Ausstellungsbesprechungen

Aus der Eröffnungsrede: Augenglück – Helga Schuhmacher, Gmünder Kunstverein, Galerie im Kornhaus, Schwäbisch Gmünd, bis 14. August 2011

Geometrie ist zentral für die Kunst Helga Schuhmachers. In der nun stattfindenden Ausstellung »Augenglück« spielen Verhältnisse und Proportionen von geometrischen Figuren und Räumen genauso eine Rolle wie das Spiel der Farben in diesen Räumen und mit der Wahrnehmung des Betrachters. Der folgende Text umfasst Auszüge aus der Eröffnungsrede von Günter Baumann.

»(…) Über die Musikalität von Helga Schuhmachers Werk besteht kein Zweifel: Der serielle Aufbau und die spürbare Rhythmisierung sowie nicht zuletzt die Farbe selbst sprechen für sich. ›Die Farbe als solche‹, so schrieb Paul Gauguin, ›ist rätselhaft in den Empfindungen, die sie in uns erregt. So muss man sie auch auf rätselhafte Weise gebrauchen, wenn man sich ihrer bedient, nicht zum Zeichnen, sondern um der musikalischen Wirkungen willen, die von ihr ausgehen, von ihrer eigenen Natur, von ihrer inneren, mysteriösen, rätselhaften Kraft‹. Das ist es: Versuchen Sie, die Arbeiten von Helga Schuhmacher zu fotografieren, versagt Ihnen schnell die Technik. Denn die feingliedrigen Farbverläufe und die zuweilen nur hingehauchte Farbigkeit entziehen sich einer authentischen Reproduktion – was übrigens selbst die digitalisierte Reprotechnik im Buchdruck betrifft. Zumindest gehen Eindrücke verloren, die sich offenbar nur unmittelbar vor den Werken einstellen – ein energetisches Flimmern, ja sinnliches Vibrieren, das in der statisch wirkenden Momentaufnahme fehlt. Darüber hinaus sind die Erwartungen hoch und die Richtwerte streng: Es mag bei der Wiedergabe eines gegenständlichen Motivs zwar unbefriedigend sein, wenn die Farben von denen der Vorlage abweichen, aber eine annähernde Stimmigkeit wird durchaus in Kauf genommen, wenn nur die gestochene Schärfe stimmt. Wenn aber in der Abstraktion die Farbe das eigentliche Thema ist, bringt jede Abweichung in Nuancen das Bild in Misskredit.

(…) ›Augenglück‹ überschreibt Helga Schuhmacher ihre Ausstellung. Die Künstlerin sucht das Abenteuer des Sehens. Es geht ihr nicht darum, einen Gegenstand zu sehen, wie man beim Lesen eine Erzählung erwartet, sondern um den Moment, wo sich Blick auf Glück reimt, Poesie pur, die Klang und Farbe vereint, die nicht auf Inhalte, sondern auf Verhältnisse schaut: Etwa wie sich die Formen oder die Farbfelder zueinander verhalten. Nehmen Sie sich die Zeit, dem Farbenverlauf zu folgen, dem Wechsel von kalten und warmen Tönen, der Wirkung von gemischten und reinen Farben, den fortschreitenden und retardierenden Kräften, dem prozesshaften Farbenfluss insgesamt. Das tut gut. ›Glück‹ ist eine ethische Kategorie, die Augen zielen auf ein ästhetisches Vermögen. ›Jeder hat sein eigen Glück unter den Händen‹, so schrieb der Augenmensch Johann Wolfgang Goethe, ›wie der Künstler eine rohe Materie, die er zu einer Gestalt umbilden will. Aber es ist mit dieser Kunst wie mit allen; nur die Fähigkeit wird uns angeboren, sie will gelernt und sorgfältig ausgeübt sein.‹ Abstrakte Kunst ist eine Lebenshaltung und ein ästhetischer Genuss, aber keineswegs ein Desinteresse am Gegenstand. ›Ästhetisch genießen heißt‹, so der Kunstgeschichtspionier Wilhelm Worringer, ›mich selbst in einem von mir verschiedenen sinnlichen Gegenstand genießen, mich in ihn einzufühlen. Was ich in ihn einfühle, ist ganz allgemein Leben, ist mit einem Wort Tätigkeit‹. Worringer charakterisiert die Kunst als das Verhältnis von Abstraktion und Einfühlung und als selbstreferenziellen Genuss. Noch schöner liest es sich indirekt bei der Künstlerin: Die Arbeit, die die Einladungskarte ziert, heißt ›Licence to play‹.

