Ausstellungsbesprechungen, Meldungen zum Kunstgeschehen

Aqua globalis. Fotoarbeiten von Sven Hoffmann. Städtische Galerie Neunkirchen, bis 5. April 2010

In einzigartigen Bildserien fängt Sven Hoffmann (*1965) das Element Wasser mit seiner Kamera ein. Dabei richtet sich sein Augenmerk nicht auf den landschaftlichen Kontext, sondern ausschließlich auf die Wasserflächen, die ihn mit ihren unerschöpflich im Wandel begriffenen Farb- und Formspielen, den sich abzeichnenden Strukturen und Lichtreflexionen schon fast zwei Jahrzehnte faszinieren. Verena Paul hat für uns die Ausstellung besprochen und zeigt sich begeistert.

Ob transparentes oder mit grünen, gelben und blauen Farbflecken durchzogenes, intensiv goldgelb schimmerndes oder in unendlichen Blauschattierungen erstrahlendes Wasser – der Fotokünstler vergegenwärtigt uns in jeder seiner ästhetisch außerordentlich überzeugenden Aufnahmen die kontinuierliche Wandlungsfähigkeit des Urquells jeglichen Lebens und entwickelt dabei eine sich stetig verdichtende „Kartografie der Wasserimpressionen“ unseres Planeten, wie Hoffmann es formuliert.

Die lichtdurchfluteten, in Weiß getauchten Räume im Erdgeschoss der Städtischen Galerie Neunkirchen empfangen den Besucher mit vier großformatigen, mehrteiligen Fotografien, wie etwa die an Gemälde Claude Monets gemahnende Arbeit „Requiem an Monet“ mit ihren grün-gelben, auberginefarbenen Tupfern oder das von intensivem Hellblau geprägte „Sidewasser“, das sich neben Farbintensität primär durch die bizarren, wabenförmigen, fein ziselierten Strukturen auszeichnet, die das Sonnenlicht gezeichnet hat. Demgegenüber ist die Arbeit „Krumme Lanke Wasser“ von ölig fließenden, sanften Strukturen geprägt, denen jedoch partiell flirrende Linienformationen eingeschrieben sind. Diese wirken derart filigran, als seien sie einfühlsam mit der Zeichenfeder eingearbeitet worden. Jene durch Lichtreflexionen hervorgerufenen Spuren finden wir allerdings noch deutlicher in dem extra für die Ausstellung entworfenen, sechsteiligen Werk „Blieswasser“, welches nicht nur Äste und andere Pflanzenteile spiegelt, sondern auch Teile von Architekturen. Dergestalt wird Wirklichkeit im Wasser gebrochen und verflüchtigt oder verzerrt sich zu neuen Gebilden, die bisweilen nicht mehr recht zu identifizieren sind. Mit dieser „Entwirklichung“ beginnt nun der Zauber der Abstraktion, denn – so die Formulierung Ivan Illichs – „Wasser durchnässt die inneren und äußeren Räume unserer Imagination.“

Einen Stock höher, vorbei an dem Bild, das den konzentrierten Künstler bei der Arbeit zeigt, begegnen uns – mit Ausnahme des Triptychons „Islandwasser“ – im ersten Raum Einzelarbeiten, die bei näherer Betrachtung ein kluges Präsentationskonzept erkennen lassen. Nehmen wir zum Beispiel „Aqua do Brasil“ mit seinem aus Blau-, Grün-, Gelb- und Brauntönen geknüpften Farbteppich, daneben „Edition“, das aus unterschiedlichen Blautönen besteht, gefolgt von der in goldgelb schimmernden Aufnahme „Ilha grande Wasser“ und dem grünblau leuchtenden „Donauwasser“. Während die beiden mittleren Bilder von den Primärfarben Blau beziehungsweise Gelb/Gold dominiert werden, scheinen die außen positionierten Fotografien das farbliche Ergebnis einer Mischung der beiden: Grün. Zufall? Vielleicht. Jedenfalls ist die Kombination von Arbeiten – ob in der Serie oder als Einzelwerk – von inneren Ordnungssystemen geprägt, die auch im nächsten Raum erkennbar sind. Neben den beiden Triptychen dominieren dort die drei großformatigen fotografischen Arbeiten, die als Digital Prints auf Sicherheitsglas in ihrer Farbintensität den Betrachter noch schneller in einen Dialog einbinden als die zuvor gesehenen Werke. Denn durch die Spiegelungen des Bildträgers zeigen sie nicht nur die Wandelbarkeit des Wassers und die sich in und auf ihm vollziehenden Reflexionen, sondern nehmen uns sogleich in sich auf.

