Ausstellungsbesprechungen

Aus der Eröffnungsrede: Kabinett #3: Claudia Fischer-Walter – kabinett-stücke, Böblinger Kunstverein, bis 13. April 2014

Spitze Schnäbel, gezeichnet mit spitzer Feder, zeigt derzeit der Böblinger Kunstverein in seiner dritten Kabinettausstellung. Die ist der Künstlerin Claudia Fischer-Walther gewidmet. Mit ihren beschwingten Linien schafft sie »komische Vögel«, die sie zwar detailreich, aber nicht zwingend detailgetreu darstellt. Günter Baumann verrät Ihnen in seiner Eröffnungsrede mehr über die faszinierenden Federtiere.

(…) Fangen wir mit Minette an. Wer sich schon umgesehen hat, der hat freilich gleich gesehen, dass die Künstlerin einen ganzen Vogelschwarm hat auffliegen lassen. Die in Darmstadt geborene Claudia Fischer-Walter ist im Kreis Böblingen keine Unbekannte, schon gar nicht im Kunstverein, dem sie seit Jahren engagiert zur Seite steht. Da sich ihre bevorzugten Tiere Schnabel an Schnabel reiben, vermag ich kaum zu schätzen, wie viele es wohl sind, doch bestimmen sie derart das Panorama, dass manches eines zweiten Blickes bedarf. Zum einen erschöpft sich diese Kunst nicht mit dem Vogelmotiv – Frösche, Schmetterlinge und sogar Fische bevölkern nebenbei, aber wie selbstverständlich die Arbeiten. Und Minette: Die so betitelte Tuschzeichnung macht deutlicher als die anderen, dass es nicht um dokumentarische Liebhabereien für Ornithologen geht.

Auf dem Blatt mit Minette sind, wie sollte es anders sein, zwar auch zwei Vögel angetreten, um vielleicht Musik zu machen. Zumindest posieren sie, als würden sie auf einer Bühne stehen. Kein Gezwitscher vom Baum herab, wie es sich eigentlich gehört für ordentliche Vögel. Nein, sie sehen vielmehr einander an, als hätten sie ihren Singtext vergessen. Diese Vermutung könnte aufgehen, wenn wir unterstellen, dass es sich bei Minette um jene rotbehandschuhte Dame handelt, die inmitten der Szenerie in einer Art Souffleur-Kasten zu sehen ist. Es könnte auch ein Bild im Bild sein, immerhin ist die Dame ihrem Schattenriss nach zu urteilen, fein herausgeputzt. Das geht so weit, dass wir glauben müssen, es sei Minette, die ein Lied zum Besten gibt. Schauen deshalb die Vögel einander so verdutzt an? Überhaupt: sie machen gegenüber der Frau einen eher zerzausten Eindruck.

Kurz und gut, worauf ich hinaus will: Genießt, genießen Sie das minutiös gezeichnete Federkleid der Protagonisten. Wer hat je solch akribisch-filigran gezeichnete Vogelkörper gesehen? Und doch: Minette, sofern ich mich nicht verguckt habe, ist als Vertreterin der menschlichen Zunft, Garantin dafür, dass das Werk von Claudia Fischer-Walter sich nicht mit der Vogelwelt oder weiter gefasst der Tierwelt, erschöpft, sondern dass es letztlich – wie bei jeder guten Fabel – um Menschen geht, um uns. Nebenbei bemerkt: Claudia Fischer-Walter hat nicht nur ein Kunststudium hinter sich, sondern auch eine Hochschulausbildung als Pädagogin und Psychologin. Das Seelenleben der Menschen wird ihr näher liegen als das eines Vogels.

So sehr das Motiv der Vögel es ihr angetan hat, so schwer dürften es die Bilder also haben, in ein Fachbuch für Vogelkundler zu geraten. Mit sicherer Feder skandiert die Künstlerin zwar akribisch das Federkleid und die Gliedmaßen der geflügelten Wesen durch, doch geht es ihr keineswegs um reale Detailtreue, sondern um Chiffren unsrer Zeit, mehr noch: um das Grundwesen unseres Daseins. Kurzum, die Vogelwelt dient ihr zur Veranschaulichung zweier durchaus menschlicher Eigenschaften: dem Drang nach Freiheit und der Neigung zur Flatterhaftigkeit – zwei Seelen in der Brust, die nicht immer miteinander im Einklang stehen.

