Ausstellungsbesprechungen

Annette Schröter – NUN. Papierschnitte 2008-2013, Angermuseum Erfurt, bis 2. März 2014

Die Leipziger Künstlerin Annette Schröter greift seit mehreren Jahren nicht nur zum Pinsel, sondern auch zum Cutter und schneidet Bilder in Papier. Ihre Cutouts zeigen bekannte wie vertraute Motive, die Einblick in unsere Kulturgeschichte gewähren und einige Utopien verhüllen. Rowena Fuß hat sich die ansprechenden Arbeiten angesehen.

Das Erste, was einem bei der Betrachtung der Werke auffällt, ist, wie detailreich und filigran sie sind. So zeigt ein Scherenschnitt gleich am Eingang einen Mauerabschnitt, der mit verschiedenen Graffiti (ein sabbernder Smiley, ein Namenszug, ein Kreuz) »verziert« ist. Der Albtraum eines jeden Hausbesitzers und städtischen Repräsentanten verweist auf zentrale Inhalte der Schröterschen Arbeiten: Die Leipziger Künstlerin transportiert nicht eingelöste gesellschaftspolitische Utopien und Versprechen genauso wie triviale Versatzstücke unserer Alltagskultur. Für diese starke Orientierung an den jeweils aktuellen Themen und Ereignissen steht der Titel der Schau: NUN. In Großbuchstaben weist uns das Temporaladverb mit Nachdruck auf alles, was jetzt gerade passiert.

Die gelernte Porzellanmalerin und Heisig-Schülerin benötigt nur wenige Mittel, um in den Arbeiten besondere Effekte zu erzielen. Ein Beispiel dafür ist »Schnee«: Verschieden große schwarze Punkte sowie gerade und gebogene Linien lassen einen schneebedeckten Fahrradparkplatz vor einem kleinen Forst entstehen. Man fühlt sich fast ein wenig an Kandinskys kunsttheoretische Schrift »Punkt und Linie zur Fläche« (1926) erinnert, in der er die Gestaltungselemente auf ihre Wirkung untersuchte: Der Künstler darf sich nicht mit geometrischen Konstruktionen begnügen, sondern sollte alle Formen nutzen, die es ihm erlauben, bestimmte Kräfteverhältnisse und ihnen entsprechende Affekte auszudrücken und zu transportieren. »Schnee« strahlt hier definitiv die Ruhe auf den Betrachter aus, die dem Motiv zukommt.

Annette Schröter nutzt den plakativen Zusammenprall von Schwarz und Weiß im Scherenschnitt aber auch für die Zuspitzung von Widersprüchen: Tradition trifft auf Moderne, Heimat auf Ferne. Ihr »Goldfinger« etwa wirkt wie ein sozialistisches Symbol für Fortschritt, während ein »Konglomerat« aus schwarzen Plastikpudeln, einer Halloweengirlande aus Totenschädeln, ein Lichtbogen mit Bergwerksmotiv, diverse Musterschablonen und Schattenrisse mit Hirschen, Hütten im Wald und Menschen sowie eine Bastelenleitung für Spielzeug – um nur einige Dinge zu nennen – uns mit unterschiedlichen Leit- und Wunschbildern konfrontiert.

Das Bild der Vergangenheit zerrinnt. Alle Farbe tropft von der »Reithalle« zu Boden, ein bespraytes Fachwerkhaus mit einer grotesken Fratze im Erkerfenster. Der neonorange Untergrund signalisiert es schon: Das kann nicht so bleiben. Doch erst mit »Siedlung« gelangen wir schließlich zur Baustelle Zukunft. In Anlehnung an das Zeichenspiel »Das ist das Haus vom Nikolaus« sind hier unzählige, einfach skizzierte Häuser zu sehen. Sie mögen für ebenso viele Pläne und Visionen stehen. Der Ausstellungstitel versteht sich daher nicht nur als Bestandsaufnahme des Jetzt, sondern auch als Frage: Und NUN?