Ausstellungsbesprechungen

Aus der Eröffnungsrede: In-Soon Grobholz und Dina Körner - Asien trifft Afrika. Kunst aus Korea und Kamerun, Galerie im Landratsamt Böblingen, bis 22. Juni 2012

In Böblingen präsentieren die Südkoreanerin In-Soon Grobholz und die aus Kamerun stammende Dina Körner spirituelle Kunst voller Reminiszenzen an die jeweilige Heimat. Fernöstliche Reduktion trifft hier auf geheimnisvolle, farbenfrohe afrikanische Geistwesen und Masken. Lesen Sie nachfolgend einen Auszug aus der Eröffnungsrede von Günter Baumann.

(…) Lassen Sie mich doch kurz auf die Weltregionen blicken, um etwas vom hiesigen Kunstmarkt abzurücken und damit auch ein anderes Verständnis von Kunst zu wecken. Freilich gibt es unzählige international arbeitende Künstler aus Afrika und Asien, aber als europäisch verwurzelter Kunstinteressierter wird man kaum diese geschweige denn in ihrer Heimat arbeitende Künstlerinnen und Künstler kennen. Nehmen wir Südkorea, die Heimat von In-Soon Grobholz, haben wir gleich den Medienkünstler und Pionier der Videokunst Nam June Paik im Sinn – man muss ihn kaum vorstellen. Junggeun Oh, Schoon Su Kim oder Suh Yongsun kennt man schon nicht mehr, obwohl sie alle einen internationalen Stil ausgebildet haben. Was Kamerun angeht, wo Dina Körner geboren wurde, wird man schon verlegen. Barthélémy Toguo vereint recht drastisch Bilder aus der Kolonialgeschichte Kameruns mit Erlebnissen in Europa, um einen eigenen Stil zu entwickeln; doch wird man seinen Namen kaum auf dem Schirm haben. Selbst wenn man den wirklich grandiosen documenta-Künstler Mo Edoga aus dem Nachbarland Nigeria nennt, stößt man schnell auf Achselzucken – obwohl er seit 20 Jahren in Deutschland lebt.

Das steht in krassem Missverhältnis zu der Begeisterung vieler Kunstschaffender der Klassischen Moderne, die sowohl nach Ostasien schauten wie nach Afrika, ohne deren Kunst etwa die Expressionistengruppe Die Brücke, die Kubisten oder etliche Einzelpositionen der abstrakten Moderne kaum denkbar wären. Allerdings ist hier ein Dilemma zu beachten, dass die afrikanische und asiatische Kunst durch die europäische Brille gesehen wurde, die - so will es der Zufall - in der Renaissance erfunden wurde, in der selben Zeit, als sich der Künstler vom Handwerker trennte. Man müsste also eher die Ethnologen als die Kunsthistoriker bemühen, wenn wir etwas über die afrikanische Kunst erfahren wollen. Dort wird oftmals bis heute Kunst und Handwerk zusammengefasst, wenn es überhaupt in den Sprachen des Kontinents ein Wort für den Künstler selbst gibt. Wir dürfen zudem nicht abfällig über die Bedeutung der Stammeskunst reden, die für die gesellschaftlichen Strukturen von eminenter Bedeutung war und ist. Diese wiederum sind auch heute noch durch rituelle, soziale und ganz alltägliche Funktionen geprägt. Kunst um der Kunst willen zu betreiben, hat zumindest eine kürzere Tradition, es sei denn, diese Vorstellung sei einmal auf dem Wege des Kolonialismus über den schwarzen Kontinent gekommen. Asien, selbst wenn wir uns auf Ostasien konzentrieren: auf China, Japan und Korea, ist den Europäern nicht minder verschlossen geblieben, obwohl sich gerade im Bereich der Kunst und Philosophie schon früh Interesse zeigte: (…) Legendär ist die Faszination für den japanischen Farbholzschnitt um 1900, der nicht nur Van Gogh inspirierte (…).

