Meldungen zum Kunstgeschehen

Aus der Eröffnungsrede: Künstler und Künstlerfreunde, Galerie Merkle, Stuttgart, bis 22. Januar 2011

Für die Weihnachtsausstellung hat die Galerie Merkle viele Künstler aus dem Galerieprogramm eingeladen. Gleichzeitig wurde jeder der Künstler aufgefordert einen Freund oder Kollegen vorzuschlagen. Günter Baumann hat sich den 28 Einzelpositionen und Gegenüberstellungen in seiner Rede zur Ausstellungseröffnung gewidmet.

»(…) Horst Merkle präsentiert die Gruppenausstellung »Künstler & Künstlerfreunde« mit Gemälden und Grafiken, Plastiken und Fotografien. (…) Mit mulmigem Gefühl hat sich Herr Merkle diesmal auf ein auch für ihn neues Experiment eingelassen. Er hat 14 seiner Künstler eingeladen mit der Bitte, eine Kollegin beziehungsweise einen Kollegen eigener Wahl mitzubringen. Die einzige Auflage war, dass die Kunstwerke ins Haus passen sollten. Sie können sich vorstellen, was in einem Ausstellungsmacher vorgeht, der bis nahe an den Eröffnungstermin heran nicht weiß, wie die Hälfte seiner Ausstellung aussehen würde. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Das Risiko war freilich kalkulierbar: Viele der gezeigten Arbeiten haben ihre Wesensverwandtschaft offenbart, noch bevor sie an der Wand hingen –fast konsequent übrigens auch tatsächlich paarweise! So verweisen die Arbeiten von Ruth und Herbert Baumann schon namentlich darauf hin, dass hier mehr als Freundschaft im Spiel ist. In diesem Sonderfall wählte die Künstlerin ihren 1990 verstorbenen Vater als Teampartner aus. Und bei den miteinander verheirateten Thomas Putze und Heasun Kim lag die Wahl auf der Hand, denn sie sind längst ein eingespieltes Team, auch im musealen Umfeld.

(…) ›Als Bittsteller zu Besuch beim unsympathischen Onkel‹ (…) – so lautet der Titel einer kleinen Collage von Hans Pfrommer, der mit sarkastischen bildnerischen Mischtechnikarbeiten die Welt kommentiert. Seinen Witz mischt das Künstleroriginal mit spitzbübischem Charme. Pfrommer hat Julia Schrader mitgebracht, die haarige, fetischartige Mischwesen mit gefährlichen Zangen oder trichterförmigen Schlünden versieht. Ausnahmsweise nicht aus dem tierischen Kreaturenfundus schöpft Thomas Putze. Er orientiert sich vielmehr thematisch im Kinderspielzimmer, wo er bestimmt die Vorlagen für seine Bagger- und Schaufelfahrzeuge gefunden hat. Allerdings sind die Assemblagen mit schwerem Geschütz, etwa der Kettensäge, geschaffen. Es gehört zum fantasievollen Hintergrund und zum gelassenen Umgang mit der Kreativität des Künstlers, dass er als Landschaftsgärtner, Jugendhausleiter, Illustrator und Musiker arbeitete, bevor er zur Kunst überwechselte. Vermutlich traf Putze schon während seines Studiums in den Klassen Pokorny und Ullman auf seine spätere Frau, die in der Ausstellung mit einem niedlichen Engelsreigen aus Ton aufwartet, der die Harmonie beschwört. Noch ganz dem Figürlichen verhaftet sind Matthias Beckmann und sein schöpferisch-temporärerer Zwilling Patrick Borchers. Mit seinen streng linearen Bleistiftzeichnungen holt der ehemalige Schoofs-Schüler Beckmann gezielt das Banale unsrer Umwelt aufs Papier, wobei er sich den Zoomtechniken der Fotografie bedient. Geistesverwandt ist ihm Borchers, der jedoch dem touristisch-flüchtigen Moment der Bleistiftskizze einen Gesamtplan unterlegt, der sich blattübergreifend bemerkbar macht. Ganz anders fasst Ulrike Kirbach die Zeichnung auf. Noch mehr als Beckmann ist sie von Schoofs geprägt, ihr liegt weniger an der akkuraten Linie als an der Lebensspur, der sie mit unterschiedlichen Stiften folgt und die sie mit deutenden Sätzen verbalisiert, das heißt gedanklich illustriert wie: ›entfliehn so schnell du kannst‹ oder ›so nah / so nah / so unendlich nah / so schmerzlich‹. Begleitet wird Kirbach von kraftvollen Farbstiftzeichnungen der Kollegin Vera Vitkova.

