Ausstellungsbesprechungen

Aus der Eröffnungsrede: 6. Kunstpreis 2012 der Museumsgesellschaft Ettlingen e. V., Ausstellung der Preisträger, Schloss Ettlingen, bis 20. Januar 2013

Im Schloss Ettlingen wurde zum sechsten Mal der Kunstpreis für regionale Künstler der ansässigen Museumsgesellschaft vergeben. Ob der Empfänger des Hauptpreises aber auch gleichzeitig der Publikumsliebling ist und welcher Künstler außerdem seine Arbeiten in diesem Rahmen ausstellt, lesen Sie in der Laudatio von Günter Baumann, die wir in Auszügen abdrucken.

(…) Der Jurypreis an Carine Doerflinger mag als Hauptpreis angesehen werden, weil er naturgemäß im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung steht und die deutliche Bestätigung eines bereits gefestigten künstlerischen Standpunkts ist. Doch ist die Auszeichnung mit einem Förderpreis, der Tobias Maier zugesprochen wurde, im ideellen Sinn kaum geringer zu schätzen. (…) Dazu kommt der Publikumspreis, (…) einer der schönsten Preise überhaupt (…), seit es die Unterstützung durch Sponsoren gibt. An dieser Stelle sei allen Förderern der Kunst gedankt – ohne deren Engagement wäre es schlecht um das kulturelle Leben bestellt. Der Publikumspreis macht die Wechselwirkung zwischen Künstler und Betrachter unmittelbar sichtbar – Kunst entsteht ja nicht für Juroren, Laudatoren und Museumsleute, sondern als Reflex auf die Zeit und die Gesellschaft, geht also alle an. (…) In diesem Jahr geht der Publikumspreis an Achim Däschner.

Die Jurypreisträgerin Carine Doerflinger macht es einem nicht leicht, schafft es aber doch, dass uns genau das reizt: Was steckt hinter diesen Zitaten des alltäglichen Lebens? Als Schwabe muss ich natürlich gleich die fünfteilige, mit »Kehrwoche« übertitelte Installation hervorheben. Ich muss hier eine Lanze für die Kehrwoche brechen, die immerhin einmal stadtrechtliche Dimensionen hatte: »Damit die Stadt rein erhalten wird«, heißt es Anno 1492, »soll jeder seinen Mist alle Wochen hinausführen, (…) jeder seinen Winkel alle vierzehn Tage, doch nur bei Nacht, sauber ausräumen lassen und an der Straße nie einen anlegen. Wer kein eigenes Sprechhaus hat [gemeint war die Toilette], muss den Unrath jede Nacht an den Bach tragen«.

Im späteren 19. Jahrhundert machten sich von Württemberg aus etliche »Gassensäuberungsordnungen« im Deutschen Reich breit, freilich auch im Elsass, das über diese schwäbische Sitte nicht entzückt war. Es mag sein, dass eine Künstlerin, die in Straßburg geboren ist wie Carine Doerflinger, schon erblich vorbelastet an das Thema herangeht: ein überlanger Besenstiel mit einem wenig effizienten, kleinen Wischeraufsatz könnte Angst und Schrecken verbreiten, wenn man sich daran eine putzwütig übers Parkett oder die Gasse stürmende Hausfrau oder – so viel Ausgewogenheit muss sein – einen Hausmann vorstellt. Aber Spaß beiseite, die Kehrwoche ist eine ernste Angelegenheit. Die nahezu volkstümliche Stuttgarter Stadtreinigungsaktion »Let’s Putz«, eine Bewegung von performativem Ausmaß, ist ja nur die Kehrseite – die Kehr-Seite – des Stuttgarter Revolutionärs, der es im vergangenen Jahr fast geschafft hätte, ein Bahnprojekt zu stoppen, das bei weitem zweifelhafter ist als die Kehrwoche, die zumal »nix koscht’t«. Außer einen krummen Buckel.

