Ausstellungsbesprechungen

Aufbruch Realismus – Die neue Wirklichkeit im Bild nach '68, Städtische Museen Heilbronn, bis 1. Juli 2012

Verschiedene Strömungen und Ereignisse trugen dazu bei, dass die Siebziger Jahre der gegenständlichen Kunst neue Perspektiven eröffnet haben. In der Heilbronner Ausstellung werden erstmals im Rückblick die verschiedenartigen Facetten jener Realismen beleuchtet, die sich nach 1968 entwickelten. Günter Baumann hat sich damit beschäftigt.

Es ist an sich kaum der Rede wert, dass Ausstellungsmacher von ihren Projekten eingenommen sind. Andrerseits fordern die Budgets, der Arbeitsaufwand, eine professionelle Routine und zuweilen mäßiges Besucherinteresse ihren Tribut. Im Fall der Heilbronner Ausstellung »Aufbruch Realismus – Die neue Wirklichkeit im Bild nach ’68« scheint jedoch ein Nerv getroffen worden zu sein, der aufmerken lässt. Die Schau erstreckt sich über beide Häuser der Städtischen Museen, das Museum im Deutschhof und die Kunsthalle Vogelmann — was nicht nur die Größe der Ausstellung andeutet, sondern auch die Bedeutung unterstreicht, die sie für die Region und darüber hinaus hat. Dieter Brunner, dem Projektleiter der Ausstellung, war schon in deren Vorfeld anzumerken, dass er zu Studienzeiten an der Kunstakademie in die 1970er Jahre hineingewachsen ist, und auch seine langjährige Kuratorentätigkeit in Heilbronn haben seinen theoretischen Hintergrund so angereichert, dass die aktuelle Realismus-Schau von unmittelbaren und historisch fundierten Erfahrungen profitiert. Hinter dem voluminösen Anspruch ist die Symbiose von Herzblut und Kennertum deutlich zu spüren. Auch der Heilbronner Bürgermeister Harry Mergel, der von den 68ern noch gar nicht direkt betroffen war, gab zur Eröffnung mehr als Sympathiebekundungen für diese Jahre ab, deren Bedeutung heutzutage oft kleingeredet wird. Dass das Thema der Auseinandersetzung mit der Realität jedoch in der Luft liegt, macht die überraschende Medienpräsenz deutlich, die die Ausstellung genießt.

Der neue Umgang mit der Wirklichkeit macht zwar nur ein Segment jener aufwühlenden Jahre nach 1968 aus, doch in dieser Fülle werden die diversen Formen des Realismus und ihre Facetten erstmals in Deutschland gezeigt. Im Dampfkessel der Gesellschaft bewegte sich auch die Kunst: Die Pop-Art schwappte von den USA auf Europa über, und die Hyperrealisten — auch sie vorwiegend in Amerika zu Hause — erregten 1972 auf der legendären documenta 5 in Kassel die Gemüter, sowohl kritisch wie auch euphorisch. Nicht von ungefähr wurden in dieser Zeit die Neue Sachlichkeit, der Magische Realismus und der Surrealismus wiederentdeckt, sodass die gegenständliche Kunst eine Renaissance erlebte, die zumal in Europa nach 1945 kaum mehr für wahrscheinlich erachtet wurde. Die Spannbreite der Positionen reichte plötzlich vom Kritischen bis zum Fantastischen Realismus.

Die fast 70 Künstler der Heilbronner Ausstellung zeigen nicht nur die Vielfalt der neuen Figuration und Dinglichkeit, sondern wecken das Interesse auch durch die Leerstellen, die der Übersichtlichkeit und pragmatischen Überlegungen geopfert wurden: Die Plastik ist praktisch nicht vorhanden, die Fotografie ist ausgespart, manche Wunschbilder konnten nicht beschafft werden — so sollte der Fantastische Realismus mit Hausner-Werken repräsentiert werden, die für andere Ausstellungen blockiert waren. Umso glücklicher zeigte sich Brunner, dass mit einigen Bildern von Gerhard Richter einer der bedeutendsten gegenwärtigen Künstler vertreten ist. Daneben kann man Arbeiten von Robert Cottingham, Howard Kanovitz oder Lowell Nesbitt entdecken; Grützke, Klapheck und Willikens sind von (west)deutscher Seite dabei, die wichtigen ostdeutschen Positionen spiegeln sich in Arbeiten von Mattheuer, Stelzmann oder Tübke wider. Daneben findet der Betrachter Namen, die man heute vergessen hat, die aber gerade im gegenwärtigen neuen Bewusstsein für die Realismen in der Kunst eine Würdigung verdienen.

