Buchrezensionen, Rezensionen

August Strindberg: Verwirrte Sinneseindrücke. Schriften zu Malerei, Fotografie und Naturwissenschaften, hrsg. v. Thomas Fechner-Smarsly, Philo Fine Arts 2009

Der Titel ist Programm: »Verwirrte Sinneseindrücke« - eine Sammlung von Schriften zu Malerei, Fotografie und Naturwissenschaften des schwedischen Dichters und Künstlers August Strindberg (1849-1912) gibt ein assoziatives Allerlei und Vielerlei des Autors wieder, das den Leser auf eine harte Probe stellt. Unsere Autorin Susanne Gierczynski hat das Buch für Sie gelesen.

Strindberg © Cover Philo Fine Arts
Strindberg © Cover Philo Fine Arts

Zwischen 1874 und 1898 entstanden, vermittelt die Aufsatzsammlung 15 Beiträge Strindbergs für Presseorgane wie Le Figaro, Revue des Revues, L‘Echo de Paris, Dagens Nyheter, Posttidningen und L‘Initiation, einer okkultistischen Zeitschrift. Ob über »Die neue Landschaftsmalerei« (1874), »Ein Blick zum Weltraum« (1896), »Die Sonnenblume« (1896), »Die Spektralanalyse« (1896), »Über die direkte Farbfotografie« (1896), »Das erwünschte Teleskop« (1896-1898) oder »Das Seufzen der Steine« (1896), »Der Totenkopfschwärmer. Versuch in rationalem Mystizismus« (1896) oder »Das Alpenveilchen, die große Unordnung und den unendlichen Zusammenhang beleuchtend« (1896), - Strindbergs universal anmutender Privat-Kosmos birst vor assoziativem Reichtum, der sich zusammenhanglos und um sich selbst mäandernd dem Leser selbstgefällig darbietet.

Während der Beitrag »Verwirrte Sinneseindrücke« (1894) den ubiquitär veranlagten Strindberg‘schen Wahrnehmungsprozess anhand eines Spaziergangs durch Paris noch am nachvollziehbarsten wiedergibt, hat man es bei den »Wissenschaftlichen und philosophischen Notizen« (1896) unter anderem mit Versuchsreihen zu tun, die schwer bis gar nicht nachvollziehbar sind. Und die »Anmerkungen zu den Texten« im Anhang vermerken denn auch (beruhigenderweise aber wenig aufschlussreich):»Auf keinen Fall sollten Strindbergs Aufsätze in den Kategorien von richtig oder falsch bewertet werden. Daher bleiben vor allem die naturwissenschaftlichen Schriften weitgehend unkommentiert«.

In seinen Schriften zur Malerei wechselt die Qualität beachtlich: Während die beiden Beiträge »Die neue Landschaftsmalerei« und »Unsere neueste Landschaftsmalerei« (1874) Gesetzmäßigkeiten der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts im allgemeinen und der schwedischen im besonderen amateurhaft zu schildern sucht, gelingt Strindberg eine literarisch gelungene Beschreibung über seine Entdeckung der französischen Impressionisten. Und schließlich kommt der Autor in »Unsere französischen Koloristen« (1874) zur wechselseitigen Bedingtheit zwischen Landschaftsmalerei und regional spezifischen Naturphänomenen. »Ein Blick zum Weltraum« (1896) behandelt die Gleichsetzung von Licht und Auge sowie von Makro- und Mikrokosmos, die ihre Entsprechung wiederum im menschlichen Organismus u.a. Existenzformen fände. Weiter geht es um Korrespondenzen und Harmonien zwischen kosmischen und natürlichen Phänomenen, wie zwischen Sonne und Sonnenblume, Jahresringen der Bäume und Sonne oder dem Mond und Blattpflanzen.

Ingesamt vermittelt der Band wenig homogene Texte, denen es nicht nur an inhaltlicher Stringenz sondern zugleich an mitgedachter Adressatenschaft mangelt. Warum sich der Philo Fine Arts-Verlag (Hamburg) in seiner verlegerisch anspruchsvollen »fundus-Reihe« Strindberg in diesen abseitigen Schriften zuwandte, bedarf der Rechtfertigung. Das »Nachwort« von Thomas Fechner-Smarsly, vermag indes einiges zurechtzurücken: Strindbergs »assoziative Ästhetik«, die seine »naturwissenschaftlichen Schriften (...) interessant macht«, trachte »die Grenzen zwischen naturwissenschaftlichem Experimentieren und künstlerischem Prozess zu überwinden«, während »pantheistische Elemente, okkultistische Vermutungen, alchimistische Versuche und theosophische Verbrämungen« »zu einem Weltbild legiert« würden, »das keineswegs einheitlich war«. Und bei all dieser wirren Gemengelage, ist »das einzige System, das Strindberg anzuerkennen schien« jenes der »Korrespondenzen« und der »Ähnlichkeiten«.

Dass Strindberg »außerhalb Schwedens mehr und mehr in Vergessenheit« geraten ist, dass »viele seiner Schriften«, zumal jene seiner chemischen Experimente, »für den Laien unlesbar« sind, ist nachvollziehbar und unzweifelhaft. Dass er in seiner Dramen-Kunst als Vorläufer expressionistischer, surrealistischer oder absurder Kunstströmungen gelten dürfe, sei dahingestellt. Im vorliegenden Aufsatzband begegnen wir Strindberg in seinen besten Momenten als skandinavischem Kunst-Flaneur in Paris und im Zustand wissenschaftlich-künstlerischer Ambitioniertheit. Verbunden mit einem selbstgewissen Mitteilungsdrang, offenbart sich das Psychogramm des Strindberg‘schen Kunst- und Wissenschaftskosmos, der ohne jeden Anspruch auf Verifizierbarkeit auskommt.

Eine Leseprobe zum Schluss:» Ich steige die Marmortreppe hinab, erreiche die Pièce des Suisses - und glaub mir, geneigter Leser, da sah ich nun die in den Gewölben der Orangerien gefangenen Kräfte, wie sie über die Arkaden strahlten, ganz wie ein Nordlicht. Und warum nicht? Wenn das elektrische Licht nichts anderes ist als verwandelte Kraft, warum willst du dann dem Nervengewebe meines Auges die Fähigkeit absprechen, einen Eindruck von Energie in einen Eindruck von Licht zu verwandeln! Skeptisch, von mir aus! Muss ich dir einen regelrechten Fausthieb auf die Augen verabreichen, damit du in Form gelber und blauer Blitze meine körperliche Kraft in Licht verwandelt siehst?«