Ausstellungsbesprechungen

Aus der Eröffnungsrede: Camill Leberer – Hinter dem Lichtfeld ein dunkleres Blau, Galerie Schlichtenmaier Stuttgart, bis 29. November 2014

Konstruktivistische Zitate und romantische Bezüge verbindet das Werk Camill Leberers gleichermaßen und auch seine Werke selbst bewegen sich zwischen den Techniken Malerei und Skulptur. Derzeit ist er in Stuttgart zu sehen. Günter Baumann entdeckt in seiner Eröffnungsrede einige Verbindungen zum romantischen Dichter Novalis.

»Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren / sind Schlüssel aller Kreaturen, / […] / wenn sich die Welt ins freie Leben / und in die Welt wird zurückbegeben, / wenn dann sich wieder Licht und Schatten / zu echter Klarheit werden gatten / […] / dann fliegt vor Einem geheimen Wort / das ganze verkehrte Wesen fort.« (Novalis)

Ein Bildhauer, dessen Arbeiten zum großen Teil aussehen wie Malerei, die sich mit zeichnerischer Prägnanz einem Bauplan des Denkens nähert, wird sein Tun kaum an Grenzen verschwenden, die ihn einengen. So siedelt Camill Leberer sich selbst zwischen den vordergründig disparaten Polen des Konstruktivismus und der Arte Povera an, um einen Gedankenraum zu schaffen, der es unmöglich macht, den Künstler in irgendeiner Position festlegen zu können. Es wundert nicht, dass man ihn auch als Dichter antrifft, dessen objektbezogene Texte als lyrische Interventionen oder als chiffrierte Titel (»gegenstandsloser Traum um 2 Uhr 45«, »50 Faden tief« u.ä.) integrale Bestandteile des Gesamtwerks sind. Dieser disziplinären Entgrenzung (»offener Raum«) begegnet Leberer mit einer formalen Hermetik, die Assoziationen wachruft an Bilder des Hortus Conclusus oder vieldeutiger Gehäuse und Gehege, die einsehbar, aber nicht zu betreten sind.

Weit entfernt von mystischer Enthobenheit, ist der Betrachter dennoch, im sprichwörtlichen Sinn, im Bilde: Konkrete zeitliche wie örtliche Benennungen (»19 Uhr«, »Varanasi 1 und 2«) lassen zwar persönliche Erinnerungen vermuten, ohne dass sie jedoch eine zwingende Relevanz haben. Die Bilder sind in ihrer Stimmung allgemein nachvollziehbar. Titel wie »dunkle Erinnerung« spielen mit der Sedimentation zurückliegender Geschehnisse, die einer kollektiven Wahrnehmung Platz gemacht hat: »Abendweg«, »19 Uhr« und ähnliche Arbeiten verweisen auf die jedem erspürbare, indifferente Dämmerung sowie auf den poetischen Zauber der sogenannten Blauen Stunde.

So wichtig dem Künstler insbesondere seine Reiseeindrücke – etwa von der indischen Stadt Varanasi – sind, es bleibt die fulminante Umsetzung einer Stimmung, die sich abstrakt über Farbe, Form und Machart vermittelt und jedermann rational und emotional zugänglich ist. Man kann sie in der Verortung jenseits von Raum und Zeit als romantisch bezeichnen. »Wir saßen auf einem Felsvorsprung. Es war / dunkle Nacht …«: so beginnt ein lyrischer Text Leberers, der mit zwei bildhaften Situationen eine diesbezüglich typische Szenerie hervorruft.

Camill Leberer versteht seine Werke als Raumplastiken oder Wandobjekte. Schon die schweren Edelstahlplatten seiner Arbeiten in der Fläche erweitern den subjektiven Raum durch ihre gemalten Schichten und die mal quer, längs und senkrecht, mal in Wellenlinien vorgenommenen Gravuren, welche den Betrachter animieren, am Bild entlangzugehen. Die hologrammartige Tiefenwirkung entsteht im Vorübergehen, das heißt, aus der Bewegung heraus – das erklärt auch die Einstufung als Plastik und nicht als Malerei. Diese rhythmische Bewegtheit wird noch verstärkt durch vorgeblendete, teilweise farbig gefasste Glasscheiben, die zur Tiefe ins Bild hinein auch eine Transparenz nach außen vermitteln. Dabei geht es nicht um Durchsichtigkeit, sondern um das Nebeneinander unterschiedlicher Tiefenschärfe. Von hier aus ist der Schritt nicht weit zu den frei im Raum stehenden Gehäusen, die aus geometrischen Zellen oder labyrinthartigen Wandungen bestehen. Die strenge Ausrichtung ist der konstruktivistischen oder auch konkreten Tradition verpflichtet, und die vergleichsweise schlichte Ausstattung mit Polyester-Wellplastik, Neonröhren, Schaumstoff oder Kabeln erinnert an die materialbetonten, prozessualen Installationen der Arte Povera – doch weiß der Bildhauer genau, dass seine Bezugsquellen hier wie dort nur die kühle Atmosphäre des Ersteindrucks beschreiben.

