Ausstellungsbesprechungen

Aus der Eröffnungsrede: Volker Lehnert – Ein wenig Argwohn in Waldstücken, Galerie Schlichtenmaier, Dätzingen, bis 4. Oktober 2014

Wäldern nähert man sich in der Realität wie im Märchen am besten mit Argwohn. Denn wer weiß schon, was hier alles lauert? Dies gilt auch für die Walddarstellungen Volker Lehnerts, die sich einer gewissen Doppelbödigkeit nicht verschließen. Günter Baumann erklärt in seiner Eröffnungsrede, was genau dahinter steckt.

(…) In einem Interview hat Volker Lehnert, empfohlen, die Bilder als Einladung zum visuellen Spaziergang zu verstehen: »ertastend, suchend, Beobachtungen machend«. (…) Das Angebot, sich neugierig, aber behutsam durch diese teils schrille, teils schräge Bildwelt zu bewegen, sollte man als Abenteuer verstehen: manche der Pfade bleiben geheimnisvoll, andere führen in die Irre und wieder andere enden im Gestrüpp oder vor undurchdringlichen Barrieren. Da Volker Lehnert den Entstehungsprozess der einzelnen Arbeiten wie deren Ergebnis zugleich erkennen, d.h. simultan mehrere Inhalte aufeinanderprallen lässt, muss der Betrachter allerdings mit Raum- und Zeitdissonanzen rechnen, die die Wegführung zuweilen zum waghalsigen Unterfangen machen. Zudem sind viele Elemente in ihrer Bedeutung offen, bieten also verschiedene Möglichkeiten der Interpretation – (…). Natürlich darf man jeglicher Zuordnung argwöhnisch begegnen – (…).

»Ein wenig Argwohn in Waldstücken« sollte uns darauf einstimmen, dass jede Fährte, die wir aufnehmen, ein Holzweg sein könnte. Es tut sich ein Zwiespalt auf, den Franz Kafka trefflich empfunden hat, was in unserem Zusammenhang gut passt. So meinte der Autor: »Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.« Wenn das nur so einfach wäre! Kafka wusste das auch, folgt man seinem Aphorismus: »Verstecke sind unzählige, Rettung nur eine, aber Möglichkeiten der Rettung wieder so viele wie Verstecke. Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg; was wir Weg nennen, ist Zögern.« Schon die Bildtitel bei Volker Lehnert lassen aufmerken – überall lauern doppelte Böden: »Nachträge zum Weltgericht«, »Sperrung«, »Die Wut in Waldstücken«, »Verdacht und zwei Zelte«, »Flucht und Felsen«, »Dschungel«, »Das Undurchdringliche«. Doch selbst der Haupttitel »Ein Argwohn in Waldstücken«, der sich auf eine Serie von Lithografien bezieht und etliche Arbeiten im zeitlichen Umfeld mit inspiriert hat, ist mit Vorsicht zu genießen: ein wenig Argwohn klingt nach kommodem Augenzwinkern, das schöne Wort ist etwas aus der Mode gekommen – aber was sollen wir davon halten, wenn bewaffnete Männer durchs Unterholz ziehen? Und ein Waldstück klingt nach überschaubarem Baumstand – aber wehe dem, der dabei in einen dieser Farbdschungel gerät. Noch einmal zitiere ich Franz Kafka, der wohl kein Waldspaziergänger war, aber dem Wald wenn auch nicht argwöhnisch, so doch mit rätselhafter Miene begegnete: »Im Wald sind Dinge, über die nachzudenken man jahrelang im Moos liegen könnte.« (…).

Den Dingen im Wald möchte ich in meiner Einführung auf den Grund gehen: eine holde, romantisch verklärte Waldeinsamkeit ist hier nicht zu finden. Da ist schwer was los, und es grünt nicht überall so grün in diesen Waldstücken, wie man es auf machen Leinwänden noch vermuten könnte. Die imaginierte Hitze auf manchen Bildern lässt uns gelb und orange werden vor Augen. Es ist ein Relikt aus der Romantik, dass die Natur, insbesondere der Wald, psychologisiert wurde – und heute glauben wir, die Natur völlig im Griff zu haben. Wenn wir die Waldstücke von Volker Lehnert anschauen, spielt er mit beiden Sichtweisen, der gemutmaßten Subjektivität und der vermeintlichen Objektivität. Er legt ihre Fragwürdigkeit offen: um einmal zu zeigen, dass in der Natur nicht alles nach einem Plan sich entfaltet und dass die Psychologie nicht im Wald, sondern in unseren Köpfen waltet. Und er legt dar, dass wir recht wenig wissen – von den äußerlichen Naturvorgängen wie von der menschlichen Natur.

