Ausstellungsbesprechungen

August Macke – Franz Marc. Eine Künstlerfreundschaft, Kunstmuseum Bonn, bis 4. Januar 2015

Trotz der Strahlkraft der Farben und der scheinbaren Unbeschwertheit zahlreicher Bilder ist die aktuelle Ausstellung im Kunstmuseum Bonn von Tragik überschattet. Denn sie erinnert an den frühen Tod des siebenundzwanzigjährigen August Macke nicht einmal zwei Monate nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, wie auch daran, dass Mackes Freund Franz Marc im März 1916 ebenfalls Opfer der Waffen wurde. Rainer K. Wick berichtet über die besondere Freundschaft, die beide Künstler bis zu ihrem Ableben pflegten.

Zwischen den beiden Stationen »Erste Begegnungen« und »Bilder vor dem Krieg« entwickelt sich über zwei Etagen ein aus neun Etappen bestehender Parcours, der das Gemeinsame und Trennende dieser beiden Künstlerpersönlichkeiten anschaulich vor Augen führt. Während sich Mackes Werk im Gewand eines farbenflammenden, heiteren Fauvismus, partiell durchmischt mit kubistischen Elementen, darstellt, zeugen manche Bilder Marcs, die alles andere als die Werke eines harmlosen Tiermalers sind, von düsteren Vorahnungen und können zum Teil als Vorboten des Großen Krieges gelesen werden – den der Künstler übrigens für unvermeidbar hielt und als große »Reinigung« geradezu herbeisehnte, um ein neues »Europa des Geistigen« möglich zu machen.

Wie sehr der 1880 geborene Franz Marc anfänglich vom Impressionismus beeinflusst war und sich auch am Jugendstil orientierte, wird im ersten Raum der Bonner Ausstellung deutlich. So lässt eine in hellen Tönen gehaltene Aktkomposition von 1909/10, die badende Frauen am Strand zeigt, entfernt an Kompositionen von Ludwig von Hofmann und Ferdinand Hodler denken. Schon früh, gegen Ende des ersten Jahrzehnts, kristallisiert sich in Form von Pferde-, Reh- und Katzendarstellungen Marcs ureigene Thematik, das Thema Tier, heraus. Zur selben Zeit findet der sieben Jahre jüngere, zunächst ebenfalls impressionistisch malende Macke zu erstaunlich kompakten, festen, flächenbetonten und durch kräftige Konturen artikulierten Kompositionen – Landschaften, Stillleben, Figuren – , die ihn als einen Künstler zeigen, der im Begriff ist, Eigenes zu formulieren und sich selbst zu finden.

Die Erstbegegnung der Künstler im Januar 1910 in München war der Beginn einer tiefen Freundschaft, in die übrigens die Frauen der Künstler, Maria Marc und Elisabeth Macke, einbezogen wurden. Bei gegenseitigen Besuchen und im Rahmen eines regen Briefwechsels kam es zu einem produktiven Austausch künstlerischer Ideen, der beiden Malern Ansporn und Bereicherung war. Im Jahr 1912 entstand sogar ein Gemeinschaftswerk, als beide Künstler in Mackes Atelier in Bonn gemeinsam das fast vier Meter hohe Wandbild »Paradies« malten, mit dem sie ihrer Sehnsucht nach einer Welt zum Ausdruck brachten, in der Mensch und Tier, eingebettet in eine intakte Natur, miteinander im Einklang leben (in der Ausstellung als 1:1-Reproduktion).

Zu Beginn der 1910er Jahre experimentierten Macke und Marc mit Bildformen des französischen Fauvismus und gelangten, auch unter dem Einfluss des sog. Orphismus von Robert Delaunay, zu einer Reinheit der Farbe, die u.a. das Resultat einer systematischen Beschäftigung mit Farbtheorien war. Im Unterschied zu Macke, der sich im Hinblick auf bildästhetische Kriterien primär für die unmittelbare sinnliche Erscheinungsweise der Farben interessierte, ging es Marc, ähnlich wie Kandinsky, eher um die Farbe als Trägerin symbolischer Bedeutungen oder, anders gesagt, um eine Metaphysik der Farben. Ende 1911 und Anfang 1912 fanden die ersten von Kandinsky und Marc organisierten Ausstellungen der neu gegründeten Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ statt, im Mai 1912 erschien der berühmte gleichnamige Almanach, ein Programmwerk der Avantgarde, in dem die Kunst der Naturvölker ebenso wie Kinderzeichnungen und bäuerliche Hinterglasbilder als Referenzphänomene für eine „neue Kunst“ aus dem Geist des Ursprünglichen und Unverbrauchten aufgerufen wurden. Macke war mit einem Aufsatz über Masken beteiligt.

