Ausstellungsbesprechungen

Aus der Eröffnungsrede: Anne Römpp – zugleich. Verleihung des Gerlinde-Beck-Preises, Landratsamt Enzkreis Pforzheim, bis 11. September 2015

Anne Römpp verwandelt in diesen Tagen das Landratsamt des Enzkreises in eine Ausstellungshalle. Manchmal unscheinbar und erst auf den zweiten Blick zu erkennen, machen sich ihre Skulpturen alltägliches zum Thema, überspitzen es, setzen es in neuen Kontext. Günter Baumann hielt bei der Verleihung des Gerlinde-Beck-Preises an die Künstlerin die Laudatio.

Zum dritten Mal wird der mit 10.000 Euro dotierte Gerlinde-Beck-Preis für Skulptur im Auftrag der Gerlinde-Beck-Stiftung verliehen. Nach 2009 und 2010 geht der unregelmäßig verliehene Preis an die 1980 in Bayreuth geborene Künstlerin Anne Römpp. Damit kommt die Stiftung erneut dem Wunsch der namensgebenden Bildhauerin nach, nicht nur das eigene Werk betreut zu wissen, sondern auch junge Bildhauerinnen und Bildhauer mit diesem Preis zu fördern.

1995 entschied sich Gerlinde Beck, damals 65-jährig, zusammen mit ihrem Mann Peter Beck zu einer Stiftung, die ein Jahr später auch rechtskräftig wurde. Stets setzte sie sich in Gremien, Jurys, Kommissionen und Verbänden für jüngere Kolleginnen und Kollegen ein, und sie wollte dieses Engagement auch über ihren eigenen Tod hinaus auf diesem Weg weitertragen. Nach dem Ableben Gerlinde Becks im Jahr 2006 widmete sich die Stiftung primär der Pflege des Nachlasses, der Durchführung von Ausstellungen sowie dem Aufbau der Stiftungs-Homepage. 2009 konnte dann der erste Gerlinde-Beck-Preis ausgelobt werden, den Manuela Tirler – wie Gerlinde Beck eine Stahlbildhauerin - bekam. Mit Axel Anklam folgte 2010 der zweite Preisträger, dessen Plastiken fließende Formen und eine große malerische Qualität zeigen. 20 Jahre nach der Entscheidung, eine Stiftung zu gründen, und zum 85. Geburtstag von Gerlinde Beck, findet zum dritten Mal eine Preisverleihung statt: dieses Mal ist Anne Römpp die Preisträgerin.

Aus der Laudatio

(…) Mancher, der hier ein und aus geht, wird sich schon gewundert haben über die Veränderung, die der Raum in den letzten Tagen erfahren hat. Es sind kleine, unscheinbare Interventionen, scheinbar Banales, das wie zufällig in unser Blickfeld gerät – erst auf den zweiten Blick wird man die Bezüge innerhalb des Raums erkennen, Verknüpfungen herstellen, und siehe da – es mag der dritte Blick sein: Wir nehmen immer mehr Objekte wahr, ahnen Zusammenhänge, in die sie hier gestellt wurden und die unsere Sehgewohnheit durchaus in Frage stellen. Zugegeben, der eine oder andere ist wahrscheinlich irritiert, doch sind wir ganz unbewusst schon Zeuge eines ästhetischen Prozesses geworden. Denn Ästhetik, das Wort kommt vom griechischen aisthesis, hat zunächst nur mit der Wahrnehmung zu tun. Und selbst wenn wir den Begriff im engeren Sinn verstehen, haben wir es mit reiner Bildhauerei zu tun, die uns zu faszinieren vermag. Plastik hat wie kaum eine andere Gattung der Kunst die Möglichkeit, auf den Umraum einzuwirken und umgekehrt die Aufgabe, auf Räume zu reagieren. Anne Römpp macht dies scheinbar ohne viel Aufhebens, genau betrachtet geht sie jedoch mit einer Sensibilität und einer Gewissenhaftigkeit, aber auch mit einer jugendlichen, erstaunlichen Unbekümmertheit ans Werk – lassen wir uns also auf ihre Kunst ein!

