Buchrezensionen

Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin (Hrsg.): Berlin und seine Bauten. Teil V. Band B. Hochschulen.

Gleich drei große Buchreihen widmen sich der Architekturgeschichte der deutschen Hauptstadt.

Die „Denkmaltopographie“ erfaßt geschützte, kulturell oder historisch wertvolle Architekturen geordnet nach Bezirken und hat dabei einen politischen Auftrag; sie ist eine Art ausformulierte und kommentierte Denkmalliste und dabei nicht zuletzt das schlechte Gewissen der Lokalpolitik, die, aus „wirtschaftlichen Gründen“, den Zeugnissen der Geschichte nur allzuoft ans Leder will. Die zweite Reihe sind „Die Bau- und Kunstdenkmäler“, die aus weitgehend wissenschaftlichen Co-Kommentaren zur Architekturgeschichte bestehen, aufgesplittet in Monographien zu den unterschiedlichsten historischen, kunsthistorischen oder konstruktiven Aspekten – das offene Ende des Unterfangens ist hier schon angelegt. „Berlin und seine Bauten“ wiederum ist konzeptuell deutlich umrissen, eine Unternehmung in bester, positivistischer Tradition: es geht um einen Kosmos, der beschrieben, ausgelotet und abgesteckt werden soll, eine Baugattung nach der anderen, jede durch alle für Berlin relevante Jahrhunderte hindurch.

„Berlin und seine Bauten. Teil V, Band B“ lautet die genaue Bezeichnung dessen, was nun vorliegt: die Gattung der Hochschulbauten, beschrieben in ihrer Entwicklung und Bedeutung für die Stadt, im bewährten Großformat mit zahlreichen Abbildungen versehen und in mehrere zeitliche Sektionen aufgeteilt, die jeweils von einem Autor bewältigt werden. Wer von Anfang bis Ende liest, der bekommt einen Überblick von der königlichen Akademie der Wissenschaften (so genannt ab 1701), die ihren Vorläufer in der 1696 durch Kurfürst Friedrich III. gegründeten „Academie der Mahl, Bild und Baukunst“ hatte, bis hin zu den neuesten baulichen Hochschulergänzungen, etwa der neuen Zentralbibliothek der Technischen Universität und der Erweiterung der geisteswissenschaftlichen Institute der FU Berlin, die der Engländer Norman Foster entworfen hat.

Im Gegensatz zu früheren Bänden von „Berlin und seine Bauten“, etwa die in den siebziger Jahren erschienenen Teile zum Wohnhaus- und Villenbau, die noch Julius Posener kommentiert hat, sind die jüngeren Reihentitel mit üppigen Registern ausgestattet: der Chronologie der Aufsätze antworten knappe, präzise Kurzbeschreibungen im Anhang, versehen mit Literaturhinweisen, Daten, Fakten, Zahlen. Es schließt sich ein Architektenregister an, dann ein Verzeichnis der Straßen. Das undankbare Fischen im Trüben, das den Leser der frühen Bände zur Verzweiflung brachte, ist obsolet geworden, gezielter Zugriff auf einzelne Objekte ist spielend möglich. Eine andere Neuerung vollzog sich weniger auffällig: der Wechsel des Verlages. Ernst und Sohn, der die Reihe bisher betreut hatte, hat das Projekt nach seinem Verkauf aufgegeben. Michael Imhof, ein vergleichsweise junger, derzeit stark expandierender Kunstverlag, hat sich der Sache angenommen. Ausstattung, Reihentitel und die seriöse Aufmachung sind gleich geblieben, um die Einheitlichkeit trotz des Bruches zu wahren. Verändert aber hat sich etwa das Papier, das nun dicker erscheint und mit seiner Mattierung auf den vordergründigen Glanz von Prachtbänden verzichtet. Allerdings scheint das Material auch gegenüber den Abbildungen unverzeihlicher zu sein und die grobe Körnung mancher Photos noch zu unterstreichen.

