Ausstellungsbesprechungen

Aus der Eröffnungsrede: Gertrud Buder/Klaus Behringer – Fragile Zeichen, Galerie im Landratsamt Böblingen, bis 12. Juli 2013

Gertrud Buder und Klaus Behringer spielen mit der Fantasie des Betrachters: Hier durch Installationen von verkapselten Papierschnipseln, dort durch lyrische Frottagearbeiten. Günter Baumann hat sich den beiden Künstlern in seiner Eröffnungsrede zur Ausstellung gewidmet.

(…) An gemeinsamen Auftritten und Begegnungen fehlte es nicht: Bei spektakulären Gruppenausstellungen wie der »FeldArt« oder der »SitzArt« im freien Gelände bzw. im Stadtgebiet um Böblingen waren beide dabei. Und 1996 gehörten Gertrud Buder und Klaus Behringer zu den Mitgestaltern des Skulpturenwegs der Landesgartenschau. Bei der Preisvergabe gingen die ersten drei Preise an Hans Bäuerle – sowie an Klaus Behringer und Gertrud Buder.

Was haben die Zwei nun gemeinsam? Zum einen geht es, wie der Titel besagt, um Zeichen. Bei Gertrud Buder liegt die Zeichenhaftigkeit auf der Hand – fast signalhaft sehen wir einfache Gegenstände: Tisch, Stuhl, Glas, Vase, Hut usw. Klaus Behringer wartet gleich mit einer ganzen Kaskade von Chiffren auf, das heißt, uneindeutige Bildzeichen, die den Betrachter anregen, passende Geschichten dazu zu (er)finden. Das zweite ist ein spielerisches Element, das beidesmal zu beobachten ist, die Freude am Umgang mit der Realität – mit oftmals offenem Ausgang. Als dritte Gemeinsamkeit nehme ich den Schluss meiner Ausführungen vorweg, weshalb ich sie nur ein Stückweit schon verrate: Es geht beiden Künstlern um gedankliche Interieurs, die von außen her gestaltet sind.

Stifte, Gräser, Papier. Gertrud Buder verwendet als Ausgangsmaterial Grashalme. Der eine oder andere wird vielleicht sagen: Das ist ja nun nicht viel! Richtig. Doch was für eine Welt. Mit gängigen Begriffen wird man ihr nicht gerecht: Zeichnung passt nicht recht, Landschaftsmalerei trifft auch nicht zu, Materialkunst zielt zu sehr auf einen Gegenstand, für Land Art ist die Kunst zu domestiziert. Um das sensible Feld zu sondieren, auf dem wir uns befinden, bediene ich mich aus einer Nachbardisziplin, der Dichtung: Am nächsten kommen die Arbeiten Gertrud Buders vielleicht der Naturlyrik, sprich der Übertragung von Naturerlebnissen in eine sagen wir symbolische Sprache. Was wir sehen, ist ja allemal Kunst, die jedoch aus dem Naturerlebnis resultiert. Ich verlege diese Kunst deshalb kurz auf eine poetische Ebene, um das Sensorium für das unscheinbare Gewächs des Grases zu schärfen. Der Naturlyriker Josef Weinheber schrieb ein Gedicht »Im Grase«, in dem Farben und Gerüche von Thymian und Mohn, Klee und Rosmarin usw. das Ich, mutmaßlich in der Wiese liegend, »Zwischen Traum und Wachen« in die Ferne schweifen lässt: »Das ist deine Stille«, heißt es da. Oder ein anderes Gedicht, »Gras«, von Alfred Mombert:

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»Nach jeder Sehnsucht zieht es mich hinab,
einen rauen Berghang hinab
auf eine Wiese, wo unsichtbar Gras
weich, still, tief – so ganz hinnehmend,
was immer kommt, so sonder Lob und Schätzung.
Das weiche Gras, es hat wohl auch sein Urteil,
und Mancher kommt, und Keiner gleicht dem Andern.
Es wispert leise …«

Immer ist es die Stille der Natur, die sich im Gras kundtut. Noch eine letzte lyrische Einlage: Rilkes »Irre im Garten«, offenbar in psychiatrischer Abgeschiedenheit beobachtet …