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(…) Sie verzeihen mir sicher diesen Umweg zur Kunst von In-Soon Grobholz und Dina Körner. Es ist mir wichtig zu vermitteln, dass wir hier keine Sonntagsmalerei sehen, als die Malerei mit sichtlich außereuropäischen Motiven oft gesehen wird. Ich will auch den eingebürgerten, aber missverständlichen Begriff der primitiven Kunst durch einen wenigstens angedeuteten Hintergrund ins rechte Licht stellen. Das Wort verweist durchaus nachvollziehbar auf das traditionelle Herkommen, doch ist es umgangssprachlich derart negativ besetzt, dass der Begriff kaum mehr taugt, um die unglaublich reiche, mythengetränkte, symbolträchtige Kunst des einen Kontinents und die nicht minder wertvolle, gedankentiefe und in sich ruhende Kunst des anderen Kontinents zu begreifen. (…) In-Soon Su Grobholz, wurde 1950 im südkoreanischen Chunnam geboren und kam als 20-Jährige nach Deutschland, wo sie freie Kunst in Mainz und Marburg studierte und sich als Kunsttherapeutin ausbilden ließ. Das klingt schon sehr nach europäischer Assimilierung, aber dann lesen wir, dass die Künstlerin Kurse anbietet, in denen nach japanischen Haikus gemalt wird. Sie wissen, es geht hierbei um eine der kürzesten Kunst- bzw. Literaturgattungen, in der ein dreizeiliges Gedicht mit 5 mal 7 mal 5, also 17 Silben, eine Weisheit ausspricht. Lassen Sie mich ein Bild von In-Soon Grobholz, das ein einfaches Froschmotiv darstellt, mit der Entstehung eines Haiku des berühmten Bashô verknüpfen, um den philosophischen Gehalt hinter beiden Werken anzudeuten. In-Soon zitiert dieses Gedicht ausdrücklich in Verbindung mit ihren Malkursen. Der Haiku-Kenner und Nachdichter dieser poetischen Kleinode, Jan Ulenbrook, überliefert uns dazu eine Anekdote:

»Butchô, ein belesener und erleuchteter Zen-Mönch, war Bashôs Lehrer geworden. Als er 1686 nach Fukagawa ging, besuchte er bei der Gelegenheit mit Gohei zusammen den Dichter. Gohei, der die Klause des Dichters zum ersten Mal sah, rief, als er dort eintrat, aus: ›Wie gibt sich wohl in diesem stillen Garten und all seinen Gräsern und Bäumen das Wesen Buddhas?‹ Bashô erwiderte ihm: ›In großen Blättern als Grund zur Größe, in kleinen Blättern als Grund zur Kleinheit.‹ Butchô, der hinter ihm eintrat, fragte: ›Und vor kurzem, wie gab es sich da?‹ Da antwortete Bashô: ›Der Regen ist vorüber und das grüne Moos ist gewachsen.‹ Da fragte Butchô schließlich: ›Wie aber gab sich das Wesen Buddhas in diesem grünen Moos, bevor es zu wachsen anfing?‹ In diesem Augenblick aber rief Bashô, da man gerade einen Frosch ins Wasser springen hörte: ›Ein Frosch, der grad hineinspringt – des Wassers Platschen.‹ Butchô war über diese Antwort voller Bewunderung, ersah er doch aus ihr, wie tief erleuchtet Bashô war. Auch Sampû beglückwünschte Bashô zu den gelungenen Versen, während Butchô anerkannte, dass Bashô damit der Kunst noch den Glanz tiefer Frömmigkeit hinzugefügt habe. Ransetsu dagegen setzte hinzu: ›Diese Verse vom Platschen des Wassers offenbaren schon den ganzen Sinn des Haiku; nur fehlt ihm noch der erste Vers.‹ – ›Daran habe ich auch schon gedacht‹, versetzte Bashô, ›aber ich möchte doch erst einmal eure Vorschläge dazu hören und dann mich selbst entscheiden.‹ Nach einigem Überlegen schlug Sampû für den fehlenden Vers die folgenden fünf Silben vor: ›Das Abenddämmern‹, Ransetsu dagegen: ›In der Einsamkeit‹ und Kikaku schließlich: ›Die Nesselblüten‹. Nachdem Bashô sich diese Verse angehört hatte, sagte er: ›Ihr habt in euren Versen jeder eine Seite der Sache ganz gut zum Ausdruck gebracht und dabei recht ungewöhnliche Verse gemacht (…). Doch werde ich, wie immer, nicht der Mode folgen und darum heute Abend die folgenden Silben hinzusetzen: ›Der alte Weiher‹, und so entstand das Haiku: ›Der alte Weiher: / Ein Frosch, der grad hineinspringt – / Des Wassers Platschen.‹« (zit. nach: Haiku. Japanische Dreizeiler, hrsg. von Jan Ulenbrook, Stuttgart 2004)