»Metaphysik?«, fragt der portugiesische Autor Fernando Pessoa: »Welche Metaphysik haben die Bäume? – / Grün zu sein, belaubt und Zweige zu tragen. / Und Früchte zu bringen zu ihrer Zeit, und wir nehmen es gedankenlos hin, / Wir, außerstande sie wahrzunehmen. / Aber welche Metaphysik wäre besser als die der Bäume, / Die nicht wissen, wozu sie leben, / Nicht wissen, dass sie’s nicht wissen?« Traum und Wachen, Naturwirklichkeit und Naturwahrnehmung, sind nicht immer deckungsgleich. Lehnert ist sich dessen bewusst. Bei so viel Argwohn bezüglich unsrer Wahrnehmung ist Lehnerts Zurückhaltung fast tröstlich: ein wenig Argwohn, wie gesagt. Dahinter steckt aber auch eine Portion Ironie, die wir nicht hoch genug einstufen können, wenn wir uns auf die dschungelhafte Verwirrung undurchdringlicher Gefühls- und Erfahrungswelten einlassen. Immerhin liegt es an uns, wie wir auf eine Welt reagieren, die wir weniger durchschauen, als es die Wissenschaften glauben machen. »Wir laufen wie Ameisen über einen Perserteppich, erkennen aber nicht das Muster«, könnte man es mit dem Philosophen Peter Sloterdijk auf den Punkt bringen. In Volker Lehnerts Bildern pirschen, rennen oder stehen Leute im Wald, ohne Plan.

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Die Bildwelt von Volker Lehnert zieht den Betrachter in ihren Bann, schafft aber auch zugleich Irritationen: eine flirrende Farbigkeit und schemenhafte inhaltliche Strukturen lassen den Blick über die Leinwand irren, auf der Suche nach einem Motiv und der Machart der Bilder. Denn die Farbigkeit überwältigt zunächst den Wahrnehmungssinn, der obendrein in den Arbeiten noch abgelenkt wird von den farbüberstrahlenden Lineaturen. Zwar fokussiert sich das Sehen rasch auf einzelne Themen und die Technik. Aus dem rauschhaften Farbspektakel kristallisieren sich figurative Szenen heraus, die vordergründig mit den gängigen Mustern gegenständlicher Gestaltung umgehen. Doch geht es dem Künstler nicht um das Was und Wie, sondern um den Antrieb zum malerischen Prozess, der aus der linearen Gestaltung zur Fläche findet. Er bevorzugt dabei lasierende Eitempera und Pigmente, die er mittels Pinsel aufträgt, sowie neuerdings zusätzlich Aquarellfarbe aus der Spritzpistole, um vielfach transparente, verrätselte »Waldstücke« zu schaffen. Lehnert spielt mit den verschiedenen Wahrnehmungsfeldern und ausdrücklich mit dem Kulminationspunkt, wo nach seinen Worten »Gewusstes, Gefühltes und Gesehenes im Bild zu einer Einheit zusammengeführt werden«. Diese unterschwelligen Schichten ergeben eine surreal anmutende Bildtopografie, in der sich Comic-Elemente und Westernromantik mischen und die in der Strichführung an flüchtige Graffiti denken lässt.

Das Werk Volker Lehnerts ist dem Inhalt nach erzählerisch und oftmals poetisch, der Form nach zeichnerisch angelegt. Mit hintergründiger Ironie lässt Lehnert immer wiederkehrende Szenerien gestenreich wie im Kino abspulen, um sie im nächsten Moment im ernüchternden Stillstand auch schon wieder zu konterkarieren. Mit großer Erwartung gehen wir an die Arbeiten Lehnerts heran: Einmal weckt ein Wortspiel Neugierde, wie beispielsweise »Kritzelbarock«, eine Zeichnung im Eingangsbereich unsrer Ausstellung – so könnte ein Gedicht von Durs Grünbein heißen. Oder es hebt eine Erzählung oder gar ein Witz an, wenn wir einen Titel lesen wie »Läuft einer am Baptisterium«. Oder es bahnt sich ein direktes narratives Motiv an, etwa »Landschaft mit Rest von Umarmung«, hinter dem man einen Roman von Botho Strauß vermuten könnte.