»… Zwar manche pflegen dort die Frühlingsbeete,
demütig, dürftig, hingekniet;
aber sie haben, wenn es keiner sieht,
eine verheimlichte, verdrehte

Gebärde für das zarte frühe Gras,
ein prüfendes, verschüchtertes Liebkosen:
denn das ist freundlich, und das Rot der Rosen
wird vielleicht drohend sein und Übermaß

und wird vielleicht schon wieder übersteigen,
was ihre Seele wiederkennt und weiß.
Dies aber lässt sich noch verschweigen:
wie gut das Gras ist und wie leis.«

Doch geht es hier gar nicht darum, das Gras selbst zu besingen, sondern darum zu zeigen, welche assoziative Kraft gerade die einfache, schlichte Natur – vom brüchigen Halm bis zur saftigen Wiese hat. Das Gras ist so etwas wie ein Geheimnisträger für Gedanken, Gerüche, Stimmungen. Nun klingt das etwas nach Eskapismus, wie ihn Gottfried Benn, selbst Dichter, heftig kritisiert, wenn er von den »Bewisperern von Gräsern und Nüssen und Fliegen« spricht. Aber um den Weg zum Werk von Gertrud Buder zu finden, brauchen wir die Wiese nur im Prozess der Entstehung: Gras ist nicht Motiv, sondern Medium für ein hochkomplexes konzeptionelles Œuvre. Die Wahrnehmungen, der Duft, die fliegenden Gedanken dürfen weiterhin unterstellt werden. Aber den klangmalerischen Aspekten kommt außerdem ein tektonischer Aspekt hinzu, der gänzlich vernunftgetragen ist. Deshalb spielen auch die Blüten weniger eine Rolle als der nüchterne Stiel: Man kann wunderbar damit bauen, und in der Tat wird die Konstruktion der Gräser u.a. für leichte Flächentragwerke in der Architektur genutzt. Gertrud Buder baut auch mit Halmen, bringt sie aber unmittelbar wie eine Zeichnung an der Wand oder auf dem Papier an. In anderen Bildgruppen zeigen sich die Gräser nicht mehr physisch, sondern nur noch als Relikt der Erinnerung: Ich meine die Abreibungen, bei denen das zuvor drapierte Gras mit Kohle oder Graphit auf ein dünnes Papier übertragen wird – die Dadaisten und Surrealisten haben sich erstmals mit der Durchreibetechnik befasst.

Ist es noch Zeichnung? Ist es Plastik? Materialkunst? Ich mag dieses Werk, das ohne grelle Farbigkeit auskommt, das im Stillen entsteht – und das zugleich das Verhältnis von Kunst und Naturvorbild in philosophischer Tiefe reflektiert. Ich versuche, den Prozessen Schritt für Schritt zu folgen. Am Anfang gibt es Natur pur. Das Gras muss geschnitten und fallweise getrocknet werden – da handelt es sich noch um erlebte Konzeptkunst, Spurensuche, ansatzweise Land Art.

In einer anderen Arbeitsstufe werden Einhalm- oder Zweihalmarbeiten geschaffen, in der Konsequenz auch komplexe grafische und sogar dreidimensionale Installationen: Gefäße oder Hüte, Stühle oder ein ganzes Wohnzimmer. Dabei ist der künstlerische Prozess schon in Zeichnung übergegangen und sei es als dreidimensionale Zeichnung im Raum. Statt des Pinsels oder Stifts entstehen die linearen Motive eben mit natürlichem Material. Die Arbeiten sind zugleich selbständige Skulpturen, im schlichtesten Bezug auch Objects trouvés: Einerseits bildet die Natur sich selbst ab: der Halm als Halm. Indem diese Natur – die Grashalme – in der dargestellten Dinglichkeit – Hut, Stuhl, Regenschirm – etwa anderes bezeichnen, ist sie zugleich denaturiert: die Natur verwandelt sich andrerseits in realitätsnah-gegenständliche Kunst.

