Ausstellungsbesprechungen

Aus der Eröffnungsrede: Jahresausstellung 2012 der Produzentengalerie Köcher, Bexbach, bis 23. Februar 2013

In der Jahresausstellung 2012 widmet sich die Produzentengalerie Köcher dem spannungsvollen Dialog zwischen den Werken Gerhard Fassels, Brunhilde Gierends, Herbert Hofers, Peter Köchers und Schmals. Verena Paul führt in ihrer Eröffnungsrede, die wir hier in Auszügen abdrucken, in die vielschichtigen Arbeiten ein.

[...] In der aktuellen Ausstellung haben sich fünf Kunstschaffende zusammengefunden, deren Arbeiten in Sujet, Technik sowie den künstlerischen Zielsetzungen stark divergieren. Doch bereits im ersten Raum beginnt eine rege Interaktion der von hellen, fließenden Farbondulationen geprägten Arbeiten Brunhilde Gierends mit den erdenschweren, partiell von Rost überzogenen Wandobjekten Peter Köchers und dem filigranen, schwarzen Holzobjekt Gerhard Fassels. Es entsteht eine kontemplative, vielleicht sogar sakral zu nennende Atmosphäre, die im zweiten Ausstellungsraum abrupt endet.

Hatten uns zunächst sanfte Farbübergänge und klare Ordnungsmuster ein Gefühl des ›Entrücktseins‹ vermittelt, weichen diese nun dem hitzigen Farb- und Formchaos in den Arbeiten Schmals, die das Thema des ›Verletzens‹, respektive ›Verletztwerdens‹, umkreisen. Seine von schrillen Farben geprägten Werke sind Dokumente des ekstatischen Aufbäumens und kraftlosen Zusammenbrechens, des schwerelosen Gleitens und schmerzhaften Aufprallens am Boden. Groteske, monströse sowie märchenhafte Gestalten und Tiere, die von Blumen, Wortfetzen, Zahlenkombinationen oder bunten Schachbrettmustern umgeben sind, entblößen die Abgründe der menschlichen Seele in einer Waghalsigkeit und Radikalität, dass sich der Betrachter vor eine sowohl visuelle als auch emotionale Herausforderung gestellt sieht. Denn hinter diesen Chiffren verbirgt sich gelebtes Leben: Ängste und Zwänge, Sehnsüchte und Hoffnungen. Schmal gewinnt im intensiven Austausch mit den farb- und formexplosiven Werken Köchers für die Malerei die Freiheit zurück, gelöst und ernst, vergnügt und verzweifelt, ästhetisch und gesellschaftskritisch zu sein.

Entschleunigend wirkt demgegenüber das in ein strahlendes Blaugrün getauchte Wandobjekt Herbert Hofers, das uns beim Betreten des Foyers unmittelbar empfängt. Vergleichbar einem zerknüllten, in der Zeit eingefroren Blatt Papier, formuliert jenes aus Aluminium gefertigte Werk Raum und erobert ihn in seiner kühnen Farbigkeit. Es scheint eine Einladung zur haptischen Erkundung zu sein und doch sollen Falten und Kanten, Schatten- und Lichtpartien nur mit den Augen und nicht mit den Fingern abgetastet werden, da die Epidermis dieses Objektes äußerst empfindlich ist.

Bildete Hofers in sich ruhende Wandkonstruktion zunächst einen Kontrast zu den wuchtigen, motivisch verdichteten Werken Schmals, geht sie schließlich durch ihr freches Couleur mit einem auf der Galerie positionierten Gemälde eine Verbindung ein. Denn neben dem im Bildzentrum sich befindenden Haupt des Schmerzensmannes mit Stacheldrahtkrone ist ein bedrohlich wirkender Hai zu sehen, dessen Haut in eben jenem Blaugrün erstrahlt wie die Metallarbeit Hofers. Durch diese sich quer durch den Raum spannende Kraftachse zeigt sich abermals, wie fruchtbar die Wechselwirkung zwischen den Werken sein kann.

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Nicht minder intensiv gestaltet sich daher auch der Dialog zwischen Peter Köchers Installationsprojekt »Kunstbevölkerung« und den Gemälden Gerhard Fassels. Inspiriert von den lebensgroßen, partiell verstümmelten Figuren Köchers, dynamisiert Fassel die Gestalten in seiner Werkreihe, vollzieht ihre Bewegungsabläufe mit kräftigen Strichbündelungen nach und löst sie peu à peu in den sie umgebenden markanten Farbfeldern aus feurigen Erdtönen und eisigen Silberspiegeln auf. Dergestalt distanziert sich Fassel von den weißen Schattenwesen Köchers und findet zu einer eigenen Formensprache, indem er die Körper durch Anskizzierung auf das Wesentliche reduziert, in gelenkige Bewegung versetzt oder sie mit dem Bildgrund verschmelzen lässt.

Diese urtümlichen, geerdeten Metamorphosen schlagen schließlich eine Brücke zu den auf der Galerie präsentierten Farb-, Form- und Materialexperimenten Brunhilde Gierends. Durch die Realität angeregt, beschreitet die Künstlerin in ihren Werken konsequent den Weg der Abstraktion, entzaubert das unseren Augen Vertraute, hüllt es in Farbschleier und ritzt diese wieder auf, sodass mit der Verwundung des Bildgrundes das Wesen von Gegenständen und das Wesentliche von Ereignissen offen gelegt wird. Indem abstrakt anmutende Fotoausschnitte in die Arbeiten inkorporiert werden, entdeckt Gierend in den vorgefunden Strukturen eine geheimnisvolle Welt, aus der sie neue Impulse empfängt und nun die Geschichten malerisch beziehungsweise zeichnerisch weitererzählen kann.

Auf eine etwas andere Entdeckungsreise begibt sich Herbert Hofer in seinen Fotoarbeiten, die Sie im oben ausgelegten Katalog sehen können. Nackte oder mit vereinzelten Gegenständen ausgestattete Räume lassen den Betrachter erschaudern und konfrontieren ihn auf subtile Weise mit schmerzhaften, demütigenden Grenzsituationen wie Folter, Sterben und Tod. Indem Hofer diese Gefühle ausschließlich durch Frontalansicht und Mehrfachspiegelung evoziert, bleiben wir in der Schwebe zwischen distanziertem Voyeurismus und physischem Eingebundensein.

Physisch eingebunden sind wir nicht zuletzt bei der Betrachtung der aktuellen Bildobjekte Peter Köchers, in denen er sich der dritten Dimension annähert. Während der Titel ›Kunst der Vergangenheit‹ sich in weißen Lettern über den schwarz-weiß-roten, teils aufgerissenen Bildgrund erstreckt, lassen die an Schnüren hängenden, weißen Babyköpfe uns erstarren. Allerdings verleiht gerade dieser zerstörerische Duktus dem Werk melancholische Tiefe und stattet es gleichzeitig mit Kraft und Vitalität aus, die jeden Spötter verstummen lassen wird. Die Kombination von Schönem und Schrecklichen halten sich – wie auch in den Fotografien Hofers und den Malereien Schmals – die Waage.

Obgleich an dieser Stelle nur vereinzelte Schnittmengen zwischen den Werken von Fassel, Gierend, Hofer, Köcher und Schmal angedeutet werden konnten, sollte dennoch deutlich geworden sein, wie wichtig die ›Dialogfähigkeit‹ in der Jahresausstellung 2012 ist. Und daher wünsche ich Ihnen nun viel Vergnügen beim lebhaften Austausch mit und über Kunst.