Ausstellungsbesprechungen

Aus der Eröffnungsrede: 5. Biennale der Zeichnung - Zeichnen ohne Grenzen, Kunstverein Eislingen, bis 22. Juli 2012

Die Zeichnung mag im Zeitalter einer maschinellen Bildproduktion wie ein Anachronismus wirken. Wie anpassungsfähig dieses Medium, das keine Grenzen zu kennen scheint, jedoch ist, weiß Günter Baumann zu erzählen. Lesen Sie hier einen Ausschnitt aus seiner Eröffnungsrede.

(…) Zeichnungen haben einen Sonderstatus unter den künstlerischen Gattungen. Sie gehen ursprünglich anderen Künsten voraus, haben also dienende und vorbereitende Funktion. Zeichnungen entfalten sich aber auch selbstbewusst, mal jedoch kaum sichtbar, zart-zurückhaltend und suchend, mal auch in dunklen Linien, demonstrativ-fordernd und findend. Vergleichen Sie etwa die immer wieder neu ansetzende Linie auf den lyrisch-surrealen Blättern Stefan Glettlers gegenüber dem frech-forschen Strich von Tim Hendel. Hier wie dort sind Ergebnisse völlig autonom. Zeichnungen ragen mehr als andere Künste zudem über den Tellerrand der Gattungen hinaus, was fast wörtlich zu nehmen ist: Selten wuchsen die grafischen Blätter zu solchen Formaten, wie seit dem späteren 20. Jahrhundert, und kaum entzog sich Zeichnung vehementer jeglichem Definitionsversuch als im 21. Jahrhundert. Bedenken Sie, welche Kraft es kostet, eine monumentale Zeichnung herzustellen, wie es etwa Sarah Constanze Rilke tut – allein die Konzentration über ein solches Format weg zu halten, ist bewundernswert. Vom installativen Aufwand, den ein Jörg Mandernach treibt, ganz zu schweigen (…).

»Zeichnen ohne Grenzen« heißt die Ausstellung denn auch mit gutem Grund. Einmal mag der Zeichner sich in der Malerei umsehen – Isabell Kamp ist so eine Gratwanderin –, mal in der Fotografie, ein anderes Mal sich der Installation oder der Plastik annähern – Jörg Mandernach gehört dazu wie auch Pip Culbert. Selbst die Videokunst – die hier mit Daniel Ben-Hur nur indirekt vertreten ist – ließe sich mit der Zeichnung arrangieren (…). Von Hand zu zeichnen scheint im Zeitalter der digitalen Medien eine anachronistische Tätigkeit geworden zu sein. Das geht einher mit einer kleinen Sprachverwirrung. Grafik kommt vom Griechischen »graphein« her, auf Deutsch »schreiben«; im Laufe der Zeit hat sich die Bedeutung auf die beschreibenden Künste verengt, zunächst auf die Handzeichnung und die Drucktechniken bezogen, dann mit stärkerer Betonung auf die druckgrafische Kunst: Holzschnitt, Radierung und so weiter. Design geht auf das Lateinische »designare« zurück, was tatsächlich »zeichnen« bedeutet. Als die Grafiker sich dann Designer nannten, wandelte sich der Begriff in Richtung des englisch inspirierten »Gestaltens«. Heute ist man beim Mediendesign angekommen, das himmelweit von der Zeichnung entfernt ist. Interessanterweise entstand im Wandel der Terminologie der Berufszeichner beziehungsweise (…) der Vollzeitzeichner. Es ist vielleicht eine gewagte These, aber die von Hand entworfene Linie, die noch eine ferne Erinnerung an die Schrift zulässt, hatte keine professionellen Fürsprecher mehr – es wurde eine Nische frei.