Hier kommt wieder die Installation von Carine Doerflinger ins Spiel. Zwei hantelartige Objekte stehen auf dem Boden. Wenn ich mir das Equipment des Kehrwöchners vorstelle, brauche ich neben dem Besen beziehungsweise dem Schrubber und Kehrwisch samt ›Kudderschaufel‹ unverzichtbar den »Oimer«, der randvoll mit Wasser, gern auch im Doppelpack, zur selbst auferlegten Schwerlast mutiert. Dann wird es unheimlich: der Abfluss an der Wand wird zum glorifizierten Bildschmuck, alles schön Ton in Ton, hautfarben, mit Besen und Lappen. Inszenieren wir uns in die Installation hinein, ergibt sich ein Fegen, Wischen, Bücken, Wuchten, Aufrichten, Ausschütten usw. Dass im Land der Tüftler und Besenschwenker auch die hohe Wissenschaft in den Dienst der Sauberkeit gestellt wird, könnte den Wischlappen am Handtuchhalter zu entnehmen sein, auf denen sich Motivdrucke mit biochemischen Inhalten vermuten lassen. Reinlichkeit bis in die mikroskopischen Bereiche sozusagen. Wir wissen aber auch, dass Carine Doerflinger als Laborantin und Krankenschwester gearbeitet hat, bevor sie von 1992 bis 1998 Bildhauerei in Karlsruhe studierte. Vielleicht ist ja alles auch ganz anders und wir sehen uns einer Art Versuchsanordnung gegenüber, die zufällig an Utensilien für die Kehrwoche erinnert. Hängen da über dem Handtuchhalter Hautfetzen, die zu Markte getragen werden? War womöglich mein Versuch, in Ettlingen für die schwäbische Putzteufelei zu werben, ein Irrweg?

Carine Doerflinger entwirft nicht ohne Ironie Szenarien, die mit Klischee-Vorstellungen spielen. Titel wie »Gärtners Albtraum« oder »Notausgang« zeigen jedoch eine Bandbreite auf, die schnell erkennen lässt, dass der Witz nur ein Segment einer vielseitigen Arbeit ist, die mit konzeptionellen Anspielungen zum Nachdenken auch ernster Sachverhalte anregt. Die akribische Faden-auf-Holz-Montage in der Notausgang-Serie verweist weniger auf einen Weg aus der Not als letzten Endes auf eine Ausweglosigkeit des menschlichen Tuns. Der frohgemute, hier sogar bestrickende Umgang damit lässt an das beglückende Gefühl des Scheiterns denken, das Albert Camus auf unsterbliche Weise im Bild des Sisyphos vermittelt hat. Dessen so unermüdliche wie absurde, aber als Revolte ausgeführte Wiederholung einer Handlung lässt mich noch einmal auf die Kehrwochen-Installation blicken – bevor ich mich dem Förderpreisträger zuwende.

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Der 1984 in Offenbach geborene Tobias Maier ist, auch wenn er der Jüngste im Bunde zu sein scheint, kein unbeschriebenes Blatt. Als Meisterschüler von Franz Ackermann fiel der gelernte Wachsbildner spätestens ab 2010 als Zeichner und Objektkünstler auf. Mit skurrilen Assemblagen und Installationen verwandelt er Räume in ästhetische Bilder. Das unbestimmte plastische Element einer »Prothese« ruht in der gleichnamigen Arbeit auf einem Kissenaufbau wie eine Reliquie. Sie bringt in Erinnerung, dass das Geschäft mit Prothesen einerseits uralt ist – sieht das hier präsentierte Objekt doch etwas aus wie ein antikes Totenschiff – , und dass es zum anderen heutzutage in manchen Bereichen überbewertet und verherrlicht wird, sobald der Mensch nur noch als Ersatzteillager angesehen würde. Dass Tobias Maier Wachs bravourös einzusetzen weiß, stärkt noch den symbolischen Gehalt weihevoller Provenienz. Wo man allerdings gediegenes Holz oder Stein oder zumindest Gips vermutet, klärt die Bildunterschrift auf, dass es sich um Pappe handelt. Somit bekommt der Denkmalcharakter auch etwas trotzig Selbstbewusstes – die Redewendung »Das ist nicht von Pappe« muss man auf jeden Fall revidieren. »Harvest«, Maiers zweite Arbeit, besteht aus einer Liegekonstruktion und einem Rahmen, die variabel ineinander verschoben oder separat aufgestellt werden können. Man kann das Ensemble als eine hinreißende Natur-Chiffre deuten, sofern wir sie uns als Betrachter in Gedanken selbst ausmalen wollten – die Andeutungen von Bastgeflecht und die beuysnahe Anmutung von Wärme und Dämmung könnten dabei helfen. Je nach Perspektive eröffnet sich ein tiefenräumliches Panoramabild – oder eben doch nur ein visuelles Zusammenspiel einer sich komplex-symmetrisch auffächernden Struktur mit einer denkbar einfachen, in sich geöffneten Form. Durchkreuzung und Überschneidung, Fetischcharakter und Bildchiffre, Objektbezogenheit und Perspektivraum machen die Installationen von Tobias Maier zum Entdeckungskosmos.