Nicht zuletzt wegen der weniger bekannten Namen sei die Künstlerliste herangeführt, die den Besuch der Ausstellung empfehlen — wegen ihres Renommees einerseits und wegen ihrer notwendigen Wiederentdeckung andrerseits —: Hermann Albert, Heiner Altmeppen, Axel Arndt, Bettina von Arnim, Dieter Asmus, Ulrich Baehr, Moritz Baumgartl, Manfred Bluth, Gisela Breitling, Peter Collien, Alex Colville, Robert Cottingham, Christa Dichgans, Hans-Jürgen Diehl, Peter Dreher, Harald Duwe, Don Eddy, Otto Engbarth, Hildegard Fuhrer, Arwed Gorella, Johannes Grützke, Almut Heise, Geoffrey Hendricks, Jean-Olivier Hucleux, Jörg Immendorff, Howard Kanovitz, Konrad Klapheck, Peter Klasen, Matthias Koeppel, Dieter Kraemer, Klaus Langkafel, Wolfgang Mattheuer, Rune Mields, Maina-Miriam Munsky, Peter Nagel, Lowell Nesbitt, Philip Pearlstein, Wolfgang Petrick, Uwe Pfeifer, Hans Peter Reuter, Gerhard Richter, Franz Sequenc, Peter Sorge, Volker Stelzmann, Norbert Stockhus, Jan Peter Tripp, Werner Tübke, Dietmar Ullrich, Hermann Waldenburg, Jürgen Waller, Ben Willikens, Lambert Maria Wintersberger, Paul Wunderlich, Sigi Zahn, Karlheinz Ziegler.

Die internationale Bewegung mit starkem Gewicht auf der US-amerikanischen Kunst ist genauso beachtenswert wie die fulminant vielfältige Szene in den deutschsprachigen Ländern (dazu kommen Arbeiten wie die des Franzosen Jean-Olivier Hucleux, der mit einem hyperrealen Friedhofs-Gemälde aus seiner documenta-Serie von 1972 brilliert). Überraschungen sind garantiert, wenn man etwa an die Arbeiten von Rune Mields denkt, die zurzeit großes Interesse weckt, ohne dass man ihr frühes Werk in den 1970er Jahren vermutet. Andrerseits kam Peter Nagel von der Art Brut her, und wandelte sich im Zuge der Realismus-Welle zum Fotorealisten. Auf jeden Fall werden all jene Lügen gestraft, die den Realismus für erledigt hielten. Er zeigt sich vielmehr so rückwärtsbezogen (Koppel) wie aufwieglerisch (Gorella), so witzig (Baumgartl) wie nachdenklich (Klapheck) und so abstrakt-nüchtern (Reuter) wie provokant (Stelzmann) oder zynisch (Duwe). Dass es selten nur um Einzelpositionen geht, zeigen Gruppierungen wie »Zebra« oder die »Schule der neuen Prächtigkeit«, die selbst schon jeweils eigene Dynamiken entfalten. Darüber hinaus bieten die Museen exemplarische Seitenblicke auf die realistischen Strömungen in den 1920er Jahren, die teilweise einen deutlichen Einfluss auf die Kunstproduktion ein halbes Jahrhundert später zeigen. Und mit Franz von Defreggers »Ankunft auf dem Tanzboden« aus Heilbronner Besitz ist sogar ein kleiner Brückenschlag zum Realismus des 19. Jahrhunderts zu sehen.