Ausstellungsbesprechungen

Aus der Eröffnungsrede: Melanie Balsam-Parasole und Karl-Heinz Bogner – Farb/Raum _ Objekt/Raum, Kunstverein Böblingen/Schleuse 16, bis 30. Oktober 2013

Was derzeit in der Schleuse gezeigt wird, sind Experimente mit dem Raum: Balsam-Parasole erobert den Raum malerisch, Bogner reflektiert ihn mit seinen Objekten und Zeichnungen. Günter Baumann hat sich den beiden in seiner Eröffnungsrede, die wir hier in Auszügen abdrucken, gewidmet.

(…) Beide Künstler sind eigentlich Akteure im Raum, der wesentlich an ihrer Kunst teilhat. (…) Meist nehmen wir eher die Dinge wahr, die im Raum sind, als den Raum selbst, wodurch er auch häufig als Nutzraum fungiert, den man nicht weiter betrachten zu müssen glaubt. Aber so einfach ist das nicht mit dem Raum. Das Wort stammt aus dem Mittelhochdeutschen rûm, das keine Ehrerbietung, sondern »das nicht Ausgefüllte« gemeint war, oft im Sinne eines freien Platzes. Als Raum wird er tatsächlich sinnlich am besten wahrnehmbar, wenn er leer ist. Und wo Leere ist, ist auch Ruhe.

(…) Wir können den Raum physikalisch auffassen, dann haben wir eine Ausdehnung in allen drei Dimensionen, Höhe, Breite, Länge beziehungsweise Tiefe; von der vierten Dimension – der Zeit – will ich gar nicht reden. Mathematisch gesehen interessiert mehr die äußere Begrenzung, der Raum als Körper, dessen Inhalt messbar ist. Philosophisch betrachtet kommen noch Faktoren hinzu, die den Raum relativ erscheinen lassen – es spielen Erfahrungen mit hinein, Vorstellungen von geistigen, sozialen und symbolischen Räumen. Ich werde mich hüten, diese Vorstellungen allesamt ineins zu setzen. Salopp gesagt, ist über diesen Überlegungen die mitteleuropäische Philosophie entstanden, die anfangs noch sehr naturwissenschaftlich orientiert war und eher den Weltraum als den uns umgebenden Raum im Sinn hatte. Aber ausgerechnet ein Physiker, der genau mit diesem universellen Raum in Verbindung gebracht wird, brachte die Raumdiskussion auf einen erstaunlich einfachen Nenner: Albert Einstein, er schreib: »Raumbegriffe sind freie Schöpfungen der menschlichen Phantasie, ersonnen zum leichteren verstehen unserer sinnlichen Erlebnisse.«

Nun, die Fantasie ist mir näher als die Physik, weshalb ich mich dem Raum am besten von der poetischen Seite annähere. Habt ein bisschen Geduld, die beiden Künstler bekommen gleich ihren Platz darin. Was heißt in diesem Sinne Raum? Die Bilder dazu wären durchaus intim: das Haus, der Schlupfwinkel, der Bau, die Höhle, wobei man dazu sagen kann, dass auch Dinge ihre »Häuser« haben: Schubladen, Truhen, Behältnisse aller Art – auch das sind Räume. Elementar raumbezogen ist auch der Gegensatz von Innen und Außen. (…) Der Dichter Otto zur Linde hat in einem freirhythmischen Langgedicht, in dem er sich mit dem Verhältnis von Raum und Gedanke auseinandersetzt, darüber mokiert, dass manche »sagen: Raum sei nur von vielen / Eine der Möglichkeiten, eine Form / Anzuschauen.« Das ist in der Tat das eine: Was wir betrachten, wird erst im bewusst erlebten Raum erfahrbar. Aber das ist eben nicht alles, weil das, was wir im Blick haben, auch Teil der Welt ist, und der Dichter schreibt: »Die Welt ist so weit, wie dein Denken reicht«.

Was heißt das nun für unsere Ausstellung mit Arbeiten von Melanie Balsam-Parasole und Karl-Heinz Bogner? Der Titel verrät es schon, denn beide Werke nähern sich dem Raum als solchem und dem der Schleuse an, der einen ganz speziellen Charme entfaltet. Als Forum für experimentelle Arbeiten ist er prädestiniert für beide Protagonisten – Balsam-Parasole erobert den Raum malerisch, Bogner reflektiert ihn mit seinen Objekten und Zeichnungen. Alle Arbeiten sind »ohne Titel«, abstrakt – und wenn es denn ein Thema gibt, ist es dem Raum verpflichtet. Das war der Grund, warum ich mich vorab in dessen theoretische Tiefen begeben habe. Obwohl beide vorgestellten Werke so sensibel, fast zurückhaltend, und doch auch selbstbewusst auftreten, finden sie in einem spannungsreichen Dialog zueinander – eine solche Interaktion kann es freilich nur geben, wenn wir die Schwingungen zwischen den Objekten und deren Ausstrahlung spüren.