Das Ambiente verwandelt die Örtlichkeit bereits in eine künstliche Welt: einerseits vermitteln die Sitzgruppen und der Vitrinenschrank eine fast heimelige Atmosphäre, die von der Hallensituation des Amtsgebäudes wieder aufgehoben wird. Handelt es sich um einen Raum des Verweilens oder um eine Durchgangszone? Mit ihren lapidaren Setzschrankmotiven und ihren Möbelcollagen sowie ihren sich selbst in Frage stellenden Wand- und Standbildern betont Anne Römpp den Widerspruch zwischen Intimität und Öffentlichkeit, zwischen Fluktuation und Dauer. Wenn Kunst nicht nur Dekoration oder Staffage sein will, muss sie sich mit diesen Raumvorstellungen auseinandersetzen, zumal wenn es nicht um Museums- oder Galerieräume geht, sondern um das Foyer eines Landratsamtes. Wie der Titel der Ausstellung vermuten lässt, geht es ihr um ein Zugleich jener konträren Positionen und Verortungen. Dass sie dabei auch Regie führt und nicht nur eine Selbstdarstellung im Blick hat, zeigt sich nicht zuletzt in den sogenannten Schaufelschuppen, die Sie hier ausgestellt sehen. Ohne dass Anne Römpp sie für die Pforzheimer Situation initiiert hätte, bringt sie das Bild der Zufallsgemeinschaft in einer Art Versuchsanordnung vor Augen – übrigens ein Modell, dem sie häufig folgt – in Vitrinen, in Bildserien usw. Ein öffentlich zugängliches Foyer ist ein sozialer Ort, an dem sich Menschen begegnen, flüchtig, zufällig oder auch verabredet, die sonst nichts oder kaum etwas gemeinsam haben – außer den Aktivitäten bzw. den Verrichtungen, die alle zusammengeführt haben. Ein solches sozialutopisches Durchkreuzungsphänomen gibt es nicht nur in Ämtern, man könnte genauso gut einen Park nehmen, oder einen Friedhof.

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Genau den hat sich Anne Römpp mit den »Schaufelschuppen« zum Thema genommen, es handelt sich allerdings um eine Persiflage, was zumal in diesem Foyer-Ambiente deutlich wird. (Am Bahnhof verweist ein Straßenschild zugleich auf das Landratsamt und auf den Hauptfriedhof. Zufälle allerorten.) Sie kennen das: nach vorne hin sind die Gräber – halb privater, ja intimer, halb öffentlicher Raum – vorbildlich angelegt, auf der Rückseite der Grabsteine lehnt Gartengerät und allerhand Nützliches zur Pflege der Kleinparzelle parat. An diesen unbeobachteten Stellen zeigen sich Individualität und Charakter der Menschen, die nach vorne hin Leid und Fürsorge verbindet: Einzelpersönlichkeiten, in je eigenem Schicksal vereint. Die Objekte, um die es geht, sind Metaphern für den flüchtigen Zustand in dieser Welt, das Unbehaustsein und die Sehnsucht nach Sesshaftwerdung. Dass hier ausgerechnet die Sepulkralkultur vorgeführt wird, liegt an der Offensichtlichkeit des symbolhaltigen Ortes. In einem Landratsamt denken wir ja noch nicht einmal über die Zufallsmomente des Lebens und auch nicht über Fragilität von Gemeinschaften nach, die symbolische Welt ist hier kaum spürbar. Auf dem Friedhof werden die Fragen notgedrungen existenziell. Anne Römpp hat die Installation im Ganzen verantwortet, im Detail ist es ein Kollektiv von Künstlerkollegen, die sie gefragt hatte, ob sie nicht ein Gehäuse für die erwähnten Gerätschaften bauen wollten. Sechs der Materialobjekte sind von anderen Künstlern und zwei von Anne Römpp. Im Ergebnis präsentieren sich unterschiedliche, entpersonalisierte Lösungsvorschläge – ›entpersonalisiert‹ nenne ich es deshalb, weil die Installation nicht mehr auf eine Person zu reduzieren ist, was nicht heißt, dass es sich um individuelle Statements handelt: darauf weisen die Namen im Titelfeld hin. Die verschiedenen Handschriften machen ernst mit dem Faktum, dass eine offene Gesellschaft im Miteinander lebt. Anne Römpp will damit zum einen signalisieren, dass der Künstler heute nicht mehr als singulärer Schöpfer durch die Welt läuft, der ohnehin eine Erfindung der Neuzeit ist. Zum anderen schafft sie ein Ensemble, das in seiner zufälligen Zusammenstellung der relativen Beliebigkeit alltäglicher Begegnungen und gemeinsamer, wenn auch sozial inhomogener Interessen geschuldet ist. Dieses Szenario scheint mir auf viele Orte anwendbar.

