Ausstellungsbesprechungen

Aus der Eröffnungsrede: Hannelore Weitbrecht – Im Rhythmus der Natur, Städtische Galerie im Schloss Isny, bis 6. Juli 2014

Die Natur ist das große Thema der Künstlerin Hannelore Weitbrecht: Sie lässt sich von natürlichen Formen inspirieren und kombiniert Papier und natürliche Materialien. Damit schafft sie eine ebenso organische Kunst, die sowohl malerische als auch skulpturale Elemente nutzt. Günter Baumanns Eröffnungsrede stellt sie uns vor.

Dieses Werk drängt sich nicht auf, kommt im Grunde mit wenig Farbe aus, scheint zeitlos zu sein – und ist schön im klassischen Sinn zu nennen. Der Philosoph der Aufklärung Immanuel Kant würde vom »interesselosen Wohlgefallen« sprechen, das heißt: Die freie Kunst hat keine Nebeninteressen, sie wirkt aus sich heraus. Nun klingt das etwas unspannend, wiewohl dieser Eindruck der »edlen Einfalt und stillen Größe« Johann Joachim Winkelmanns nahekommt. Es ist auch nicht ganz richtig, weil noch nichts über die Seele in den Arbeiten gesagt ist. Dein Werk, Hannelore, ist geheimnisvoll, mal lyrisch zart, mal beschwingt skandiert, es ist inszeniert und stellt sich hier und da apodiktisch in den Weg – nicht zuletzt ist es hochkomplex, wenn man versucht, es einzuordnen. Was vielleicht am meisten anrührt, ist die Fragilität der Objekte und die Archaik, welche hier – zumal in diesem Saal, dessen Gewölbe allein schon uns in eine andere Zeit entführt – spürbar wird. Kurzum: Das Schaffen von Hannelore Weitbrecht gehört zum beeindruckendsten, was Kunst bieten kann, eine ganz eigenständige Bildsprache. Aber um das Etwas auszuführen, muss ich ein paar Kleinigkeiten aus dem Weg räumen. So ganz selbstlos sind diese Arbeiten nicht: Sie sind käuflich – so viel Nebeninteressen darf auch Kunst haben. Das andere ist der leise Ton, den die Arbeiten anstimmen.

Der Titel der Ausstellung heißt: »Im Rhythmus der Natur«. Er ist so trefflich gewählt, dass ich ihn nicht einfach übergehen kann. Im Rhythmus der Natur zu sein, heißt sich im Einklang zu wissen von etwas, was der Kunst eigentlich entgegengesetzt ist, mehr noch: Weite Strecken der Kunstgeschichte sind darauf angelegt, ihren Gegenstand – nämlich die Kunst – gegen die Natur auszuspielen, oder aber sie ist in anderen Lagern verhaftet, wo man sogar noch die Unterlegenheit der Kunst gegenüber der Natur geradezu hofiert, um thematisch und materiell den größten Abstand zu suchen. »Die Kunst«, wusste schon Paul Cézanne vor über 100 Jahren, »ist eine Harmonie, die parallel zur Natur verläuft; was soll man von den Dummköpfen halten, die behaupten, dass der Künstler immer der Natur unterlegen ist?« Im Einklang mit der Natur zu sein, heißt alle Fronten, die traditionsgemäß existieren, einzureißen. Es heißt aber auch, die Parallelführung in eine Spur zu bringen. Im Rhythmus der Natur heißt, die Nähe des anderen Parts zu suchen, einen vielleicht anderen Rhythmus anzunehmen als denjenigen, den wir kennen: Natur hat einen eigenen Rhythmus. Hannelore Weitbrecht nimmt das wörtlich, denn sie arbeitet mit natürlichen Materialien. Und die sind mir ein guter Einstieg in die Ausstellung, in der ich die Frage stelle: Was ist schon oder noch Natur? Und wo beginnt – oder endet – die Kunst?

