Buchrezensionen

Artur R. Boelderl, Monika Leisch-Kiesl (Hg.): "Die Zukunft gehört den Phantomen". Kunst und Politik nach Derrida, Transcript 2018

„Die Zukunft gehört den Phantomen“, sagte Jacques Derrida 1983 im Film „Ghost Dance“ und man könnte behaupten, im heutigen Zeitalter der Fake News sind seine Aussagen brisanter denn je. Das Phänomen des Phantoms – gemeint ist die Denkfigur, die, aus dem Unbewussten kommend, Vorstellungen und Wahrnehmungen überlagert – hat ihn von seinen Anfängen an beschäftigt und nahm in seinem Spätwerk breiten Raum ein. Die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Text-Bild-Bandes begeben sich auf die Suche nach den besagten Phantomen in der Kunst und den Gesellschaftswissenschaften. Ulrike Schuster hat den Band für Sie besprochen.

Es ist still geworden um den einstigen Starphilosophen der Postmoderne. Allerdings nicht nur um ihn: die gesamte Ära ist gleichsam in weite Ferne gerückt, sie wirkt wie aus der Zeit gefallen, obwohl sie niemals offiziell für beendet erklärt wurde. Obwohl die Symptome – der Verlust der großen Narrative, das Ende des Optimismus von klassischen Geschichtsmodellen, das Scheitern der Utopien, um nur einiges zu nennen – nach wie vor deutlich vor unseren Augen liegen und die verwirrende, chaotische Gegenwart geradezu verlangte nach dem klugen, brillanten, auch zur Selbstironie befähigten Blick durch die postmoderne Brille. Doch im Zeitalter der Kurznachrichten ist immer weniger Platz für komplexe gedankliche Auseinandersetzungen.

Insofern ist die vorliegende Publikation ein Stück weit Widerstand gegen den Zeitgeist. Der Ausgangspunkt war ein Kolloquium, das im September 2014, dem zehnten Todestag Derridas, an der Katholischen Privat-Universität in Linz stattfand. Auch diese Institution bürstet gegen den Strich, es handelt sich um eine der wenigen Hochschulen, in denen man sich nach wie vor ausführlich komplexen Bereichen der Geisteswissenschaften widmet, sich in kritischer Theorie übt und vielschichtige Denkansätze detailliert analysiert und diskutiert.

Die Teilnehmenden am Derrida-Diskurs kommen aus unterschiedlichen Disziplinen und bearbeiten Themenbereiche von Literaturwissenschaft und Philosophie, Film und Fotografie, bildender Kunst, Musik- und Kunstwissenschaft, Psychologie, aber auch Politik und Gesellschaftskritik. Es ist natürlich kein leichtes Unterfangen! Die 1990er Jahre sind vorbei und immer noch erweist Derrida sich als sperrige Lektüre. Man plagt sich in seinen Texten durch Schleifen und Satzmäander, holpert über Spitzfindigkeiten, scheinbar sich selbst widersprechende Feststellungen und Ungetümen von Definitionen wie zum Beispiel: „Der Eigenname kommt nicht dazu, sich auszulöschen, er kommt sich auslöschen, indem er sich auslöscht, er kommt nur in seiner Auslöschung oder, zufolge einer anderen Syntax, er kommt zurück darauf, sich auszulöschen. Er kommt nur an, sich auszulöschen. […]

Ein zusätzliches Problem besteht in der Übersetzung. Wie weit lässt sich das Œuvre des großen Sprachartisten überhaupt ins Deutsche übertragen? Bereits der berühmteste Schlüsselbegriff Derridas, die différance, sorgte seinerzeit für gehöriges Aufsehen, da er doch seine eigene Schreibweise mit „a“ einführte. Er liebte es, seine Denkkonstrukte in eigene Sprachschöpfungen zu kleiden. Mitherausgeberin Monika Lesch-Kiesl kommt in ihrem Beitrag mehrmals auf das Übersetzungsproblem zu sprechen, greift wiederholt auf den französischen Originaltext zurück. Trotz der genannten Schwierigkeiten enthält der Band einen Beitrag Derridas, der erstmalig in Deutsch erscheint. Dieser trägt den Titel „Prägnanzen“ und nähert sich in einer sehr poetischen Weise den lavierten Grafiken der französischen Künstlerin Colette Deblé.

Insgesamt zwanzig Beiträge vereint der Sammelband. Die Zugänge sind erwartungsgemäß, je nach Fachbereich der Autorinnen und Autoren, breit gefächert. Dabei fällt auf, dass vielfach die Annäherung an den namentlichen Gegenstand des Buches, Kunst und Politik nach Derrida, über die Umwege beziehungsweise vorsichtige Umkreisungen geschieht, vorzugsweise über die Texte anderer Schriftsteller und Denker. Hans Joachim Lenger betrachtet eine Erzählung von Herman Melville und reflektiert sie im Lichte Derridas. Elisabeth Schäfer analysiert das intensive Verhältnis zwischen dem französischen Philosophen und der österreichischen Lyrikerin Friederike Mayröcker. Detlef Thiel vergleicht Derridas Theorien mit den Schriften des aus Posen stammenden Humoristen Salomo Friedlaender, der unter dem Pseudonym Mynona veröffentlichte. Wiederholt fällt der Verweis auf Karl Marx. Zwar verband inhaltlich die beiden Denker so gut wie gar nichts. Doch Derrida fesselte der berühmte Anfangssatz aus dem „Kommunistischen Manifest“: „Ein Gespenst geht um in Europa…“ Ein Gespenst wohlgemerkt, das die Gegner der Kommunistischen Bewegung mit Absicht an die Wand gemalt hatten, um diese zu diskreditieren.

Es ist diese Denkfigur, die Derrida in seinen Phantomen wiederaufgreift. Sein Phantom ist nicht einfach zu fassen. Wie alle zentralen Begriffe bei Derrida, so ist auch dieser komplex und vieldeutig, lässt unterschiedliche Spielräume und Lesarten offen, denn es handelt sich um das Unstete, das unsere Gedanken heimsucht. Vorstellungen, die sich aus dem Unbewussten speisen, aber den öffentlichen Diskurs beherrschen und damit auch den Blick auf die Welt und die sogenannte Wirklichkeit. Andreas Oberprantner verweist in seinem Essay ungeschönt auf die Bilder der Flüchtlingskrise von 2015 und die damit verbundenen „Gespenster“, die damals in den Köpfen der Menschen entstanden. Doch diese Geister sind nicht einfach Dämonen, die uns heimsuchen. Sie stehen auch an der Schwelle zum Imaginären, der kreativen Vorstellungswelt, sind somit wesentlich in der Lesbarkeit von Kunst. Derrida hat für das Phänomen ein wunderschönes Bild ins Spiel gebracht: den Einschnitt, respektive Bruch, Bresche, Spalte, Fraktur etc. In seiner Terminologie öffnet sich eine Spur, sprunghaft, plötzlich, und erweitert den Raum um neue Einsichten. So wohnt den Gespenstern auch etwas Erweckendes inne.

Ein besonderes kleines Juwel im Band ist die Text- und Foto-Collage mit Bildern von Safaa Fathy und Texten von Artur R. Boelderl, sie ist spritzig, pointiert und amüsant. Eine weitere Dosis an Kopfvitaminen in einer Publikation, die reich ist an Denkanstößen.

Titelangaben

Artur R. Boelderl, Monika Leisch-Kiesl (Hg.)
„Die Zukunft gehört den Phantomen“. Kunst und Politik nach Derrida
Transcript, ISBN: 978-3-8376-4222-3, Ladenpreis 39,99 €