Buchrezensionen, Rezensionen

Arnulf Meifert: Forscher im Zwischenreich. Der Zeichner Fritz von Herzmanovsky-Orlando, hrsg. v. Manfred Kopriva, Residenz Verlag 2012

Es gibt Künstler, deren Ruhm sich erst lange nach ihren Lebzeiten verbreitet. Fritz von Herzmanovsky-Orlando gehört dazu, mehr noch, er ist fast das Urbild eines verkannten Genies. Aber seit 1983 erscheint Herzmanovsky-Orlandos erzählerisches Werk im Salzburger Residenz-Verlag, und jetzt endlich wird auch der begabte, vielleicht gar geniale und auf jeden Fall höchst originelle Zeichner dargestellt und angemessen gewürdigt. Stefan Diebitz hat sich das schöne Buch angeschaut.

Der in Wien geborene Fritz von Herzmanovsky-Orlando (1877-1954) war vor allem Humorist, und er war es so sehr, dass er selbst seine lebenslange, zweifellos höchst bittere Erfolglosigkeit humoristisch kommentierte, als er in einem Brief von einem »Meer von dämonischen Roßknödeln« sprach, das er auf seinem Lebensweg überqueren musste. Ganze zwei Ausstellungen waren ihm zu Lebzeiten vergönnt, so dass überhaupt keine Rede davon sein konnte, von seiner Kunst zu leben – so wenig wie von seinen Büchern, die sich schon bald verramscht sahen. Dieser sehr schöne Band aus dem renommierten Residenz Verlag aber, von Manfred Kopriva herausgegeben, wird die Zeichnungen des verschrobenen Genies hoffentlich endlich ins rechte Licht stellen und den Ruhm auch des Zeichners FHO mehren.

Den größten Teil des Buches macht ein feuriger Essay Arnulf Meiferts aus, der mit Verve das Leben und die Zeichnungen Herzmanovsky-Orlandos zueinander in Verbindung setzt. Meifert spricht über FHOs »gewöhnungsbedürftige Ansichten« ebenso wie über seine angeblich weibliche Psyche und das wahrscheinlich nicht immer ganz offene und faire Verhalten Kubins, mit dem Herzmanovsky-Orlando eine gewaltige Anzahl von Briefen wechselte.

Mit den eigenartigen Ansichten sind FHOs Verbindungen zu Esoterikern wie etwa Lanz von Liebenfels gemeint, den manche zu den Wegbereitern des Nationalsozialismus zählen und der in seiner Zeitschrift rassistisch-versponnene Ansichten verbreitete, die in der Darstellung Meiferts vor allem von Herzmanovsky-Orlandos »spintisierenden Ehefrau« Carmen goutiert wurden. Aber man findet diese bizarren Theorien dann auch in seinen Romanen und sogar in seinen Zeichnungen wieder. Für Meifert war FHO »Geschichtsfantast und Geschichtspoet, Nostalgiker und Querulant«, der »einzige deutschreligiöse Dadaist«, und man weiß nicht recht, ob der aus gesundheitlichen Gründen in Meran lebende Künstler das alles ernst meinte oder sich humoristisch von sich selbst oder den Ansichten seiner Ehefrau distanzierte.

Auch seine gesundheitlichen Probleme werden angesprochen, wenngleich die Folgen der Erkrankung – Zeugungsunfähigkeit, vielleicht gar Impotenz? – nicht ganz klar sind. Meifert geht wohl von letzterer aus und spricht wie die anderen Autoren des Bandes seinem Helden einen eher weiblichen Charakter zu. Für Franziska Meifert ist Herzmanovsky-Orlando sogar »der fast weibliche Lustigmann«, und konsequenterweise lautet Arnulf Meiferts Frage: »Darf man so weit gehen, ihn und Carmen im psychischen Kern als in einer […] platonisch-lesbischen Beziehung zu sehen?«

Fortsetzung von Seite 1

In seinen Zeichnungen aber erscheint dieser Mann als großer Erotiker; immer wieder finden sich Blätter mit erotischen Motiven, etwa »Folterqualen« von 1919, in dem ein Herr auf einer Guillotine liegt, bereit, sich selbst im nächsten Augenblick zu enthaupten: den Strick, mit dem das Fallbeil gelöst wird, hält er bereits in der Hand, unter seinem Kopf aber wartet der Korb. Und unmittelbar vor ihm steht eine dickbäuchige Dame und präsentiert, ein kleines Blumensträußchen in der Hand, mit gerafften Röcken ihren nackten Unterleib, in dessen Mitte er fasziniert starrt.

Während Kubin eifrig schraffierte (an den Schraffuren lassen sich auf den ersten Blick seine Illustrationen zu Poe oder zu seinem eigenen Roman erkennen), ließ Herzmanovsky-Orlando immer wieder große Flächen frei. Seine Zeichnungen sind so hell und bunt wie Kubins Blätter düster. Die bekannten Illustrationen zu seinem »Gaulschreck im Rosennetz« sind keinesfalls typisch.

