Ausstellungsbesprechungen

Antoni Tàpies - Bild, Körper, Pathos, Museum für Gegenwartskunst Siegen, bis 19. Februar 2012

Antoni Tàpies entwickelte eine eindrucksvolle Ikonografie, die ebenso persönlich wie universell motiviert war. In seinen Bildern tauchen immer wieder Buchstaben, Kreuze und andere Zeichen auf, die dem Betrachter einen weiten Assoziationsraum eröffnen. Günter Baumann hat sich die Retrospektive seines Werks in Siegen angeschaut und würdigt den spanischen Informel-Künstler, der Anfang Februar verstarb.

Dem Museum für Gegenwartkunst Siegen, immerhin dem vom Internationalen Kunstkritikerverband ernannten »Museums des Jahres 2011«, kommt ungewollt das Verdienst zu, die erste Gedenkausstellung für den jüngst verstorbenen Antoni Tàpies ausgerichtet zu haben – das Museum zeigt seit vergangenem November Arbeiten des Rubenspreisträgers von 1972.

Am Ende seines 88-jährigen Lebens war er geschwächt, dass die Nachricht von seinem Tod sicher nicht überraschend kam. Aber Tàpies gehörte zu den bedeutendsten spanischen Künstlern von europäischem Format, die aus der Kunst des 20. Jahrhunderts nicht mehr wegzudenken sind, angefangen bei Picasso und Miró über Dalí bis hin zu (dem Basken) Chillida prägten sie alle die Moderne weit über Spanien hinaus. So wird nun das Museum für Gegenwartskunst ihrem »ausgezeichneten« Ruf auf besondere Weise gerecht: Ausgezeichnet wurde das Siegener Haus nämlich dafür, »dass ein Museum auch immer die Gegenwart in der Vergangenheit und umgekehrt die Vergangenheit in der Gegenwart suchen und finden kann«. Tàpies wurde als nach wie vor aktiver Künstler der Gegenwart eingeladen – nun ist er ein Teil der Vergangenheit geworden.

Tàpies vertrat das spanische Informel, das zwar wie die informelle Bewegung in Mitteleuropa mit einfachen Mitteln und gestischer Hand arbeitete, doch nahm man diese spanische Spielart immer als ehrlicher, authentischer wahr: Erde, Sand und ähnliche Materialien haben unter dem südlichen, von Afrika beeinflussten Klima eine existenzialistische Qualität. »Bild, Körper, Pathos«, womit Siegen die Ausstellung untertitelt, sind denn auch keineswegs Floskeln, sondern Ausdrucksformen einer spanischen Lebensart. »Wie ein Forscher im Labor«, so Tàpies, »nehme ich als erster die Anregungen wahr, die der Materie entrissen werden können. Ich entlocke ihr Ausdrucksmöglichkeiten, auch wenn ich anfangs keine ganz klare Vorstellung habe, worauf ich mich einlasse.« Kunst wird unter seiner Regie zur Entdeckungsreise durch das Ich. »Während der Arbeit formuliere ich gleichsam meine Gedanken; aus dem Kampf zwischen Wollen und vorhandenem Material entsteht ein Gleichgewicht von Spannungen.«

Seine reliefdicken Materialbilder, die auch Versatzstücke des Alltags (etwa Drähte) integrierten, waren jedoch nie Selbstzweck, hatten immer den Menschen im Visier: »Mit meinem Werk versuche ich, dem Menschen zu helfen, den Zustand der Selbstentfremdung zu überwinden, indem ich sein tägliches Leben mit Gegenständen umgebe, die ihn auf eine berührbare Art mit den letzten und tiefsten Problemen unserer Existenz konfrontieren.« Die Kuratorin der Siegener Ausstellung, Eva Schmidt, hat unter den rund 7000 Arbeiten des Künstlers an die 50 Werke ausgesucht, die sowohl die menschliche Körperlichkeit als auch die Körperlichkeit des Bildes an sich betonen. Folgt man den Bildern aufmerksam, wird man der zunehmenden Verinnerlichung gewahr, die dem gewachsenen Interesse für asiatische Philosophie geschuldet ist – die hier und da auffallende Leere mündet nicht im Nichts, ist vielmehr aufgeladen mit einer inneren Un-Ruhe, die mit der philosophischen Idee der Harmonie umgeht. Dabei halten sich Geist und Materie die Waage, genauso wie Wirklichkeit und Fiktion oder Form und Formlosigkeit in ein Wechselverhältnis treten. Wie weit sein Anliegen von vermeintlich dadaistischen Vorlagen entfernt war, zeigt eine Aussage, die Tàpies rückblickend machte: »Dieser Einfluss war nicht so vorteilhaft, weil er mich meiner Spontaneität beraubte.«