Ausstellungsbesprechungen

Aus der Eröffnungsrede: Manuela Tirler – Weed Stack, Galerie Schleuse 16 - Forum für experimentelles Arbeiten, Böblingen, bis 19. Dezember 2012

Im Werk Manuela Tirlers trifft die Härte des Stahls auf die filigrane Vielgestaltigkeit der Natur: Mit schwerem Gerät lässt sie Eisenträger und -draht zu Kugelobjekten formen, sie sprengt rissige Löcher in Metallplatten und in floraler Anmutung bringt sie zentnerweise Gezweig zum Sprießen, hier in krudem Rost, dort in verzinktem Glanz blühend. Günter Baumann führt Sie in seiner Eröffnungsrede, die wir in Auszügen abdrucken, durch die Tirler'sche "Erz-Natur".

(…) Manuela Tirler ist eine Ausnahmekünstlerin, die erstaunlich früh ihre eigenständige Formensprache gefunden hat. Nach Vorbildern sucht man vergebens, und wenn man partout welche finden will, müsste man beim Material ansetzen. Aber auch da behauptet sie eine ganz eigenständige Position, nicht zuletzt durch die Tatsache, dass es nur wenige weibliche Stahlbildhauerinnen gibt. Schon früh verlor die Tochter eines Maschinenbauingenieurs jegliche Scheu vor dem wuchtigen Material. Darüber hinaus studierte sie bei einem der renommiertesten deutschen Stahlplastiker: Werner Pokorny. Vielleicht ließe sich hier ein Art Widerspiegelung erkennen: Werner Pokorny macht das Haus und mithin die Behausung zum Thema, während es bei Manuela Tirler gerade um ein Unbehaustsein geht – Natur ist hier gegenwärtig, doch ist es weniger der heimische Garten oder der Park, die Paten standen, sondern die eher unwirtliche, karge Natur, die zweifelsohne auf existenzielle Lebensbereiche unserer Gesellschaft zu übertragen ist.

»Natur« ist hier auch im Sinne von Eigenart zu verstehen. Manuela Tirler geht nicht zimperlich mit ihren Objekten um, aber sie respektiert das Material. Vielleicht ist es auch die unverkennbare Präsenz des Stahls, die die Bildhauerin dazu brachte, diesen metallischen Werkstoff vor allen anderen zu bevorzugen. Ist er erstmal gegossen, kommt man ihm nur noch schwer bei. Auch er lässt sich mit dem Schweißbrenner modellieren, plastisch bearbeiten – doch kann man dem Stahl nicht einfach – etwa mit Hammer, Meißel oder Schnitzmesser – seinen Willen aufzwingen wie das beim Stein oder Holz zu machen wäre. Kurioserweise gibt es eine wenn auch antipodische Nähe zur Keramik, berücksichtigt man die Bedeutung des Feuers im Vorfeld der Produktion beziehungsweise im Ausgang des Prozesses, wenn es um Änderungen der Aggregatszustände geht, und bedenkt man eben jenes Eigenleben der Materialien (…).

In ihrer Serie »Quake«, auf Deutsch »Beben« bzw. »Erdbeben«, geht Manuela Tirler mehr als drastisch ans Werk, indem sie den Stahl faktisch zerstört: Dieser Dekonstruktivismus führt uns mitten in die künstlerische Auseinandersetzung der Kunst mit ihrer eigenen Selbsthinterfragung. Wenn wir die Quake-Platten ansehen, bemerken wir ihre landschaftlich anmutende Oberfläche, die noch expressiver wird durch den eingezogenen Eisendraht. Die Gewalt eruptiver Kräfte – wie etwa in der Erdkruste – ist ein Faszinosum, das sich hier mit dem Schrecken eines nachvollziehbaren Bebens paart. Man fragt sich neugierig, wie die Künstlerin das schafft. Tatsächlich handelt es sich um einen Sprengvorgang, der diese zauberhaft-destruktiven, nahezu malerischen Formen geschaffen hat. Manuela Tirler verrät nicht, wie sie das bewerkstelligt, nur so viel, dass diese Serie in speziellen Sprengungs-Arealen entsteht. Wichtig ist in diesem Fall vor allem das Ergebnis. Wo brachiale Kräfte walten, bleibt die Oberfläche nicht verschont. Der unverzinkte und unlackierte Stahl unterliegt einem steten farblichen Wandel durch den Rost, der naturgemäß die Sprengungsrisse umspielt und bewirkt, dass wir die Dynamik im Werkprozess auch vor dem fertigen Bild spüren, dass das dargestellte Naturereignis eine ungeahnte Authentizität erfährt. Ganz anders wäre die Wirkung einer behandelten Oberfläche, die Manuela Tirler genauso souverän angeht wie die reine Stahlhaut.

