Ausstellungsbesprechungen

Aus der Eröffnungsrede: Ernst Wolf - Unmittelbarkeit und Ambivalenz, Künstlerkreis Ortenau - Galerie im Artforum, Offenburg, bis 20. Mai 2012

Während die gegenwärtigen Künstler für gewöhnlich ihr Profil im Grenzbereich zwischen figurativ-gegenständlichen und abstrakten Positionen schärfen, sucht Ernst Wolf die innermenschlich-abstrakte Linie zwischen rationalen und irrationalen Prämissen zu ziehen. Lesen Sie hier einen Auszug aus der Eröffnungsrede von Günter Baumann.

(…) Ernst Wolf (…) erschafft auf der Leinwand Welten, die ihre Realität allein aus der Farbe beziehen: Offensichtlich sind diese Welten grundverschieden, liegen quer zueinander, mehr noch: nach gängigen ästhetischen Vorstellungen passen sie gar nicht recht zusammen. Denn einerseits reihen sich monochrome, akkurat vermessene Farbstreifen bedächtig aneinander, andrerseits flirrt ein buntes Farbspektrum diffus über die Leinwand. Die Regeln des Goldenen Schnitts scheinen dabei außer Kraft gesetzt. (…)

Ernst Wolf wurde 1948 in Heidenheim an der Brenz geboren und studierte in den 1970er Jahren Malerei in Nürnberg bei Günther Voglsamer, der dort die Klasse für ›Große Komposition und Wandmalerei‹ leitete. Ich will Sie nicht mit biografischen Daten überfrachten, doch scheint es mir in aller Kürze ratsam, diese Zeit zu vergegenwärtigen und darauf hinzuweisen, dass sich die Kunst nach 1968 entschieden wandelte. Die historisch bedingte Dominanz der abstrakten, betont gegenstandslosen Malerei, insbesondere im Nachkriegsdeutschland, wich der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, die eine neue figurative Kunst hervorbrachte mit fantastischen, sozialistischen und fotografisch anmutenden Realismen, die aber auch die abstrakte Kunst politisierte durch ihre nach wie vor bleibende Skepsis gegenüber der Figuration, durch die Wendung der Abstraktion in eine konkrete Ausdruckskunst — parallel zur sogenannten konkreten Poesie — und durch Integration konzeptioneller Ideen. Wenn man so will, kann man pauschal sagen: Die Kunst und die Künstler waren genötigt, mehr über ihre Funktion zu reflektieren und sich ihrer Mittel bewusster zu werden, gerade auch im Hinblick auf die einsetzenden Neuen Medien. Ernst Wolf folgte offenbar nicht dem Illusionismus seines Lehrers, sondern entschied sich für die Abstraktion; später, ab den 90er Jahren, erhielt er während längerer Aufenthalte in Frankreich hierfür weitere Impulse. Zur selben Zeit engagierte sich der überzeugte Humanist als Vorsitzender des württembergischen Verbandes bildender Künstler und Künstlerinnen bis 1998 auch gesellschaftspolitisch. – – (…)

(…) Die Unvereinbarkeit, wenn nicht Widersprüchlichkeit jener Farbwelten, die mit einem Lidschlag des Betrachters auseinander zu fallen drohen, legt gerade angesichts der introvertierten Monumentalität auch die Frage nahe: Wie schafft es der Künstler, dass die Komposition hält? Hier kann ich nur mit dem Farbgespür von Ernst Wolf argumentieren, der die Gewichtigkeit der Farbe und ihre Atmosphäre in einer Balance hält, die selbst bei längerer Betrachtung atemberaubend ist. Die Farbpsychologie kann die Wirkung von Farben erklären, Anhänger einer geometrischen Kunst würden die Verhältnisse verschiedener Farben zueinander errechnen, doch die atmosphärische Dimension des Farbensembles ist nicht so leicht kalkulierbar. (…)

Die Gleichzeitigkeit von Zweiheit beziehungsweise Doppeltheit und Einheit ist gewollt. Wir wissen zu genau, dass das Leben in Gegensätzen aufgebaut ist, auch wenn man sich ein archaisches Einssein mit Gott und der Welt oder ein klassisches Ideal vollkommener Harmonie herbeisehen mag. »Realität«, so hat Ernst Wolf lakonisch festgestellt, »ist die Summe aller Widersprüche«. (…) Der alte Goethe schickte einer Freundin ein zweigeteiltes Gingko-Blatt als Zeichen der Freundschaft, zusammen mit einem seiner schönsten und bekanntesten Gedichte, das wohl auf die Zweisamkeit wie die Einheit von Liebenden zugeschnitten war, aber ohne Frage allgemeingültigen Charakter hatte: (…) »Fühlst du nicht an meinen Liedern, / Dass ich Eins und doppelt bin?« (Ginkgo Biloba)

