die Zerrissenheit individueller Selbstbestimmung genauso auslotet wie das Neuarrangement des Lebens. »Der Faden«, sagt Soltau, »bedeutet aber auch etwas Verbindendes, Reparierendes, was die Risse zusammenbringt und -hält. Die Risse im Lebenslauf bleiben sichtbar wie die Falten als Lebensspuren.« In drastischen Aktionen zerstückelt die Künstlerin, die bezeichnenderweise am Institut für Theologie und Sozialethik an der TU Darmstadt (2000) sowie für das Projekt »Kunst und Biografie« an der Hochschule ebendort (2008) tätig war, Fotos insbesondere von der eigenen Person, um sie anschließend wieder zusammenzunähen, fernab einer regelgetreuen Anatomie. So gebiert sie monströse Gestalten, die sich durchs Leben schlagen, ganze Figurengruppen, die sich, derart ungestalt, in Pose werfen wie die leibhaftigen Karikaturen von Mannequins. In anderen Arbeiten scheinen sich die Protagonistinnen ihrer zu eng gewordenen Haut zu entledigen, um sich selbst zu entsteigen – als eine Art psychedelischer Reflex auf die Geburt, die rein sachlich verstanden das Wachstum eines Menschen im eigenen Körper und dessen Heraustreten aus dem Leib umfasst, das eine unter Veräußerung eigener Kräfte, das andere unter Schmerzen.

Fortsetzung von Seite 1

Darüber hinaus entfalten die Arbeiten – was oft übersehen wird – eine ästhetische Qualität, die der destruktiven Technik eine konstruktive Wende gibt. Dreht Annegret Soltau ihre vernähten Collagen um, entstehen abstrakte, fast zufällige Quasi-Strickmuster, die auch an die Grenzen der Gattung rühren: Deutlicher als die Fotomotive legen ihre Kehrseiten eine textile Kunst »am Faden« offen; zudem tritt der Faden auch in einem plastischen Sinn zutage, denn nicht nur die Überlagerung der collagierten Papierfetzen, sondern auch dieser Faden erhebt sich über die Fläche, die bildseitig dominiert. Soltau bezieht die Rückseiten ihrer Arbeiten ausdrücklich als vollwertige Ansicht in das Werk mit ein und besetzt damit auch eine neue Position in der gegenwärtigen Auseinandersetzung von figurativer und abstrakter Kunst. Hier zeigt sie sich als sensible Künstlerin, die einerseits in wirren Geflechten auf eine nicht mehr durchschaubare äußere (und innere) Welt reagiert und andererseits gestaltend durch phantasievolle Muster dagegen angeht, die am menschlichen Antlitz Maß genommen haben. So beerbt Annegret Soltau in ihren Bildern sogar den Mythos der Schicksalsgöttinnen, die als Moiren bzw. Parzen in der antiken Mythologie oder als Nornen in der germanischen Sagenwelt webend die Geschicke des Menschen lenken – im Guten wie im Bösen.

Zur Ausstellung ist eine Publikation erschienen (»Annegret Soltau. Self performing. 1973–2010«, ISBN 3-9807594-4-X), die aber nur in der Galerie erhältlich ist.

Weitere Informationen

Ein Ausflug ins Galerienhaus lohnt sich gleich mehrfach, bekommt man doch wie gewohnt drei für eins, sprich: drei Ausstellungen für einen Besuch. In der Galerie Naumann sind Arbeiten der Düsseldorfer Malerin Kirsten Lampert zu sehen, die in ihren teils sehr großformatigen Bildern barocken Überschwang mit einer zurückhaltenden Nüchternheit kombiniert und den Alltag nahtlos mit der Märchenwelt kombiniert. Naumann präsentiert in einer Art Kabinettausstellung außerdem experimentelle Grafik, die mit den Nachbargattungen kokettiert. Die Galerie 14-1 zeigt eine Schau mit Arbeiten von Frank Maier, der unter dem Titel »Die Venus von Willendorf war beschnitten« quasi-archäologische Installationen für den Besucher bereithält, die mit allem Ernst nahezu authentisches Equipment einsetzt, um durchaus ironisch Raum und Zeit, Fiktion und Geschichte zu mischen. In der Verlängerung sind auch weiterhin die wie aus Lehm geformten Bronzefiguren Thomas Lehnerers zu bewundern.