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(…) Pia Linz vermittelt uns in extremer Perspektive Blicke von oben in das Innere ganzer Wohnungen, akribisch fügt sie die kleinsten Details in ihre Konstruktionsfiktion ein; berücksichtigen Sie unbedingt die Randglossen zur Geräuschkulisse: »Schritte, Einkaufstüten rascheln, Türknarren« usw. Tim Plamper malt mit dem Grafitstift, um alte Fotografien, sowohl die Schwarzweißpositive wie die Weißschwarznegative zu evozieren; außerdem macht er die Wand zum Bildträger, das Bild selbst wird zum Bild im Bild. Christine Schlosser wählt einen ganz anderen Weg und reduziert die Linie auf eine Urform, in der noch ihr schriftliches wie ihr zeichnerisches Potential eine Einheit bilden; oder nehmen wir noch die scheinbar gestisch-kalligrafische Zeichnung von Daniel Ben-Hur dazu, die in Wirklichkeit der lockeren Hand-Schrift dadurch entzogen wurde, dass der Künstler mit den Füßen arbeitet. So unterschiedlich die Arbeiten sind, haben sie eine Gemeinsamkeit, die gerade auf ein Phänomen trifft, das hochmodern ist als Korrektiv gegenüber dem Hyper-Hype einer globalisiert-intermedialen Rundumturbokultur – nicht unbedingt gegen sie. Das Zauberwort heißt »Entschleunigung«. Stellen Sie sich die Konzentration vor, mit der diese Arbeiten hinter Ihnen und um Sie herum entstanden sind: mit Links macht man das nicht, selbst die banal wirkenden Motive wie die von Benjamin Thaler oder die abstrakten Bilder – ich will fast sagen: besonders diese Bilder – entstehen nicht in einem Handstreich. Sollte denn doch ein Zeichner im Skizzenhaften, quasi aus dem Handgelenk heraus agieren, wie etwa Tim Hendel, Richard Vogl oder – schon kompositionsbestimmter – Norbert Schwontkowski, dann addieren sich die Einzelbilder zu einer Art Tagebuch oder Handlungsskript, das wiederum auf ein Langzeitprojekt hinzielt. Zeichnen heißt Agieren in Echtzeit. Machen wir uns nichts vor: Die Medienwelt attackiert unsere Zeit, und während wir regelrecht mit der Zeit gehen, laufen wir Gefahr, sie zu verlieren oder plötzlich im Leerlauf zu treten. Die Kunst übernimmt nicht nur die Aufgabe, das zunehmend durchgeknallte Tempo zu dokumentieren, sondern auch alternative Geschwindigkeiten anzubieten.

Eine Zeichnung können Sie nicht übers Knie brechen. Das trifft auf die anderen Gattungen auch zu, doch es ist nirgends so schwer zu mogeln wie in der Zeichnung. Man kann etwas auf die Schnelle hinkritzeln, aber selbst da klebt das Naturell des Schöpfers noch am flüchtigsten Strich. Die verschlungenen Architekturorganismen eines Christian Pilz sind dagegen mit dem schnellen Auge kaum zu fassen, erst im verlangsamten Blick eröffnet sich das Durcheinander als logisches Geflecht. Die Zeichnung ist eine Fundgrube für Ideen, schon in Zeiten ihrer dienenden Funktion ging sie einher mit dem geistigen Element des »concetto«, das den scharfsinnigen Einfall genauso umfasst wie den konzeptionellen Entwurf. Wie das Schreiben basiert auch das Zeichnen auf dem lesbaren Gedanken, der dadurch noch nicht zugleich in allen Facetten sichtbar werden muss. Der Altmeister Joseph Beuys spürte die Dimension, als er feststellte: »Die Zeichnung ist die Verlängerung des Gedankens«. Und sein Künstlerkollege Roman Signer verkürzte noch mehr: Zeichnen sei »Denken mit dem Bleistift in der Hand«. Beispiele gibt es zuhauf. Die ans Absurde grenzenden Suchbilder von Rüdiger Hans entstehen im Umfeld seines monumentalen Comic-Projekts »Schönes Neues Weltall«. Spontan würde man diese Arbeiten der Malerei zuordnen, doch die Farbe ist allenfalls die knallbunte Einfärbung ausgemachter Zeichnungen, die neben der futuristischen Dingwelt auch Beschreibungen enthalten. In dem Blatt »Volle Kraft vorraus«, dessen fehlgeschriebener Titel entweder auf ein Versehen im Eifer des Gestaltens zurückgeht oder gewollt oder ungewollt die Rasanz der Darstellung unterstreicht, hält Bürodrehstühle für den »Chef« und den »Boss« bereit – die Plätze sind frei, aber bleibt das zu erwartende Autoritätsgerangel deshalb aus? Auf dem PC-Bildschirm kann man ins Weltall blicken, aber ist das genug? Bei all dem Hightech-Gerät, das sich im Bildraum breitmacht, fällt die Bibel auf dem Tisch auf. Den Reim auf die kuriose Szenerie muss sich der Betrachter machen, der Weg dahin, der in diesem Fall womöglich ziellos bleibt, birgt jedenfalls erzählerisches Potential.