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Über die unter unseren Schritten knirschende Holztreppe, die sich zum Obergeschoss empor schlängelt, treffen wir unmittelbar auf die Fotografie „Geowasser“, die von den klaren geometrischen Strukturen eines Pools geprägt ist, wobei das Wasser darüber in einem hellen, beinahe unwirklich erstrahlenden Blau unsere Augen in Beschlag nimmt. In direkter Nachbarschaft befindet sich „Theoswasser“, dessen farbliche Strahlkraft gemildert erscheint. Allerdings tanzen auf dem zarten Grün des Wassers kleine Gischtkronen. Aus der Nähe betrachtet, bestehen diese weißen Gebilde aus tausenden von schimmernden Luftbläschen, die Licht wie kleine Glaskugeln einfangen und reflektieren und insofern einen Antipoden zur linearen Komposition des „Geowassers“ bilden.

Bei den meisten der in der Galerie gezeigten Arbeiten geht der Betrachter sicher davon aus, dass Hoffmann eine unendliche Zahl von Aufnahmen macht, bevor er seine Auswahl trifft und eine Serie zusammenstellt. Doch das trifft nicht zu! Ehe der Künstler das Wasser in seiner kontinuierlichen Verwandlung mit der Kamera festhält, hat er eine sehr präzise Vorstellung von seinem Idealergebnis. Das artikuliert sich unter anderem in der viergliedrigen Arbeit „Wasserkreuz“, die sich aus zwei Quer- sowie zwei Hochformaten zusammensetzt. Dabei entsteht durch diagonale Spiegelung von zwei Aufnahmen die Form eines unter der blaugrünen Wasseroberfläche verschwimmenden Kreuzes – dies sicherlich eine der ästhetisch reizvollsten Arbeiten, die die Freude am Experimentieren erkennen lässt. Wenngleich das Symbol des Christentums verschwommen erscheint, sehe ich hierin keineswegs den Versuch, Kritik zu üben, sondern vielmehr einen geschickten Griff, die Wandelbarkeit des Elements zu demonstrieren und so den Betrachter aufzufordern genau hinzusehen. Wie meisterlich Hoffmann die fotografische Klaviatur beherrscht, zeigt sich darüber hinaus in der aus 80 Digital Prints auf Leinwand bestehenden Komposition „Aqua Globalis 07“, die den Raum zum Schwingen bringt und ihn zur Gänze mit ihren unterschiedlichen Klangfarben ausfüllt. Ob diese Anordnung einem bestimmten Schema folgt, steht offen, aber eines wird doch sehr deutlich: Der Künstler weiß die unterschiedlichsten Gewässer unserer Erde mit viel Einfühlungsvermögen und unerwarteter Spannung zu kombinieren und so dem Betrachter ein Gefühl von Gleichwertigkeit und Ausgewogenheit zu vermitteln, das es nicht zu erklären, sondern mit staunenden Augen zu genießen gilt.

Im Grunde war und ist es nicht mein Ziel, eine übertriebene und insofern unglaubwürdige Lobeshymne auf die Ausstellung anzustimmen. Aber wenn ich mir am Ende die klare Struktur der Präsentation, die Liebe zum Detail bei der Hängung vergegenwärtige und die handwerklich nahezu perfekten, ästhetisch kaum zu übertreffenden Fotografien Sven Hoffmanns ansehe, dann – nun ja – wäre wohl Schweigen geboten…!

Mit „aqua globalis“ präsentiert die Städtische Galerie Neunkirchen Werke, die sich zwischen meditativer Ruhe und leidenschaftlicher Dynamik, klaren Strukturen und flirrenden Farbondulationen, wohliger Schwere und kraftvoller Leichtigkeit bewegen. Dabei trifft Sven Hoffmann, besonders in seinen mehrteiligen Arbeiten, souverän jenen Ton, der die Harmonie einer gelungenen Komposition auszeichnet. Daher sei jedem Besucher empfohlen, sich auf die Arbeiten einzulassen, ihnen ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken, um den Geschichten aus Ländern rund um den Globus lauschen zu können, die sie mit tief gurgelnden, ernst rauschenden oder hoch zischelnden und freudig glucksenden Stimmen erzählen.