Fortsetzung von Seite 1

Hannelore Weitbrecht arbeitet mit leimgetränkten oder speziell ausgesuchten Papieren, die sie mit natürlichen Materialien kombiniert. Schon mit dieser technischen Beschreibung kann man Rückschlüsse auf das sensible Formenvokabular ziehen: Papier ist ja bis zu einem gewissen Grad auch ein natürlicher Stoff – historisch allemal, kommt der Name doch von der Papyrusstaude her, aus der der Werkstoff einst hergestellt wurde. Noch heute sind teils natürliche Faser-, Zell-, Füll- und Hilfsstoffe bei der Herstellung von Papier beteiligt. Hannelore Weitbrecht verwendet es auch nicht als Mal- oder Zeichengrund – dann müsste man sich nicht so intensiv damit auseinandersetzen – sondern als Gestaltungselement selbst. Dazu nimmt sie bevorzugt Pflanzenkeime oder Fruchtkerne, die sie mit dem Papier in plastischen Objekten zusammenfügt, verstärkt mit Draht oder Zweigen und bereichert durch Farbe – schon diese sprachliche Nuance ist bedeutsam: Die Arbeiten sind nicht nur bemalt, wenn überhaupt; die Künstlerin, die von der Malerei herkommt, verwendet den Begriff »Farbe« gleichwertig mit Papier und Draht. Doch auch Farbe ist hier doppeldeutig: Die Ritual-Arbeiten etwa sind mit der (Nicht-)Farbe Schwarz bemalt. Andere Objekte, zumal die mit Ästen, haben ihre Eigenfarben – bieten uns allen also natürliche Akzente. Hannelore Weitbrecht beteiligt pflanzliche Stoffe, die man gemeinhin nicht unbedingt als Pflanzen ansieht. Als solche stellt man sich eher Blumen oder Gräser vor – kurioserweise nimmt diese Rolle im Werk Hannelore Weitbrechts eher das Papier ein, dem man wiederum den pflanzlichen Hintergrund nicht mehr ansieht. So schwankt die Wahrnehmung zwischen künstlicher Pflanze, etwa Papierblumen, und kunstvollem Accessoire, wenn man die Materialcollagen betrachtet. Die Objekte ziehen sich in eine künstliche Position zurück, um ihren Reiz zu verstärken: Neugierig nähern wir uns den offenbar filigranen Gebilden und erkennen spätestens hier, dass es sich um ur-natürliche Gewächse handelt, in deren inszenierter Gestalt genau das herausragt, was wir beim ersten Blick nur vermuteten: Das ist vollendete Kunst, die sich der Natur bedient, und es ist die museale Glorifizierung der Natur, die kunstvoll als Natur auftreten kann. Das heißt auch: Hannelore Weitbrecht hebt die Grenze auf zwischen den Zustandsformen Natur und Kunst.

Wenn es aber um Kunst geht, stellt sich die Frage nach der Gattung. Wo platziere ich sie, wenn ihre Protagonistin die Natur selbst ist? Die Plastik liegt nahe, doch nach klassischem Verständnis bedarf es hierzu eines Volumens. Da dies bei den meisten Arbeiten kaum ins Gewicht fällt, gehört das Werk in eine Kategorie von plastischer Gestaltung, die ihre eigenen Grenzen abgelegt hat. Vergleicht man etwa diese Arbeiten mit Holzskulpturen – und immerhin ist Holz ja auch ein letztlich pflanzlicher Stoff, was man gern aus dem Gesichtsfeld verliert –, spürt man unmittelbar das Leichtgewicht des Papiers. Kann Papier skulpturale Eigenschaften haben, nur indem man sie schichtet oder in sich zu langen Fasern verdreht? Heute definiert sich die Plastik nicht mehr grundsätzlich über das Volumen, also könnte man sich die Entscheidung leicht machen. Das Papier ist aber vielfältiger. Als Mal- und Zeichengrund ist es uns eh geläufig. Was, wenn die Anordnung von Papier und Fruchtkern oder eingeflochtene Schoten ihre sinnliche Pracht in der Fläche entfalten? Ich will auf die malerische Wirkung hinaus, die nicht minder experimentell anzusehen wäre als die Plastik – aber auch da wissen wir, dass die Gattungen nicht mehr auf ihrer traditionellen Gestalt beharren.

