Ausstellungsbesprechungen

Augen auf! Thomas Mann und die bildende Kunst, Buddenbrookhaus und Museum Behnhaus Drägerhaus, Lübeck, bis 6. Januar 2015

Thomas Mann und die bildende Kunst? Das war bislang kein großes Thema, aber die Doppelausstellung in gleich zwei Lübecker Häusern könnte das ändern, denn sowohl der Blick des Dichters auf die Kunst als auch der Blick der Künstler auf den Autor und sein Werk werden in einer abwechslungsreichen und großen Schau vorgestellt. Stefan Diebitz ist durch beide Museen gewandert.

Im Buddenbrookhaus in der Mengstraße findet sich die kleinere der beiden Ausstellungen. Hier wird gezeigt, in welcher Weise Thomas Mann Künstler zu inspirieren wusste. Natürlich werden die Umschläge einiger seiner Bücher wie auch mit der Hilfe ausgewählter Buchseiten die Illustrationen vorgestellt. Es finden sich so große Namen wie Thomas Theodor Heine und Oskar Kokoschka, aber auch weniger bekannte, ja vergessene. Am interessantesten ist wohl die Entstehungsgeschichte der bekannten Bronzebüste, die Gustav Seitz in den fünfziger Jahren für das Lübecker Behnhaus hergestellt hat. Im Besitz des Museums ist das kleine Notizbuch des Künstlers, in dem er einerseits Zeichnungen des charakteristischen Kopfes anfertigte, andererseits ausführlich die für ihn offensichtlich äußerst angenehme Arbeit mit dem berühmten Dichter dokumentierte. Zusätzlich werden die Litografien von Hermann Ebers zu »Joseph und seine Brüder« oder die Scherenschnitte ausgestellt, mit denen Emil Preetorius die Idylle »Herr und Hund« illustrierte.

Offenbar war die Kunst für Thomas Mann wichtiger, als sein Werk es für die Kunst gewesen ist. Denn so interessant der Besuch des Buddenbrookhauses sein mag, das Schwergewicht der Ausstellung liegt doch im Behnhaus, dessen Räume wie geschaffen sind, bürgerliche Kunst dieser Zeit auszustellen. Charakteristisch dabei ist wohl weniger das, was gezeigt wird, als vielmehr das, was fehlt – zu nennen ist vor allem die expressionistische Kunst, die Thomas Mann ablehnte, und dazu die Abstraktion, wenngleich der Schriftsteller in seinem Todesjahr sich doch noch wohlwollend-verständnisvoll mit ungegenständlichen Zeichnungen Hans Arps beschäftigte. Wahrscheinlich war die expressionistische Kunst ihm viel zu direkt und emotional, nicht handwerklich-gezügelt und distanziert-ironisch wie der Meister selbst. In seinem Vorwort zu Frans Masereels »Stundenbuch« schrieb er 1926 über den belgischen Künstler, »daß er kein Stimmungskünstler sei, nach Wochen des Müßigganges in Stauungsexplosionen rabiat und genialisch das Seine hervorbringend«, und schien sich eben in der Charakteristik des Künstlers selbst zu beschreiben oder zumindest wiederzufinden.

Die Schau ist chronologisch aufgebaut. Der erste Raum ist mit »Die enge Stadt« überschrieben, womit Lübeck im Gegensatz zu München gemeint ist. Ob man damit dem weltstädtischen Charakter der alten Hansestadt gerecht wird? Die akkuraten Bleistiftzeichnungen Carl Julius Mildes, eines Lübecker Künstlers, der nicht allein künstlerisch tätig war, sondern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit seinen Blättern den alten Baubestand dokumentierte und damit den Denkmalschutz vorbereitete, zeigen ein beschauliches Lübeck, in dem Thomas Mann aufwuchs und die »Buddenbrooks« spielen. Milde dürfte kaum über seine Heimatstadt hinaus bekannt sein, aber er war ein sehr ernsthafter Künstler, der viel konnte. In diesem Frühjahr gab sein »Weiblicher Akt in einer Ranke« das Motiv für das Ausstellungsplakat, mit dem die Hamburger Kunsthalle ihre große Ausstellung über die Arabeske bewarb. Seine filigranen Zeichnungen zeigen ein biedermeierliches, friedliches Lübeck, von dem leider nicht viel geblieben ist.

Ganz anders die Atmosphäre in München, in Katalog und Ausstellung als »Stadt im Licht« angesprochen, wo der junge Mann im Hause Pringsheim, seines Schwiegervaters, unter anderem auf ein Wandfries von Hans Thoma traf. Diese Gemälde treffen heute wohl nicht mehr unbedingt den Geschmack der Mehrheit – sie sind doch sehr wilhelminisch, und die wenigsten würden sich in ihrer guten Stube nackte Jünglinge anschauen mögen, die Blumenkränze an die Laube knüpfen. Eine schöne Anekdote ergibt allerdings der »Kinderkarneval« von Friedrich August Kaulbach, im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts ein großes Erfolgsbild, das sich sogar auf Servietten wiederfand und das sich auch der vierzehnjährige Thomas Mann aus der Zeitung ausschnitt und an die Wand hängte. In München fand er schließlich heraus, dass das Kind ganz links Katia war, so dass seine Ehefrau ihn schon Jahre vor ihrem Zusammentreffen von der Zimmerwand anlächelte, wenn er schlafen ging.