»Kritzelbarock« ist eine kühne Wortschöpfung, die nicht nur Sinn für Sprachwitz verrät, sondern auch einen kunsthistorischen Reflex darstellt. Jeder Kunstgeschichtsstudent lernt früh herunterzubeten, dass sich die Bezeichnung Barock auf ›barocco‹ bezieht, was für misslich geformte Perlen stand, übertragen wird das Adjektiv mit »ungleichmäßig, schief« – bedenkt man, dass der Epochenname einst eine Verunglimpfung darstellte, setzt der Hinweis auf das Gekritzel eins oben drauf. Aber weit gefehlt – Lehnert weiß natürlich ganz genau, dass das Barock formal hochdiffizil und in seiner Unausgewogenheit vollendet durchkomponiert war. So wundert es nicht, dass die vorgebliche Kritzelei aus sicher platzierten Linien besteht, die – wenn auch außerhalb einer mathematischen Perspektive – Sitzbänke einer Kirche, Säulenreihen und diverse Architekturdetails einer Kathedrale ergeben. Mehr noch: Er zaubert ein Raumgefüge aufs Papier, das den Kirchenraum subjektiv erlebbar macht – als würde der Bleistift den staunenden Augen rauschhaft folgen.

Alles ist in der Bewegung, auch in der großen Zeichnung »Läuft einer am Baptisterium«. So beginnen klassische Witze. Ob es auch einer ist, bleibt ungewiss. Tatsächlich rennt jemand über eine Piazza, sein rasantes Tempo scheint von den auseinanderdriftenden Sakralbauten aufgegriffen zu werden. Alles ist in Auflösung begriffen: Dass das Innere der Bauten nach außen gestülpt ist, dass im Hintergrund ein mutmaßliches Landschaftsmotiv im Nichts verschwindet, scheint nicht wirklich beruhigend zu sein – und man fragt sich automatisch, was der Läufer damit zu tun haben könnte. Die zwei Reihen parkender, aber sichtlich flotter Autos machen stutzig: Ausgerechnet sie verharren in Ruhe. Was hat der Mensch damit zu schaffen? Ist er auf der Flucht oder ist er joggend unterwegs? Ist er überhaupt die Hauptfigur im Bild? Wenn sich der Blick auf dem Blatt sichtend und suchend ausgetobt hat, kommen Menschen und Gegenstände zaghaft zum Vorschein. In der transparenten Taufkapelle – es handelt sich dabei um das Baptisterium von Parma – singt wohl ein Frauenchor, ein Weihnachtsbaum lässt kurz Besinnlichkeit aufkommen – wenn da nicht der Läufer wäre. Ob er das Geschenkpaket im benachbarten, ebenfalls transparenten Sakralbau im Visier hat? Es mag auch sein, dass dieser nur eine simultane Doppelvision der Taufkirche ist. Fragen über Fragen. Eine Antwort könnte sein: Es ist völlig gleichgültig, was konkret dargestellt wird. Vielmehr geht es um den Moment, den der Titel insinuiert – was dann abläuft, ist Sache des Betrachters, dessen Blicke übers Papier jagen, von den Zeichenstiften des Künstlers getrieben wie der Läufer. Vielleicht ist es doch der Beginn eines Witzes…

Volker Lehnert ist ein Meister des Capriccio. Einen kleinen Einfall zelebriert er mal in großem Stil, mal verhalten am Rande. In »Landschaft mit Rest von Umarmung« baut er eine kolossale Kulisse auf, um vergebens vom Thema am unteren Bildrand abzulenken. Auf abschüssigem Gelände leuchtet die bewaldete, felsenübersäte Natur, dass es eine Pracht ist – dass sie undurchdringlich ist, scheint das Paar unten nicht zu interessieren, immerhin wähnen sie sich auf einer Lichtung frei genug einander näher zu kommen; auch läuft der Betrachterblick förmlich auf gegen eine flammende Dschungelvegetation. Voyeuristisch folgen wir sodann der aparten Szenerie und werden Zeugen einer Umarmung. Die vage Beschreibung macht stutzig: Haben wir einen intimen Akt verpasst, oder kam es noch gar nicht dazu? Oder haben wir als Betrachter das Protagonistenpaar aufgescheucht und damit eine Idylle zerstört? Umarmungen gibt es für gewöhnlich bei innigen Willkommens- oder Verabschiedungsgesten. So ergibt sich eine weitere Fragerunde: Von wo kamen die Leute, oder wohin werden sie gehen? Wieder hätte Volker Lehnert mit solchen Fragen gerechnet, denn er hat – jenseits des Waldstreifens – eine Treppe platziert: am oberen Bildrand führt sie aus dem Bild hinaus beziehungsweise ins Bild hinein. Sie wäre also auch als Fluchttreppe zu deuten. Immer wieder bietet der Künstler Erzählmomente, Handlungsstränge, die der Betrachter aufgreifen kann oder auch nicht.