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Wie auch immer, da die Vögel den Luftraum besetzen, sah man in ihnen von jeher geistige Potentiale, im übertragenen Sinn. Und was noch: Schon in der Antike verknüpfte man das Bild des Vogels mit dem Ausdruck von Schnelligkeit und Kraft. Vorsehung und Weissagung kommen noch hinzu, wobei diese Fertigkeiten bei Claudia Fischer-Walter eher im Gefiederknäuel enden als im geklärten Weitblick. »Die Vögel als beschwingte Wesen«, resümiert der Psychologe C. G. Jung, »sind seit alters Sinnbilder oder Symbole des Geistes und des Gedankens«. Oftmals geht alles förmlich und buchstäblich drunter und drüber – über die Schnäbel allein kann man sich notdürftig im Durcheinander der Glieder zurechtfinden. Soviel ist klar, mit dem Ernst des Wissenschaftlers nähert sich Claudia Fischer-Walter dem Federvieh nicht, im Gegenteil: Mit offenbar knitzer Freude und äußerst gewitzt grenzt sie ihre Protagonisten mal zum Abstrakten, mal zum Surrealen hin ab.

Von der Logik her ähneln die Formationen den Bildspielen von M. C. Escher, zumindest im Negativ-Positiv-Wechsel der auch bei ihm vorkommenden Vogelbilder. Allerdings agiert Claudia Fischer-Walter sehr viel freier, sodass manch Vogel-Tohuwabohu auch mal zur Landschaft mutiert. Oder zur morbiden Tanzshow. (…) Claudia hat mir anvertraut, dass sie leidenschaftlich gern Frösche sammelt, und zwar die toten, die auf der Straße platt gefahrenen. Was hier auf manchen Bildern wie ein froschiger Totentanz aussieht, den wir spontan, aber unfairerweise mit den Nahrungsgepflogenheiten mancher Vögel in Verbindung bringen, ist die zwangsgespreizte Trockenversion eines ganz anderen Schicksals, das der Tierwelt nicht angelastet werden kann, sondern dem Straßenverkehr. Nun wird die Künstlerin nicht gleich einer Tierschutzlobby zuzuordnen sein, aber es geht mir schon darum klarzumachen, dass hinter den harmlos scheinenden Arbeiten nachdenkliche Positionen liegen.

»Kieff« heißt eine Zeichnung in der Ausstellung, mit Doppel-f. Bei aller Verfremdung klingt aber auch dieses Wort wie die Hauptstadt der Ukraine: Vor den aktuellen Ereignissen können wir die Szene mit den drei von oben herabstürzenden Vögel auf eine Paradeaufstellung kleinerer Vögel durchaus politisch lesen. Auf diesem Blatt ist übrigens, wenn ich es recht sehe, der einzige wirklich fliegende Vogel in der Ausstellung zu sehen. Geht es hier um die echte Freiheit? Oder nehmen wir die »Schutz-Suchende« dazu, wo ein kleiner Vogel unter dem angedeuteten Unterleib eines Riesengetiers herumstakselt – sicher kein Bild purer Freude. Hinreißend amüsant versteckt unsre Expertin für die menschliche Vogelnatur mehrdeutige (Such-)Bilder auf dem Zeichengrund.

Durchweg affirmativ ist dagegen das rein formalästhetische Ansinnen. Claudia Fischer-Walter zeichnet mit feinsten Federn auf Papier oder – wie in dieser Ausstellung in der Überzahl – auf Acrylglas. Leider können wir ihre Zeichnungen auf knochigem Gebein hier nicht zeigen. Vielfach experimentiert sie mit dem Material: mal legt sie mehrere Scheiben übereinander, die sie jeweils mit Zeichnungen belegt, um eine geheimnisvolle Räumlichkeit zu erhalten, mal hinterlegt sie die Platte mit Luftpolsterfolie oder teilweise mit Papier, womit sie eine ganz andere Tiefe erzielt. Auch der Einsatz von Farbe verdient noch eine Erwähnung. Die Zeichnerin verzichtet nicht auf ein stringent verwendetes Kolorit, bestehend aus Rot, zuweilen Blau, Weiß und Schwarz. Das Rot etwa füllt kleinere Freiflächen aus, wird hin und wieder sogar für die Ausmalung eines Schnabels verwendet, oder es dient als pure Setzung. Gerade durch die sparsame, aber gezielte Verwendung von Farben schafft Claudia Fischer-Walter eine ausgewogene Bildführung, die bei aller denkbaren, inhaltlichen Problematisierung auf eine lebensbejahende Harmonie ausgerichtet ist. (…)