Buchrezensionen

Arnulf Häfele: Giorgiones Himmel. Das Gemälde mit den drei Philosophen als Grenzerfahrung der Ikonographie, Georg Olms Verlag 2013

Eines der wichtigsten und am schwersten ausdeutbaren Bilder des großen venezianischen Renaissancemalers Giorgione (1477–1510) ist das »Gemälde mit den drei Philosophen« aus dem Wiener Kunsthistorischen Museum. Der Privatgelehrte Arnulf Häfele hat ihm ein interessantes Buch gewidmet, das Stefan Diebitz gelesen hat.

Häfele ist von Hause aus ein promovierter Historiker und Lehrer, der nach einer politischen Karriere im Vorarlberger Landtag noch ein Jurastudium mit der Promotion abgeschlossen hat: also ein sehr vielseitig und gründlich gebildeter Mann. Jetzt hat er eine ikonografische Studie über das berühmte Gemälde Giorgiones vorgelegt, die vor allem geistesgeschichtlich argumentiert, indem sie die drei Figuren auf dem Bild identifiziert, die Biografien der historischen Vorbilder erzählt und ihre Attribute minuziös erläutert. Ästhetische Aspekte werden dagegen nur am Rand berührt.

Die drei Männer wurden im Laufe der Jahrhunderte immer wieder als die Heiligen Drei Könige bezeichnet, eine Deutung, die Häfele vehement und gut begründet ablehnt. Für ihn stellt das Bild »Marksteine der Astronomiegeschichte und der Kosmologie dar.« In den Figuren findet er Aristoteles, Gerbert von Aurillac (den späteren Papst Silvester II.) und endlich den großen arabischen Philosophen Avicenna bzw. Ibn Sina. Mehr als die Hälfte des Buches ist der ausführlichen Darstellung ihrer Lehren und ihres Lebens gewidmet.

Für Aristoteles ist seine Schrift »Meteorologica« entscheidend, in der Kometen als irdische Erscheinung gedeutet werden. Er ist kein bärtiger alter Herr, wie man vielleicht erwarten würde, sondern der sitzende junge Mann im Hintergrund, der den Widerschein eines Kometenschweifs auf einer Höhlenwand betrachtet und dessen Höhe mit der Hilfe eines Gnomons (Schattenstab) bestimmt. In seiner Abhandlung vertritt Aristoteles die merkwürdige These, Kometen seien Dünste, die aus Höhlen und Spalten austreten und sich in der Atmosphäre entzünden. Eben diese Aspekte seiner Theorie findet Häfele in dem Bild wieder. Auf das Alter der Figur geht er kaum ein, aber eben dies scheint mir ein schwacher Punkt seiner Argumentation.

Der heute am wenigsten bekannte der drei Philosophen dürfte Gerbert von Aurillac (950-1003) sein, ein gelehrter Kirchenfürst, der als Papst Silvester II. in die Geschichte einging und den die Legende, worauf Häfele ausführlich eingeht, angesichts einer erstaunlichen Karriere mit dem Teufel in Verbindung brachte. Fast 100 Seiten verwendet Häfele auf seine Biografie, auf die Erläuterung des nur schwer zu erkennenden Geräts in seiner linken Hand sowie die Entschlüsselung des Manuskripts, das Gerbert dem Betrachter mit der Rechten entgegenhält. Als Autor bedeutend wurde der Kleriker mit einer Schrift, in der er den Gebrauch des Astrolabs erläuterte. Mit der Hilfe dieses Gerätes konnte man »die Höhe der Gestirne messen und daraus die Zeit bestimmen. Das von Gerbert eingeführte Astrolab ist also gleichzeitig ein Modell der Welt und ein Rechen- und Messinstrument.«

Avicenna findet sich einem vergleichsweise kurzen Abschnitt von zwanzig Seiten vorgestellt, in denen der Autor nicht allein das abenteuerliche Leben des großen moslemischen Universalgelehrten behandelt, sondern auch die Bedeutung der Amulette erläutert, die der leicht als Orientale zu erkennende Avicenna auf dem Bild Giorgiones trägt.

Die Identifizierung der drei Philosophen macht den größten Teil des Buches, aber natürlich auch seinen Wert aus, denn nur so lassen sich bedeutende Einzelheiten verstehen, zu denen vor allem die zweite Lichtquelle gehört, die in Häfeles Deutung auf den Kometen verweist. Es schließt sich ein Kapitel an, das sich mit Röntgenaufnahmen des Bildes beschäftigt, von deren Ergebnissen sich Häfele, was uns nicht überraschen wird, bestätigt fühlen darf. So kann man erkennen, dass sich in der Nähe Gerberts ursprünglich ein schwarzer Hahn befand – ein deutlicher Hinweis auf die mit Gerbert verbundenen Teufelslegenden, denn der Hahn galt als ein diabolisches Tier. Ebenso kann die übermalte Kopfbedeckung derselben Figur die Deutung Häfeles bekräftigen, weil sie zu der Tracht eines hochrangigen Klerikers gehörte. Aber ohnehin ist die gelehrte Argumentation dieser Studie sehr genau und auch im Detail überzeugend und dazu, wenn sie sich mit entgegengesetzten Deutungen beschäftigt, niemals polemisch, sondern immer sachlich und gut begründet.

Mängel des Buches liegen allein in dem anspruchslosen und entsprechend langweiligen, einen Hauptsatz an den anderen anschließenden Stil sowie in den zahlreichen Wiederholungen. Auch wären Übersetzungen der gelegentlich sehr langen fremdsprachigen Zitate (Latein, Französisch, mittelalterliches Spanisch…) angebracht gewesen.

Insgesamt gilt diese sorgfältige Studie weniger dem Gemälde als Kunstwerk als vielmehr einem Zeugnis der Geistes- und Kulturgeschichte. Ihr Ziel, die Ikonografie eines großen, bis jetzt nicht ganz verstandenen Bildes zu enträtseln, hat es erreicht.