Was sehen wir nun in den Arbeiten von Helga Schuhmacher, wenn wir uns in sie einfühlen? Da ist einmal die Grundform des Vierecks, die prägnant im Bild steht. In Reihungen spielt sie die Kombinationsmöglichkeiten zunächst akkurat auf Papier durch: in Skizzen und anschließend in gründlichen Farbanalysen. Auch im Übertrag auf die teilweise monumentale Leinwand folgt sie den Gesetzen der Kombinatorik, die über das Spielerische hinaus gehen: Schuhmacher kombiniert, will heißen: greift auf, variiert, durchdringt, permutiert, kurzum: sie bestätigt oder gestaltet um, schafft systematisch neue Ordnungen. Auf den ersten Blick sind die Kompositionen einfach, doch erweist sich dieses System bei genauer Betrachtung jener Farbvierecke und Farbstreifen, der gestreiften Quadrate und viereckigen Inseln im Streifenfeld als hoch komplex. Die mathematische Hintergründigkeit wird aber dann doch überspielt in der sinnlichen Gliederung – das Flirren im Wahrnehmungsfeld habe ich bereits erwähnt, das Wogen hier, das formale Treppauf-Treppab da oder auch mal ein In-sich-Ruhen dort kommt dazu. Man kann das als zahlenlogisches Figurentheater sehen – Figur als tatsächlich mathematische Form verstanden – oder als bewegungsorientierte horizontale, vertikale oder schräg verlaufende Richtungstendenz deuten; man kann die durchrhythmisierten Arbeiten auch als Stimmungsbilder auffassen (…).

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Das führt mich auch zu zwei weiteren Aspekten in der Kunst von Helga Schuhmacher: Raum und Poesie. Es bleibt nicht aus, dass wir in den auf- und absteigenden Rhythmen sowie in der Reihung schmaler Streifen immer auch das Verhältnis zum Umfeld, zur Fläche darum herum im Blick mit einrechnen, woraus sich eine Farbtonskala ergibt, deren Schwingung und Kontrastreichtum einen Raum insinuieren. Sie kennen das, die einen Farben drängen nach vorn, andere fliehen ins zweite Glied, Groß und Klein tun das ihre dazu. Helga Schuhmacher erschafft eine Dreidimensionalität ohne Perspektive. Gerade die in feinen Nuancen abgestuften Valeurs eröffnen einen rein fiktiven Raum, in dem allerhand in Schwingungen versetzt wird, was unsere Augen irritiert, in Sachen Räumlichkeit auch bewusst irreführt, denn wie alle Malerei ist und bleibt das modulierte Bild in der Fläche. In Schuhmachers spezifischer Farbenwelt gibt es keinen Schatten, aber das hindert das Betrachterauge nicht daran, zwischen den Streifen oder Karomustern hindurchzuschlendern, als gäbe es ein Davor, ein Dahinter oder Zwischendrin.