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Da sind zum einen sechs Arbeiten von Melanie Balsam-Parasole, die in einer subtilen Schönheit scheinbar aus sich selbst heraus leuchten. Das führt zu Irritationen in der Wahrnehmung: Handelt es sich angesichts der zarten Lasuren um Malerei oder um farbig getönte Plastiken? Die Bildträger sind nämlich keineswegs Leinwände, sondern eigens hergestellte räumliche Körper, deren zuweilen unregelmäßige Form an eigenständige abstrakte Skulpturen denken lässt. Es handelt sich um Kisten aus Karton, die wiederum durch die Übermalung ihre Materialität kaschieren. Aufgrund der plastischen Wirkung wird der Umraum anders, stärker mit eingebunden, als dies ein traditionell aufgezogenes Gemälde tun könnte.

Zwei Beispiele, wie bestimmend Balsam-Parasoles bemalte Kästen auf ihre Umgebung einwirken, will ich ausführen. Hinter mir ist ein nahezu farbloses, im feinsten Verlauf rötlich glimmendes Rechteck zu sehen, dessen Bildträger sich zur Wand hin verjüngt. Der gelbliche Ton der Seitenflächen wird durch den Schatten abgedunkelt, andererseits wird die Farbe ganz zart auf die weiße Wand reflektiert. Lösen die Formelemente die glatte wie auch die raue Wandfläche dadurch auf, so versetzen der transparent-lasierende Farbanstrich wie die opaken, aber glänzenden Farblackschichten den Raum in eine sanfte Schwingung. Die betonte Setzung des Lichtes als Spot erhebt den Schatten zum Bestandteil der Arbeit, über die Farbausstrahlung wird die Wand selbst einbezogen. Das ist auch der Grund, warum der Künstlerin ganz wenige sublime Akzente genügen, um den Raum auszufüllen. Ein halbes Dutzend Arbeiten reichen völlig aus. Das kleine gelbe Bild auf der anderen Seite macht mehr als deutlich, dass die Wand voll ist, eben weil sie dazu gehört. Die Außenseite des fünfseitig bemalten Objekts stößt an die Innenseite des Raums, draußen und drinnen werden exemplarisch vorgeführt.

Ich erinnere hier an einen grundsätzlichen Essay des Malers Barnett Newman: »The Sublime is Now«, der zwar schon 1947 geschrieben wurde, aber immer noch Gültigkeit hat. Damals revolutionär, verlangte er eine Bildsprache, die völlig frei, unbelastet und unvoreingenommen wäre von Bildungsinhalten. Es ging ihm um die Unmittelbarkeit der Wahrnehmung: Die Malerei solle nicht ETWAS darstellen, sondern sich selbst, und zwar als emotionale, ja existenziell nahegehende Grenzerfahrung.

Noch eine zweite Arbeit will ich ansprechen, die beim flüchtigen Gang durch die Ausstellung womöglich kaum auffällt. Links beim Durchgang zum Vorraum des Cafés hängt eine quaderförmige Kiste mit gleichen vorderen Seitenlängen, weiß bemalt mit dezenten, aber erkennbaren Strukturen – zum einen durch beigemischtes Grau, zum anderen durch den Duktus des Farbauftrags. Die Seiten sind wiederum farbig gefasst, doch geht es mir um etwas anderes: In der Frontalansicht setzt sich die Arbeit zwar vom Unter- bzw. Hintergrund ab, nimmt aber zufällig, sicherlich jedoch mit Bedacht gewählt, farb- und strukturmäßig eine Beziehung zum Holzbalken in der Nachbarschaft auf – als würden das Kunstobjekt und das bauliche Element zusammengehören. Auch hier erweitert sich die Malerei zum Raumerlebnis. Die Bilder Melanie Balsam-Parasoles sind autonom, doch in jener farblichen und räumlichen Sublimität erhalten sie eine lebhafte und assoziative Bedeutungsdimension, die darauf hinweist, dass auch inhaltsfreie Kunst poetisch, psychologisch oder philosophisch interpretiert werden kann.