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Die Anglizismen (in den Titeln) erleichtern (…) die klangliche Zugkraft, die schlagwortartig gleich mehrere Bedeutungsebenen öffnen. Ein Beispiel: die Serie der »Tumbleweeds«. »To tumble« bringt Schwung ins Vokabular, heißt soviel wie »schwanken, wogen, völlig durcheinander wehen, sich überschlagen, purzeln, hin und herrollen«, und »weed« ist schlicht Unkraut, ein kümmerliches Gewächs. Nun findet die Suchmaschine auch leicht die Wortkombination »Tumbleweed«. Botanisch unter den Bezeichnungen Ruthenisches Salzkraut, Ukraine-Salzkraut, Ungarisches Salzkraut, Steppen-Salzkrau und Kali-Salzkraut bekannt, hat sich diese Steppenpflanze in Osteuropa und Zentralasien ausgebreitet. Viel wichtiger ist jedoch die Einschleppung nach Nordamerika, wo dieser kugelrunde Steppenläufer, wie er auch trefflich übersetzt wird, Karriere beim Film machte – als wichtiger Bestandteil meist wortloser und doch dramatisch knisternder Westernszenen. Sie kennen das: Die Zeit scheint still zu stehen, und nur das trostlos-trockene Zweigknäuel signalisiert, dass gleich etwas passieren wird. Die rostig braune Farbe imitiert dabei täuschend echt die Eigenfarbe laubloser Äste. In erster Reaktion glaubt man in der Tat, außer Stahl reichlich Ast- und Zweigwerk zu sehen. (…)

Die Bandbreite im Werk der Bildhauerin ist enorm, sowohl was die Behandlung angeht als auch die Bearbeitung. (…) So springen dem Betrachter in der Serie »Weed Stacks« eine filigrane Struktur und eine Leichtigkeit ins Auge, die im krassen Gegensatz zu den »Quakes« stehen. In lockerer, ja luftiger Dichte häufelt sich ein feingliedriger Stahl säulenartig aufwärts. Dem Namen nach stellt es einen Haufen Unkraut dar, an sich also der Ausschuss, der überflüssig-nutzlose Beschnitt der Natur. Achtlos scheint er sich hier in gestückelter Schichtung emporzurankeln, und doch schenkt die Künstlerin ihm Beachtung: einmal in der schier unverwüstlichen Form des Stahls, dann auch in der stelenhaften Darstellung. Wie in den aufgerissenen Erdbeben-Platten findet auch das Stiefkind der Natur eine ästhetische Verfeinerung, die hier eine Leichtigkeit des Materials suggeriert, wie sie dort dem Zufall Tribut zollt. In der Auseinandersetzung mit dem Stahl wird man sich schnell über dessen Natur bewusst. Selbst die flüchtig in den Raum gezeichneten »Weed Stacks« entpuppen sich als handfester Stahl, dessen Labilität allein in der statischen Tücke des Objekts liegt.

Ich bleibe bei den »Weeds«, die sich zu den bereits erwähnten »Tumbleweeds« gesellen. Man kann sie als rein ästhetische Kunstwerke betrachten, wenn man denn bereit ist, den Charme (des Rostes) zu erkennen und anzuerkennen. Mit einem faszinierenden Gespür übersetzt Manuela Tirler florale Strukturen in den eisenhaltigen Stoff, erhebt gleichermaßen ein Stück ausgemerzter Natur zu einem kunstvollen Aperçu, wie sie den Stahl zu einem sinnlichen Stellvertreter des gewachsenen Vorbildes macht. »Baustahl modelliert« heißt lapidar der technische Hinweis zu den »Tumbleweeds«. Was man darunter versteht, vermittelt recht eindrucksvoll das Video, das Sie während der Ausstellung sehen können. Die Stahlarmierungen kann man mit Küchengerät nicht rundkriegen. Nein: ein Bagger ist nötig, um mit seinen sauriergleichen Maul- bzw. Greifvorrichtungen die zentnerschweren Eisenteile aus dem Beton zu beißen und diese in Kugeln zu verwandeln, die als Chiffren für die vom Steppenwind getriebenen und gerollten, gerundeten Pflanzenbüsche stehen. Die Diskrepanz von Abrissunternehmen und Erscheinungspoesie ist so gewaltig, dass es einem kalt den Rücken runterlaufen kann. Den westernverwöhnten Melancholikern unter den Betrachtern mag ein feinnerviges, eben zur Ruhe gekommenes Zweigbündel vor Augen schweben. Indessen mag sich der Kunstkenner am lockeren Wechselspiel von offener und geschlossener Form erfreuen – während sich der versichungspflichtige Aussteller beruhigt zurücklehnt, da sich die Kugeln nicht mal eben in Bewegung setzen und davontragen lassen. Die freiplastisch aufgestellten »Tumbleweeds« finden ihr eher raumgebundenes Pendant in den »Weeds«, die sich bevorzugt in die spannendsten Raumsituationen einfügen, wie hier auf dem Pfeilerpodest. Hier führt Manuela Tirler die geometrische Quaderform mit anderen Mitteln fort.