(…) Eine (…) lyrische Gestimmtheit atmen auch die Arbeiten von Helga Schuhmacher. Besonders die ›geistige Konstruktion‹, welche sich in den Raum verbreitet, ohne die überhebliche Manieriertheit des Selbstzwecks. Die Gedanken sind frei. Was bei Helga Schuhmacher auffällt, ist, dass sie mal leicht dahinschweben und mal getragen ruhen, mal mit mehr, mal weniger Emphase daherkommen – doch nie sind sie flatterhaft, und nie sind sie statisch oder starr. Wer immer in ihren Arbeiten die pure Farbe genießt, spürt, ja: fühlt, dass hier kein reiner Purismus waltet. Um es mit Wassily Kandinsky zu sagen, der schon in der Begegnung von Waage- und Senkrechten einen ›fast dramatischen Klang‹ erblickte: da steckt Musik drin. Es ist eines der wichtigsten Abenteuer der Kunstgeschichte, auch in der Malerei ›ebensolche Kräfte wie sie die Musik besitzt‹ zu finden – so Kandinsky –, eine Erkenntnis, die zwar schon die spätmittelalterlichen oder romantischen Mahler ahnten, die aber erst mit der Befreiung vom Gegenstand erkennbar wurde.

Noch einmal Kandinsky: ›Wenn also im Bild eine Linie von dem Ziel, ein Ding zu bezeichnen, befreit wird und selbst als ein Ding fungiert, wird ihr innerer Klang durch keine Nebenrollen abgeschwächt, und sie bekommt ihre volle innere Kraft.‹ Ob nun Linie oder Fläche: Der Ernst, mit dem Helga Schuhmacher ihre Quadrate und anderen Farbfelder setzt, bestätigt dies. Sie sind keine Statisten, sondern die eigentlichen Protagonisten. Von einem solchen Tatbestand her resultiert übrigens die oft irreführende Bezeichnung der konkreten Kunst, die zwar in reinen Abstraktionen agiert, aber der Linie, dem Winkel, dem Fleck und der Fläche denselben Stellenwert einräumt wie einem Porträt, einer Landschaft oder einem Stillleben.

Das ist kein Freischein für beliebige Einfärberei. Zugegeben, auch die gestische Abstraktion beziehungsweise der abstrakte Expressionismus haben ihre historische Berechtigung und zeigen faszinierende Facetten der vielgestaltigen abstrakten Kunst. Darum geht es Schuhmacher aber natürlich nicht. Um ihre Farben auf der Leinwand zu inszenieren und um die ihren Arbeiten innewohnende Vibration zu erzeugen, setzt sie diese mit Bedacht oder mit Nachdruck nebeneinander, zuweilen in- und untereinander und manchmal auch gegeneinander. Farben haben nicht nur eine unterschiedlich gefühlte Temperatur, sondern auch eine verschieden wahrgenommene Eigenbewegung. Nach Robert Delaunay, einem Philosophen unter den Malern, ist die Vibration von Gelb neben Orange eine andere als zwischen Gelborange und Blauviolett usw. Delaunay beschrieb den Erlebnischarakter recht genau – und wir dürfen seine Beschreibung getrost angesichts des Werks von Helga Schuhmacher lesen (…):

›Die Farbe, die Frucht des Lichtes, ist die Grundlage der bildnerischen Mittel des Malers – sie ist seine Sprache. Der Maler arbeitet demnach mit den physikalischen Elementen, die sein Wille im Ganzen beherrschen muss. Die Farben sind als Masse auf der Fläche der Leinwand verteilt, die Fläche als einzigem Bezugssystem für die Beurteilung der ganzen Arbeit. Diese Farben erzeugen unter sich andere Maße, die sich im Auge des Betrachters aufbauen, und nicht nur auf die Fläche des Bildes, was man ›optische Mischung‹ nennt. Deshalb wird das Bild, als Fläche mit zwei oder mehreren Dimensionen, simultan gesehen als ein Objekt mit vielen Dimensionen. Diese vielfältigen Dimensionen bilden Gruppen, die sich kontrastieren oder neutralisieren. Die Farbe ist ein Maß in Vibration, je nach Intensität, von seiner Nachbarfarbe aus gesehen, von seiner Oberflächenwirkung her oder in Verbindung zu allen anderen Farben.‹

