Rezensionen, Kataloge

Aufbruch Realismus. Die neue Wirklichkeit im Bild nach '68, hrsg. v. Städtische Museen Heilbronn, Kerber 2012

Der Katalog zur bereits vergangenen Heilbronner Schau besticht durch einen (kunst)historisch-dokumentarischen sowie kaleidoskopartigen Blick auf den Realismus Ende der 1960er Jahre. Insgesamt acht Essays spüren dem Phänomen nach. Es ergibt sich ein äußerst nuancenreiches Bild, da gleiche Themen jeweils unter einem anderen Aspekt behandelt werden. Rowena Fuß hat für Sie reingeschaut.

Herausgefordert wird der Leser jedoch nicht nur vom konzisen Inhalt der Beiträge, sondern auch vom Layout des Buches. Denn es droht gleich zu Beginn eine Reizüberflutung: Die Vorsatzblätter sind in ein grelles neongrün- und magentafarbenes Gewirr aus den verschiedensten Gegenständen wie Brillen, Schaufeln, Rasierklingen und anderem getaucht, das beim Betrachter zu optischen Nachbildern auf den folgenden Seiten führt. Zur Normalisierung des Sehvermögens sollte man schnell weiterblättern, der schwarze Text auf weißem Grund beruhigt das Auge. Lediglich in den Überschriften blitzt noch einmal ein Magentaton auf.

Was gibt es nun zu erfahren? Zunächst historisches. Im ersten Aufsatz gibt Dieter Brunner einen Abriss zum postmodernen Realismus, beginnend in den 1920er Jahren. Hier standen magische und neusachliche Künstler den abstrakten gegenüber und rangen um Anerkennung. Aber erst durch die Pop-Abteilung der documenta 4 (1968) und den Fotorealismus der documenta 5 (1972) wurde der Realismus »hoffähig«, so Brunner. Den Hintergrund für die Erstarkung realistischer Malweisen bildeten die Studentenunruhen, die Hippie-Ära, die Auseinandersetzung mit der RAF, der Kalte Krieg etc. Bedingt durch ein Bedürfnis nach neuen, die gesellschaftliche Situation reflektierenden Ausdrucksformen, wurde der Realismus in den 70ern ein bedeutender Kunstfaktor.

Inhaltlich nahe kommt diesem Text der Beitrag von Birgit Möckel, die auf die 1920er Jahre als Wegbereiter für aktuelle realistische Tendenzen zurückblickt. Doch betrachtet Brunner die Sache durch eine historische Brille, guckt Möckel durch eine kunsthistorische. Von Courbet über Dix, Duchamp, Grosz, Chirico und Radziwill gelangt sie zur Darstellung einer Schreibmaschine bei Konrad von Klapheck, von Motoren und technischen Anlagen bei Carl Grossberg und Margarete Dreher oder dem Müllberg von Christa Dichgans alias »Der jüngste Tag« (1976).

Doch worin besteht nun eigentlich das »Prinzip Realismus«? Der zweite Aufsatz klärt darüber auf. Wichtig ist: Realismus bedeutet nicht, eine 1:1-Kopie zu erstellen, sondern es geht vielmehr um ein realistisches Erfinden. Als Beispiele führt der Autor Giotto, Dürer und Caravaggio an. Der künstlerische Realismus ist eine subjektive Angelegenheit und von der Wahrnehmung des Einzelnen abhängig. Das Bild nähert sich der Wirklichkeit an, die sich wiederum darin spiegelt. Somit zielt das Bild auf eine soziale Realität ab. Daraus wiederum ergibt sich für den Realismus eine Schau- und Kehrseite, die aus Illusion und realistisch erfasstem Detail einerseits und Karikaturhaftem/Verzerrtem andererseits besteht.

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Die Schilderung der erlebten und beobachteten Wirklichkeit ist Thema von weiteren Essays, die diesen Aspekt aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. In seinem zweiten Aufsatz widmet sich Brunner beispielsweise der Objekttreue zwischen Fotografie, Beobachtung und Erfindung. Magrittes Bildnis einer Pfeife mit der Bildinschrift »Ceci n’est pas une pipe« (1928/29) dient hier zur Veranschaulichung. Denn: Selbst die noch so realistische Abbildung eines Objektes kann nicht das Objekt selbst sein. Im Realismus vollzieht sich die Neu-Erfindung der erlebten und wahrgenommenen Wirklichkeit. Gerhard Richter packte dies in die griffige Formulierung: »Das Foto ist nicht Hilfsmittel für die Malerei, sondern die Malerei Hilfsmittel für ein mit den Mitteln der Malerei hergestelltes Foto«.

Mit Blick auf den assoziativen Realismus der 70er Jahre befasst sich Brunner in einem weiteren Beitrag schließlich mit den Ausdrucksmöglichkeiten. Dieser instrumentalisierte für die Wirklichkeitsdarstellung das realistische Formenvokabular und die surrealistische Kombination. Nicht zuletzt bedienten sich die Künstler auch alter, traditioneller Stoffe, denen sie neues Leben einhauchten (etwa dem Stillleben).

Der vorletzte Text widmet sich nun der Konstruktion und Erfindung in der Neuen Gegenständlichkeit. Er stellt den Begriff des Realismus als keine formale, sondern inhaltliche Kategorie heraus. Realistische Kunst strebt nach innerer Wahrheit. Sie hat den Anspruch, soziale Wirklichkeit abzubilden und darüber hinaus zur Bewusstmachung gesellschaftlicher Probleme beizutragen.

Letzteres lässt an das Credo der documenta denken und tatsächlich findet sich eine Verknüpfung. Unter dem Oberbegriff der documenta 5 beschäftigt sich der vierte Aufsatz mit dem internationalen Kontext des Realismus der 70er Jahre. Der künstlerische Leiter Szeemann stellte den Blick auf verschiedene Realitätsgrade vor, indem er u.a. die Kunst von Geisteskranken mit einbezog. Ferner wurden Werke des Hyperrealismus, des sozialistischen Realismus (Mattheuer, Tübke) und des fantastischen (Wiener) Realismus (Hausner) gezeigt. Die d5 öffnete dadurch Bildwelten, die nur indirekt mit den gängigen Vorstellungen von Kunst zu tun hatten, aber wesentlich mit den Auffassungen von Gesellschaft zusammenhingen.

Der letzte Essay von Michael Nungesser stellt dann auch die Konsumgesellschaft an den Pranger. Besonders eindrücklich ist das Bild von Harald Duwe in diesem Kapitel: »Ein Platz an der Sonne« (1973) zeigt einen kleinen schreienden Jungen. Dieser liegt wie ein Neugeborenes in seiner Wiege aus Müll. Arwed D. Gorella beschäftigt sich in seinem Bild »Interview mit Courbet, in das Karl Marx sehr heftig eingreift« (1972) hingegen mit Geschichte und Philosophie vor dem Hintergrund politischer Konflikte. Nungessers Aufsatz zeigt damit eine Parallele zu Möckel auf, konzentriert sich jedoch stärker auf einen sozialkritischen Blick.

Kurzum: Ein sehr lesenswertes Buch!