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Leberers Schaffen ist vielschichtig. Zwischen dem als Spielzeug vorgestellten »Kreisel« und der transzendenten Figur der »Anima« mag es eine formale Beziehung geben; vom Bedeutungsfeld her betrachtet, liegen dazwischen Welten. Die Einbeziehung des Lichts mit seiner Strahlkraft und zugleich ihrer Eintrübung, die Spiegel- und Bewegungsmotive mit ihren synästhetischen Entsprechungen halten die einzelnen Arbeiten in einer Schwebe, deren hochkomplexes Balance-System sich im einheitlichen Gesamtwerk bewährt. Auch hier sprechen die Titel ein Wort mit: besonders die nautische Terminologie (»Echo«, »50 Faden tief«, »Sonar«) korrespondiert mit den Raum-Zeit-Klang-Assoziationen (»tief«, »frühe Bewegung – Anaconda lux«, »can you hear me«). Dazu kommt eine changierende Farbigkeit, vereint mit linearen und stukturglasvernetzten Elementen, die jegliche Festlegung auf Vorder-, Mittel- und Hintergründe relativiert. Bereits sein Gelb verband Camill Leberer anlässlich eines Interviews mit der Blauen Blume der Romantik. »Blaue Blume, / die leise tönt in vergilbtem Stein«, dichtete Georg Trakl und deutete damit den Bruch zwischen der verbindlichen Sehnsucht von früher und dem vergeblichen Sehnen des modernen Menschen an. Die Romantiker folgten jedoch noch Goethes Farbenlehre und sprachen dem Gelb als einziger weiterer Farbe dieselbe Reinheit wie dem Blau zu.

Es ist nicht verwunderlich, dass Leberer – anders als der vom fernöstlichen Denken inspirierte Wolfgang Laib – dem Gelb eine Sonderstellung einräumt, spielt das Licht als geistige Qualität doch eine wesentliche Rolle in seinem Schaffen. Im Gegensatz zum Blau strahlt das Gelb eine gewisse Härte aus und erscheint zugleich fragil im andersfarbigen Umfeld. Im jüngsten Werk gibt Leberer dem Blau allerdings einen größeren Raum, wobei sich naturgemäß die Palette verdunkelt – zumal in der Mischung zum Violett hin. Gegenüber der ins Absolute vergeistigten, hellen Installation »Nacht aus Glas« von 2010 lässt der Künstler zunehmend die Düsternis in seinen Gedankenraum herein: »dunkel und weit« oder »dunkle Erinnerung« heißen Arbeiten, in denen sogar dem Schwarz Platz gemacht wird. Doch wäre es zu einfach, hier finstere Mächte irgendwelcher Art auszumachen. Man denkt eher an die alles absorbierende Dunkelheit der Tiefsee, aus der das Gelb umso schillernder hervorleuchtet (vgl. »Sonar«, »50 Faden tief«) und aus der sich sogar Grün- und Rottöne zu einem wundersamen Farbkosmos erheben (vgl. »Fundstelle«, »Anandagram«).

Einen Parallelraum zum nächtlichen Dunkel nimmt die spekulative Welt des Traums ein, die allerdings noch im zeitlichen Umfeld der »Nacht aus Glas« ausgelotet wurde: Ein weiteres Indiz für die romantische Bildsprache und auch für die sprichwörtliche romantische Ironie, denn das betreffende Bildpaar verweist nicht nur auf einen »gegenstandslosen Traum«, sondern auch auf dessen imaginären Bild-Ausschnitt »um 2 Uhr 45« bzw. »um 2 Uhr 46«. Die rationale Grundhaltung Camill Leberers, die ihren Ausdruck in der kristallenen Klarheit der stählernen Wandobjekte findet, steht dabei nicht im Widerspruch zur Romantik, sofern man diese nicht bloß als Idyllik und sentimentale Weltanschauung missversteht. Friedrich Freiherr von Hardenberg alias Novalis, Autor der »Hymnen an die Nacht«, der in seinem Romanfragment »Heinrich von Ofterdingen« die Blaue Blume als Sehnsuchts-Chiffre erfand, schrieb über die Verwandtschaft von Sprache und Mathematik (und man kann in diesem Kontext »Sprache« durch »Farbe« ersetzen): »Wenn man den Leuten nur begreiflich machen könnte, dass es mit der Sprache [Farbe] wie mit den mathematischen Formeln sei – Sie machen eine Welt für sich aus – Sie spielen nur mit sich selbst, drücken nichts als ihre wunderbare Natur aus, und eben darum sind sie so ausdrucksvoll – eben darum spiegelt sich in ihnen das Verhältnisspiel der Dinge.«

Leberers Arbeiten sind so kühl wie nüchtern, um gar nicht erst das Gefühl pathetischer Übersteigerung oder einer ideologischen Verengung aufkommen zu lassen. Die durchaus reichlich geweckten Emotionen kontrolliert er durch eine konstruiert-distanzierte Weltsicht. Hier treffen seine Bezugsstile mit den Ideen der Romantik zusammen. Das Unfertige der Material-Installationen korreliert mit der Offenheit und Vorliebe für das Fragment, die Rationalität der konstruktiven Ästhetik findet sich in der nachhegelschen Geometrie des Geistes wieder. Leberers Kunst ähnelt einer Reise ins Ungewisse. Das Ziel kann äußerlich konkret einzukreisen sein, aber am Ende gilt der Reiseplan der eigenen Person. Die Größe des Werks, das neben den Wand- und Bodenobjekten auch die Zeichnung als fundamentale Grundlagenkunst, die Papiercollagen als Erweiterung der Metallarbeiten sowie digitale Fotografien als mediale Steigerung der entgrenzten Kunst als Gesamtkunstwerk umfasst, liegt darin, dass auch wir uns darin wiederfinden.