Das moderne Porträt und das Menschenbild, das dahinter steckt, können wir sehr gut in den Arbeiten von Annegret Soltau und Danielle Zimmerman beobachten. Es mag sein, dass Soltaus aus Ausrissen zusammen genähten Fotos abschreckend wirken, zu sehr gehen Gedanken wie die an physische Gewalt durch den Kopf, wenn wir die stichhaltigen Zäsuren im Gesicht betrachten. Das verwundert nicht: Die Künstlerin arbeitete vor dem Studium als OP-Assistentin eines Unfallarztes; dazu kommt noch die ungeschönte Erinnerung an die Entbindungen der eigenen Kinder, die nicht nur mit einem alles überdeckenden Glücksgefühl, sondern auch mit Schmerzen und Leid einhergeht. »Ich nehme mich selbst zum Modell, weil ich mit mir am weitesten gehen kann«, sagte sie über ihr malträtiertes Alter Ego. So suchte sie sich für diese Ausstellung auch eine Partnerin, die scheinbar weit entfernt von ihrer Kunst ist. Andrea Esswein zeigt uns nämlich Kopigrafien von Korallen und Muscheln. Doch auch hier sind Schnittstellen auszumachen. Die Technik, Dinge auf den Kopierer zu legen, macht die Ergebnisse zu Unikaten, da im Unterschied zur Fotografie keine Negative bestehen – das trifft auch auf die vernähten Fotos von Soltau zu. Dazu kommt, dass auch die Dingwelt Züge eines Selbstporträts aufweisen kann: ›Thematisch entspringen alle Arbeiten einer Quelle‹, sagt Esswein, »der Auseinandersetzung mit inneren Befindlichkeiten und Zuständen. Man könnte dabei auch von einem psychologischen Moment sprechen«. Als Kontrastprogramm sehen Sie hier die Porträts von Danielle Zimmermann und Lucia Schautz, wenn man sie überhaupt Porträts nennen kann: denn die Protagonistinnen leben in der Welt der Werbung, der Hochglanzmagazine und der Glamourworld. Wo ist die Wirklichkeit zu Hause? Wo zeigt sich uns das wahre Gesicht des Menschen? Muss ein Wunschbild immer ein Trugbild sein? Gibt es überhaupt echte Bilder außerhalb unserer Vorstellungswelt? Diese Fragen können wir uns freilich generell stellen, so auch bei den fragmentierten Menschen auf den Hinterglasfotos Simone Rosenbauers und den satirisch-demaskierenden Polaroids von Stacy Arezou Mehrfar oder den durch die Wachsschicht verschleierten C-Prints von Gert Wiedmaier, der gemeinsam mit Erwin Holl auftritt, dessen hinreißend filigranen Bleistiftzeichnungen eine ganz eigene Welt und Räumlichkeit eröffnen.

Ja, mit den Räumlichkeiten ist das auch so eine Sache. Ich muss hier leider etwas abkürzen, die Künstlerinnen und Künstler mögen mir das verzeihen. In der Fotografie treten Ute Robitschko und die von ihr vorgeschlagene Claudia Michaela Kochsmeier auf, die den realen und hyperrealistischen Architekturraum ausloten. Die Grafik ist prächtig vertreten durch Monika Schabers Holzdrucke und Marcel Gählers Mezzotinto-Arbeiten – erstere mit der Anmutung fragiler Entwurfs- oder Ausgrabungszeichnungen, letztere als düstere Details erhabener Parkansichten. Rolf Urban zeigt hier Kohlezeichnungen, die den Raum, in unserem Fall den Bühnenraum aus der Fläche heraus begreifen, ganz wie seine hinlänglich bekannten, fast malerischen Linolschnitte es tun. Urban gehört übrigens zu den wenigen Malern beziehungsweise Zeichnern, die sich als Partnerinnen Bildhauer gewählt haben – so wird er begleitet von Irmela Maier, die bemalte Tonköpfe präsentiert, bei denen man geneigt ist, sie als Versatzstücke in Urbans Tonstudios hineinzudenken, immerhin ist ein dem Titel nach ›Russischer Musiker‹ darunter. Das andere Bild-Plastik-Duo sind die bereits genannten Hans Pfrommer und Julia Schrader. Eine dritte Möglichkeit hätte nahegelegen, doch hat Ruth Baumann ihren seismografisch-nervösen Linienspielen die in sich ruhenden Bildhauer-Aquarelle von ihrem Vater Herbert Baumann an die Seite gestellt. Bleiben noch die faszinierenden Spurensuch-Exponate des Wahlschweizers und Weltenbummlers Othmar Eder zu nennen, der Stefan Rohner als Mitsucher und Begleiter vorschlug, dessen übermalte Fotografien den Innen- zum Außenraum verunklären; und nicht zuletzt erwähne ich die sensiblen Seelenräume von Hannes Steinert und Georg Weise, die sich zur gefühlt-subjektiven Landschaft bekennen (…).«