Eine deutliche Spur hermetischer sind die Räume, die Achim Däschner mit scheinbar malerischen Mitteln erschafft. Wir sehen aber rasch, dass hier kein Maler agiert, sondern ein Plastiker, der sich zwischen den Gattungen und auch Medien bewegt – mit Stahl gemischter und damit rostender Beton, Grafit auf geöltem Beton, Ätzdruck auf Beton heißen die Techniken, die dem Bauhausverehrer und studierten Medienkünstler den Ruf eines Alchemisten eingebracht haben: Wahr daran ist zumindest, dass er nicht verrät, wie er die faszinierend distanzschaffende wie anziehende Wirkung erzielt. Das Publikum scheint das auch so gesehen zu haben: Zu rund einem Viertel der Stimmen fiel die Wahl für den Publikumspreis auf Achim Däschner. Der als grob verschriene Baustoff des Betons mag in seinen aktuellen Arbeiten jeweils derselbe sein, doch was Achim Däschner daraus zaubert, ist Materialpoesie vom feinsten, poésie pure. Sie äußert sich in reiner Geometrie, die in lakonischen Linien, Faltungen, Teilmengen und Ätzgründen eine psychologische Deutung erfahren. Die gefühlte Leere und zugleich sich aufdrängende Sinndichte ergänzen sich, was den Betrachter irritiert und zugleich neugierig macht, hinter diese Form des rätselhaft schönen Nicht-Seins zu schauen.

Kommen wir zu den Happy Few, die gar nicht so wenige sind (…). Das Interieur von Natalia Berschin lädt uns durch seine pastellhafte Farbigkeit ein, doch dürfen wir die strahlende Leuchtkraft nicht leichtfertig als Raumidyll missverstehen. Die im weißrussischen Minsk geborene Künstlerin war 1986 zehn Jahre alt, als der Kernreaktorunfall von Tschernobyl die Welt veränderte – nur knapp über 300 Kilometer Luftlinie liegen zwischen den beiden Städten. Auch wenn Natalia Berschin erst vor rund fünf Jahren begann, sich künstlerisch mit dem Thema auseinanderzusetzen, prägt das Unglück ihre Themen: verlassene Räume, Menschen in Schutzkleidung, Militärgerät usw. »Flur« ist die Arbeit hier überschrieben, sie trug auch schon Titel wie »Zeitraum« oder »Fenster« – wie auch immer: Der Raum ist menschenleer, ohne Möbel, also ohne Spuren irgendwelcher Bewohner, keine Chance für Erinnerungen. Natalia Berschin schafft Utopien, Nicht-Orte der Phantasie.

Sylvia Burlafinger geht mit der Erinnerung ganz anders um, die sich in ihren Aquarellen zwar einstellt, aber von der Künstlerin auf den Prüfstand einer lasierend-vagen Konkretisierung gestellt und hinterfragt wird. »In meiner künstlerischen Arbeit geht es«, so sagte sie einmal, »um Wahrnehmungsprozesse, die zu bildnerischen Reflexionen führen«. Wir können das selbst am besten nachvollziehen, wenn wir uns fragen, was wir denn wirklich sehen und was wir zwar wahrnehmen, aber mit Vorwissen, Erfahrung, Wunschdenken, auch Vergessenem anreichern und zuweilen verfälschen. Ohne Titel, wie könnte es anders sein, sind diese Arbeiten, die Schicht um Schicht ein reflektierendes Innenbild von draußen oder auch ein Außenbild im inneren Denkraum entwerfen.

