Ausstellungsbesprechungen, Meldungen zum Kunstgeschehen

Aus der Eröffnungsrede: Wolfgang Neumann. Hello, Goodbye. Städtische Galerie Filderstadt, bis 21. März 2010

(…) Soviel ist ganz und gar – nicht – sicher: Wolfgang Neumann ist es ernst mit dem Unernst. (… So) liest man in einer Selbstdarstellung des Künstlers, der sich im World Wide Web-Verkehr kryptopoppig als ›Drahthank‹ oder ›Hoehlenmaler‹ bezeichnet, irritierend lapidar: »studiert, gefoltert und gevierteilt (…) dennoch lebend und arbeitend«. Hello, Goodbye! Machen wir uns, kurzum, darauf gefasst, dass wir ein Fass mit doppeltem Boden aufmachen, wenn wir etwas tiefer in seine Malerei hineinblicken.

Glauben Sie nicht, dass wir immer über den Bildtitel zum Kern einer Aussage kommen: Wortspiele sind bei Neumann Programm, und wie er uns die Titel wie Stichworte zuruft, setzt er im Bild selbst Wegmarken für überbordend phantasievolle Geschichten, die wir selbst zusammenstellen müssen. Klar, dass dabei so viele Storys entstehen, wie es Betrachter gibt. Auch das ist gewollt und macht schließlich das Vergnügen aus – der figurative Ansatz seiner Arbeiten verlockt uns, das Bild sofort zu entziffern, doch mit schelmischer Freude dürfte Neumann uns hier und da auf eine falsche Fährte führen. Es ist halt wie im richtigen Leben: Je mehr uns die Medien mit Informationen versorgen, je mehr wir auch Zeit haben, uns in alles Mögliche zu vertiefen, desto eher kommen wir dorthin, wo der Gute alte Sokrates schon vor zweieinhalbtausend Jahren war: Eigentlich verstehen wir das alles doch überhaupt nicht. Aber dies müssen wir erst einmal wissen, was ja auch eine Erkenntnis ist, wenn nicht die Erkenntnis im Leben.

(…) In meinen Ausführungen will ich zwei Namen ins Spiel bringen, die direkt oder indirekt im Werk von Wolfgang Neumann eine Rolle spielen, und welche die Bandbreite ahnen lassen, woher er seine Themen und Bildmotive bezieht: Franz Kafka und Bob Dylan, die zunächst nicht mehr gemeinsam haben, als dass sie keinen Literaturnobelpreis haben: für den einen kommt jede Hoffnung zu spät, für den anderen wird es wohl eine (wenn auch immer noch berechtigte) Hoffnung bleiben. Bevor ich mich mit diesen zwei heimlichen Protagonisten im Werk von Wolfgang Neumann befasse, will ich Ihnen das Tableau eines grotesken Krimis aufzeigen, der den geheimnisvollen Titel »PPFF« trägt, oder auch prosaischer im Untertitel: »Pole Position Füße unterm Tisch, Feuer unterm Dach« – so heißt ein Bild Neumanns von 2009, das Sie hier auch ausgestellt sehen.