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Kunst ist dabei nicht als Imitation, sondern eher als Intuition zu verstehen. Die kommt noch mehr zum Tragen in den Abreibungen, hier auch unter Einsatz von Kreiden und Stiften. Vom Stil her ist es jetzt ein lyrischer Expressionismus, der auf zarte Weise Bezug zum gestalteten Naturbild bzw. zum Naturelement nimmt, zuweilen wird diese Frottage auch kombiniert mit weiteren Halmen – oder sind es gar dieselben, die aufs Papier durchgerieben wurden? Dieser wechselnde Übergang von Natur in Kunst und umgekehrt, wie er uns im Schaffen von Gertrud Buder begegnet, ist faszinierend. Dass dabei auch eine enorme spielerische Energie mitwirkt, ist zu spüren, vor allem in den installativen Arbeiten, die ihr Werk mit dem von Klaus Behringer zusammenbringt. Das nutze ich gleich zum Übergang.

Zwei Arbeiten sind hier zu sehen, die aufeinander Bezug nehmen: zum einen die große Wandarbeit im Eingangsbereich, zum anderen – fast zu übersehen – ein Requisiten-Ensemble in der Raumerweiterung im vorderen Flurbereich, gegenüber der langen Fensterfront. Klaus Behringer hat ein Gemälde mit dem Titel »Brazil« gehängt, das in seiner abstrakten Farbgrundierung Reste eines Strohbesens aus einer früheren Aktion integriert.

Statt nur an der Hängeschiene befestigt zu sein, hat Behringer eine gut sichtbare Schnur als Aufhängung angedeutet, um in das Interieurbild von Gertrud Buder hineinzuspielen: ein Lampe oberhalb des Bildes gibt der Szenerie ihre wohnliche Anmutung, daneben entfaltet sich eine Wohnraumdarstellung, die in der Komposition noch den Emporengang im Landratsamt mit aufnimmt. Als Capriccio ragt an der fingierten Türe ein tatsächlich handgreiflich vorspringender Türgriff hervor. Im Gesamtensemble sind wir Teilhaber einer gewitzten Sensation: Malerei, Plastik, Installation und Architektur sind so miteinander vereint, als dürfte diese Arbeit nie mehr diese Wand verlassen. Ich weiß, künftige Ausstellungsmacher würden Einwände finden. Die andere Arbeit ist vergleichsweise klein, hat es aber in sich: Bei aller Fragilität des Materials besitzt der natürliche Halm eine Binnenstatik, die Garant für erstaunliche Stabilität ist. Ich rede von dem Kleiderbügel an einem Aufsatz, der fast skizzenhaft eine Garderobe andeutet. Sie findet sich im Verein mit zwei »Memorials« Klaus Behringers.

Klaus Behringer würde die Buderschen Arbeiten als Materialerkundungen bezeichnen, wie er auch die eigenen Werke charakterisiert hat. Er kam von der Grafik, insbesondere der Radierung, zur Installation, und von da zum digitalen Druck – und wie wir sehen, dürfen wir den der Gattung nach traditionellen Maler nicht vergessen, der jedoch auch hier unter Einsatz von Collagen und Materialeinlagen, Blechen und Kartons die Grenzen überwindet – auch hier ein Wink seitens der Surrealisten. Vom »Brazil«-Bild, das zu einer Serie sogenannter Katastrophenbildern gehört, war schon die Rede. In den Memorials greift der Künstler auf seine installative Phase zurück: auf einem Kissen – oben auf der Empore - , einem Hemd und einem Mantel sind wie Saugnäpfe Gläser angebracht, die allesamt Erinnerungszettel enthalten, das heißt, zerknüllte Papiere, deren Notizen wir nicht prüfen können.

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Klaus Behringer spielt hier einerseits mit der Neugierde und andrerseits mit der Fantasie des Betrachters. Der misst der Szenerie automatisch Bedeutung zu, fragt sich etwa: Wem gehören die Sachen? der Mantel etwa könnte der des Vaters sein. Wie auch immer, die Bekleidung wird zu Erinnerungsstücken ihrer Träger – und die verkapselten Papierschnipsel zu Gedankenspeichern. Es ist einerlei, ob hier Wissen abgelagert ist oder nur banale Randnotizen. Im Grunde geht es darum: einem Leben oder einem Traum hängen allerhand an Gesagtem und Ungesagtem, an Erinnerungen und Wünschen an. Traum sage ich im Hinblick auf das Kissen, das wir doch wohl mit dem Schlaf verbinden, in dem wir bekanntlich unbewusst Gedankenfetzen in scheinbar schlüssige Bilder umsetzen. Ums Eck findet sich auch ein Bildpaar, betitelt »Archiv« – auch das ein Erinnerungsspeicher…