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(…) Der Dichter gibt uns sozusagen ein reales pflanzliches Blatt in die Hand und führt uns vom Besonderen zur zentralen Aussage, »Dass ich Eins und doppelt bin«. Um noch die Abstraktion mit ins Bild zu nehmen, zitiere ich auch aus Goethes »Maximen und Reflexionen« eine Lebensweisheit, die zwar dessen dynamisches Weltbild beschreibt, die man aber ohne intellektuelle Verrenkung im Hinblick auf das Werk von Ernst Wolf lesen kann. »Grundeigenschaft der lebendigen Einheit: Sich zu trennen, sich zu vereinen, sich ins Allgemeine zu ergehen, im Besondern zu verharren, sich zu verwandeln, sich zu spezifizieren, und wie das Lebendige unter tausend Bedingungen sich dartun mag, hervorzutreten und zu verschwinden, zu solideszieren [= aus dem Weichen ins Starre überzugehen] und zu verschmelzen, zu erstarren und zu fließen, sich auszudehnen und sich zusammenzuziehn. Weil nun alle diese Wirkungen im gleichen Zeitmoment zugleich vorgehen, so kann alles und jedes zu gleicher Zeit eintreten. Entstehen und Vergehen, Schaffen und Vernichten, Geburt und Tod, Freund’ und Leid, alles wirkt durcheinander, in gleichem Sinn und gleicher Maße; deswegen denn auch das Besonderste, das sich ereignet, immer als Bild und Gleichnis des Allgemeinsten auftritt«.

Eins und doppelt, eins und alles. Vordergründig geht es auf der Leinwand von Ernst Wolf freilich um Farbe. Sie trennt sich, vereint sich, verwandelt sich, geht vom Fließenden ins Starre über und umgekehrt, verschmilzt, dehnt sich aus, zieht sich zusammen — und das nicht in einem überschaubaren räumlichen und zeitlichen Rahmen, sondern in bestimmten Augenblicken, die Wolf einfängt, immer und immer wieder aufs neue. Das ist kein Selbstzweck, keine Kunst um der Kunst willen. Dem Maler geht es um die Koordinaten des Lebens: Werden und Vergehen, Bewegung und Ruhe. Mit seinen Gemälden zeigt er uns das menschliche Seelenkostüm, unter dem es zugleich abgrundtief flackert und stillsteht, das atmosphärische Gefühl mag in Wallung sein, während der Verstand zur inneren Einkehr mahnt. Zuweilen verlangt auch der nach Bewegung, während das Gefühl sein Mütchen kühlt. Ernst Wolf wäre aber kein Abkömmling des 20. Jahrhunderts, wenn er allein einem goetheschen Dualismus des Eins- und Doppeltseins huldigen würde. Das vergangene Jahrhundert erschütterte wie kaum ein anderes alle Grundfeste des Humanismus und der Zivilisation, zertrümmerte ganzheitliche Denkmuster, relativierte die Wahrnehmung im Spannungsfeld von Makrokosmos und Mikrokosmos, schließlich in der digitalen Dimension. Ernst Wolf reagiert darauf mit einer Atonalität, wie sie sonst nur die Musik in vergleichbarer Konsequenz und Radikalität umgesetzt hat. (…) Der moderne Mensch ist nicht nur die Summe seiner Teile, er ist ein Flickwerk seiner Fraktale. Er ist — um das Goethe-Wort abzuwandeln — uneins und doppelt.

Malerei hinterlässt Erinnerungsspuren. In früheren Arbeiten gab Ernst Wolf ihnen noch einen sprachlichen Ausdruck, nannte sie etwa »Terrain libre«, was einmal an die temporäre französische Wahlheimat denken ließ, zum andern aber schon den freien Umgang mit dem nur theoretisch verortbaren Terrain nahelegte. Landschaftserlebnisse, Färbungen der Erde beziehungsweise der Pflanzen, verwitterte Wände, Straßenimpressionen und so weiter. Wie frei kann man wirklich sein in der Wahl seiner Mittel? Die Palette wird — wie bewusst ein Maler sie auch immer einrichten mag — sich an den Farben und damit wesentlich auch am Licht unsres Umfelds orientieren, und selbst da, wo sich ein Maler wirklich freimacht von derartigen konkreten Bezügen, werden noch modische Farbmuster ins Bild hineinfließen: Wolf vermeidet in seinen jüngeren Gemälden zwar Titel, um jegliche Spuren zu verwischen, aber wer hindert die Fantasie daran, in den mit der Rakel gezogenen ›Schlierenbildern‹ Seerosenmotive im späten Stil Monets auszumachen oder Lichter einer Nacht oder ein Menschengewimmel aus großer Entfernung oder einfach nur die sich verschleiernden, verblassenden, verschwindenden Zeichen des Vergessens? Wolf selbst, der alle Einflüsse als »Störsender« empfindet, verweist auf die kühnen Farbkombinationen der Pop Art-Künstler, die lachs- oder orangefarbene Töne auf die Leinwand brachten — so mancher Tabu-Klang, zuweilen auch Missklang war darunter, der aber vielleicht länger im Gedächtnis hängen blieb als die dazu gehörige Figuration. Inwiefern der Künstler ironisch Bezug auf die Kunstgeschichte nimmt, kann man nur Vermutungen anstellen. Für sensationell halte ich den quertreibenden Kurzstrich in einem der jüngeren Arbeiten, der mit Augenzwinkern Mondrian, De Stijl & Co. zitiert, heraufbeschwört und wohl parodiert. Auch das ist unser Leben, vielleicht erst hier das vielbeschworene und sogenannte wahre, weil auch ungeschönte, gewitzte, dafür emotional wie intellektuell lustvolle Leben. Mit den streng waage- und senkrecht aufgesetzten Randmarkierungen setzt Wolf sich Grenzen: gegen die Flüchtigkeit, die man im nahezu informellen Teil seiner Arbeiten auszumachen glaubt, gegen die Schnelligkeit, die das zentrale Hauptfeld zu bestimmen scheint, gegen das Gefühlige, das sich dem Ordnungssinn widersetzt. Ernst Wolf schafft Distanz, weil er sich der stimmungsvollen Nähe bewusst ist, die seine Bilder ausstrahlen.