Wenn die Gerlinde-Beck-Stiftung heute Anne Römpp mit ihrem Preis für Skulptur ehrt, würdigt sie deren mutige Position, die sie in der Kunst einnimmt, und die Konsequenz, mit der sie ihr Ziel verfolgt. Die 1980 in Bayreuth geborene Künstlerin studierte bei den Professoren Udo Koch und Werner Pokorny an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste Stuttgart, wo sie 2009 ihr Diplom erhielt. Bereits während des Studiums kristallisierte sich ihr raumbezogenes Werk heraus, dessen Ernsthaftigkeit Werner Pokorny früh erkannte und förderte. Zwar kann man ihr bisheriges Werk in die Tradition konzeptioneller Kunst seit dem Dadaismus über den Konstruktivismus und die Fluxus-Bewegung wie auch den erweiterten Plastikbegriff eines Joseph Beuys bis hin zu Imi Knoebel und anderen mehr einbetten. Besonders ist Anne Römpps Position insofern, als sie ihre Bildsprache kompromisslos umzusetzen versteht. Anne Römpp gibt Alltagsgegenständen eine Stimme, die ihnen über die Trivialität hinweg Würde verleiht. Als Fundstücke allein summieren sich diese Objekte – Holz- und Glasplatten, Drähte, Nägel oder Steine – zunächst zu einem Archiv der Wegwerfkultur auf. In ihrer ungewöhnlichen Kombination präjudizieren sie jedoch eine eigene Bedeutung, die der heterogenen, flüchtigen Gegenwart einen Zauber des Zufälligen und zugleich des Besonderen verleiht.

Ich bleibe noch ein wenig beim Gedanken des Kollektiven. Anne Römpp gestaltet, inszeniert, doch sie vertraut auch auf die anonyme Teilhabe durch Menschen, die sich ihres Überflusses entledigen – nutzlos gewordenes Zeug, zu sperrig für den Abfalleimer, zu klein für den organisierten Sperrmüll. Hier wird ihre Sammelleidenschaft geweckt. Erst im organisierten Zusammenspiel ergibt sich wieder ein Sinn, genauer gesagt: ein Bild. Wir haben es also mit Fundstücken zu tun, die sich selbst in einer feinsinnigen Balance tragen, ohne in irgendeiner Form fixiert zu sein. Auch das ist eine Art Kollektiv – die einzelnen Dinge haben keinen Halt ohne die anderen. Das macht Anne Römpps Werk besonders. Einerseits ist es das, was es darstellt, nicht mehr und nicht weniger, denn für sich betrachtet haben die Dinge keine Symbolik, ihre eigentliche Bedeutung haben sie eh eingebüßt – vielmehr sind es außer Acht gelassene, zuweilen weggeworfene oder unbrauchbar gewordene Dinge des Alltags, im Grunde Strandgut einer Überflussgesellschaft. Zugleich befinden sich diese Dinge sich in einem sensibel austarierten, komplexen System, das uns als eigenständiges Kunstwerk begegnet. Es liegt der Künstlerin fern zu provozieren, empfindet sie ihre Arbeiten doch als völlig normal.

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Dennoch: Anne Römpp verstößt gegen Normen, Regeln, ruft Irritationen hervor und vertraut dem Zufall, ohne jedoch die physikalischen Gesetze der Schwerkraft und die Bildlogik außer Kraft zu setzen. Das Faszinierende im Werk von Anne Römpp ist der Zusammenfall von Fiktion und Realität, von Originalität und Absolutheit – und letztlich die bis ins Paradox getriebene Koinzidenz von Kunst und Alltag. Ihre Rahmen- und Konsolenarbeiten ähneln Setzkästen, haben aber weder wirklich Trägerfunktionen noch entsprechen sie dem, was man als Mobiliar verstehen könnte. Die Einzelteile sind notwendige Teile des Ganzen, ohne die kein Gleichgewicht zu erzielen wäre. Die Materialien konkurrieren oder dialogisieren miteinander, sie geben sich eine Struktur oder stellen sich in der Dekonstruktion in Frage. Gedrechselte Elemente stehen auf Sperrholzteilen, dünne Brettchen lagern auf zugesägten Holzbrettern, Styropor, als Stoff eher Billigware, hebt sich weiß leuchtend gegen die Holzscheite und Spanholzplatten ab. Fundstücke aller Art sind das, die unterschiedliche Herkunftsgeschichten erahnen lassen, ohne diese preiszugeben – sind es fein verarbeitete Teile einer wertvollen Antiquität oder Reste eines Baumarktregals? Im künstlerisch fingierten, baulich gefügten Kontext finden sich neue fabelhafte Sinnzusammenhänge.

