Ausstellungsbesprechungen

Aus der Eröffnungsrede: Hellmut Ehrath und Gerhard Walter Feuchter – KONNEX: Stahl – Papier, Galerie im Landratsamt Böblingen, bis 25. Oktober 2013

Stahl und Papier scheinen auf dem ersten Blick wenig gemeinsam zu haben. Doch können sie – jeder auf seine Weise – bestimmte Informationen übermitteln. Die Künstler Hellmut Ehrath und Gerhard Walter Feuchter zeigen wie. Günter Baumann erklärt es Ihnen in seiner Eröffnungsrede, die wir hier in Auszügen abdrucken.

(…) Die Arbeiten von Hellmut Ehrath und Gerhard Walter Feuchter sind durchaus verschieden und nehmen deshalb auch getrennt voneinander ihren Platz ein im Landratsamt. Doch hier stutze ich, angesichts des Titels KONNEX, der doch eine Verbindung, eine Beziehung nahelegt, die über die bloße Bekanntschaft oder über vage Kontakte hinausgeht. Natürlich, beide Künstler kannten sich - Hellmut Ehrath wohnte in Herrenberg, und der Tübinger Kollege Gerhard Walter Feuchter lebte lange in Böblingen, allein schon über die Kunst am Bau begegneten sich beide immer wieder im Landkreis. (…) Böblingen hat für beide eine nicht unwesentliche Bedeutung, unabhängig von der Kunst im öffentlichen Raum. Der in Oberndorf geborene Hellmut Ehrath kam 1950 nach Böblingen, wo er 1961 seine erste Ausstellung hatte. Gerhard Walter Feuchter hatte hier sogar eine Art initiales Erlebnis: Er machte hier im alten Landratsamt eine Lehre und er erinnert sich noch gut (…) an eine ziemlich verwahrloste Stadt, mit einem sumpfigen See, der noch weit entfernt vom Gartenschau-Feeling war. Und er stellte fest: das sei alles so furchtbar, dass er beschloss, Künstler zu werden, um sich mit dem Schönen, Wahren und Guten zu befassen.

Ich bleibe gleich beim Werk von Gerhard Walter Feuchter, dem Jüngeren der beiden Künstler: (…) Auf den ersten Blick meint man Filzstoffe zu sehen, doch handelt es sich um Papier, genauer – so klärt uns die Werkliste auf – um Papiergüsse. Das ungewöhnliche Verfahren macht aus dem Zellstoff einen Bildträger, der zum einen durchaus traditionell eine aufgemalte oder aufgeklebte Information enthält, aber zum anderen selbst die Botschaft darstellt, und zwar als plastisches Werk. Das weckt unsere Neugierde, und es sollte unsere Sensorien schärfen. Der erfahrungsgemäß dünnste Grund für eine künstlerische Gestaltung, tritt als nur noch relativ flaches, eher reliefiert-erhabenes oder sogar skulpturales Objekt auf. Beim genauen Hinsehen erkennt man zudem, dass in manchen Arbeiten Gras in den ursprünglichen Papierbrei eingemischt wurde – es handelt sich hier um ältere Arbeiten – während in jüngeren Werken ein Gazestoff untergelegt ist. Genau genommen fungiert der hier als Bildträger, und das Papier wird zum Kunst-Mittel, was wir ja auch schon bei der ersten Betrachtung vermuten konnten. (…) Bei Feuchter ist das Gras zwar nur als Beimischung sichtbar, aber Papier als Werkstoff ist ja auch letztlich aus aufgeschwemmten und dann entwässerten und getrockneten Pflanzenfasern hergestellt. Gerhard Walter Feuchter bezieht dieses Wissen von der Entstehung des Papiers in sein Schaffen mit ein, auch die Geschichte: Verwundert musste er etwa feststellen, dass das in China erfundene Papier recht lange brauchte, bis es sich in Europa etablierte, dann aber den Weg bereitete für die Massenproduktion von Informationen aller Art. Darunter fällt auch die Entwicklung des Buchdrucks – um nur die kulturelle Tragweite des Papiers anzudeuten.

Mit der Erwähnung der Informationsübermittlung bin ich auch schon mitten im Werk des Künstlers. Immer wieder tauchen Pfeile auf beziehungsweise Signale im weitesten Sinne. Die Zeichenästhetik hat längst Einzug ins allgemeine Bewusstsein genommen: Nehmen Sie nur Verkehrsschilder, an die man hier gelegentlich denkt. In einer der Vitrinen ist ein kreisrundes Objekt mit einer quadratischen Aussparung in der Mitte und einer systematisch ausgerichteten Rotation vieler blauer Pfeile um das Zentrum herum. Die Arbeit könnte ohne weiteres als künstlerisch frei gestalteter Hinweis auf einen Kreisverkehr hinweisen. Unabhängig davon kann man das Rad mit viereckigem Loch auch als einen Mühlstein denken, der freilich ganz andere Assoziationen weckte: etwa die der Arbeit, auch des Schutzes. In der Tat zeigt schon die Arbeit an der Wand gegenüber des Eingangs, dass es um existentiellere Dinge geht als dies bei einem rein semiotischen Verweis der Fall ist: »Brandstätte/Wiederaufbau«. Die Messlatte macht diskret darauf aufmerksam, dass es um bauliche Geschehnisse geht. Brandstätte – in der Chiffre eines rot glimmenden und furchenreichen Mals – meint freilich erstmal eine Form der Zerstörung, aus der jedoch immerhin Neues erwachsen kann, was den Eindruck des Endgültigen auch positiv verstärkt. Und mit dem Teilaspekt des so betitelten Wiederaufbaus zeigt sich auch eine gewisse Diesseitigkeit. Ausdrücklich denkt der Künstler an eine Baustellensituation – man nehme als Beispiel Böblingen in den Aufbauphasen nach dem Krieg. Und wie nah ist die Plastik ungewollt den aktuellen Abriss- und Aufbau-Aktionen!