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Der Wald hat es ihm da angetan. Hier lässt Lehnert alles Mögliche und Unmögliche sich tummeln. Das alles im Einzelnen zu beschreiben, wäre aus Zeitgründen verhängnisvoll. (Der Fußball ruft.) Andeutungen müssen genügen. An dieser Stelle will ich auch betonen, was eh schon deutlich geworden ist: Volker Lehnert ist in allen Gattungen, die er bedient – seien es Malerei, Grafik oder Zeichnung – ein Vollblutzeichner. Hier steht ihm ein immenser Reichtum an gestalterischen Möglichkeiten zur Verfügung: von Öl- und Aquarellfarbe über Blei- und Buntstifte, Kugelschreiber bis hin zum Einsatz von Beize und eincollagierter Papierschnipsel. So breitet er in seiner Kunst eine bunte Palette aus, die deutlich signalisiert, dass es hier nicht um Naturwiedergabe, sondern um die Erschaffung einer eigenen Kunstwelt geht. Steine, Bäume und Lichtungen sind noch die natürlichsten Ingredienzien der Waldstücke. Wundern müssen wir uns aber über die Waldgänger, Cowboys, Soldaten, Zaungäste und einfachen Wandersleut, den Bildtiteln nach auch »Verfolger« oder »Kundschafter im Gestrüpp«. die den Wald bevölkern – wo doch die Tierwelt zu Hause sein sollte. Außer einzelnen Hunden sind es wenige Tiere: und wenn, sind sie der Karikatur oder dem Cartoon verpflichtet: Mickey-Mouse-artige Ohrenwesen, zeichnerisch reduzierte Riesenameisen, Leoparden – immerhin! Als Hinterlassenschaften der menschlichen Natur entdeckt der Betrachter Zelte und Blockhütten, aber auch – wie erwähnt – Treppen, die ins Nichts führen, zuweilen liegt auch eine kaputte Raddeichsel im Gebüsch. Den Comic-Charakter unterstreichen insbesondere auch die leeren Sprechblasen. Um die erinnerten Trugbilder, realen Fragmente archaischer und kulturhistorischer Spuren sowie die Klischees aus der Werbung, dem Film oder anderen Fiktionen herum entfaltet sich jedoch die pure Malerei, die die angedeuteten Signaturen überlagert und verwischt, als wäre gerade ein ›argwöhnisch‹ beobachteter Prozess des Vergessens im Gange.

Durch das teilweise grelle Kolorit der Naturstücke und die so gewitzten wie witzigen Darstellungen sieht man leicht darüber hinweg, dass Volker Lehnert ein ernstes, zivilisationskritisches Anliegen hat. Die Natur ist fremdbestimmt und der Mensch irrt seins- und herkunftsvergessen durch eine unheile Welt. Er stellt das weltanschauliche Machbarkeitsdenken und den Glauben an Kontinuitäten in Frage. Zugleich propagiert er die Macht der Fantasie, die er auf den Betrachter seiner verwilderten Bildwelten überträgt, und er schafft mit großem bildnerischem Atem Räume für Erzählungen, ohne einem konservativem Pathos zu verfallen. Im Gegenteil, Lehnert hat offenbar größtes Vergnügen, jegliche Großmannssucht ironisch zu unterwandern. »Der Argwohn ist ein Schalk«, heißt ein Sprichwort. Der sitzt dem weltoffenen und lebensbejahenden Künstler Volker Lehnert im Nacken. Als Tribut an die Postmoderne relativiert sich so der mit existenzialistischem Nachdruck formulierte Ernst der Lage am Ende und öffnet sich der Lust an der Bildschöpfung. Lassen wir den Argwohn zur Seite und gehen zum gemütlichen Teil der Sommerausstellung über. Womöglich rennt der nun vielfach erwähnte Läufer ja wirklich nicht um sein Leben, sondern doch in Gedanken nur einem Fußball hinterher. Für heute will ich es mal glauben. Denn mit Wilhelm Busch weiß wohl auch Lehnert, dass zu viel Argwohn den Blick auf das Schöne, Lebenswerte verstellt. Bei Busch liest man nämlich: »Wer durch des Argwohns Brille schaut, sieht Raupen selbst im Sauerkraut«. (…)