Ausstellungsbesprechungen

Art and Press - Kunst. Wahrheit. Wirklichkeit, Martin-Gropius-Bau Berlin, bis 24. Juni 2012

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts setzen sich Künstler mit dem Medium der Zeitung, ob in der Funktion als Instrument der Aufklärung oder der Manipulation, auf vielfältige Weise auseinander. Die Ausstellung zeigt über 56 künstlerische Positionen zu dem Thema, von Andy Warhol über Sigmar Polke bis zu Ai Weiwei. Katharina Hoins war vor Ort und berichtet.

Die Buchstaben formen keine Worte, keinen Sinn, sondern sind Objekte, die die Besucher der Ausstellung »Art and Press« in die Hand nehmen dürfen. Zu Hunderten liegen metallene Drucklettern in der Installation »Die Buchstaben« von Anselm Kiefer im Berliner Martin-Gropius-Bau auf dem Boden verstreut. Sie scheinen aus den Sonnenblumen gerieselt zu sein, die historischen Druckmaschinen entwachsen sind, so wie Bäume aus Ruinen sprießen. Die Druckmaschinen sind durch heftige Korrosion unbrauchbar gemacht, sie sind verkrustet, festgerostet. Wie Saurierskelette in einem Naturkundemuseum legen sie im überdachten Innenhof des historistischen Museumsbaus Zeugnis ab von einer vergangenen Epoche, der Gutenberg-Galaxis.

Kiefer findet starke Bilder für den aktuellen Medienwandel – seine Installation ist eine von 56 künstlerischen Positionen, die der Verein Kunst und Kultur Bonn e.V. in einer großen, äußerst sehenswerten Ausstellung im Erdgeschoss des Martin-Gropius-Baus zeigt. Von der Bild-Zeitung als Medienpartner wurde sie zur »sensationellen Kunstausstellung« ausgerufen und mit einer täglichen Serie bedacht, vom Energiekonzern RWE wird sie als Sponsor unterstützt. Mit einem who-is-who an Künstlern von Warhol bis Beuys, von Ai Weiwei bis Jonathan Meese und einem wissenschaftlichen Beirat von Götz Adriani über Robert Fleck bis Norman Rosenthal ist sie als Großereignis konzipiert. Und tatsächlich wäre es der Schau zu wünschen, dass sie zum Blockbuster wird, denn vor allem in der direkten Auseinandersetzung mit den Werken vor Ort wird ihr Potenzial deutlich, ein Nachdenken über Medien und Kunst anzuregen und zu bereichern, während die Zeitungs-Features aus der Bild im günstigsten Falle neugierig, im schlimmsten platt machen.

Zu einem Zeitpunkt, da die Presseverlage hektisch Zeitungen für die Bildschirme von Tablet-Computern konzipieren und neu über Existenzberechtigung, Aufgaben, Eigenschaften und Gestaltung der Zeitung nachgedacht wird, erscheint es höchst aktuell, nach der Sicht der Künstler auf die Presse zu fragen. Das hat Kurator Walter Smerling für »Art and Press« ganz wörtlich getan. Mehr als die Hälfte der ausgestellten Künstlerinnen und Künstler haben entweder selbst Werke aus ihrem Œuvre für die Schau ausgewählt oder Arbeiten extra für die Schau geschaffen. Man wollte also aktuell sein und Werke zur »heutigen Situation der Zeitung« versammeln.

Doch das Spektrum ist breiter, zu sehen sind Kunstwerke von den 1960er Jahren bis heute. Historisches wählte Kurator Walter Smerling als Entrée in den ersten beiden Räumen aus und zeigt mit Werken von Joseph Beuys, Andy Warhol, und Gerhard Richter, Günther Uecker, On Kawara und Robert Rauschenberg ein Spektrum des künstlerischen Umgangs mit der Zeitung, das durch das Wechselverhältnis zwischen Material und Inhalt geprägt ist: Uecker vernagelte Zeitungsstapel zu Blöcken, Beuys ließ sich 1974 jeden Tag 50 Ausgaben des Wall Street Journal in die Galerie Block liefern, als er sich fünf Tage lang mit einem Kojoten einsperren ließ, der die Zeitungen zerfetzte. Beuys übermalte außerdem Zeitungsseiten und kommentierte sie dadurch, Richter und Warhol lösten Motive aus der Zeitung und übertrugen sie in großformatige Malerei; dieses Prinzip scheint auch bei Tuymans oder Havekost aktuell.