Ich komme zum zweiten Künstler der Ausstellung Karl-Heinz Bogner. Der einstige Architekturstudent macht den Raum an sich zum Thema, wobei seine skizzenhaften Zeichnungen, prozessualen Collagen und modellartigen Objekte konkrete Hinweise auf Gedankenräume sind, denen ich – parallel zu den subtil schönen Arbeiten von Melanie – eine fragile Schönheit unterstellen mag. In der Regel reagiert der Stuttgarter Künstler unmittelbar auf den Raum, inszeniert darin seine Arbeiten gattungsübergreifend. Die Zeichnungen sind jedoch genauso wenig Vorstudien zu den Plastiken, wie diese Objekte als Vorlage für die grafischen bzw. collagierten Arbeiten zu sehen sind. Doch allen gemeinsam ist die konstruktivistisch erschlossene Architektur-Abbildung, durchdringen sie nun den imaginierten Raum in der Fläche oder den konkreten Raum selbst. Konzeptionell beziehen sich natürlich die Grafit- und Filzstiftzeichnungen im hinteren Nebenraum bei aller Selbständigkeit eher auf die Plastiken als die collagierten, sehr viel freieren Grafitarbeiten an der Außenwand. Wer das Schaffen des Künstlers über die Jahre verfolgt, stellt fasziniert einen steten Wechsel innerhalb der Gattungen fest: In Serien entwickelt er etwa bauskulpturale Objekte, auf die ganze Reihen von Zeichnungen entstehen, die das Erlebnis des Raumes auf die Fläche übertragen, sei es in gänzlich abstrakten Schraffuren und Einzellinien. Meist folgen darauf wieder plastische Auseinandersetzungen, die sich mit linearen Problemen befassen, abgelöst wiederum durch Arbeiten in der Fläche, welche beispielsweise in der Collage minimale Räumlichkeiten erzeugen oder neuerdings durch Diagonalen die Spannung erhöhen. Und hin und wieder experimentiert er mit einem zarten Kolorit.

In der Schleuse verzichtet Karl-Heinz allerdings auf die Farbe, um die chromatisch feinsinnigen Arbeiten seiner Ausstellungspartnerin nicht zu stören. Zentral sind hier die sechs Objekte aus Holz, die keineswegs Architekturmodelle sind. Der diplomierte Ingenieur wählt auch bewusst Schwarz als (Nicht-)Farbe – im Unterschied zu den Fachmodellen, die normalerweise weiß sind. Zwar überschreiten die Architekten in den letzten Jahren bewusst die Grenzen zur Plastik, und auch die Bildhauer entdecken in jüngster Zeit immer häufiger die Architektur als Thema. Wer sollte sich da berufener fühlen als ein ausgebildeter Architekt. Aber bei aller Verwandtschaft muss sich ein Bildhauer um die Funktionalität der Architektur keine Gedanken machen. Wenn Karl-Heinz Bogner dennoch Bauaufgaben wie den Hochsitz, die Eremitage oder den schlichten Rückzugsbau thematisiert, wenn er auch Architekturelemente wie Fenster oder pylonartige Körper einsetzt, geht es ihm primär um existenzielle Befindlichkeiten. »Das Schönste am meinem Bau«, so schrieb Franz Kafka, »ist ... seine Stille. Freilich, sie ist trügerisch. Plötzlich einmal kann sie unterbrochen werden und alles ist zu Ende. Vorläufig ist sie aber noch da.« Karl-Heinz Bogner schafft Raum-Chiffren, die gelegentlich den ganzen Raum einnehmen. Der fragmentarische Charakter täuscht nicht darüber hinweg, dass hier symbolisch auf den ursprünglichen, archaischen Sinn von Architektur hingewiesen wird: Schutz und Behausung – in all ihrer Bedrohung.

Beide Künstler sind übrigens in Böblingen keine Unbekannten: Die in Essen arbeitende Melanie Balsam-Parasole ist hier geboren, und Karl-Heinz Bogner hat in der Stadt eines der längsten abstrakten Gemälde in der Region geschaffen. In der Aula am Murkenbach / Max-Planck-Gymnasium befindet sich seit 2004 eine große Wandarbeit von ihm. Ergänzend zu den zeichnerischen und skulpturalen Arbeiten sollte man sich dieses malerische Werk schon wegen der subtilen Farbigkeit nicht entgehen lassen. (…)