Stütze sein. Anne Römpp nimmt diese Floskel ernst. Ich habe bereits meine Vermutung geäußert, dass sie ihr Werk nicht nur im statischen, sondern auch im sozialen Kontext ansiedelt. Etwas zu stützen oder abzustützen, gehört zu den Grundvoraussetzungen jeder Konstruktion, doch gibt es auch die Haltung, jemanden zu stützen bzw. jemandem eine Stütze zu sein. Wenn wir schon in einem öffentlichen Gebäude der Landkreisverwaltung stehen, wird der Architekturraum notwendig zum sozialen, also nicht nur privaten und noch nicht einmal musealen Raum. Die Objekte, die sich unterhalb des aufwärts strebenden Treppenschwungs auf einer niedrigen Podestsituation präsentieren, nehmen unbeabsichtigt, aber offenkundig die Fensterrahmungen des Gebäudes wieder auf. Nur sind die fensterähnlichen Öffnungen nichts weiter als leere Holzbilderrahmen. Nebenbei bemerkt handelt es sich bei dem Podest um eine alte Tischplatte aus der ehemaligen Poststelle dieses Hauses. Ironisch spielt Anne Römpp mit den hehren Idealen der Kunst, die womöglich ausgedient haben. Oder findet die Kunst nur nicht mehr im Zentrum statt? Sehen Sie, wie liebevoll, aufwendig, und doch zugleich schlicht die Sockelzonen gearbeitet sind: Eine der postdadaistischen Assemblagen besteht in der unteren Hälfte aus einem maurisch anmutenden Ziegelstein, einem spröden Metallgestell sowie einem eisenverzierten hölzernen Möbelstückelement, sie trägt den Titel »yellow«, und bildet so eine verschachtelte Stellage, die auf schmalem Grat nichts anderes hält als den Rahmen. Das kleine Partnerobjekt versieht den Unterbau ganz einfach mit einer einstigen Stuhlrückenlehne. Wenn die Installation verklebt oder verschraubt wäre, bliebe es vielleicht beim originellen Arrangement, nun wird es zum ästhetischen Erlebnis. Doch die Labilität der Vorrichtung macht sie nicht nur zur poetischen Chiffre, sondern auch zum ungeschützt angreifbaren Gegenstand und damit zum Sinnbild für ein Miteinander, auch im gesellschaftlichen Bereich.

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Die regelrechte Unauffälligkeit der Römppschen Werke haben Methode. Sie reiht ihre Fundstücke aneinander, lässt Beziehungen, Spannungen entstehen: genau da, wo das banale Beieinander zum komplexen Miteinander labiler Verhältnisse wird, entfaltet sich ihre Kunst. Das macht beim Mobiliar nicht Halt. Eine Wandarbeit – sinnigerweise flankiert von Arbeiten Gerlinde Becks – besteht etwa aus dünnen Stahldrähten, die sich über Aufhängungen zu einem Geäst verzweigen und verräumlichen. Genauso wenig, wie die Stellagen und Materialkästen verklebt oder zusammengeschraubt wären, sind die Metallteile zusammengelötet oder fixiert – sie halten allein durch Magnete, werden aufgelockert durch manche Zierelemente. Der Titel »zugleich II« legt nahe, dass wir es mit einer ausbaufähigen Installation zu tun haben: Je nach Aufhängung und Platz ist diese Arbeit variabel. Im Gegensatz zum Rahmenkasten, der einer gewissen Bauanleitung folgt, ist die Drahtarbeit nicht eins zu eins transportierbar. Hier zeigt sich der grundsätzlich prozessuale Charakter des Werks von Anne Römpp. Formal baut sich hier eine unerhörte Spannung auf: In seiner linearen Erscheinung denkt man an eine filigrane Zeichnung, deren unterschwellige Schattierungen sich als Schatten einer dreidimensionalen Arbeit offenbaren, welche selbst in ihrem Schwebezustand teils reliefartige Züge, teils installative Elemente trägt. Hat der Betrachter erst einmal die fragile Natur des Objekts realisiert, lässt er sich leicht verstricken in die scheinbare Leichtigkeit des Seins, die nur funktioniert im akkuraten Austarieren der physikalischen Kräfte. Ohne die Abhängigkeiten – hier zwischen Magnet und Draht, Hängen und Lasten, Halten und Loslassen – würde alles in sich zusammenstürzen. Und wichtig ist die Differenz zwischen dem Hängen und Lasten einerseits und dem Halten und Loslassen andrerseits, wo sich die physikalische Größe zum Symbol des sozialen Verhaltens wandelt. Denn um nichts weniger geht es im Akt des Ausbalancierens, der das Werk maßgeblich bestimmt. Der kleine »round table« mit dem Titel »rundum« treibt den Magnetismus fast spiritistisch auf die Spitze…

