Ausstellungsbesprechungen

Arno Gisinger - Topoï, Museum für Photographie, Braunschweig, bis 6. Januar 2013

Wie wird Geschichte geschrieben? Und welche Rolle spielen Bilder – vor allem die Fotografie – in der Geschichtsschreibung? Diesen Fragen geht der österreichische Fotograf und Historiker Arno Gisinger seit über zwanzig Jahren nach. Bettina Maria Brosowsky hat sich die Ausstellung seiner eindringlichen Arbeiten angesehen.

Seine Methode aus fotografischer Dokumentation und historischer Erzählung sowie Zeitzeugenschaft widmete Gisinger erstmals 1994 dem französischen Dorf Oradour-sur-Glane bei Limoges. Oradour wurde 1944 von der deutschen Waffen-SS, in deren Reihen sich aber auch elsässische Offiziere befanden, niedergebrannt. 600 Menschen wurden ermordet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Brandruinen »im bestmöglichen Zustand der Zerstörung«, so die offizielle Terminologie der Politik, als Gedenkstätte erhalten. Sie werden seitdem konstant gepflegt. Gisinger begann, diesen museal konservierten Ort in Schwarz-Weiß zu dokumentieren, der 1944 verfügbaren fotografischen Technik. Er wechselte aber schnell zu Fachkamera, Stativ und Farbmaterial, um eine gegenwärtige, distanzierte Position einzunehmen. Seinen präzisen, funktionalen, bewusst empathiefreien Aufnahmen stellt Gisinger den Blick auf hinterlassene Alltagsgegenstände der Ermordeten und erläuternde Texte gegenüber. Zur Geschichtsschreibung offiziell erwünschter Lesart treten also die Erinnerungen und Erzählungen der betroffenen Familien hinzu.

Die Verflechtung von Faktischem und Narrativen verfolgt Arno Gisinger auch in seiner großen Arbeit »Konstellation Benjamin« (2005-2009). In 36 Aufnahmen ist Gisinger allen bekannten Aufenthaltsorten Walter Benjamins während seines Exils nachgegangen. Pro Ort wählte Gisinger anschließend jeweils ein einziges Bild aus und überschrieb es mit einer Textpassage Benjamins, in der Regel aus seiner Korrespondenz. Die Abbilder der mittlerweile modernisierten, umgenutzten oder überformten Orte, die selber nichts mehr von Benjamins Aufenthalt preisgeben können, erhalten durch die teils beklemmend aussichtslosen Äußerungen Benjamins eine Interpretation ihrer Geschichte, eine Ahnung des hier einmal Gewesenen, der persönlichen Hoffnung und Verzweiflung, die jeder Ort latent birgt.

Die derzeitige Werkschau Arno Gisingers im Braunschweiger Museum für Photographie ist die erste Station einer vierteiligen Ausstellungsserie. Für jeden Ort wird sie sowohl in ihren Präsentationsformen angepasst, als auch um ein ortsspezifisches Projekt ergänzt. In Braunschweig nutzte Gisinger das Archiv des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung. Hier fand er alle Auflagen des Lehrwerks »Geschichte für höhere Schulen« (ab 1926 erschienen). Autor war der spätere SS-Offizier Walther Gehl. In dem anhängenden Bildatlas – eine Novität zur damaligen Zeit – änderten sich ab 1933 nicht nur die Bildnisse politischer Protagonisten und ihrer Schauplätze. Es vollzog sich auch fast unmerklich die Verschiebung eines konservativ bildungsbürgerlichen Kulturbegriffes der Weimarer Republik hin zur Doktrin des Dritten Reiches. Die kompakte fotografische Reproduktion exemplarischer Bildatlanten in Plakatform erhellt ganz unmittelbar sowohl die kanonisierende Macht der Fotografie als auch ihre unvermeidbare Instrumentalisierbarkeit. Arno Gisinger gelingt mit der Kombination von Fotografien und anderen Aussageformen eine Erweiterung der engen Grenzen des Mediums. Eine Abbildung alleine bezeugt noch nichts. Erst der Kontext, in den sie gestellt wird, vermag Aufschluss zu geben über einen gegenwärtigen oder vergangenen Sachverhalt, seine historische Konstruktion und Sinngebung, die kollektive wie persönliche Interpretation.