Erinnerung, Traum, Vergänglichkeit – Klaus Behringer gibt uns Rätsel auf, reizt durch vieldeutige Bildtitel die Fantasie des Betrachters, spielt mit Zitaten, Vanitas-Symbolen, also Bilder der Vergänglichkeit, aber auch mit Klischees und Kindheitsvorstellungen. »Portrait of the Artist as a Young Man« zum Beispiel heißt ein Buch von James Joyce, der Titel taucht bei Behringer mehrfach auf, wobei es allenfalls um Reflexe auf die Vorlage geht. Etwa so: »Und der Zug sauste fort übers platte Land und am Hill of Allen vorüber. Die Telegraphenmasten zogen vorbei, vorbei. Der Zug, der fuhr und fuhr. Der wusste’s. Bunte Laternen hingen im Flur in seines Vaters Haus und Girlanden grüner Zweige. Stechpalme und Efeu staken um den Wandspiegel und Stechpalme und Efeu, grün und rot, waren um die Leuchter gewunden…« Bei Klaus Behringer verlagert sich die Szene gänzlich in die Wohnung, mit Spielzeugeisenbahn, die Farben Grün und Rot sowie ein biedermeierliches Ambiente tauchen im schrägen Tapetendesign wieder auf.

Überhaupt die Tapeten! Sie finden in den Digitaldrucken und auf den Gemälden sogar als Collagen immer wieder Mustertapeten, die Klaus Behringer einmal in die Hand bekam und zur Grundierung unzähliger Arbeiten benützt. In irrwitzigen Bildern schlägt er ein vielfältiges surreales Buch des Lebens, besser gesagt: des Träumens, Sehnens und Erinnerns auf. Die eher kindliche Spielkulisse verwandelt sich zuweilen in drastische Katastrophenszenarien oder ins Kriegsspiel. Noch einmal James Joyce: »Regen fiel auf die Kapelle, auf den Garten, auf das College. Es würde für immer regnen, tonlos. Das Wasser würde steigen, Zoll um Zoll, das Gras und Buschwerk bedecken, die Bäume und Häuser bedecken, die Denkmäler und die Bergesgipfel bedecken. Alles Leben würde erstickt sein, tonlos … tonlos treibende Kadaver zwischen den Trümmern der schiffbrüchigen Welt.« Das ist so nicht illustrierend dargestellt im Œuvre von Klaus Behringer, aber auf dem Gemälde mit dem Joyce-Titel geht auch ein Schiff eben im Strudel unter. Die Geschichten hinter Behringers Bilder sind immer offen, speisen sich aus persönlichen und kollektiven Erinnerungen. Um nicht zu detailliert eine Pattsituation zwischen (Natur-)Vorbild und Kunstwerk heraufzubeschwören, arbeitet der Maler gern mit einem verlängerten Pinsel.

Die Entscheidung, ob das Leben eher einer Schießbude ähnelt oder einem Kasperletheater – der Maler hält beides mal im Bild fest –, ist ein Angebot an diejenigen, die konkrete Antworten suchen. Glaubt man dem Bildfundus des Künstlers, wird man davon ausgehen müssen, dass das Leben im einen oder anderen Fall absurd ist und mehr vom Unterbewusstsein gesteuert als selbstbestimmt. Zumindest will uns Klaus Behringer da keinerlei Vorgaben machen, wäre auch schade drum. Das vermittelt der Künstler in seinen großformatigen Gemälden wie in zahllosen kleineren Digitaldrucken im DIN A4-Format. Freilich: der Betrachter kann sich allein an der technischen Raffinesse erfreuen… Das Bild »Stationär« ist nahezu ein abstraktes Werk, das von einer Struktur aus senkrechten Linien dominiert wird. Allein ein Hocker und minimale Andeutungen von Raumgefüge – etwa an der Vorhangstange – machen aus der auch farblich zurückhaltenden Leinwand eine authentisch nachvollziehbare Wartezimmerabschirmung, inklusive aller Trostlosigkeit.