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Geometrie heißt das Stichwort für die Arbeit »Square Dance I« von Manfred Emmanegger-Kanzler, der von der Keramik herkommt, hier jedoch eine Stahlarbeit zeigt. Wie bei seinen plastischen Würfelspielen schickt er in dieser Serie klare Formen regelrecht aufs Parkett, als würden sie tanzen – wobei es keineswegs um eine lustvolle Bewegungsstudie geht, sondern um einen festgehaltenen Augenblick im Raum, und zwar mit dem Ziel, diesen Raum in Bewegung zu setzen. Dazu braucht es den Betrachterblick: erst im Spannungsfeld zwischen schräg und angeschnitten, offen und geschlossen, innen und außen bekommt auch der Raum Beine…

Mit Geometrie könnte man wohl Künstler wie Achim Fischel jagen, was für ihn auch völlig konsequent ist. Mit seinen knapp über 70 Jahren ist er der Senior der Ausstellung, der seine Lorbeeren bereits als Schmuckdesigner, Objektkünstler und Keramikmaler erworben hat. Für Ettlingen wurden drei Computerzeichnungen ausgewählt, die eine Frische haben, als hätte sie ein Jungkünstler geschaffen. Frech, mit grellen Farben und flächenbetonenden Linien im Comicstil zeichnet Achim Fischel Frauenbilder im Büstenformat, wenn auch ohne Bildnischarakter nach. Trotz aller Typisierung variiert Fischel die weiblichen Gestalten, so dass zuweilen auch das Profil einer Griechin aufscheint. Allerdings dürfte der spontane Reflex auch hier Regie geführt haben, der im Medium der Computerkunst Allgemeingültigkeit erhält.

Gegen einen solchen realistischen Plakatismus von Achim Fischel könnte man den abstrakten Surrealismus von Michael P. Hofmann stellen, würden sie sich nicht in ihrer wunderbaren Phantasie die Hand geben. Der einstige Meisterschüler und spätere Vertretungsprofessor von Peter Chevalier in Stuttgart ist allerdings ein Vollblutmaler, der auf jegliche Linienführung verzichtet. Sowohl »Maikäfer« wie »Eisvogel« rekurrieren auf Kindheits- und Märchenerinnerungen, sind also glaubhaft fragil und vielschichtig, zudem einem dominierenden, mal warmen, mal kalten Farbton einverleibt, der synästhetisch den gefühlten Grund für das Motiv bereitet: Das kann nur noch erahnt werden; was wir sehen, ist allenfalls eine erinnerte Bewegung, ein Traumbild.

Wenn der Publikumsliebling Achim Däschner zweidimensionale Plastiken macht, so gestaltet Stefanie Lampert ausdrücklich »dreidimensionale Malerei«. Farbe und Fläche sind das eine, minimalistisch klar einander zugeordnet, der Raum ist das andere: Wer an den Bildern der Künstlerin vorbeigeht, erkennt die schrägen neben planen Leinwandbahnen, die eine reliefartige, geometrisch strukturierte Ebene ergeben. Der Clou ist das Licht, dem in der Ungleichstellung der Flächen eine eigene Rolle zukommt. Die Pigmente gewinnen dadurch eine flimmernde Lebendigkeit, die das Blau einmal dunkler, wenn nicht schwarz werden lässt, wie sie das Schwarz in einem anderen Moment farbiger erscheinen lässt, als es ist.

