Buchrezensionen

Arno Bertina: Mona Lisa in Bangoulap. Die Fabel vom Weltmuseum, Matthes & Seitz 2016

Der König eines afrikanischen Volkes fordert freien Zugang zu Museumssammlungen, die Artefakte seines Volkes zeigen – und am Ende findet sich die Mona Lisa im Versammlungshaus seines Volkes wieder. Wie das geschehen kann, das erzählt Arno Bertina in seiner fABEL: Stefanie Handke hat sie gelesen.

Wir schreiben das Jahr 2016. Mehrere kamerunische Fürsten stellen eine zunächst unerhört scheinende Forderung: Sie fordern die Direktion der Musée des Arts premiers auf, den Angehörigen der Bamileke, ungefähr 200.000 Menschen, freien Eintritt zu gewähren. Er wird zur Kenntnis genommen und zu den Akten gelegt. Aber die Fürsten lassen sich nicht abweisen – als die erhoffte Reaktion ausbleibt, setzen sie einen drauf und drohen mit Restitutionsanträgen bei der Unesco. Nun wird es erstmals brenzlig und man muss schließlich nachgeben: Im Frühjahr 2017 gewährt man diesen freien Eintritt und hofft, davongekommen zu sein. Aber nein: Ein Jahr später, 2018 fordern dieselben Könige freien Eintritt in Wanderausstellungen des Quai Branly nicht nur für sich, sondern für die Angehörigen aller kamerunischen Völker, deren Kunstwerke dort jeweils gezeigt werden. Und erstmals wird auch die Forderungen nach kostenlosen Visa laut, damit die Kameruner ihr Kulturerbe auch wirklich besuchen können. Und erstmals stellt sich die Frage, was man tun solle, wenn alle Völker, deren Kulturschätze man zeigt, auf dieselbe Idee kommen. Eine hitzige Diskussion entbrennt: Wie weit solle sich ein freier Museumseintritt erstrecken? Sollen kostenlose Visa ausgestellt werden? Denn damit würde man das, was nicht einmal Flüchtlingskrisen und Kriege vollbracht hatten, Wirklichkeit werden: Reisefreiheit weltweit! Obendrein internationalisiert sich die Diskussion: Nicht mehr nur ehemalige von Kolonialmächten besetzte Länder fordern freien Eintritt, nein, Italien verweist nun auf die von Napoleon geraubten Kunstwerke und fordert das Gleiche. Zu diesem Zeitpunkt haben bereits verschiedene Museen und Städte einen für alle geltenden freien Eintritt gewährt. Und 2019 stellt sich schließlich die Frage nach der Ausleihe von Kunstwerken an die verschiedenen Völker der Erde – und nun fordert Frankreich selbst freien Eintritt in alle Museen der Welt!

Das bezeichnet das Ende dieser kleinen Fabel, die ein grundsätzliches Problem humorvoll illustriert. Dieses ist zweigeteilt: Zum einen stellt sich in den letzten Jahren vermehrt die Frage nach dem Umgang mit kolonialen Spuren in den Museen der ersten Welt. Soll man Kunstwerke und Kulturerbe ehemaliger Kolonialstaaten behandeln? Darf man sie ausstellen? Müssen sie restituiert werden? Muss nur ein Teil restituiert werden? Prominente Fälle gibt es inzwischen einige, etwa die Rückgabe einer Götterstatue an Bolivien oder einer Statue der Göttin Durga an Indien. Im Zuge der Diskussion um das Humboldtforum nimmt diese Frage auch in Deutschland inzwischen eine große Rolle ein.

Der zweite Aspekt, den die Fabel anspricht, ist schon etwas älter: Ist ein Eintrittsgeld gerechtfertigt, wenn doch ein Kulturerbe eigentlich jedem gehören sollte. Kein Wunder also, dass am Ende ein überall geltender freier Eintritt auf die Museumsbesucher wartet und die Mona Lisa auch im Thronsaal eines afrikanischen Volkes ausgestellt werden könnte – Kulturerbe könnte kaum demokratischer verteilt sein! Und so lässt einen diese wunderbare kleine Fabel nachdenklich zurück.

Ergänzt wird das ganze durch einen Essay Bénédicte Savoys, der einige neuralgische Punkte noch einmal aufgreift: legitimer Eigentümer eines Werkes scheint oft derjenige zu sein, der »in seinem Museum die meisten und spektakulärsten Objekte am schönsten und wissenschaftlich korrektesten präsentiert«. (S.55) Die Frage, wem die ausgestellten Werke gehören, ist den meisten Staaten unangenehm. Parallel dazu sieht sie eine regelrechte Restitutionsgeschichte, die mit der Rückgabe zahlreicher Werke begann, die Napoleons Truppen »konfisziert« hatten. Aber nicht nur die Staaten, auch die Museen müssen die Frage stellen, wie sie mit diesen unangenehmen Objekten umgehen. Savoy erkennt aber in Bertinas Fabel eine Lösung und wendet die Unterscheidung zwischen Besitzer und Eigentümer an: Während die Museen diese besonderen Objekte besitzen, bleiben die Nationen Eigentümer. Und so ist es nur konsequent, wenn die Könige in der Geschichte freien Eintritt fordern – auch und insbesondere im Hnblick auf das Kulturerbejahr, das unter dem bezeichnenden Motto »Sharing Heritage« steht.

Arno Bernitas Fabel erscheint zunächst eine absurde Situation darzustellen, die die Diskussion um die Restitution von Kunstwerken auf die Spitze treibt. Aber im Grunde genommen stellt der Autor die Grundfrage nach dem Umgang mit kulturellem Erbe aus aller Welt in unseren Museen: Wem gehören sie? Wer hat ein Eigentumsrecht an ihnen? Was, wenn auf einmal alle Völker die Objekte zurückfordern, die auf irgendwelchen Wegen ihr Ursprungsland verlassen haben? Nicht nur in Hinblick auf ihre Herkunft und eine mögliche Restitution müssen wir uns also fragen, wie wir das Inventar unserer Museen behandeln und vor allem der (Welt-)Öffentlichkeit zugänglich machen. Kein Wunder also, dass der freie Eintritt in alle wichtigen Museen in Bertinas Geschichte nicht mehr lange auf sich warten lässt – ein Gedanke, der heute noch anarchistisch anmuten mag: Vielleicht sollten wir unsere Kulturgüter allen zugänglich machen – denn am Ende gehören sie wohl doch allen und niemandem.