Lesbar sind auch die zeichenhaften Bilder Christiane Schlossers. Natürlich handelt es sich nicht um Schriften im eigentlichen Sinn. Die Künstlerin spielt vielmehr mit unserer Lesegewohnheit: Ob wir wollen oder nicht, folgen wir den Bleistiftstrichen zeilengenau von links nach rechts, Zeile für Zeile. Die sinnliche Qualität des abstrakten Zeichengefüges weckt in uns den Reflex, es zu ent-ziffern: Da gibt es die pure Linie, es gibt die stakkatohaft unterbrochene Linie und eine durch elegante Häkchen strukturierte Linie. Zur bildlichen Schrift macht sie die Machart: die prozessuale Wiederholung, die Vortäuschung von Wortzwischenräumen, das Einspielen einer fingierten Lektüre, und wer dem so nicht folgen will, könnte in der minimalistischen Ästhetik immer noch eine Bilderschrift annehmen – oder nur noch eine schriftbildähnliche Reihung, die auch rein bildliche Assoziationen zulässt: Schindeln, Dachziegel, reduzierte Muster, abstrakter Ordnungssinn.

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Der Kunsttheoretiker Manfred Rothenberger schrieb: »Zeichnung hat viele Gesichter. Sie ist plastische Spur, Gedankenkonzentrat, utopisches Konstrukt; sie fungiert als Erzählform, als Ideenspeicher und Impulsgeber; sie dient der Selbsterfahrung, der Dokumentation und Simulation, der Antizipation.« Wenn es ein Charakteristikum der Zeichnung gibt, dann ist es die Vielseitigkeit, ja Grenzenlosigkeit. Die gedankliche Dimension versuchte ich eben darzustellen, auch das erzählerische Motiv habe ich angedeutet – man könnte hierzu noch vieles sagen, etwa zu den mythologischen Statements, die uns Georg Bernhard in lakonischem Existenzialismus kundtut, oder auch zu den Alltagsbetrachtungen, die Tillmann Damrau nicht ohne Witz erzählt. Zeichnungen sind geeignet, um Weltbilder in Bildwelten zu übersetzen: Anders als in der Malerei gehen hier Entwurf, Projektion, Vorstellung und Erinnerung ineinander über. Was ich noch gerne ausführlicher vorstellen würde, ist die raumplastische Dimension der Zeichnung, die mit deren wachsendem Selbstbewusstsein zu einem wesentlichen Aspekt ihrer Präsenz geworden ist. Dass auch hier das Denken im Spiel ist, liegt auf der Hand.

Im Raum zu zeichnen ist an sich ein Widerspruch, denn die Linie ist ein- oder zweidimensional angelegt – eine dritte Dimension war vor der Erfindung der Zentralperspektive zur Zeit der Renaissance noch gar nicht denkbar. Danach war der gezeichnete Raum eine Fragestellung der Geometrie, ist er übrigens bis heute. Die interieurverliebten Perspektivarbeiten von Pia Linz muss man in diesem Kontext noch einmal nennen. Als moderne, von Architektur und Geometrie unabhängige Ausnahme kann man eventuell Picassos Lichtzeichnungen zur Diskussion stellen, die er mit einer Taschenlampe vor laufender Kamera in den Raum geschrieben hat. Allerdings greifen die Zeichner mittlerweile auch zu anderen Mitteln, den Raum zu besetzen.

