Buchrezensionen

Ariane Leutloff: Turmhaus, Großhaus, Wolkenschaber – Eine Studie zu Berliner Hochhausentwürfen der 1920er Jahre. Verlag Ludwig 2011

Hochhäuser beeindrucken, ersticken manchmal aber auch mit ihrer Größe. Sie stehen für den Fortschritt, den Kapitalismus, die moderne Stadt. Erstaunlicherweise haben sich die europäischen Hauptstädte bei der Jagd um Höhenrekorde zumeist zurückgehalten. Auch in Berlin ist kein markanter Wolkenkratzer errichtet worden, wenngleich es schon in den 1920er Jahren etliche Hochhaus-Entwürfe gab. Mit diesen Entwürfen befasst sich Ariane Leutloff in ihrem Buch, das Franz Siepe für PKG gelesen hat.

Zu Beginn der 1920er Jahre polemisierte der Schweizer Architekt und Städteplaner Martin Mächler: »Der amerikanische Wolkenkratzer ist nicht ein Ausdruck planmäßiger und sinnvoller Siedlung zum Besten eines in Großstadtgemeinschaft zusammengeströmten Volksganzen, er ist vielmer der steingewordene Gedanke des rücksichtslosen allkapitalistischen Unternehmers, dessen Streben nur auf ungeheuren Gewinn von materiellen Gütern gerichtet ist.«

Dieses für die damalige Zeit durchaus nicht singuläre Urteil findet sich zitiert in dem mit »Das Hochhaus als Symbol« überschriebenen Abschnitt von »Turmhaus, Großhaus, Wolkenschaber«. Bei dieser lebendigen, unprätentiös geschriebenen Studie handelt es sich um die Kieler Dissertation der Kunsthistorikerin Ariane Leutloff, in der die Autorin den Gründen nachforscht, aus denen zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Zeit der Nazi-Herrschaft zwar – im Gefolge der amerikanischen Vorbilder – eine Reihe von Hochhausentwürfen für das »Neue Berlin« entstand, die aber kaum einmal realarchitektonische Verwirklichung fanden.

Eine Antwort ist bereits mit dem obigen Verdikt Mächlers gegeben: Der »Skyscraper« stand mit seiner demonstrativen Vertikalmacht für hemmungslose Modernisierung und ökonomistischen Antitraditionalismus; kurz: für einen rein wirtschaftlich orientierten Fortschrittswillen, der nicht nur bei konservativen Gemütern Widerstände hervorrief. Im Gegenteil: Gerade die Avantgardisten unter den Stadtplanern und Architekten waren sozialreformerischen, republikanischen oder idealistisch-sozialistischen Vorstellungen verpflichtet und zogen es vor, sich dem dringlichen Problem der Organisation der Verkehrsgestaltung und des Wohnungsbaus in den expandierenden Städten zu widmen, als dem in der transatlantischen »Kulturlosigkeit« wurzelnden exhibitionistischen, rekordsüchtigen Höhenfetischismus zu huldigen.

Dass gleichwohl der Reiz des Nach-oben-Bauens auch die hiesige Avantgarde ergriff, bezeugen etwa Bruno Tauts Visionen einer »Stadtkrone«, die in Analogie zur gotischen Kathedrale ein modernes Zeichen für die spirituelle und soziale Erneuerung des gesellschaftlichen Lebens setzen sollte. Tauts Utopie zielte also ab auf eine gemeinschaftsstiftende, traditionsverpflichtete Bau-Symbolik und nicht auf eine architektonische Selbstinszenierung geschichtsvergessener Kapitalpotenz. Doch auch dieser Traum verging; Ariane Leutloff: »Die Idee der Stadtkrone blieb eine kurzfristige Idee, die in den phantasiereichen 1920er Jahren zu zahlreichen architektonischen Utopien anregte. Als sich die expressionistische Hoffnung auf eine bessere Welt in Nüchternheit auflöste, verlor auch das Hochhaus seine symbolische Kraft als Mittel zur Verbesserung der Gesellschaft. Es wurde nun vor allem konkret als städtebauliches und ökonomisches Element verstanden, das, wenn nicht zur Erhebung des Menschen, so doch zumindest zur Erhebung der Stadt in den Status einer Weltstadt beitragen konnte.«