Wenn ich schon bei der Irritation durch Farben bin, ist der Weg gar nicht so weit zu den Arbeiten von Andreas Lau, auch wenn sein Werk grundverschieden von dem der Stefanie Lampert ist. Ist sie von der Farbpsychologie beeinflusst, so findet Andreas Lau seine Prägung in der Erkenntnisphilosophie. Den Karlsruhern ist Lau durch zahlreiche Ausstellungen bekannt, die Verblüffung dürfte aber immer wieder aufs Neue seine Wirkung nicht verfehlen: Aus der Nähe betrachtet schwirren Tausende kleine Farbstriche wellenförmig vor den Augen. Je weiter man sich vom Bild entfernt, desto deutlicher taucht ein Kopf auf – in diesem Fall der eines Babys – , bis hin zu einem überwältigenden Realismus. Wie sehr die Wahrnehmung uns hier einen Streich spielt, bemerkt man beim Fotografieren: Die Kamera hält den Kopf mit einem kleinen Vorsprung schon fest, wenn das menschliche Auge noch allein die Striche registriert. Genau das ist aber die Grundfrage von Andreas Lau: Was sehe ich wirklich? Ursprünglicher Serientitel des Künstlers war das Wortpaar »Anonym / Bildstörung« – eine treffliche Annäherung an die Unzulänglichkeiten unserer Wahrnehmung.

Gesine Peterson hat aus der Gebrauchskunst heraus den Weg in die freie Kür gefunden, will sagen: Die studierte Grafik-Designerin wechselte unter Peter Voigt zur Malerei. Das Ergebnis aus beiden Positionen lässt sich sehen. Ihr »Herbst« ist eine Vergegenwärtigung der buntesten Jahreszeit, einerseits mit der signethaften Rhythmik einer grafisch-seriellen Lösung, andererseits mit der jazzigen Freiheit der abstrakten Kunst. Der offene Pinselstrich betont das malerische Moment. Allein waage- und senkrechte reichen der Malerin aus, um die im Titel insinuierte Stimmung zu erreichen. Vergleicht man dieses Herbstbild mit der jahreszeitlich motivierten Arbeit »Harvest« von Tobias Maier, ist man überrascht, wie frei die junge Kunst mit einem klassischen Sujet umgeht.

Wundersame Raumphantasien erschafft Gina Plunder, die weniger an die verwinkelten Klassiker à la Piranesi erinnern denn an grafisch-kristalline Formen. Die Deutsch-Rumänin, die in Bukarest und Freiburg studierte, setzt super sparsam malerische Akzente, die wie Sichtmarken auf die innere Struktur der Edding-Zeichnungen hinweisen: in »999 Zimmer« ist es ein Bild-im-Bild-System, in »Turmzimmer« ein Raumkonglomerat, die Gina Plunder in vielfachen Brechungen einmal in einer weiten Flucht, das andere Mal in sich selbst spiegelt.

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Das Kristall ist auch die Grundform der Sprühlack-Arbeit von Christian Schmid, der wiederum in einer konkret-minimalistischen Manier arbeitet. Dank seiner Schablonen glaubt man die akkuraten Felder eines Perfektionisten zu sehen, doch will uns der Künstler zeigen, dass auch in der Reduktion und der durchrhythmisierten Formwiederholung Freiheit genug vorhanden ist, um eine persönliche Handschrift zu offenbaren. Christian Schmid vertraut bei der Farbsetzung auf sein spontanes Empfinden, und er scheut auch nicht fließende Übergänge im kaum sichtbaren Bereich.

Die große Bandbreite ist Programm des Kunstpreises. Das setzt fast schon voraus, dass auch die Fotografie nicht zu kurz kommt, wenn gleich sie hier nur mit einer Künstlerin vertreten ist: Birgit Schott aus Heilbronn, die einen interessanten Werdegang von der Buchhändlerin über das Studium der Malerei und Grafik sowie der Mathematik bis hin zum Gaststudium an der HfG in Karlsruhe mit der Spezialisierung der Fotografie aufzuweisen hat. Als Lichtbildnerin konzentriert sie sich auf die klassische analoge Farbfotografie, die einen genialen Blick auf die natürliche Komposition des vorwiegend alltäglichen Motivs hat: »Café Bauer, Schoemberg«, »Bauhof, Kastenwört« oder »Versteck, Grötzingen« heißen ihre dokumentarisch-neutral aufgenommenen Orte, die dem Betrachter die Möglichkeit einräumen, sich ganze Geschichten hinterm Bild vorzustellen. Immerhin ist hier der Mensch zwar so wenig präsent wie in den Bildern von Natalia Beschin, doch sind ihre Spuren allgegenwärtig.