Jörg Mandernach – auch ihn habe schon mehrfach erwähnt – fühlt sich offenbar mit einer bloßen Wand unterfordert. In Eislingen hat er sich die schwierigste Stelle ausgeguckt, um eine Installation barocken Ausmaßes zu schaffen: Zur Wand nahm er den mächtigen Pfeiler hinzu, der den Blick nach hinten verstellt. Auf den versetzten Seiten klebte er piktogrammartige Schwarzflächen, die in den Aussparungen abstrahiert-figurative Motive und Buchstaben in einem chaotisch raumübergreifenden Ensemble bilden. Das ist gewitzt, genial wird es obendrein durch eine zweite, kosmisch-geometrische Struktur, die als rote Linien Wand und Pfeiler verbinden. Der Clou wird von einer bestimmten Position aus greifbar: Von dort meldet unser Sehsinn eine wirkliche Raumzeichnung ans Gehirn, die es objektiv nicht gibt. Wie ein Gerüst faltet sich die rote Linienkonstruktion von der Wand zum Pfeiler hin auf, um in scheinbar gemessenem Abstand um diesen herum wieder nach hinten zu knicken. In spürbarer Lust setzt Mandernach das Wort »echo« zentralperspektivisch an die rote Wandlinie, um die Raumillusion noch zu verstärken. Wie entschieden sich seine Arbeiten mit dem gegebenen Raum auseinander setzen, würde ein Vergleich mit der Ettlinger Installation zeigen, die ich Ihnen anfangs schon ans Herz gelegt habe: Dort hat der Kurator extra eine zusätzliche Wandschräge eingezogen, um den illusionistischen Nervenkitzel zu erhöhen – und der Betrachter bekommt nicht nur einen spiralförmigen Raumkreisel zu sehen, den es nur in der Vorstellung des Betrachters gibt, sondern auch noch das durchs echte Fenster gegenüber an die Wand projizierte Abendlicht, das in einen mit Klebestreifen gezeichneten Fensterrahmen eingepasst zu sein scheint. Mandernach braucht weder Papier noch Stift und setzt so die klassischen Minimalforderungen an die Definition einer Zeichnung außer Kraft. Wenn unsere Einbildung schon Zeichnungen im Raum akzeptiert, können wir uns erst recht lineare Strukturen vorstellen, die echt sind. Wie nah aber selbst die klassische Zeichnung den Raum einbezieht, zeigt der Titel einer Arbeit von Maria Lassnig: »Architecture of a Face«.

Die vom Industriedesign herkommende Pip Culbert reduziert Warenobjekte auf die Nahtstellen und skripturalen Elemente, die optisch zwar formbildend, aber stofflich irrelevant sind. Falls Sie die Arbeit nicht vor Augen haben, skizziere ich sie rasch: In absteigender Folge sind Metallbügel an der Wand befestigt, an denen die gerippeähnlichen Strukturen von Hemden inklusive der Markenetikette hängen. Die Fläche des Stoffs ist eliminiert, während ihr Umriss und ihre Binnenstruktur erhalten blieben. So ergibt sich eine plastische Zeichnung mit Objektcharakter. Ein anderes Beispiel: Die Zeichnungen von Daniel Ben-Hur sind zwar im Ergebnis Flächenarbeiten, doch stehen sie nur am Ende einer behutsam inszenierten Performance, die sehr wohl im Raum stattgefunden hat. Der Künstler hält die Entstehung der Zeichnungen folgerichtig auch mit dem Video fest: Darauf ist zu sehen, wie er sitzend, unter enormer Kraftanstrengung, Fußzeichnungen aufs Papier überträgt, das er zuvor auf dem Boden ausgebreitet hat. Ein weiteres Beispiel: Christelle Franc legt Papiere Schicht um Schicht übereinander, macht handgeschriebene Wörter durch ausgeschnittene Minifenster sicht- und lesbar, während verschiedene Bildzitate aus der Kunstgeschichte durch die übereinandergelegten Blätter scheinen. Zwischen Transparenz und direkter Draufsicht erzeugt die Künstlerin hier mittels einer fragilen Oberflächen- und Mittelgrundstruktur eine reliefähnliche Wirkung.

Sie sehen, meine sehr verehrten Damen und Herren, wie vielfältig und sensibel, auch wie sinnlich heutige Zeichner mit ihrem Medium umgehen. Joseph Beuys (…) meinte einmal: »Meine Zeichnungen bilden für mich eine Art Reservoir, woraus ich wichtige Antriebe erhalten kann. Es findet sich also in den Zeichnungen eine Art Grundmaterial, um daraus immer wieder etwas zu nehmen.« Und in der ihm eigenen Begrifflichkeit sah er in der Zeichnung eine »unglaubliche Kraftreserve, vergleichbar mit einer Batterie«. (…) Zeichnung ist bei allem Kalkül eine Kunst, die am unmittelbarsten noch zwischen Gehirn und Hand entschieden wird. Zeichnung ereignet sich. (…)