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Und die Texte? Schwierigkeit – oder positiv gesagt: Herausforderung – für die Autoren dieser Reihe ist es, Bau-, Institutionen-, Kultur- und politische Geschichte miteinander verquicken zu müssen, die Architektur, der das Hauptaugenmerk zu gelten hat, damit nicht allein aus sich selbst heraus zu begreifen, sondern auch als Symptom der Gesellschaft, die diese Häuser zu verantworten hat. Das galt und gilt bei einem Thema wie dem Hochschulbau besonders, soll doch in diesen mehr oder weniger moralischen Anstalten der Nachwuchs ge- und erzogen werden. Geprüfte Kulturpessimisten mögen da unken, hier könne sich Baugattungsgeschichte schnell in die Beweiskette für einen allgemeinen kulturellen Verfall verwandeln. Doch auch, wenn die Studien von Pisa und OECD schwer auf dem Land der Dichter und Denker lasten – der vorliegende Band zeichnet eben nicht einfach den unerbittlichen Niedergang einer Wissensgesellschaft am Beispiel der Hochschulbauten Berlins nach.

Was hier vorliegt ist viel differenzierter, denn es offenbart gerade die zunehmenden Verästelungen und Spezialisierungen all jener Disziplinen, die weiland von diesem Land – und damit meist auch von Preußen und Berlin – dominiert wurden. Doch das späte 19. Jahrhundert – hier von einem der besten Kenner der Materie, Hans-Dieter Nägelke, beschrieben – ist lange vorbei: der Anspruch an das, was Wissenschaft in der und für die Gesellschaft zu leisten habe, mußte mit der Aufspaltung des Wissens auch zunehmend zur Spezialfrage werden, die nur von Wenigen, dafür aber immer wieder neu beantwortet werden kann. Auch die Bauten wurden in der Folge spezialistischer, sie schotteten sich vom allgemeinen Publikum ab. Das Laborgebäude, das Julius Raschdorf ab 1881 für die Technische Hochschule baute, ein Renaissancepalast, war noch ganz auf Repräsentation angelegt; hundert Jahre später aber, da ließen schon die Sicherheitsbestimmungen nicht mehr zu, sich zu öffnen.

Man kann daher den vorliegenden Band in vielfacher Weise lesen und verstehen, kann die Bauwerke als historisierten Teil einer vergangenen Epoche begreifen oder aber Fragen für die Jetztzeit herausdestillieren. Gerade diese Möglichkeit macht das Buch – über seinen dauerhaften Anspruch als Standardwerk hinaus – spannend, aktuell und durchaus brisant. Auch die Autoren selbst haben, des positivistisch-neutralen Ethos zum Trotz, von dieser Möglichkeit gebrauch gemacht. So wurden bei jüngsten Initiativen des Berliner Senats die politischen Implikationen der Baumaßnahmen mitbedacht, denn, wenngleich die Bauten selbst nicht mehr repräsentieren, so bleibt die Aura der Wissenschaft nach wie vor wichtiges Mittel der Inszenierung von Politik. Susanne Walter und Matthias Dunger demonstrieren dies am Beispiel des nach 1990 ausgebauten  „Wissenschaftsstandortes“ Adlershof – schon hier zeigt sich weniger Hochschul-, als Politikerjargon –, dem „deutschen Silicon Valley“ (Eberhard Diepgen).

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Insgesamt ein gelungener Rundumschlag also, der nicht jede Fragestellung ausführlich behandeln kann, aber doch eben zahlreiche Fragen zur Geschichte der Hochschulen und ihrer Bauten aufwirft. Das bisherige Wissen zusammengetragen und gebündelt zu haben und hoffentlich neues Interesse anzuregen – was kann man sich mehr wünschen von einem Band wie diesem?

Bibliographische Angaben

Berlin und seine Bauten. Teil V. Band B. Hochschulen, Herausgegeben vom Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2004, ISBN 3-937251-48-0, ca. 500 Abbildungen, 351 Seiten, Leinen mit Schutzumschlag, 49,90 €.

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