Surrealistisch sind Herzmanovsky-Orlandos Romane (sein »Gaulschreck«, dessen winzige Erstauflage unverkauft blieb, ist vielleicht der einzige surrealistische Roman der deutschen Literatur), und surrealistisch sind auch seine Zeichnungen – schon in ihrer Entstehung, denn das Automatische, mit dessen Hilfe das Unbewusste zur Darstellung kommen sollte, hat FHO tatsächlich bereits gepflegt, bevor er mit den Ideen eines André Breton bekannt geworden sein kann. Meifert spricht von »trancehafter Zeichnerei«. 1916/17, mitten im Krieg, durchlebte Herzmanovsky-Orlando angesichts schwieriger persönlicher Umstände eine persönliche Krise, deren künstlerische Bewältigung Meifert mit Freudschem Vokabular beschreibt:

»1917 überkommt ihn […] ein Schub, den man auch Schamanenkrankheit nennen könnte […]. Herzmanovsky-Orlando wird immer stärker überschüttet von Trauminhalten, Gesichten. Das ES bricht durch, zeichnerisch in Form einer Dämonenschar ablesbar. Das Bedrohliche der ihn bedrängenden Erscheinungen wird aber mit dem Stift auf Abstand gehalten, es wird relativiert, zum Spuk verkleinert, dem Lachen, Lächeln, Schmunzeln ausgesetzt. Die Zeichnung wird zum Bannbild, der Schrecken der Realität, gespiegelt in den Schreckensbildern des Traums, wird in die Drôlerie versetzt. […] Der psychische Rückstau fließt in Hunderte meist farbiger Blätter.«

Unter anderem zeichnete er mit geschlossenen Augen Bilder in Briefmarkengröße, viele natürlich auf einer Seite – Motive, auf die er später zurückgriff und vielfältig variierte. Meifert und die anderen Autoren kommentieren diese Zeichnungen oft detailliert, und die Lektüre des Buches ist auch deshalb ein ungetrübtes Vergnügen, weil der Text und die Zeichnung, auf die er Bezug nimmt, fast immer unmittelbar nebeneinander stehen, so dass Suchen und Blättern ganz wegfällt. Und mehr noch: Die Zeichnungen Fritz von Herzmanovsky-Orlandos werden immer wieder in Verbindung zu Arbeiten Kubins oder auch Paul Klees gebracht, den FHO kannte und in Briefen an Kubin erwähnte, der aber seinerseits von seinem österreichischen Geistesverwandten wahrscheinlich nie gehört hat. Auch Klees und Kubins Bilder werden unmittelbar neben dem Text gezeigt. Die Motive der Arbeiten Kubins und FHOs sind in manchen Fallen schlagend ähnlich oder sogar identisch, so dass die Unterschiede in der Behandlung um so deutlicher hervortreten. Meifert formuliert zugespitzt: »Für Herzmanovsky-Orlando ist das Weibliche das ersehnte Zentrum; er mythisiert es, Kubin dämonisiert es«. Er geht sogar so weit, Kubin »banaler« zu nennen.

Kubin hätte leicht eine Bekanntschaft mit Klee vermitteln können, denn er kannte beide Künstler gut, und es könnte durchaus sein, wie Meifert vermutet, dass er um die Geistesverwandtschaft der beiden wusste (»größere Affinität im Künstlerischen«) und es aus Eifersucht vermied, die Herren miteinander bekannt zu machen. Wenn man Klees und Herzmanovsky-Orlandos Bilder unmittelbar nebeneinander sieht, mag man an die von Meifert und, in einem weiteren Essay, von Peter Assmann behauptete Verwandtschaft wirklich glauben.

Der sehr schöne Band enthält auf hochwertigem Papier nicht nur Arnulf Meiferts schneidigen, sehr kenntnisreich das Genie Herzmanovsky-Orlandos ausrufenden Essay, sondern neben einer mehr als dreißig Seiten umfassenden und selbstverständlich illustrierten »Übersicht der Werke im Museumsbesitz« auch noch einen Beitrag von Franziska Meifert, in dem FHO als »der übermütige Matriarch« apostrophiert und die Beziehung zu Sir Galahad, also der Schriftstellerin Bertha Eckstein-Diener, näher beschrieben wird, eine Miszelle von Siegfried von Rachewitz über den Entwurf eines Festwagens durch den Meister und endlich eine höchst lesenswerte Arbeit von Peter Assmann, welche die »Auftrittsgesten zwischen Wort und Bild«, im Grunde also das Theatralische im Werk Herzmanovsky-Orlandos, einleuchtend darstellt und interpretiert.

Man darf für dieses schöne Buch dankbar sein: es macht uns mit einem poetischen Humoristen und Fantasten bekannt und stellt einen großartigen, nie wirklich gewürdigten Künstler dar, ohne den das 20. Jahrhundert ärmer gewesen wäre.