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Die Bilder von Helga Schuhmacher entstehen unter musikalischen Vorzeichen – wenn man es so sehen will, könnte man ihre Kompositionen als Partituren auffassen. Nebenbei sei angemerkt, dass moderne Partituren selbst wiederum zuweilen wie zeichnerische Kunstwerke aussehen. Da bilden auch die Komponisten, die wir heute zur Eröffnung hören, keine Ausnahme. Ich muss aber auf eine andere Klangbindung aufmerksam machen (…). Dabei ziele ich zunächst weniger auf die Darstellung ab als auf die Titel: Neben den unbenannten Arbeiten, die allerdings im ergänzenden Untertitel die Farbverhältnisse beschreiben – ›graue Streifen und farbige Quadrate‹, ›ocker und blaue Quadrate‹, ›dunkelblau zu violett‹ oder ›Spektralfarben‹, was durchaus üblichen Bezeichnungen seit Kandinsky & Co. Entspricht – finden Sie scheinbar lapidare Notizen wie ›wish a wish‹, ›tellmetale‹, ›welland well‹, lautmalerisch allemal, Sie finden sprachspielerische Mischformen wie ›meer d’avon‹, und es sind ganze Worteskapaden und -phantasmen zu lesen wie beispielsweise: ›von Erdbierrot zu Extravioleth‹, ›Wiesengrund und Flumenfelder‹ oder ›Maas, aber im Geheimen wohnen Elfen in den Maschen des magischen Gewebes‹, nebst englischen Entsprechungen, die nicht minder originell klingen (…). Ich sage bewusst klingen, denn Helga Schuhmacher bezieht sich bei der Titelgebung oft auf das unübersetzbare Opus ›Finnegans Wake‹ von James Joyce, insbesondere dem bekanntesten Kapitel daraus: ›Anna Livia Plurabelle‹. Der Schöpfer des grademal so einzudeutschenden ›Ulysses‹ hebt mit seinem Werk an zu einem artistischen Sprachgebilde, dessen Klanggewalt er über die Handlung stellte. Bei seinen Übersetzern legte er auch immer Wert darauf, dass sie nicht in erster Linie seinen Sprachinhalt, sondern den Ton und den Sprachfluss trafen.

Die Farbe als Ausdrucksträger für Stimmungen ist in den Arbeiten von Helga Schuhmacher schon angelegt, bevor sie sich Gedanken über den Titel macht. Assoziativ findet sie während oder nach der Arbeit jene teils aus der Lektüre bezogene oder vom englischen Wortspiel inspirierte Bezeichnung, die den Bildern eine fühlbare Gegenständlichkeit verleihen. Landschaftliches tut sich auf, Märchenhaftes, Surreales. Mit den Titeln im Gepäck unsrer Wahrnehmung sehen wir die teils freihand, teils mit abgeklebten Streifen entstandenen Arbeiten weit weniger nüchtern. So geht Helga Schuhmacher über den objektiven Konstruktivismus eines Max Bill, aber auch jenen subjektiven Konstruktivismus eines Piet Mondrian hinaus. Das wird nebenbei bemerkt in den architekturnahen Plastiken, die Sie in der Ausstellung sehen, noch deutlicher, die zwischen Minimalismus und Konzeptionalismus eine Fülle von Interpretationsmöglichkeiten erlauben (…): Diese Gipsobjekte entfalten ihre zauberhafte Wirkung dadurch, dass sie ihre Färbung in sich tragen – sie sind nicht bloß bemalt. Der Künstler Martinmüller hat derartigen Ambitionen, rationale Gestaltung und subjektive Aussage zu verbinden, den Begriff ›absoluten Konstruktivismus‹ gegeben. Wie auch immer, mit Begriffen allein sollte man diese wunderbar dahinströmenden Arbeiten in ihrer faszinierenden Farbharmonie und poetisch-klanglichen Schönheit nicht zustellen. Augenglück heißt auch zu ergründen, was das Auge jeweils mit den Bildern macht, und zu sehen, was die Farben mit den Augen machen (…).«