Ausstellungsbesprechungen

Anselm Kiefer, Lasst tausend Blumen blühen

Eigentlich wollte er nur sein Haus in Schwäbisch Hall voll bekommen: so bremste Reinhold Würth alle Mutmaßungen, wie um alles in der Welt man spätmittelalterliche Meister und Anselm Kiefer in einer Parallelschau zusammenbringt – doch so manches Museum würde viel darum geben, zwei derart hochkarätige Ausstellungen als Highlights hälftig übers Jahr verteilen zu können.

In der Kunsthalle Würth stoßen nun die Präsentation "Alter Meister" und die seit zehn Jahren erste, retrospektiv angelegte Schau von Werken Anselm Kiefers unter dem Titel "Lasst tausend Blumen blühen" aufeinander.

 

  

Würth hat natürlich Recht. Die ehemalige Fürstenberg-Sammlung braucht keine Schützenhilfe von der modernen Kunst – sie ist eine der bedeutendsten Sammlungen spätmittelalterlicher Malerei, die Reinhold Würth vor nicht allzu langer Zeit erworben und so dem Land Baden-Württemberg in dieser Einheitlichkeit erhalten hat (die Stuttgarter Staatsgalerie beherbergt hieraus noch unter anderem die "Graue Passion" von Hans Holbein d. Ä.); und Anselm Kiefer, einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler, sucht gewiss kein flankierendes Blätterrascheln aus dem Herbst des Mittelalters. Dass Kiefer 1945 in Donaueschingen, einst Hort der Fürstenbergsammlungen, geboren wurde, ist freilich ein purer Zufall. Nun ist es aber so, dass der Besucher kaum mit Scheuklappen durch die Kunsthalle Würth schlendern wird, und so lässt er sich – ob er will oder nicht – gleich mehrfach mit der spätgotischen Welt und dem kieferschen Kosmos ein.

 

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Zufallsbegegnungen bahnen sich an. Nehmen wir zum Beispiel die noch traditionellen Fichtenholztafeln aus dem Umkreis Peter Murers d. Ä., entstanden um 1480, mit den hl. Barbara und Dorothea, Ursula und Katharina von Alexandrien, die sich in der Mimik geschwisterhaft ähneln. Alle tragen sie eine Krone bzw. einen Blütenkranz über ihren üppig gelockten Häuptern; die Attribute in den Händen verraten ihre Identität: ein Pfeil bzw. Schwert und ein zerbrochenes Rad als Marterinstrumente, der dreifenstrige Turm als Kerkersymbol oder Rosen als Jungfrauensymbol. In der ganzen Ausstellung wimmelt es nur so von Heiligen, deren Viten damals auch vom leseunkundigen Gläubigen vom Bild "abgelesen" werden konnte.

 

Das mag sich heute nicht mehr automatisch erschließen, im Gegensatz etwa zum fast lustvollen gestalteten Faltenwurf der Gewänder. Da sitzen sie hier fast alle im selben Boot: Ein Umhang umwogt Lucas Cranachs "Christus als Sieger über Tod und Teufel" (1561), als stünde der Allmächtige im Sturm, und als müsste der Faltenrausch die Leidenschaft offenbaren, die dieser kaum zeigen darf; die hl. Antonius oder Jodokus des Meisters von Messkirch aus den 1530er Jahren scheinen sich gar auf Bart und Mantel zu reduzieren; die "Verkündigung an Maria" von Hans und Jakob Strüb aus dem Inzighofener Altar (1505) verwandelt die Draperie in nahezu sphärische Klangrhythmen.

 

 

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Derart in Schwung gebracht, fällt der Schwenk über die Museumsbalustrade nicht schwer, und der Besucherblick fällt auf Anselm Kiefers "Rapunzel" (1999), einer lebensgroßen Gewandplastik, deren Versatzstücke – feingefaltetes, langes Kleid, bodenlanges blondes Haar, über das eine Leiter sich abwärts hangelt – ausreichen, um den gar nicht dargestellten Menschen zu vergegenwärtigen und ihn zudem noch auf seine Rolle festzulegen. Bezieht sich Kiefer hier auf die Märchenwelt, taucht das Faltenwurfthema auch in der mythisch eingebetteten Serie der "Frauen der Antike" (1995ff.) auf: das in diesem Hinblick irritierende Stacheldrahtgewirr ist nicht abschreckender als die Heiligenmartyrien und die Passionsdramatik des späten Mittelalters, auf dessen Bildlichkeit Kiefers "Katharina" (1999) Bezug nimmt – die fragilen Tonschienen entsprechen dem zerbrochenen Rad.