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Andere Arbeiten wiederum rekurrieren auf literarische Zitate oder auf Vorbilder in der Kunstgeschichte, ohne sich hierin zu genügen. Eine Serie, der auch die Eisenbahnszene à la James Joyce entnommen ist, nennt Klaus Behringer »Mare Crisum«, der wahren Schreibung Mare crisium wohl bewusst: Der Titel meint erstens eine stellare Mondmeer-Region im Weltall, zweitens dem Begriff nach »Meer der Gefahren«, in der Übersetzung des Künstlers auch »Tal der Tränen«, und drittens einen utopischen Roman von Arno Schmidt, »KAFF auch Mare Crisium«. Dieser experimentelle Roman zwischen militärisch-technischer Aufrüstung und Papiermangel, zwischen Stalingrad und Atomkriegsangst ist wie die Begriffsvorgabe keine Gebrauchsanweisung: Panzerkreuzer und Luftgeschwader zielen in die Richtung, aber wenn das Einzelbild schlicht »Herrenabend« heißt, drängen sich verdrängte oder zweideutige Bilder nach oben. Als Beispiel eines kunsthistorischen Rückgriffs nenne ich nur die Kerker-Folge »Carceri« von Giovanni Battista Piranesi, die in Klaus Behringers Serie der »Kammerspiele« als Formspiel wieder auftauchen. Auch die Himmelsleiter hat ikonografische Referenzen – in unserem Fall mit der vielsagenden Variante, dass nur der Schatten der Leiter verrät, dass sie ins Nichts führt.

(…) Mit den Digitaldrucken geht der Künstler einen ganz neuen Weg der Reproduktion. Im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit – der Titel ist einer Arbeit Walther Benjamins aus den 1930er Jahren entlehnt – ist ein Kunstwerk kein Garant mehr auf Originalität im Sinne von Einmaligkeit, es verliert seine auratische Erhabenheit und wird vielmehr Teil einer kollektiven Wahrnehmung. Hat die Fotografie oder der Film noch die Träger Papier bzw. Leinwand im Sinn (es heißt ja tatsächlich Filmleinwand), verliert sich dieser im Zeitalter der digitalen Medien, wo allein der Bildschirm als Träger notwendig ist. Ausdrucke lassen sich im Grunde beliebig viele machen, zwingend notwendig sind sie nicht mehr, es sei denn, Sie wollen einen kaufen. Als unterzeichneter Archivpapier-Druck erhält das Motiv seine Originalität ein Stückweit wieder zurück. Klaus Behringer geht mit den neuen Medien ganz selbstbewusst um. Geht es bei Gertrud Buder um ein Wechselspiel zwischen Naturbild und Abbild, geht es bei Klaus Behringer um ein Wechselspiel von Abbild und Kopie.

(…) Es dürfte deutlich geworden sein, dass es sowohl im Werk Gertrud Buders als auch bei Klaus Behringer nicht um klassische, klar verortbare Innenräume geht. Zudem kommen ja bei beiden auch Außenaufnahmen vor, ich denke an die Flussbilder hier, oder an die mutmaßlich an einem Geländer oder Balkon zu vermutende Reihe von Blumentöpfen da. Nein, es geht um den Blick nach innen, ein personalisiertes Interieur: nicht als Nabelschau oder als Ausdruck einer besonderen Befindlichkeit. Bei Gertrud Buder steht am Beginn ihres künstlerischen Tuns das Erlebnis, das sie in einer eigenen Bildsprache verallgemeinert. Bei Klaus Behringer steht am Anfang die Erinnerung, die – kollektiv erweitert – eine entsprechende Verallgemeinerung erfährt. Beide Künstler arbeiten prozessual und seriell, und am Ende ihrer vergleichbaren Prämissen im Umgang mit Vorlage und Darstellung kommen beide auf unterschiedliche Weise zu einer formvollendeten, gültigen, wenn auch fragilen, gefährdeten Kunst. Und die schwingt auf einer Wellenlänge, dass sogar Gemeinschaftsarbeiten möglich werden – als temporäres, flüchtiges Schau-Spiel.