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Erst nach dem Zweiten Weltkrieg schwanden im deutschen Bauwesen die antiamerikanischen Ressentiments, doch hielt man sich hier wie auch anderwärts in Europa mit der Höhensucht zurück: Zu den 50 höchsten Bauwerken der Welt zählt bis heute kein einziges europäisches. Mit seinen 259 Metern rangiert der Frankfurter Commerzbank Tower international auf Platz 105 und erreicht lediglich ein knappes Drittel des Dubai-Turms (828 m), der von Werbestrategen als Signum des »Strebens der Menschheit nach Höherem« gepriesen wird.

Leutloffs Arbeit setzt ein mit einer Phänomenologie der »Metropole«, die in der frühen Moderne für Weltstadtenthusiasten wie -kritiker ein Faszinosum sui generis war. Hier fällt der Rückgriff auf kulturtheoretische Positionen wie die Oswald Spenglers oder Georg Simmels leider etwas knapp aus; und der Name Walter Benjamin fehlt gänzlich. Der Quellenkorpus, auf den sich die Autorin in erster Linie stützt, besteht aus den vielen Architekturzeitschriften des Untersuchungszeitraums, themagemäß natürlich mit Konzentration auf die Debatten um den Hochhausbau in der deutschen Hauptstadt.

»Citybildung« lautete das Schlagwort, unter dem Urbanisierungskonzepte diskutiert wurden. Eine Großstadt, die zu einer veritablen Weltmetropole avancieren wollte, hatte Geschäfts- und Verwaltungsgebäude im Zentrum zusammenzuballen und die Bewohner an der Peripherie anzusiedeln. Le Corbusier, einer der Protagonisten der modernen Großstadt, propagierte auch den Hochhausbau: »Menschen, die im hellen Licht arbeiten, arbeiten gut. Diejenigen, die die Dinge von oben – aus 100, 150 oder 200 m Höhe – sehen, sind fröhlicher als diejenigen, die in Löchern leben und nichts als Gefängnismauern sehen.« Ludwig Hilberseimer postulierte 1924 die »Vertikale Stadt« mit zwanzigstöckigen Gebäuden, die alle niedrigeren Häuser selbstbewusst verdrängen sollten.

Berlin jedoch blieb bis in die 1950er Jahre ohne nennenswerten Hochhausbestand. Nichtsdestoweniger sind die Entwürfe beachtenswert, die vor 1930 von Architekten wie Bruno Schmitz, Paul Wittig, Otto Kohtz, Bruno Möhring, Alfred Gellhorn, Hugo Häring u.a. bei diversen Städtebauwettbewerben eingereicht wurden. Doch ob sie den Bahnhof Friedrichstraße, Unter den Linden oder den Alexanderplatz betrafen, sie blieben unverwirklicht. Viele dieser Entwürfe gibt das Buch in kleinformatigen Schwarzweißreproduktionen im Abbildungsteil wieder. Insgesamt aber wäre eine großzügigere Ausstattung des Buches mit Illustrationen der Anschaulichkeit der Argumentation gewiss zugute gekommen.

Der letzte Abschnitt erinnert zunächst an die z. T. beifällige Rezeption von Hochhausentwürfen aus der Zeit der Weimarer Republik von Seiten der Nationalsozialisten, um sich schließlich streiflichtartig der derzeitigen Planungssituation in der Hauptstadt der Berliner Republik, speziell am Alexanderplatz, zuzuwenden. Ein skeptisches Fazit: »Die Architekten finden keine neue Formensprache, die geplanten Bauten erinnern, wie diejenigen am Potsdamer Platz, an die amerikanischen Wolkenkratzer der zwanziger und dreißiger Jahre.«

Ariane Leutloffs Buch liefert einen guten und bedeutenden Beitrag zur stadtbaulichen Entwicklung Berlins wie auch zu der allgemeineren Frage nach Funktion und Symbolik der Hochhausarchitektur in der kapitalistischen Moderne und wird in keiner wohlbestückten Fachbibliothek fehlen.