Was ist das Wesen Buddhas? Die Anekdote zeigt uns, dass es immer aus dem Augenblick emporscheint, den unsere Sinne gerade wahrnehmen: Blätter, Regen, die ins Wasser springenden Frösche. Im Augenblick erschließt sich die Ewigkeit. Wenn Sie das großformatige Bild von In-Soon im Foyer-Bereich ansehen, sehen Sie diese Erhabenheit des Augenblicks noch einmal. Diesmal ist kein Frosch zu sehen, wohl aber ein Weiher mit Seerosenblättern. Die Szene ist fast fotografisch genau erfasst, nur ein schleierförmiges Tuch, das über die rechte obere Ecke weht, macht uns deutlich, dass wir Zeugen eines besonderen Augenblicks sind. Bezeichnenderweise heißt das Bild »Here and there«, Hier und dort. Sie ersehen daraus, dass die Künstlerin buddhistische Ideen in ihren Bildern umsetzt. Dazu kommt allerdings ein quasi europäisches Moment: das der Sehnsucht und Erinnerung. Sie werden immer wieder in den Arbeiten In-Soons ein Froschmotiv entdecken. Aber es ist auch ausdrücklich eine Reminiszenz an ihre Kindheit in ihrem Heimatdorf, wo es neben vielen anderen Tieren – freilich auch Nutztiere – eben auch Frösche gab. Apropos Tiere: Es gibt hinten im Ausstellungsbereich eine hinreißende Szene auf einer mehrfarbigen Radierung mit dem Titel »Die Fliege«. Dort sind allerhand pflanzliche und landschaftliche Motive angedeutet – es handelt sich um eine grandiose Symbiose von fernöstlicher Reduktion und mitteleuropäischer Detailfreude –, im oberen Drittel ist die Rückenansicht einer aufrecht sitzenden Katze zu sehen, die gerade ihren Kopf leicht gewendet zu haben scheint. Ohne ihre uns abgewandten Augen zu sehen, wissen wir, dass der Blick auf ein kleines schwarzes Punktknäuel gerichtet ist: Der Titel hat es bereits verraten, es ist die Fliege. Wir können diese Motive als feinsinnige Beobachtungen im Alltag annehmen, wir können Sie aber auch mit den Augen Bashôs sehen.

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Gestische Ausbrüche und farbliche Extravaganzen sind nicht Sache einer im ostasiatischen Kulturraum verwurzelten Kunst, genauso wenig wie man überbordende emotionale Stimmungen erwarten wird. In-Soon Grobholz lebt jedoch – zumal da sie in Deutschland ihre künstlerische Selbständigkeit erlangte – in beiden Welten. Es gibt von ihr überraschend extrovertierte Arbeiten, die ganz dicht an die frechen Aktionsbilder der Gruppe COBRA heranreichen; allerdings spielen sie dann auf der Bühne oder wirken auffallend theatralisch. Freilich, wenn sie nicht in Erinnerungsbildern an den elterlichen Hof mit seinen Tieren oder an die nahen Reisfelder denkt, die die Gefühle gleichsam in der Vergangenheit verorten, verbergen sich die Stimmungen in Chiffren, die nur dem Eingeweihten vertraut sind: dazu gehört eine Serie von Löwenzahnmotiven, von der eine Arbeit hier zu sehen ist. In-Soon verbindet damit das zähe Ringen und Durchhaltevermögen auch in schwierigen Zeiten. Unabhängig von Titeln wie »Emotion« setzt sich die Künstlerin insbesondere in Tuschzeichnungen und in den Quarzit-Arbeiten mit dem Zen-Buddhismus auseinander, der – für Europäer zuweilen schwer nachvollziehbar und oft missverstanden – das Nichts ins Zentrum des Denkens stellt. Wie dem auch sei, der Weg dahin führt über die Meditation, die die Stille sucht. Wu-men Hui-kai, ein Philosoph des 13. Jahrhunderts sah das so: »Beim Üben der Meditation und beim Lernen des Weges ist es grundsätzlich verboten, Tönen und Farben zu folgen (…). Kommt der Ton zum Ohr, oder geht das Ohr zum Ton? Wenn Echo und Stille beide vergessen sind, wie kommen wir durch Worte zum Verstehen? Solange wir mit dem Ohr hören, ist das Verstehen schwierig; doch wenn wir mit dem Auge den Ton hören, dann werden wir vertraut.« (…)

