Buchrezensionen

August Kopisch. Maler · Dichter · Entdecker · Erfinder, Sandstein Verlag 2016

Gerade jetzt ist Capri mit seiner Blauen Grotte dem ein oder anderen sicher wieder eine Reise wert. Die wenigsten aber denken dabei an ihren (Wieder-)Entdecker August Kopisch. Umso besser, dass eine Ausstellung und ein Katalog den vielseitigen Lebenskünstler und sein Werk würdigen. Stefanie Handke hat das Buch gelesen.

Der Titel von Ausstellung und Katalog beschreibt Kopisch als vielseitig begabten Mann: Als »Maler · Dichter · Entdecker · Erfinder« weist der ihn aus. Das gibt aber nur einen kleinen Eindruck von Kopischs Persönlichkeit, denn bei ihm handelte es sich zugleich um einen echten Lebenskünstler. Als Sohn eines Kaufmanns in Breslau geboren, ließ er sich im Grunde genommen lange Jahre treiben: Die Lateinschule verließ er ohne Abschluss, schrieb sich danach an der Kunstakademie in Prag ein, ging von dort nach Wien, wo er rege Kontakte in der örtlichen Künstlerszene pflegte, um nach dem Tod seines Vaters zunächst nach Breslau zurückzukehren und dann die Dresdner Kunstakademie zu besuchen. Ob er dabei intensiv studierte oder nicht, ist nicht bekannt. Dabei schwankte er stets zwischen Malerei und Poesie und neigte nach einer folgenschweren Handverletzung dann doch stärker zur Literatur.

So ist es kein Wunder, dass sein bekanntestes Werk wohl »Die Heinzelmännchen« ist, jenes Gedicht, in dem er die Kölner Sage von den kleinen hilfsbereiten Geistern verarbeitet und erzählt, warum die kleinen Kerle den Kölnern nicht mehr zu helfen gewillt sind. Das entstand jedoch erst, als er schon in Berlin lebte. In Italien selbst indes arbeitete er zunächst an einem Drama, das wenig Erfolg hatte, und konnte unter seinen Landsleuten vielmehr mit dem Gedicht »Historie von Noah«, das im Stil der damals beliebten Trinklieder gehalten war. Sabine Magnani von Petersdorff leuchtet darüber hinaus Kopischs Verhältnis zur italienischen Sprache und Literatur aus. In Italien fand er wohl die Freiheit, die seinem Naturell, sich treiben zu lassen, entsprach, aber auch Inspiration. So sammelte und übersetzte er folkloristische Poesien oder übertrug Filippo Camaranos »Pulcinella molinaro« ins Deutsche. Seine Sympathie für das einfache Volk, seine Kultur und Kunst, zeigte sich deutlich in diesem literarischen Schaffen, das auf der italienischen Volkskultur fußte.

1826 schließlich sollte er dem Italientourismus einen großen Dienst erweisen: Er reiste zunächst nach Neapel, fühlte sich hier wohler als in Rom – und blieb. Schnell lernte Kopisch den örtlichen Dialekt, knüpfte Kontakte zu Schauspielern vor Ort und dem Schriftsteller Filippo Camarano und wurde zum gefragten Reisebegleiter und Unterhalter für Durchreisende. Bereits im Sommer 1826 unternahm er dann mit dem Maler Ernst Fries jeden folgenreichen Ausflug zur Insel Capri, aus dem er als (Wieder-)Entdecker der Blauen Grotte hervorgehen sollte. Zu diesem Zeitpunkt war die Insel noch kein bedeutendes Touristenziel und allenfalls für romantische Künstler wie Kopisch interessant, die die Öde und Einsamkeit Capris als Inspiration schätzten. Dass es die märchenhafte Grotte gab, war den Bewohnern der Insel selbstverständlich bereits bekannt, aber freilich nicht als Wunder. Gemeinsam mit ihrem Gastgeber Don Guiseppe Pagano machten die beiden Künstler sich also auf den Weg zur Grotte und sollten »eines der großen Wunder der Romantik« entdecken. Das Farbenspiel beeindruckte Kopisch ungemein und sein Bericht über die Entdeckung der Blauen Grotte sollte sie schließlich bekannt machen.