Die Szenerie ist unaufgeräumt, Scheiben sind zu Bruch gegangen. Die Polizei steht im Vordergrund mit aufgesetzter Kapuze und dem Rücken zum Betrachter, zumindest will uns das die Jackenaufschrift P-O-L nahelegen, obwohl der Rest des Wortes fehlt. Oder ist das alles schon ein Irrtum? Von der Buchstabenfolge und dem verfügbaren Raum auf dem Rücken her würde das »Pole« aus dem Titel auch passen. In der Tat steht der Polizist in der ersten Reihe, aber was nützt ihm das? Was sich ihm bietet, ist ein Tollhaus, nicht ohne Brisanz: Etwas entrückt in einem orphischen Nirgendwo kauert hinten ein mutmaßlicher Islamist, fingert mit der einen Hand mit Dynamit, die andere Hand macht ein Victory-Zeichen, im Bildzentrum taucht schattenhaft die Skyline von New York auf. Klar, da haben die üblichen Verdächtigen zugeschlagen. Was machen aber dann die körperlosen Köpfe, die durch die anderen drei Fensterrahmungen zu segeln scheinen – einer als Fledermaus, einer als Putto, dazwischen womöglich der Heilige Geist höchstselbst. Auf jeden Fall gibt es ein blutsaugendes bzw. scheinheiliges Aufgebot, dabei schauen wir aus unserer Vogelperspektive gar nicht in einen Kirchenraum – der gotisch anmutenden Fenster wegen – sondern in ein Pissoir. Ein nicht lesbares Blatt mit amtlichem Stempel weht durch das Fenster herein, was den Blick auf einen süffisant lächelnden Mann (ich weiß nicht, warum ich an einen Banker denke) mit Krücken lenkt. Vielleicht liegt der eigentliche Fall hier begraben. Immerhin trägt der Herr Clownshosen, die nicht zum Jackett passen wollen. Den Rest vom Maskenkostüm entdecken wir unterhalb des Urinierbeckens. (Oben vor dem Galerieeingang ist die Maske auch zu sehen in einer kleineren Arbeit, als Maskierung eines Gangsters.) Über dem Becken – oder gilt es der Maske? – hängt eine Sprechblase, die auf die Schnelle ein »AU« lesen und bei genauem Hingucken ein »AUch« erkennen lässt. Bevor uns der Kopf zu kreisen beginnt, will ich Ihr Augenmerk noch auf den Springteufel am unteren Bildrand lenken: Am Ende der aus der Schachtel hüpfenden Feder wippt kein Kasper, sondern eine Pistole. Hat uns der Maler da eine Räuberpistole aufgetischt? Alles ein regelrechtes Hirngespinst? Will da nur einer auf die Toilette, dem wilde Gedanken durch den Kopf gehen? – aufgewühlt vielleicht von einer Streiterei: von wegen »Füße unterm Tisch« haben oder »Feuer unterm Dach« machen, wie es uns doch der Titel einflüstern will.

Die ironische Wendung liegt auf der Hand, die Selbstironie lässt grüßen. Wir alle konsumieren unablässig, die Medien hauen uns die good news und mehr noch die bad news nur so um die Ohren, dass uns Sehen und Hören vergeht. Ein Attentat zwischen Tür und Angel, Katastrophenmeldung und Klogang dicht beieinander. Doch damit nicht genug: Im Zeitalter des Googelns kann man beliebig draufsatteln. Nur am Rande will ich noch erwähnen, dass selbst das Titelkürzel vor seiner noch so abstrusen Auflösung nicht Halt macht (was möglicherweise auch den Künstler überraschen wird): es gibt, ganz im Ernst, für das PPFF offizielle Lesarten wie »Plutonium Pit Fabrication Facility«, »Pan Pacific Film Festival« oder »Pennsylvania Parks and Forests Foundation« usw. Wer erhält die Pole Position? Heißt das: Leute, seht, was ihr wollt, es ist nur Farbe auf Leinwand? Wolfgang Neumann fügt Bildfetzen zu einem Ganzen zusammen, auch wenn sie nur zufällig aneinander geraten sind. Er seziert die schöne neue Welt, indem er sie zitiert und persifliert. Und doch behaupte ich, dass er einer bildaphoristischen Philosophie folgt.

Die Motiv-Collage hat Methode. Egal, wo wir hinschauen, gibt uns Wolfgang Neumann mehr oder weniger konkret assoziierbare Bilder und Namen zum Enträtseln auf. Das bringt mich auf Bob Dylan, der über den Dramatiker aus dem 16. Jahrhundert sagte: »Das einzige, was wir von Henry Porter gesichert wissen, ist, dass sein Name nicht Henry Porter war.« „Sicherheit ist nirgends“, so steht es bei einem anderen Dramatiker, Arthur Schnitzler. Die Gemälde und Zeichnungen von Wolfgang Neumann erzählen Geschichten, arbeiten mit Déjà-vus genauso wie mit Versatzstücken aus Zeitschriften; Erfundenes mischt sich mit Gesehenem zu einem unerschöpflichen Fundus an dem, was die Welt ausmacht. Es stellt unzählige Fragen in den Raum, deren Beantwortung uns nur neue Fragen aufgibt. In der Literatur würde man da von einer aphoristischen Dichte sprechen: Viele kleine Facetten ergeben irgendwann auch ein Gedankengebäude.