Dazu kommt die Verbindung zur Technik. In einer Serie von Arbeiten beschäftigt sich die Künstlerin mit Widerständen, elektrischen Bauelementen, mit denen sie ein kleines Universum entstehen lässt. Sie wickelt diese kleinstplastischen Keramiken zum Turm empor oder verdichtet sie in einer Wandarbeit zu Insektenschwärmen im, wie sie titelt, »Schaufenster« oder einem dramatisch inszenierten Banderolenrelief. Dabei ist ihr die dem Wortsinn nach widerständige Natur des Gegenstandes so wichtig wie in den eher sperrigen Objektcollagen insgesamt. In der Vitrine des Landratsamts, die in ihrer kommoden Gestalt eher eine Sammlung von Pokalen und kommunalen Dokumenten erwarten lässt, gruppiert die Künstlerin neben dem Widerstandstürmchen modellartige Konstrukte aller Art: mal verspielt, mal nachdenklich, originell, zweckfrei – wie Kunst von jeher war. Historische Utensilien aus den Büros des Landratsamtes hat Anne Römpp zu einem »Kleinen Museum« verfremdet. Hier findet sich auch der tränenhaltige Stein, dessen zwei geborstenen Teile allein vom Salz echter Tränen zusammengehalten wird. Auch die titellose Kugellaterne mit Reflektor und Bohrkern evoziert eine technische Apparatur, die zwischen magischer Kugel und Versuchsstation changiert. Wenn hier die Plastik zur konzeptionellen Kunst erweitert wird, so dehnt Anne Römpp die skulpturale Gattung auch zur Fotografie aus, wie das Beispiel des Fotoprints »Even« zeigt. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass dem Baum Gewalt angetan wurde und eine Metallplatte die Stelle im Stamm abdeckt – die eigentliche Intervention ist also weniger die Fotoaufnahme als der unscheinbare Eingriff am Baum. Ähnlich verhält es sich mit dem Fotodruck »saumselig«, die eine minimalistische plastische Situation festhält.

(…) Anne Römpp macht es uns und sich selbst nicht leicht in ihrer Arbeit – hierin ist sie durchaus vergleichbar mit der Namensgeberin der Stiftung. Wie Gerlinde Beck geht die Preisträgerin ihren Weg, der immer wieder auf andere Spuren führt, die gesellschaftlich oder gattungsübergreifend die Grenzen der klassischen Skulptur auslotet. Dass sie den Weg durchaus ernst nimmt, zeigt das einheitliche, nahezu ganzheitliche Konzept, das hinter ihrem Schaffen steht. Allerdings darf man auch einigen Witz unterstellen, im alten wie im heute üblichen Sinn. Die Hinweistafel mit dem Titel »Stellvertreter« nimmt die Wegweiser in Amtsgebäuden aufs Korn, indem statt Personen- oder Abteilungsnamen und Zimmernummern oder dergleichen fragmentarische, kryptische, sinnlose oder bedrohliche Wortfetzen und bildhafte Setzungen gesteckt sind: »Stellvertreter«, »zentale«, »bildstelle«, »berg«, oder »ordnung« sind noch nachvollziehbar, bei »weltschutz«, Mühl prinz« oder »keiten bau« kommt man ins Grübeln, die »Sprengstoffe« geben noch mehr zu denken, und bei »rkeh«, »zia« oder »kinger« steigt die Logik aus. Lapidarer hat sich die Rückführung vom Kosmos zum Chaos selten gezeigt. Anne Römpp stellt Fragen an die Welt des Alltags und begegnet ihr mit künstlerischen Mitteln. Sie ist allerdings weit davon entfernt, uns fertige Welten entgegenzusetzen – das kann die Kunst in einer hochkomplexen und verzahnten Realität nicht leisten. Aber sie macht uns diese Welt, in der wir eben leben, in all ihren Fragilitäten und Vagheiten, ihren Undurchschaubarkeiten und Oberflächlichkeiten, ihren Widerständen und Verwicklungen bewusst.

Mit der Verleihung des Gerlinde-Beck-Preises wird eine junge Künstlerin geehrt, die mit einem vielseitigen, reifen Werk bereits Zeichen setzt und doch auch so viel Potenzial erkennen lässt, dass wir von ihr noch viel erwarten dürfen. (…)