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In diesem Dorfe steht das letzte Haus
so einsam wie das letzte Haus der Welt.

Die Straße, die das kleine Dorf nicht hält,
geht langsam weiter in die Nacht hinaus.

Das kleine Dorf ist nur ein Übergang
zwischen zwei Weiten, ahnungsvoll und bang,
ein Weg an Häusern hin statt eines Stegs.

Und die das Dorf verlassen, wandern lang,
und viele sterben vielleicht unterwegs.

Mit dem Gedicht von Rainer Maria Rilke, im September 1901 geschrieben, spanne ich den Bogen zu den eigentlichen Themen im Schaffen von Gerhard Walter Feuchter: Da ist zum einen der Zyklus »Erfindung des Rades«, der an ein archaisches Symbol erinnert, wie auch der zweite Zyklus, den Feuchter mit »bauwerken + behausen« überschreibt. »Alles geht, Alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins. Alles stirbt, Alles blüht wieder auf, ewig läuft das Jahr des Seins. Alles bricht, Alles wird neu gefügt; ewig baut sich das gleiche Haus des Seins. Alles scheidet, Alles grüßt sich wieder; ewig bleibt sich treu der Ring des Seins. In jedem Nu beginnt das Sein; um jedes Hier rollt sich die Kugel Dort. Die Mitte ist überall. Krumm ist der Pfad der Ewigkeit.« Das hat Friedrich Nietzsche in seinem »Zatrathustra« geschrieben.

Wenn Feuchter von der Erfindung des Rades spricht, geht es ihm natürlich nicht um eine historische Dokumentation, sondern vielmehr um die ewige Widerkehr elementarer Prozesse, Transformationen und Metamorphosen: Stahlgewinde entsprächen so einer Gedankenskizze, die im Denkprozess zu Gestalt und Bewegung findet, sinnfällig in den Spiralformen, Kreisbildungen, Scheibenschichtungen – und immer wieder jenen Pfeilen, die dem Schwung auch eine Richtung geben. Was der Künstler hier präsentiert, ist die Idee von der Erfindung des Rades.

Die zweite Werkgruppe gilt dem »Bauwerken«, »Behausen« – hier hat Feuchter schon in der Begrifflichkeit dafür gesorgt, dass es nicht ums Bauen und Bewohnen geht, sondern um existentielle Daseinsbilder, ob nun Türme gemeint sind oder festungsähnliche Gemäuer oder sogar Chiffren, die den Gedanken an ein Haus nur indirekt streifen – etwa im Bild der Treppe oder der Leiter. Haus steht hier für Sehnsuchtsräume, Zufluchten, aber auch Schutz- und Trutzorte. Mit den Rad-Bildern haben sie materiell, aber auch in der archaischen Bodenhaftung Gemeinsamkeiten – wenn also eingangs vom Konnex die Rede war, so ist er auch oder besonders innerhalb des Werks zu suchen.

Ich setze hier eine harte Zäsur, um noch auf das Werk des 2008 verstorbenen Künstlers Hellmut Ehrath zuzugehen. Diesem in aller Kürze der Zeit gerecht zu werden, ist ohnehin schwer (…). Die Geister, die er rief, wurde er nicht mehr los. Man könnte die fast schon volkstümliche Floskel auch umdrehen und erhielte den Satz: Die Geister, die er rief, wurden ihn nicht mehr los. Ordner über Ordner, prall mit Zeichnungen, füllen ganze Schränke, seine Eisen-, Stahl- und Plexiglasplastiken türmen sich im Haus, sind verstreut über die Region – und viele Freunde bedachte er unermüdlich mit Fax-Sendungen, die zu Sammlerobjekten wurden. Sogar seine sorgfältig selbst geschnittenen Federn gingen in Umlauf, allerdings mussten hier auch Berge von Utensilien entsorgt werden: Hellmut Ehrath war auch Sammler, der aus Fahrradketten, Schrott oder natürlichen Fundsachen Kunst hervorzauberte. (…) Die ganze Palette seines Schaffens zu zeigen, ist nicht möglich – und so liegt der Schwerpunkt unsrer Ausstellung auf dem Umfeld der öffentlichen Arbeiten. Hier im Rund der Stellwände sind denn auch einige Beispiele in Reproduktionen: (…) Sie sehen hier kalligrafische Figurenbilder, deren Original in der Stadthalle von Herrenberg beheimatet sind; einen Richtungsweiser, der in natura und 15 Metern Höhe die Gärtringer erfreut; den Wünschelrutengänger von Poltringen; ein Buchstabenobjekt in Böblingen, wo man auch die flügelartige Archimedes-Plastik findet; ein Bild von den Marktplatzfiguren in Vaihingen/Enz; dazu kommen die plastischen Modelle des Herrenberger Blauen Stuhls.