Fortsetzung von Seite 2

Jedenfalls können wir im Werk von Hannelore Weitbrecht skulpturale wie malerische Elemente ausmachen. Über die installativen Ensembles erobert sich die Künstlerin auch den Raum und übersteigt so auch hier Gattungsgrenzen, die bis in die Architektur hineinragen, wenn wir die Objekte – ihrem Material und in ihrer potentiellen Raumgreiflichkeit nach – dreidimensional betrachten, ganz abgesehen von der statischen Qualität, das gerade Papier entwickelt, aber auch in der Natur eine nicht zu unterschätzende Rolle als Leichttragwerk spielt. Fragile Turmassoziationen tun sich auf, gebaute Strukturen finden sich hier und da angedeutet, Gärten spielen als Gedankenspur mit herein. Da ich nun wieder bei der Natur angelangt bin, will ich die Gattungsbestimmung hier noch auf die Land Art ausdehnen: Als gedachte Modelle könnten die Arbeiten von Hannelore Weitbrecht als Bindeglieder zur Landschaftskunst fungieren – und ganz konkret führt uns Hannelore Weitbrecht in gedachte oder symbolische Felder voller Keimstände, aufblühender Naturmotive und Vergänglichkeitssymbolik.

Im Rhythmus der Natur zeigt sich die Kunst des »Als-ob«. Die Objekte von Hannelore Weitbrecht sind durchweg gestaltet, das heißt, die Natur wird nicht einfach vorgeführt oder ausgesetzt. Und doch beobachtet die Künstlerin sehr genau die Kreisläufe natürlicher Vorgänge, das Wachstum, das Werden und Vergehen in der Natur. Mit ihrem Schaffen stellt sie die Natur dementsprechend in den Gestaltungsraum der Kunst: Mal formt sie Pflanzenteile und Blüten aus Papier, das somit eine vermittelnde Funktion einnimmt, mal integriert sie die Samen und Fruchtkerne direkt in die papierenen Objekte, die somit zum Medium selbst werden, ein andres Mal kann man den farblich gefassten Objekten ihren natürlichen Grundstoff gar nicht mehr ansehen. Allemal geht es um verschiedene symbolische Formen, die sich gegenseitig ergänzen, die sich vermischen: Pflanzenkeime und Obstkerne sowie Samenkapseln usw. stehen für die Speicher des Lebens, und das Papier übernimmt als Grundlage die Funktion eines kulturellen Speicherraums. Nicht ohne Grund gestaltet Hannelore Weitbrecht auch Buchobjekte, die man unmittelbar als Speicher des Wissens sehen muss. Dazu verweisen die locker geschichteten Papiere oder die zu Fäden gerollten Blütenstängel sinnbildlich auf das Faszinosum der Speicherkapazität innerhalb der allumfassenden Natur, der wir ja auch allesamt angehören und die wir im Luxus digitaler Konservierungsmöglichkeiten leider nicht mehr richtig würdigen. Die archaischen Formen und natürlichen Details stehen auch für kultivierte, das heißt vom Menschen bearbeitete Natur, die sich ursprünglich auf Ackerbau, Feldbestellung und Gartenpflege bezog, welcher die Züchtung und Nahrungssicherung miteinbrachte, deren Begriff als »Kultur« jedoch auf die geistigen Schöpfungen des Menschen übertragen wurde.