Zunächst war es die Bildhauerei, die Thomas Mann den Zugang zur Kunst eröffnete. Wunderbare Plastiken Fritz Behns und Ernst Barlachs gehören dazu; der eine schuf von Thomas Mann bewunderte Tierplastiken – sein beliebtestes Motiv ist der schleichende Panther –, der andere zeigte Phänotypen des Menschlichen wie etwa den Bettler. Beide Künstler wurden von dem ersten Direktor des Behnhauses, Carl Georg Heise, gefördert, einem weit vorausschauenden und klugen Mann, der schon früh die klassische Moderne einkaufte und so mehr als nur die Basis für den heutigen Bestand des Behnhauses legte. Auch war er es, der die schmucklose Fassade der nahebei gelegenen Katharinenkirche mit den eindrucksvollen Figuren Ernst Barlachs besetzte.

Fortsetzung von Seite 1

Es würde zu weit führen, an dieser Stelle auch nur die Themen der weiteren Säle aufzuführen. Nur einige Glanzlichter! Thomas Mann wurde wiederholt von einzelnen Kunstwerken inspiriert. Besonders schön kann man das an einer Leihgabe aus der Hamburger Kunsthalle erkennen, an Max Slevogts Porträt »Bürgermeister William Henry O’Swald« von 1905, das dem Dichter als Vorlage diente, als er den Großvater Hans Castorps nicht zu beschreiben wusste. Wie ingeniös und wirklich kongenial Mann die Erscheinung des in einen traditionellen Talar mit hanseatischer Halskrause gekleideten Würdenträgers beschreibt, zeigt ein langes Zitat aus dem »Zauberberg«, das sich im Katalog findet.

Das wahrscheinlich für sein privates Erleben wichtigste Bild war das Ölgemälde »Die Quelle« von Ludwig von Hofmann, das den Dichter ein ganzes Leben begleitete, meist so, dass er auf es schaute, wenn er am Schreibtisch den Blick hob. Das 1905 gemalte Bild sah er 1914 ein erstes Mal, woraufhin er sich, in seinen eigenen Worten, »bis über beide Ohren« in es verliebte. Natürlich zeigt es nackte Knaben in dekorativen Stellungen vor einem blauen Hintergrund.

Carl Georg Heise gelang es wiederholt, Thomas Mann für Rezensionen oder Vorworte zu gewinnen. Ein erstes Mal geschah dies 1926, als Mann Frans Masereels »Stundenbuch« einleitete, dessen Holzschnitte und Tuschezeichnungen zu den Höhepunkten der Lübecker Ausstellung gehören. Später gewann Heise Thomas Mann für eine Besprechung von einem Band mit Fotografien von Albert Renger-Patzsch (1897–1966), der in »Die Welt ist schön« seine sehr sachlichen, in seinem eigenen Verständnis dezidiert unkünstlerischen Aufnahmen versammelte – woraufhin Thomas Mann sie dann doch für Kunst erklärte. Das Behnhaus zeigt aber nicht nur einige der Aufnahmen aus diesem Band – es sind Schwarzweißfotos von Pflanzen –, sondern auch eine Reihe überaus eindrucksvoller Bilder aus Lübeck aus dem eigenen Bestand, die als Gegengewicht zu den so ganz anders gearteten Zeichnungen Mildes dienen können. Angesichts der technischen Möglichkeiten, welche die Fotografie heute selbst einem Amateur bietet, ist es erstaunlich, wie sehr dieser Fotograf selbst seinen professionellen Kollegen unserer Tage überlegen ist. Die Qualität seiner Bilder ist geradezu schockierend.

Es war eine glückliche Entscheidung, Max Oppenheimers Porträt des Dichters für das Ausstellungsplakat zu wählen, denn das Ölbild von 1926 zeigt besonders schön den scharfen Blick Thomas Manns und illustriert damit den Titel, der die Bedeutung desselben betont. Man kennt den Kopf Thomas Manns zur Genüge als Büste, und auch seine Selbstinszenierungen hinter dem Schreibtisch sind bekannt genug. So stellt dieses Bildnis eine wirkliche Alternative dar. Besonders ist es dem Maler ganz wunderbar gelungen, das Funkeln der randlosen Brille einzufangen – allerdings waren die Strahlen, die von dem Glas ausgehen, eben das an dem Bild, das Thomas Mann nicht zu schätzen schien.