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Von den Techniken erwähne ich die zwei, die sich Hellmut Ehrath bis zur Perfektion aneignete: Am Beginn seiner Laufbahn steht die Lehre als Grafischer Zeichner, in der er eine Präzision erlangte, dass Wissenschaftsverlage und Trickfilmstudios auf ihn aufmerksam wurden; später schloss er eine Schweißausbildung an. Ein Blick auf sein Werk lässt einen nahezu idealtypischen Werdegang erkennen, der freilich so nicht abgelaufen ist, weil Ehrath alle Techniken zugleich einsetzte und auch jeweils ausbaute. Aber um die Schlüssigkeit des Schaffens nachzuvollziehen, sind folgende Schritte – vielleicht sage ich besser Stufungen – denkbar: Zeichner machen es sich ja generell nicht einfach. Wenn ein Maler recht gut korrigieren kann, mit seinen Farbaufträgen auch manche schwächere Stelle kaschieren kann, vermag es der Zeichner kaum, auf dem Papier zu mogeln oder mal so eben etwas auszubessern. Die Verbindungen, die zwischen der Zeichnung und der Hand-Schrift bestehen, legen nahe, dass kaum eine andere Technik unmittelbarer den Weg vom Gehirn über die Hand zum Papier findet.

Im Fall Hellmut Ehraths fällt jedenfalls das untrügliche Gespür für Proportionen und filigrane Details auf. Für seine freikünstlerische Arbeit ist es denn auch besonders die Hand, die es ihm auch angetan hat. In einer Handstudie im hinteren Flurbereich hat er beispielsweise das Innenleben einer geöffneten Hand freigelegt. Von einer solchen, wissenschaftlich korrekten, Zeichnung ausgehend, schnitt er die Handsilhouette aus Metallplatten heraus, um die herausgelöste Form versetzt in ein plastisches Ensemble zu verwandeln, und nicht nur das: Während sich in spiegelnden Flächen das Volumen öffnet, schreibt der Künstler in die Hand figurale Zeichen ein, die man als Geistgeburt genau jener Figuren verstehen kann, die sich auch hier in der Ausstellung bis hin zu großformatigen Deckeninstallationen auswachsen können. Die Hand führt die im Kopf hervorgerufenen Geister aus, die mit der Realitätswahrnehmung nichts zu tun haben, sondern eigenständige Kunstschöpfungen sind. Sie entsprangen der Hand noch auf unmittelbarere Weise: Aus unzähligen kalligrafischen Blättern, die von China-Reisen inspiriert waren, passierte auch das, was in der Reliefauskopplung der Hand geschah: Plötzlich waren sie da, dieselben dürren Gliedermenschen, die aus den Schriftzeichen, man kann sagen: aus der Handschrift erwuchsen. Es ist nur noch eine Steigerung, wenn ich sage, dass Ehrath seine Blätter aus diesen Serien »Briefe« nannte, von denen ein paar Beispiele im mittleren Ausstellungsbereich zu sehen sind: Wie eine flüchtige, speziell in den sogenannten Briefen zu beobachtende Handschrift, die eine asiatische Anmutung bereits verlassen hat, übers Papier hastet – alles ist bei diesem Werk in Bewegung, Rhythmus –, wie sich die gemutmaßte Schriftlinie zur Landschaft dehnt, wie sie sich in spektakulärer Verknotung zu Figuren verwurzelt: Wieder sind sie da, die Geister.

Die Hand hat dabei keineswegs ausgedient, sie taucht in verschiedenen Zuständen, auch Deformationen wieder auf, wie etwa in einer der Vitrinen zu sehen, oder die Figuren, die wir uns in wachsenden Formationen vorstellen können, machen gestenreich und akrobatisch deutlich, dass sie prinzipiell greifen können – selbst wenn die Hände dort seltsamerweise oft obsolet geworden, psychogen mutiert oder in expressiv-surrealer Gestalt aufgegangen sind. Die Bandbreite der Figurendarstellung ist dabei immens: reicht sie doch von nahezu nüchternen Plexiglasformen bis hin zu scheinbar extraterrestrischen Aliens, deren Rückgrat aus Fahrradketten und anderem Eisen zusammensetzt ist, an dessen Fantasieprodukten der Künstler mehr und mehr Gefallen fand, und die offenbar wieder von seinem Geist Besitz ergriffen. Dass in einem solchen Beziehungsgeflecht genügend Raum für Konnexionen entsteht, ist klar. Dazwischen entfaltet sich ein weites Feld, das ich nutze, um meiner Faszination für die Werke von Hellmut Ehrath und auch für die Werke Gerhard Walter Feuchters Einhalt zu gebieten. (…)