Der gelernte Modellbauer Eckart Steinhauser, der bei Hiromi Aiyama an der Karlsruher Kunstakademie die vermeintliche Einfachheit des Seins verinnerlicht hat, präsentiert sich mit zwei Aquarellzeichnungen, die aufgehäuften Hausrat beziehungsweise Stühle und einen Tisch auf dem Papier verewigen. In radikaler Reduktion kommt er mit extrem wenigen Pinselstrichen aus, um ein grandios luftiges Interieur zu erfinden. Der flüchtige Strich täuscht über die dezent ausgewogene Komposition hinweg.

So souverän Eckart Steinhauser mit der Linie umgeht, so bravourös setzt Justyna Szczerek-Cymerys rote Farbhiebe auf die Leinwand, die sie mit einem leuchtgelbem Feld und einem klarblauen Himmel grundiert hat. Die informellen Überschreibungen dieses hochrechteckigen Diptychons verwandeln die Landschaft in einen »Sturm«, wie uns der Titel sagt. Die in Polen geborene und nach ihrem Studium bei Max Kaminsky, Corinne Wasmuht u.a. in Karlsruhe lebende Malerin inszeniert das Naturbild im Übergangsbereich zwischen gegenständlich-realistischer und abstrakter-gestischer Kunst.

Die Brasilianerin Marcia Raquel Székely benötigt weder ein Naturvorbild noch Leinwand und Palette – ihre konzeptionellen Arbeiten »sehnen« und »flipchart« kommen mit Füllertinte und billigem Reihenkästchenpapier beziehungsweise Flipchartpapier aus. In akribischen Schraffuren füllt sie quadratische Flächen aus, deren kurvige Binnenlinien je nach Dichte und Dicke der Linie changierende Tiefen und flirrende Flächen heraufbeschwören. Die sparsame Spurensuche und Themenerkundung betont Ausschnitte, die der Betrachter weiterdenken kann – die Kreissegmente werden zum Pars pro toto, formal wie psychologisch: als Vollkreis oder als Inbegriff der Sehnsucht.

Last not least zeigt die Ausstellung drei kurze animierte Flash-Filme von Ulrike Tillmann, die nicht nur dem bewegten Bild Tribut zollt, sondern auch der Zeichnung und der Schrift, verbunden mit einer musikalischen Untermalung. »selbst wenn ich eine Fliege kochen würde behielte ich einen Flügel für mich«, »hochaufgetürmte tage stürzen ein« und »this world is overmanned« sind lyrische Lineaturen, die von Liebe, Leben und Tod, Kochen und Kredenzen handeln. Sind das nicht die eigentlichen Grundkoordinaten der Kunst?

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Preisträger und Teilnehmer des Kunstpreises 2012 der Museumsgesellschaft Ettlingen, die ausgestellten Arbeiten zeigen 35 Facetten der Kunst, und ich kann nur sagen: Es ist schön, in diesen Zeiten teilzuhaben an deren Strömungen, Bewegungen, Hauptwegen und Seitenpfaden. Nie war sie vielfältiger als in unserer Gegenwart, was keine Richtungslosigkeit bedeutet, sondern Ausdruck einer pluralistischen Gesellschaft ist. Die hier vorgestellten Künstlerinnen und Künstler stammen neben Deutschland aus Brasilien, Frankreich, Polen, Rumänien und Weißrussland. In der Altersstruktur sind sie zwischen 1941 und 1984 geboren. Die Quote ist mehr als erfüllt: Acht Künstlern stehen zehn Künstlerinnen zur Seite. Sie haben auffallend oft einen handwerklichen oder gelegentlich nicht künstlerischen Beruf erlernt, bevor sie zur Kunst fanden, was sich durchaus im Auftritt und Selbstverständnis bemerkbar macht. Es wundert dagegen nicht, dass die meisten in Karlsruhe studiert haben, oftmals als Meisterschüler unter den renommiertesten Professoren im deutschen Südwesten. Hier entstehen großartige Werke – und Preise wie der der Museumsgesellschaft, der von den Stadtwerken Ettlingen unterstützt wird, bahnen einen Weg durch den Dschungel künstlerischer Positionen, ohne ihre Bandbreite zu schmälern. (…)