Zwischen den säulengleich emporwachsenden »Weed Stacks« und den raumbesetzenden »Weeds« sind die Arbeiten aus der »Yvy«-Serie anzusiedeln: gemeint ist das Efeu oder der Wilde Wein. Sie kennen alle diese Kletterpflanzen, die sich dank ihrer Haftwurzeln an Bäumen oder Wänden hochspreizen. Das Zeug verhält sich wie Unkraut und ist nicht immer förderlich für seine Wirtspflanze bzw. die Wirtswand. Die Anhänglichkeit, die man dem Efeu nachsagt, hinterlässt Spuren am Verputz – kleine Noppen, für die sich Manuela Tirler interessiert. In der Vergrößerung ergibt sich ein verspieltes Flechtwerk, die Würzelchen mutieren dabei zu putzigen Stempeln. Immer wieder erschafft die Künstlerin ganz nah an der beobachteten Wirklichkeit Objekte, die in der Vergrößerung eine vorwiegend ästhetische Eigendynamik entwickeln. Allerdings macht sie sich auch den symbolisch tradierten Charakter der hervorgehobenen Naturelemente zu eigen. Gerade im Efeu schwingt sinnbildhaft seit der Antike das Bild der Treue und Freundschaft mit, und nicht ohne Grund findet sich das Gewächs im Friedhofskontext wieder. Manuela Tirler nimmt diesen Ball nicht einfach so auf, zu offensichtlich ist ihrer Arbeit die Lust an der Form anzumerken. Verglichen mit der filigranen Stückelung der »Weed Stacks«, die eine ernste Konzentration abverlangt, oder mit den »Tumbleweeds«, die im harten Baggereinsatz entstanden sind, bezieht die überdimensionale und zugleich karikierende Zuspitzung der Efeuranken ihren Symbolwert mit ein: Mit dem Fokus auf jene Saugfüße als Zeichen der Anhänglichkeit ist eine ironische Brechung der Metapher zu erkennen, die das Kunstwerk vor dem Vergänglichkeits-Klischee bewahrt, obwohl sie Gegenstand der Reflexion bleibt.

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Dass Manuela Tirler bei aller Abstrahierung und – bedingt durch die englischsprachigen Titel – bei aller Distanzierung die Natur durchaus als Träger von Botschaften verwendet, machen die ausnahmsweise deutschsprachig betitelten Serien »Waldstück« und »Bannwald« deutlich. Bei den »Waldstück«-Arbeiten handelt es sich um teils riesige Freiplastiken, die in enger Reihung aufwärts strebender Gestänge zu einem undurchdringbaren Gebilde zusammengeschweißt sind. Wie in den anderen Werken kultiviert Manuela Tirler scheinbar mühelos die ›Erz-Natur‹, ihre Hände formen stählerne Gesträuche, Geäste und Unkraut. Mit sinnlichem Gespür bezwingt sie den mal knäuelverschlungenen, mal buschartig struppigen oder wie zu Reisigbündeln geschichteten Stahl. Die möglichen biblischen, märchenpsychologischen oder ökologischen Deutungen stehen der Schönheit einer rein abstrakten Vergegenwärtigung gewaltiger, teilweise gewalttätiger Formungsprozesse nicht im Weg: Beim »Waldstück« können wir in den rostrot züngelnden Stahlverdrahtungen einen brennenden Dornstrauch genauso assoziieren wie den undurchdringbaren, verzauberten Wald des Märchens oder auch den Boten einer erbarmungslose Dürre – die floralen Strukturen haben also keineswegs allein dekorativen Wert. Der Betrachter ist aufgefordert, seinen mitwuchernden Gedanken freien Lauf zu lassen.

Ähnlich vieldeutig zeigt sich der »Bannwald«. Dazu muss man sagen, dass diese aus dem Mittelalter stammende Bezeichnung auf einen Schutzwald verweist, der für die Öffentlichkeit nicht zugänglichwar. Heute gibt es das wohl nur noch in Süddeutschland, man zählt dort über hundert solcher Rückzugsgebiete der Natur – wer würde auf die Idee kommen, das nachzuprüfen? Ebenso müßig ist es nachzuzählen, ob in Manuela Tirlers Arbeit tatsächlich für jeden Bannwald einer dieser reisiggleichen Eisenstäbe steht – wie tatsächlich vermutet wurde. Auf jeden Fall macht sie ihr Stahlbündel zum blickdichten Reservat, das insofern unzugänglich ist, als es durch eine Art Teller den Weg nach und von draußen beschränkt.

Wie auch immer, die Plastiken von Manuela Tirler ruhen keineswegs als vereinzelte Objekte einer Art pour l’Art in sich selbst, sondern suchen, ergreifen und behaupten in faszinierender und nachdrücklicher Weise Ihren Platz im Raum. Die Bildhauerin versteht es, die Wildheit der Natur zum Kulturwert zu bändigen, Stereotypen und Symbole zu vereinen und große Zusammenhänge in reduzierter Form aufzuzeigen – und am Ende den Beweis anzutreten, dass Stahl nicht nur das Gewicht, sondern auch die Leichtigkeit vorzugeben vermag, um der Natur ein ebenbürtiger Partner zu sein.