Manche der Künstler, die in der Ausstellung mit aktuellen Arbeiten vorgestellt werden, etwa Mario Merz mit einer Arbeit aus Neonschrift auf Zeitungsstapeln von 2003, hätten ohne das Dogma des Zeitgenössischen mit früheren Werken noch mehr überzeugen können. Warum etwa die Arte povera der 70er Jahre nicht einfach als historische Position mit Arbeiten aus dieser Zeit von Merz und Kounellis würdigen, statt aktuelle Varianten zu zeigen, die Gefahr laufen, gestrig zu wirken? Auch die Zeitungsstapel von Robert Gober, in denen er die oben auf liegenden Schlagzeilen veränderte, um Diskriminierungen sichtbar zu machen, sind nicht heute entstanden, sondern markieren eine wichtige Position der Kunst und Medienentwicklung der 1990er Jahre. Die Zeichnungen von John Baldessari von 1971 oder Christian Boltanskis Fotoinstallation »Die Archive der Zeitung« von 1989 sind stark genug. Sie haben die Rechtfertigung, dass die Künstler sie auch für die heutige Situation der Medien noch für aussagefähig halten, als Legitimation gar nicht nötig. Gerade die historische Komplexität macht die Ausstellung neben der thematischen Vielfalt so interessant.

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Ai Weiwei etwa präsentiert Armiereisen aus einem Gebäude in Beichuan, das 2008 vom großen Erdbeben zerstört wurde – die Installation gemahnt einerseits an das Ereignis, andererseits daran, dass es in der offiziellen Berichterstattung verschwiegen und von den chinesischen Medien vertuscht wurde.

Eigens für die Ausstellung konzipiert hat Barbara Kruger eine Rauminstallation, die ihre Besucher mitten in die Schlagzeilen der Boulevardpresse versetzt. Der Boden des kleinen Raums ist übersät mit Berichten aus deutschen Tageszeitungen zum Thema Immigration, an den Wänden prangen Aussagen in riesigen Blockbuchstaben, etwa »DAS LEBEN IST KEIN SCHAUSPIEL«. Körperlich spürbar macht Kruger in diesem Raum eine Tendenz der Medien zur Hermetik, zur eigengesetzlichen Konstruktion und macht bewusst, wie stark das, was wir zu wissen glauben, durch die Medien geprägt ist. Auf einem kompakten Kubus aus Altpapier platzierte Gloria Friedmann einen ausgestopften röhrenden Hirsch, eine kuriose Paarung, die auf die Gefährdung unserer Umwelt durch den leichtfertigen Umgang mit Ressourcen aufmerksam macht. Gleichzeitig gerät der röhrende Hirsch durch die auffällige Präsenz von männlichen Politikern wie Dominique Strauss-Kahn, Wladimir Putin, Nicolas Sarkozy in den ausgewählten Artikeln zur tierischen Metapher eines Rollenmodells in der Politik.

Anhand einiger Arbeiten von Robert Longo, Luc Tuymans oder Richard Prince greift die Ausstellung das Wechselverhältnis von Malerei und Medienbildern auf. Eberhard Havekost etwa überträgt die Farbigkeit und Ästhetik von Magazinen in seine Gemälde – hier, wie an so mancher Stelle, wäre ein Verweis auf Werke vor 1945 als Vergleichsbeispiel auf einem mobilen Guide zur Ausstellung bereichernd gewesen. Das Wissen um Hannah Höchs Collagen etwa, die bereits ob der Bilderflut der Illustrierten der 1920er Jahre mit ähnlichen ästhetischen Mitteln arbeitete, verleiht der Magazin-Malerei Havekosts eine zusätzliche Tiefe. Auch die Zeitungsausschnitte, die etwa für Marlene Dumas und Markus Lüpertz als Vorlagen dienten, hätten sich statt in einer Vitrine oder an der Wand gut auf einem Multimedia-Guide gemacht. Zwar gibt es eine App zur Ausstellung, die Audioguide, Abbildungen der ausgestellten Objekte und kurze Video-Interviews vereint, die Walter Smerling mit einigen Künstlern führte – leider verzichtete man aber auf die Chance, das Material für den Rundgang in der Ausstellung zu erweitern. Der multimediale Guide hätte den Besuchern eine zusätzliche Perspektive auf alte und neue Medien mit ihren jeweiligen Spezifika eröffnet. Eine Ausstellung mit diesen Projektpartnern hätte neue Maßstäbe in der Vermittlung durch mobile Medien setzen können, schließlich sieht der Springer-Verlag die Zukunft der Zeitung gerade in mobilen Anwendungen und zeigt etwa mit der App der Welt, was bereits möglich ist.

Statt dessen liefert die Ausstellung im Umgang des Innenhofs im ersten Stock eine Galerie aus iPads, die in Stelen eingepasst sind. Sie zeigen historische Beispiele der Zeitungskunst und solche, die im Original offenbar für die Ausstellung nicht zu beschaffen waren. Man kann die Werke per Multitouch heranzoomen und Begleittexte aufrufen. Ebenso gut hätte man die Reproduktionen und Texte auch auf eine umlaufende Tapete drucken können. Die spezifischen Möglichkeiten des Mediums, das die aktuelle Situation der Presse so wesentlich prägt, um die es der Ausstellung doch geht, wurden leider nicht genutzt.