In einem anderen Bild sitzt eine vierköpfige Gruppe am Café-Tisch, drei davon sind durch Übermalung anonymisiert. Verweist das aus dem Bild hinausgeschriebene Wort »Hell«, dass das eine Art Vorzimmer ins Jenseits ist? Auf einem anderen Werk ist dem Protagonisten eine tropftraurige Maske vom Gesicht gerutscht, während sich ein wesenloser Mensch an einem, vielleicht seinem, Wohnwagen zu schaffen macht. Die Flut von Bildfragmenten ist niederschmetternd. Ein schräger Förster wütet mit einer Flex durch sein Revier – dem Vernehmen nach handelt es sich um die Ranch eines früheren amerikanischen Präsidenten. Eine dämonische »Hatz« lässt einen woanders das Schmunzeln vergehen. Aber dem Realismus durch höhere Mächte zu entfliehen, nützt auch nicht: In dubiosen Wahrsagerbildern – oder sind es Politikerdarsteller? – entpuppt sich das Hellsehen als Mix aus Prognose und Prostata. Die Welt ist, wie sie ist.

Weiter will ich hier nicht ausschweifen und vielmehr zu Bob Dylan zurückkommen. Ich habe es versprochen. In zwei Arbeiten nimmt Neumann bewusst Bezug auf den grandiosen Songwriter: »Shooting Star (Me)« und »Shooting Star (You)«. Wieder versammelt er synchron und diachron, querbeet also, allerhand Bild- und Wortfragmente vor unseren Augen. Doch allein der Titel gibt uns den Hinweis auf ein Lied Dylans. Es wirft ein Licht auf das gesamte Neumannsche Werk. »Seen a shooting star tonight / And I thought of you«, so heißt es in der ersten Strophe, in der zweiten: »And I thought of me« – soweit deckt sich das mit den Zuordnungen im Titel des Bildpaares. Mit einem Hauch von Melancholie singt Dylan von den letzten Dingen, vom Versuch, in eine andere, unbekannte Welt auszubrechen, von der Sorge, sich selbst zu verlieren. Die Sternschnuppe leuchtet nur kurz auf und entschwindet, wie auch so manches Sternchen unter den Menschen: »Seen a shooting star tonight / Slip Away«, ist das Ende vom Lied, wenn auch noch die Zeile im Ohr klingt: »Tomorrow will be another day« – nein, hoffnungsfroh ist das wohl auch nicht gemeint. Neumanns Allerwelts-Heldinnen und Helden sehen nicht so aus, als würden sie leichthin das Leben meistern. In einschlägigen Arbeiten von Wolfgang Neumann geht es aber den VIPs – von Superman bis Barack Obama nicht anders. Heinrich Detering hat in seiner einfühlsamen Werkgeschichte über Bob Dylan dessen »Ambivalenz von Identitätspathos und Rollenspiel« hervorgehoben. Das ist es: Neumanns Protagonisten schließen sich da nahtlos an. Auffallend sind die häufigen Maskierungen und Vermummungen. Die Show ist gelaufen, but the show must go on.

Unterstrichen wird dies noch im kafkaesken Sinn: In dem Gemälde »Ein Landarzt« setzt Neumann sich mit der gleichnamigen Erzählung von Franz Kafka auseinander. Eine Illustration können wir nicht erwarten. Aber die Vielschichtigkeit und das innere Tempo, die die Texte Kafkas auszeichnen, finden wir hier wieder: das vorprogrammierte Scheitern des Auftrags, einen Menschen zu retten, märchenhaft- gruselige Motive wie das geheimnisvolle Auffinden des »unirdischen« Pferdes, das Grübeln über die eigene, wenn auch unbenennbare Schuld und nicht zuletzt die versteckte Ironie. »Betrogen! Betrogen!« heißt es am Ende von Kafkas »Landarzt« vollmundig – ein Augenzwinkern ist dabei. Und dann folgt einer der beeindruckendsten Sätze der deutschsprachigen Literatur: »Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals gutzumachen«. Der Mensch befindet sich konstant auf dem Holzweg, wenn es einer ist. Diesen aber gangbar zu machen, tritt Wolfgang Neumann in seinen Bildern an.

Wolfgang Neumann vermittelt souverän zwischen Ulk und Alptraum, zwischen modischen und kafkaesken Welten. Mit seinem Bild- und dem in den Titeln sich zeigenden Sprachwitz unterhält er uns auf hohem Niveau gleichermaßen wie auf der Sitcom-Ebene, und er vermag zugleich in der surrealen Überblendung von Raum und Zeit, Fiktion und Realität eine Zwischen- oder Parallelwelt zu schaffen, die er mit der Dreistigkeit eines Harlekins oder dem Orakel eines Desillusionisten als die eigene begrüßt und die er mit dem gesunden Menschenverstand als künstlerische, sprich künstliche Welt verabschiedet. Seht her: Bei uns geht es doch gar nicht so heiß her (…).