 

 

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"Es gibt Namen", meint Anselm Kiefer, "die haben eine bestimmte Aura: […] Man braucht gar nicht viel darüber zu wissen, um damit arbeiten zu können. Der Name erzeugt so eine Ahnung: ein Gefühl, dass dahinter etwas verborgen ist." Es wäre illusionär zu glauben, dass mythologische, biblische und andere symbolisch belegten Namen und Begriffe jedermann präsent sind. Aber ist das unbedingt nötig? Kiefer ist überzeugt, dass Signalwörter wie "Jason" oder "Märkischer Sand" das Gehirn in Bewegung setzen, so oder so: Ihm genügt das unbewusste und halbgewusste Erinnern, um etwa das "Goldene Vlies" (1993/94) aus dem Jason-Mythos als ersehntes und mit aller Gewalt zurückzugewinnendes Traumbild zu identifizieren (es ähnelt wiederum eher einem Frauenkleid als einem Widderfell).

 

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Ist Kiefer da so weit weg von den Alten Meistern, die nur den umgekehrten Weg einschlagen? Die zahllosen Heiligen vermitteln allesamt einen Halt für den rast- und ratlosen Erdenbürger – die spezifischen Symbolnamen tun hier nicht viel zur Sache. Sie sind Garant für ewige Werte, aber auch unfreiwillige Wegmarken neuer Denkbilder: Hier wird Geschichte geschrieben (die Heiligen allein hatten noch keine). Die Hintergrundlandschaft verdrängt den Goldhimmel (Cranach, Andreas Haider), zarte Erdbeerpflänzlein blühen, wo zuvor noch Drachenviecher zertreten wurden; die dargestellten Menschen erhalten Profil und Persönlichkeit – die Heiligen heißen nun Martin Luther und Erasmus. Anselm Kiefer hat dagegen die Geschichte hinter sich. Suchten die Künstler an der Wende zur Neuzeit Selbstgewissheit, so leisten die postmodernen Kollegen Erinnerungsarbeit. Allen voran Kiefer: In riesigen Bleibüchern beschwört er das angestaute Wissen, aber auch die Unergründlichkeit kosmischer Dimensionen, in denen Engel und Ersatzheilige wie Mao Platz finden.

 

 

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Dass Kiefer innovative Materialien wie Schrift, Gips und Stroh verwendet, entfremdet ihn nur aus heutiger Sicht von den Alten Meistern – die erfanden immerhin die Ölfarbe, und Schrift wie Spruchband gehörten zum Repertoire. Eher ungewöhnlich ist Kiefers Rückgriff auf den griechischen, germanischen und privaten Mythos – Werke wie "Tannhäuser" (1991) oder "Dein goldenes Haar, Margarete" (1981) lassen aufhorchen, selbst wenn man weder Richard Wagner noch Paul Celan kennt. Doch wer da glaubt, nun sei man Welten von den Alten Meistern entrückt, der hat die Rechnung ohne Cranach gemacht. Seine "Familie der Naturmenschen" (1528), einer der Höhepunkte der ehemaligen Fürstenberg-Sammlung, transportiert das antik-germanische Mythenbild in die eigene Gegenwart – Silvanus ist gerade mal an den spitzen Ohren und der Keule erkennbar –, wie es Kiefer mit Herkules & Co. macht. Beides Mal ist es ein Blick zurück nach vorn.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten

Täglich 10–18 Uhr

24. und 31. Dezember 2004: geschlossen

25./26.Dezember 2004 und 1. Januar 2005: 12–17 Uhr

 

Eintrittspreise

5,- EURO pro Person, ermäßigt 3,- EURO, Montags freier Eintritt

 

Führungen

Öffentliche Führungen jeweils sonntags 11, 12.30, 14 und 15.30 Uhr