Mit ihrer intensiven Farbigkeit bot sie sich dem Deutschen als Motiv wunderbar an, zeichneten sich seine Gemälde doch stets durch intensive, zuweilen schon unwirklich anmutende Farbenspiele aus. So ist denn auch der Entdeckung der Blauen Grotte ein eigenes Kapitel im Katalogteil gewidmet. Darin findet sich natürlich das bekannte Potsdamer Kopischbild des blauen Naturwunders, das am Beginn einer regelrechten Euphorie steht. So kann man hier auch zahlreiche andere Varianten, etwa die seines Mitentdeckers Ernst Fries (1826/27), ein wohl für einen Guckkasten des österreichischen Kaisers gedachtes Aquarell Jakob Alts (1835/36) oder Eindrücke Heinrich Frieds (1835) und Carl Friedrich Seifferts (1860) sowie natürlich Reiseführer-Illustrationen und Postkarten. Nicht mehr in den Katalog geschafft hat es eine zweite Version Kopischs, die in Privatbesitz ist und einen anderen Blickwinkel auf die Grotte zeigt und mutmaßlich genau den Moment der Wiederentdeckung zeigt –

Als »Farbmagie« stellt Birgit Verwiebe denn auch seine Arbeiten im Katalog vor. Besonders beeindruckend scheinen dabei seine »Pontinischen Sümpfe«, auf denen ein blutroter Sonnenuntergang die Sumpflandschaft im Latium in regelrecht magisches Licht taucht. Einigen Zeitgenossen, so weiß die Autorin, stieß das sauer auf – die »pathologische«, also suggestive und stimmungsvolle Darstellung solcher Landschaften kritisierten sie. Andere freilich waren begeistert ob der romantisch-dramatischen Darstellung. König Friedrich Wilhelm III. erwarb das Werk schließlich, ein zweites Exemplar schuf Kopisch 1848 für den Sammler Johann Heinrich Wagener. Auch hier setzte der Künstler auf den zwischen dem leuchtenden Blau des Wassers und dem regelrecht davon angeleuchteten Felsgestein der Grotte.

Neben den farblich intensiven Landschaftsbildern wie »Der Ätna, gesehen von den Ruinen des Theaters zu Taormina« (1833) oder dem dramatischen »Krater des Vesuvs mit dem Ausbruch von 1828« bietet der Katalog auch »deutsche« Farbenspiele, wie ein idyllisches »Potsdam und Umgebung im 17. Jahrhundert« (1851) und kleine kreisrunde Farbenspiele der »Großen Fontäne in Sanssouci bei unterschiedlicher Beleuchtung« (um 1845), die Kopischs Sinn für Farbe noch einmal eindrucksvoll illustrieren. Daneben finden sich auch Bleistift- und Federzeichnungen, die Zeitgenossen und Künstlerkollegen zeigen, aber auch Märchen, Legenden und Sagen vor allem als Illustrationen ins Bild setzen. Da finden sich »Das Urteil des Paris« (1818) oder eine Illustration zum Märchen »Musas Fluch und die Verwandlung der Jünglinge« (1818).

Besonders spannend wird es nach dem Bildteil noch einmal. Dieter Richter hat hier bisher unbekannte Briefe August Kopischs zusammengetragen, fast fünfzig Stück immerhin aus den Jahren zwischen 1827 und 1852. Ob an August von Platen oder an Kunsthändler wie Louis Friedrich Sachse, aber auch an Beamte des Preußischen Hofes oder auch an den König selbst. Diese versieht Richter jeweils mit einem Kommentar. Das kann im Fall des Abschiedsbriefs an von Platen besonders intensiv ausfallen, aber auch kurze buiografische Informationen zu den Empfängern finden sich. Diese Briefe schärfen das, was wir von der Persönlichkeit Kopischs wissen. So zeigt er sich etwa als jemand, der schnell Verse schaffen kann, wenn er etwa am 25. Oktober 1835 an die Sängerin Sophia Neo ein in österreichischem Dialekt gehaltenes Gedicht schickt, das ihm während eines Gesangsvortrags Neos in den Sinn kam. Gleich als zweiten Brief präsentiert Richter den »Abschiedsbrief« des Künstlers an seinen Freund August von Platen, in dem er dessen Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft in Italien zunichtemacht. Die beiden Deutschen verband eine kurze, sehr innige Beziehung, der sich Kopisch aber – vielleicht erschrocken über die eigenen homoerotischen Gefühle? – hiermit endgültig entzog. Sie zeigen außerdem seine Bemühungen um die Veröffentlichung seiner Texte, um Förderung bei Hofe und ähnliches.

Zuletzt folgen eine von Kopisch erstellte Auflistung »Wie oft ich in Lebensgefahr war«, eine Chronologie seines Lebens sowie eine Liste seiner Veröffentlichungen und deren Vertonungen. Die ausgestellten Textblätter werden außerdem noch einmal transkribiert präsentiert, sodass auch der Laie einen Zugang zu diesen Handschriften hat. So bietet der Katalog eine Gesamtschau zum Leben des Malers, Dichters, Entdeckers und gar Erfinders und stillt dank der Briefedition biografische Neugierden. Die Qualität der Abbildungen erlaubt es, in den farbintensiven Bildern Kopischs zu schwelgen, aber auch seine Illustrationen und Zeichnungen im Detail zu genießen.