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Uneins und alles. Einst schuf sich der Mensch Götter, die ein Chaos gebaren, aus dem sie dann den Kosmos schufen — und alles war gut. Ernst Wolf nimmt sich die Freiheit des Existenzialisten, Chaos und Kosmos (wir können auch von ›normierter Ordnung‹ sprechen) zusammen zu denken und in einem schöpferischen Prozess aufeinander zu beziehen, jenseits von Zeit und Raum. Überhaupt bestimmt der prozessuale Moment des Dazwischen-Seins seine Arbeit. Nie begreift er dies als bedrohlich (…): mit einer eher heiteren Gelassenheit lässt sich das Ergebnis seines Schaffens beschreiben, was in mühevoller Feinarbeit zwischen Verschleifung, sprich Destruktion, und geometrischer Flächengestaltung, sprich Konstruktion entsteht. Als würde sich Wolf an Nietzsches Spruch anlehnen, demzufolge man sich auch alles ganz anders denken kann (…), entwickelt er Serien, insbesondere die bereits erwähnten Bildpaare, die den Prozess als solchen illustrieren und zugleich eine alternative Momentaufnahme anbieten. Blaugrau trifft auf Ocker, Orange und Rosa, Gelb- und Rottöne brechen sich Bahn (…). Weiß und Schwarz akzentuieren die Komposition, deckende und durchlässige Malschichten bringen die Bildfläche in Schwingung, die uns bis in die Magengrube hinein bewegt, so greifbar ist sie. Phänomenal scheint mir zu sein, dass diese dramatische Bewegung nahezu lautlos vonstatten geht. Das unterscheidet Wolf von der Informellen Kunst (…). Ernst Wolf lotet aus, klebt Teile der Leinwand ab, um klare Kanten zu erhalten, er wägt sein Farbenarrangement ab, er erarbeitet sich Pinselstrich um Pinselstrich, Rakelzug um Rakelzug seine Welt — und der Betrachter wird den Einsatz von Pinsel und Rakel kaum noch ahnen, wohl aber die unterschiedliche, hochsensible Oberflächenbehandlung spüren (…).

Die Reflexion ist dem Künstler wichtiger als marktschreierische Effekte. Seine Bilder sind auch für ihn Entdeckungsreisen in unbekannte Welten, die von keiner Dinglichkeit getrübt sind — dagegen liegt die Materialität der Farbe ganz klar in der statischen Grundstruktur, die sich hintergründig absolut lebhaft zu Wort meldet. Ernst Wolf erfindet eine Art Zeichensprache, mit der er das Werden und Vergehen, das Sein und Nichtsein, den steten Wandel, wenn nicht umgekehrt die Statik des Wandels, sprich dessen Entschleunigung beschreibt. Ernst Wolf präsentiert uns in seinem Werk eine Chiffre für das Leben, wie er uns zugleich eine Chiffre für die Kunst vorführt. Einmal sprechen daraus die (…) zwei Seelen in der Brust, zum anderen spiegelt Wolf diese Zweisamkeit an den Stilformen des abstrakten beziehungsweise lyrischen Expressionismus und der konstruktivistisch-geometrischen Abstraktion. Die multikoloristische Vielfalt einer gestischen Malerei und das Reinheitsgebot einer minimalistisch ausgerichteten konkreten Kunst verspannt er souverän auf einer Bildfläche. Vor wenigen Jahren überwogen noch Arbeiten auf Karton, die auch den zufälligen Ausfluss des Leinöls als unterbewussten Vermittler zuließen (…), wo sich das unberechenbare Öl in die Komposition einmischt. Es bildet als zufälliges sinnliches Element einen festen Teil im Gesamtbild. Die Leinwandarbeiten von heute sind in dieser Hinsicht vielleicht unversöhnlicher geworden, dafür aber in anderer Form spannungsreicher, lebendiger, klarer denn je und – das sage ich in Hinsicht auf sein ganzes Schaffen in all seinen Widersprüchen und Asymmetrien — getragen von einer unbegreiflichen Schönheit. (…)