Wie verschieden ist da die Welt ihrer Freundin Dina Körner. Auch sie hat sich entschieden, für und mit ihrem Mann nach Deutschland zu ziehen und sich damit zwischen die Welten begeben. Wenn man mit beiden Künstlerinnen spricht, eint sie die enge Bindung an ihr Herkunftsland. Es ist schwer zu sagen, ob es einfacher ist, die geistigen Güter der asiatischen Tradition mit ins Gepäck zu nehmen als die sinnlichen Güter der afrikanischen Tradition. Selbstredend gehören auch die jeweiligen Techniken und Materialien zum Rüstzeug, etwa wenn In-Soon Grobholz auf dem handgeschöpften Korea-Papier arbeitet (wir kennen es hier auch als Japanpapier), während Dina Körner ab und zu mit dem durchsichtigen Organza-Gewebe arbeitet, was in der Wirkung nicht zwingend, aber durchaus auch auf die Herkunft hinweist. Ich habe versucht zu beschreiben, wie In-Soon Grobholz sich mal der einen, mal der anderen Heimat nähert. Dina Körner ist wohl stärker ihrem Geburtsland verpflichtet. Das mag allerdings auch daran liegen, dass sie in Nigeria Malerei studierte und sowohl in Nigeria als auch Kamerun mit Kollegen zusammenarbeitete, bevor sie erst nach 2000 ihren Lebensmittelpunkt verlagerte. Sie selbst charakterisiert ihre Situation so: »Ich werde immer in zwei Welten leben. Um dies erfolgreich tun zu können, muss ich mich auf meine erste Welt, Afrika, zurückbesinnen. Afrika ist für mich meine Wiege, hier liegen meine Kindheitserinnerungen und -träume. Afrika ist für mich das intensive Licht, die leuchtenden Farben, die Gerüche der Natur in der Regenzeit. Afrika, das sind für mich vor allem auch die Menschen, ihr Alltag, ihre Tänze und geheimnisvollen Riten, ihre Masken, Kultgegenstände und Gottheiten. Das ist es, die Erinnerungen und die Bilder in meinem Kopf, die ich versuche mit meinen Bildern festzuhalten«.

Aus der Ferne betrachtet, bekommen auch Klischees ihre eigene Berechtigung. Die Nachwirkungen der Kolonialzeit finden hier keinen Neiderschlag, auch der Bildungsnotstand, wie er in vielen Ländern Afrikas eklatant ist. Dina Körner verschließt sich dem aber keineswegs, vielmehr engagiert sie sich im sozialen Bereich – wie sie mir sagte, fließt ein Teil des Verkaufspreises ihrer Arbeiten in ein soziales Projekt in Kamerun. Bei der Gelegenheit darf ich gleich ein wenig Werbung dafür machen, dass die Bilder dieser Ausstellung käuflich sind. Die lustvoll-fröhliche Farbigkeit täuscht auch drüber hinweg, dass die Künstlerin leidenschaftlich gesellschaftliche Themen anpackt, unter denen auch Tabuthemen wie die »Polygamie« oder von einer durch Männer bestimmten Domäne her bedenkliche Motive wie im Gemälde »Favoritinnen« auffallen. Die Mühen des auch existentiell schwierigen Alltags beschreiben Arbeiten wie »Lasst mich in Ruhe«, »Leben und Tod«, »Zum Markt reiten«, »Was für ein Leben« oder »Zweite Chance«.

Die rituelle Seite der afrikanischen Kunst spiegeln Arbeiten wider wie »Paradies», »Trommeln«, »Traditioneller Musiker«, »Zeremonieller Tanz«, »Medizinfrauen«, »Afrikanische Gemeinschaft« oder »Tanzmasken«. In einer kubistisch-ornamentalen Rhythmisierung setzt sie ihre knallbunten Farben, die sie der sengenden Hitze Zentralafrikas abgeschaut hat und wodurch auch diese Authentizität entsteht, die das Werk so faszinierend machen. Dass ein zentrales Motiv die Masken sind, mag – wie auch die Musikinstrumente oder diverse Kultgefäße – einen folkloristischen Touch haben. Bedenken Sie jedoch, dass Masken im Repertoire der afrikanischen Kunst eine feste religiöse, spirituelle und soziale Dimension haben. Sie verbinden zwei Welten, die diesseitige und die jenseitige, im Fall des Körnerschen Werks wohl auch die zwei realen Lebenswelten; sie sind keine Stellvertreter bestimmter Menschen und Emotionen, sondern Geistwesen bzw. Erscheinungen, die als allgegenwärtig empfunden werden; nicht zuletzt werden sie als treue und verlässliche Wächter über das Leben aufgefasst. (…)