Ausstellungsbesprechungen

Anstoß Berlin – Kunst macht Welt

Die Künstlerliste der Sommerausstellung „Anstoß Berlin – Kunst macht Welt“ im Haus am Waldsee ist lang und hochkarätig. Sie umfasst 61 Künstler aus 21 Nationen, deren Werke in renommierten Museen und Institutionen der ganzen Welt ausgestellt werden. Dass sie mittlerweile alle ihren Lebensmittelpunkt nach Berlin verlegt haben, wissen wohl die wenigsten. Berlin übt vor allem auf Künstler eine große Anziehungskraft aus und das nicht nur auf Grund der niedrigen Mieten.

Vielmehr sind die Besucher und Bewohner von ihrer blühenden Galerienszene und dem lebendigen künstlerischen Treiben in der Stadt fasziniert. In seinem 60. Jubiläumsjahr möchte das Haus am Waldsee einen Überblick über die Spielarten jener nationalen und internationalen Kunst geben, die die Hauptstadt zu einem der spannendsten und fruchtbarsten Orte werden lässt.

In der Ausstellung steht neben der Präsentation die Suche nach gemeinsamen Themen und Tendenzen in den Werken der in Berlin lebenden Künstler im Vordergrund. Schon während der ersten Beobachtungen, fällt eine große Divergenz der Arbeiten auf sowohl in den Techniken als auch in den behandelten Themen. Auch wenn Katja Blomberg, die Kuratorin der Ausstellung, in ihrem Katalogaufsatz den gemeinsamen Nenner in einem Kommentar über die Mobilität der Gegenwart zu finden glaubt, kann wohl kaum ein einzelner Gedanke diese Vielfalt zusammenfassen. Zu verschieden sind die sozialen und kulturellen Hintergründe der Künstler, die in ganz eigenen künstlerischen Strategien sichtbar werden.

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In den Videoarbeiten werden vielleicht die größten Gegensätze offenbar. Vergleichbar mit der Dokumentation eines alltäglichen Geschehnisses führen Janett Cardiff und Georges Bures Miller in ihrem Videofilm eine Katastrophe vor Augen. In dem vier Minuten Loop zeigen sie den Brand eines Wohnhauses, der durch die Perspektive der Aufnahme und die ständige Wiederholung seinen traumatischen Charakter nach und nach verliert. Melanie Manchot beobachtet in ihren Arbeiten Interaktionen zwischen Menschen. In dem Video "For a moment between straingers" fordert sie Passanten auf, sie zu küssen und erfährt dabei die unterschiedlichsten Reaktionen. In einer Dreikanal-Arbeit setzt sich Candice Breitz hingegen mit Medienbildern auseinander. Sie erhöht die Präsenz der Hauptdarsteller, indem sie jene aus drei verschiedenen Kinofilmen isoliert und die entstandenen Kurzfilme auf drei Leinwänden zeigt.

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Auch in der Malerei sind kaum ähnliche Ansätze auszumachen. Die Arbeiten dreier Künstler der Ausstellung sollen die Gegensätzlichkeit demonstrieren. Eberhard Havekost stellt in seinem Bild eine Figur dar, deren Gesicht durch eine Kapuze und einen Balken verdeckt ist. Sowohl die Oberfläche der Malerei als auch die Struktur der dargestellten Objekte stehen dabei im Vordergrund. Indem er mit beiden Elementen spielt und den Fokus wechselt, gelingt es ihm, den Betrachter zu irritieren. Die Werke Gerwald Rockenschaubs entstehen ausschließlich am Computer. Durch diese Arbeitsweise verweigern sie sich völlig einen eigenen Pinselduktus und negieren so den Charakter der Malerei an sich. Jonathan Meese nutzt die Malerei hingegen als nur eins von vielen Medien um seine Aussagen zu formulieren. Er deutet in seinem Selbstportrait das Eiserne Kreuz und eine Uniform an und stellt sich folglich mit der preußischen Geschichte in Beziehung.

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Schlussendlich ist auch die Homogenität der Skulpturen, die vor allem im Garten der Institution zu finden sind, nur eine oberflächliche. Der Teich von Markus Sixsay besteht lediglich aus einem Loch, das mit einer Plastikfolie und Wasser gefüllt ist. Direkt daneben steht das transformierte Gartenhaus von Via Lewandowski. Wie zwei sich liebende Körper scheinen die ineinander verkeilten Hausteile miteinander zu verschmelzen. Im hinteren Teil des Gartens findet sich dieses Motiv in einem simplen Baumhaus von Bjørn Melhus wieder. Der Künstler integriert darüber hinaus menschliche Geräusche in sein Werk, die durch Lautsprecher aus dem Baumhaus wiedergegeben werden. Aber nicht nur im Gartenbereich stößt der Besucher auf Skulpturen, sondern auch im Ausstellungsraum. Besonders auffällig ist die Küchenskulptur von Rirkrit Tiravanija. In anderen Arbeiten ist der Künstler selbst Teil seiner Kunstwerke, indem er in Ausstellungen vor dem Publikum kocht. Im Haus am Waldsee hingegen präsentiert er lediglich einen Bestandteil seiner Aktionen - eine glänzend polierte kleine Küchenzeile.

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Die Werke, die in dieser Ausstellung zu sehen sind, lassen sich offensichtlich weder inhaltlich noch formal in eine Schublade stecken. Vielmehr handelt es sich um äußerst individuelle Arbeiten, hinter denen erfahrene und feinsinnige Schöpfer stehen. Der Besucher wird aber auch feststellen, dass sich jene Werke nicht durch große Sprengkraft oder Provokation auszeichnen, sondern dass die Künstler mit subtilen Mitteln ihre Aussagen treffen. Genauso sensibel und behutsam versucht sich die Ausstellung den Werken zu nähern. In dieser Ausstellung schreit nichts: Alles ist schön, die Werke sind sorgfältig ausgewählt und ordentlich präsentiert. Sie können sich in ihrer Umgebung entfalten, können faszinieren und bewegen: vielleicht ist dies ja der Charakter der neuen Berliner Kunstszene.

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Öffnungszeiten
Mo - Do 10-18, Fr - So 12-20 Uhr