Die Kunst Franz Marcs ist spirituelle Vertiefung und Transzendierung, jene August Mackes »Vergegenwärtigung. [...] Macke richtet sich im Diesseits ein, Marc träumt sich hinüber ins Jenseits mit der Kunst als der ›Brücke ins Geisterreich‹« – so der Kurator der Ausstellung Volker Adolphs im Katalog. Es ist diese dialektische Spannung, die die gesamte Ausstellung durchzieht und den Besucher dauernd vor die Frage stellt, ob er sich mehr an Mackes Fest der Farben berauschen oder ob er an Marcs Wesensschau teilhaben soll. Denn Marc ist kein Tiermaler im üblichen Sinne, sondern ein Künstler, der das Tier als unverdorbenes Naturwesen begreift und bewusst dem zivilisatorisch überformten, vermeintlich vernunftgesteuerten Menschen entgegenstellt. Ja er scheidet, anders als Macke, den Menschen zunehmend aus seinem Motivrepertoire aus und ersetzt ihn konsequent durch Darstellungen von Tieren. Die einfühlende Hinwendung zum Tier entsprach der romantischen Weltsicht des Malers und verweist auf einen zeittypischen antizivilisatorischen Impuls, der sich umstandslos im übergreifenden Kontext der Kulturkritik und der Lebensreformbewegung der Jahre um 1900 verorten lässt.

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Marcs Pferde, Rehe, Gazellen, Kühe, Füchse, Tiger und all die anderen Tiere präsentieren sich in expressiver, antinaturalistischer Farbigkeit, die in nahezu jedem Einzelfall symbolisch gedeutet werden kann. Dabei spielen neben Blau, der Farbe der Romantik, auch Rot und Gelb als die beiden anderen Grundfarben eine herausragende Rolle, ergänzt durch die Sekundärfarbe Grün als Mischung aus Blau und Gelb. Unter dem Einfluss des Frühkubismus von Picasso und Braque verband Marc ab etwa 1912 die leuchtende Farbigkeit des Fauvismus mit einer facettenreichen geometrisierenden Bildarchitektur(»Der Tiger«, 1912), und Anregungen des italienischen Futurismus führten bald darauf zu einer stärkeren Rhythmisierung und Dynamisierung der Kompositionen. In den späten Arbeiten aus den Jahren 1913/14 – etwa »Die Vögel« (1914) – häufen sich spitze, gleichsam splitternde Formen, die nicht nur die existentielle Gefährdung der Tierwelt signalisieren, sondern wie apokalyptische Ahnungen der heraufziehenden »Urkatastrophe« des 20. Jahrhunderts anmuten. Besonders deutlich wird dies in einem der bekanntesten Gemälde von Franz Marc aus dem Jahr 1913, dem der Freund Paul Klee den Titel »Tierschicksale« gab und auf dessen Rückseite Marc den Text »Und alles Sein ist flammend Leid« niederschrieb – ein Hauptwerk, das in der Bonner Ausstellung leider fehlt.

Abgesehen von August Mackes letzten, in düsteren Farben gemalten Bild »Abschied, Straße mit Leuten in der Dämmerung. Mobilmachung«(ebenfalls nicht in Bonn) ist bei ihm von den Bedrohungen angesichts des nahenden Krieges nichts zu spüren. In farbenprächtigen Kompositionen zeigt der Künstler flanierende Damen vor Schaufenstern, Spaziergänger an Flüssen, Seen und in Parklandschaften, einen Seiltänzer auf dem Jahrmarkt, Zirkusartisten in der Manege, Menschen und Tiere im Zoo. Die Bilder entwerfen eine harmonisch gestimmte bürgerliche Freizeitwelt, in der Konflikte, Zerstörung und Tod offenbar keinen Platz haben. Dies gilt auch für die zum Teil tektonisch streng gebauten, in glühenden Farben strahlenden Aquarelle, die Macke im Frühjahr 1914 auf der legendären Tunis-Reise (gemeinsam mit den Malerfreunden Paul Klee und Louis Moilliet) schuf und die in der Bonner Ausstellung wie Juwelen aufleuchten. Das ist pure Lust am Sehen und bedingungslose Hingabe an die Farbe. Wenn Paul Klees berühmt gewordener Tagebucheintrag vom 16. April 1914:»Die Farbe hat mich. [...] Sie hat mich für immer. [...] Ich bin Maler«, in ganz besonderer Weise auf einen der drei Tunesien-Reisenden zutrifft, dann auf August Macke. Nach dessen Rückkehr aus Nordafrika folgten Monate intensiven Schaffens, in denen sich der Maler – ähnlich wie Marc – auch mit Möglichkeiten der gegenstandslosen Malerei auseinandersetzte. Doch die Uhr lief ab. Im August 1914 trat Macke in München zum Kriegsdienst an, am 26. September fiel er in der Champagne. Franz Marc, der selbst nicht einmal zwei Jahre später durch Granatsplitter zu Tode kam, schrieb in seinem Nachruf auf den Freund: »Der gierige Krieg ist um einen Heldentod reicher, aber die deutsche Kunst ist um einen Helden ärmer geworden.«