Fortsetzung von Seite 3

Natur, wie sie von Hannelore Weitbrecht inszeniert wird, ist eine Kunst, die uns daran erinnert, dass wir bewusster mit ihr umgehen sollten, wenn wir unser Menschsein erhalten wollen. Es sind nicht nur Chiffren, wenn wir uns die Oberfläche dieser dicht gedrängten, lockerverklebten oder fest verleimten Objekte vorstellen – sie ist immens, zumindest kaum wirklich zu erfassen, zuweilen sogar hinter einer Farbschicht unsichtbar komprimiert. Dazu kommen die Informationen, die die Pflanzen in sich tragen, aus denen ja die Wachstumsprogramme hervorgehen, und wo die Schaltstellen für das Werden und Vergehen liegen. Hannelore Weitbrecht macht nicht nur schöne Objekte, das allein wäre schon verdienstvoll, sondern sie gibt der Natur in der Sprache der Kunst einen Wert. Als Natur ist das Werden und Vergehen ein wertneutraler Akt der Schöpfung, als Kunst ist es ein Akt der Reflexion, kurzum des Lebens. So unscheinbar die Arbeiten von Hannelore Weitbrecht erscheinen, so unendlich sind ihre Erscheinungsformen: Ihre Kunst gemahnt uns an den sorgsamen Umgang mit der Natur, mit ihren Ressourcen. Ihre Kunst bringt unser Leben auf den Punkt: unbegreiflich vielfältig und zugleich grundeinfach – man möchte mit Hölderlin sagen: heilig-nüchtern –, in stiller Größe präsent und zugleich in ständiger Reproduktion, selbstgenügsam in sich ruhend und zugleich im ständigen Fluss, im unaufhörlichen Werden begriffen – und im steten Dialog. Die Installationen machen deutlich, dass die Natur wie die Kunst als Ganzes, als Miteinander gedacht werden müssen.

Die Titel der Arbeiten heißen »Pflanzenversuchsfeld«, »Pflanzung« oder »Hybriden«, »Hortus«, »Kleines Beet« oder »Fruchtfeld«, »Ernte« oder »Ritual«, »Blätter« oder »Baumstück«, »Rhythmen« oder »Wachsen«, dazu kommen poetische Wortschöpfungen wie »Fächerkugel«, »Knospenfächer« oder »Blütentanz«. Im Ergebnis sehen wir malerische Collagen, Gebilde, die Urpflanzen insinuieren, Schöpf-Gefäße in der doppelten Wortbedeutung von nutzbaren Behältnissen und geschaffenen Kreationen. Sie ahnen die Fülle an Wortfeldern und Motivgruppen: Mal werden wir symbolisch Zeugen wissenschaftlich-experimenteller Versuchsreihen, mal entsteht vor unserem geistigen Auge eine unberührte Flora, ein andermal lässt uns ein Natur-Stück an die ländliche Feldarbeit denken oder auch an Gedichte, die sich der Natur widmen. Selbst kultursymbolische und tierische Gebilde ziehen zuweilen wie Kalligrafien an Wänden entlang, um die Zeichenhaftigkeit der Natur zu unterstreichen. So meint man in einer Wandinstallation fischförmige Körper zu erkennen, die im fließenden Rhythmus einen anderen Ton anstimmen, den ich noch gar nicht erwähnt habe. Andere Chiffren tauchen auf: Schiffe, Manuskriptstapel usw. Naturhafte Begriffe wie Aufkeimen, Knospen, Wachsen, Blühen und Vergehen sind denn auch Worte, derer sich die Lyrik bedient. Aufgrund dieser Vielfalt, sehen wir uns hier also auch weniger im Labor eines Botanikers als in einem imaginären Archiv der Natur- und Kulturgeschichte. Dem widerspricht nicht der famose Ordnungssinn, der zuweilen in wissenschaftlicher Akribie die Dinge des Lebens regelrecht aufräumt. Selbst in naturhafter Regelwidrigkeit strebt das Chaos zu einer höheren Ordnung. Ich denke dabei an die große Hortus-Installation.