Ausstellungsbesprechungen

Aus der Rede zur Finissage: Künstlergruppe »Neue Meister« e.V., Galerie Contact Böblingen am 24. Februar 2013

Der Realismus in der Malerei fristet seit Jahrzehnten ein Schattendasein in der Kunstszene. Ziel der Neuen Meister ist es, realistischer Malerei ein Forum zu bieten. Was die Künstler Roland Heyder, Michael Krähmer, Joachim Lehrer, Ines Scheppach und Siegfried Zademack genau erzählen wollen, schildert Ihnen Günter Baumann in einer Rede zur Finissage ihrer Ausstellung, die wir hier in Auszügen abdrucken.

(…) »Jeden anderen Meister«, so dichtet Friedrich Schiller in den sogenannten Votivtafeln, »erkennt man an dem, was er ausspricht, / Was er weise verschweigt, zeigt mir den Meister des Stils.« Flaniert man an den Bildern dieser Ausstellung vorbei, tun sich immer wieder Fragen auf, besser gesagt: Sie laden dazu ein, sich über inhaltliche Details zu wundern, wobei man sich ertappt fühlt, dem realistischen Stil aufgesessen zu sein. Akkurat ist alles erfasst, jeden Gegenstand glaubt man zum Greifen nah. Doch vieles ist so nicht gesehen, gibt es nicht. Dennoch nehmen wir es hin, vermutlich weil es wie echt gemalt erscheint. Da sich aber auch ganze Szenerien, Anekdoten, historische Bezüge aufdrängen, wird es freilich schnell klar, dass hier mehr drinsteckt als technische Raffinesse.

Wer angesichts der offenkundig verschwiegenen, gleichwohl angedeuteten Hintergründe nicht hinterfragen möchte, hat schnell den Kitschverdacht parat: Engel und Geister, der Tod und das Mädchen usw. (…). Friedrich Hölderlin prägte einmal den antithetischen Begriff »heilignüchtern«, er kommt mir hier in den Sinn. Die vier Künstler und die Künstlerin, die hier ausstellen, gehen von der Prämisse einer realistischen Beobachtung aus, schauen aber darüber hinaus. Sie bekennen sich zum Realismus, betreiben ihn aber mit einer großen Imaginationskraft. Das macht den unglaublichen Reiz der Malergruppe aus. Bevor ich aber zum eigentlichen Gruppenbild mit Dame komme, will ich die NEUEN MEISTER zunächst im Kontext platzieren. Dabei geht es mir nicht darum, Sie mit Namen zu überfrachten, sondern einen Hintergrund vor Ihnen zu entfalten, vor dem Sie selbst Ihrer Phantasie beim Betrachten der Kunstwerke freien Lauf lassen können.

(…) Wir wissen natürlich, worauf das hier hinausläuft, es geht um den altmeisterlichen Stil, den die Künstler der Gruppe pflegen. Wohlweislich sind ihre Arbeiten, dessen ungeachtet, weder mit mittelalterlichen Malern oder Künstlern der Renaissance oder des Barock zu vergleichen. Übrigens auch nicht mit den sogenannten Realisten, wie man sie seit dem 17. Jahrhundert in den Niederlanden, spätestens im 19. Jahrhundert in Frankreich und in Deutschland – hier als Gegenbewegung zur Romantik – beobachten kann (…): Die Malerei der NEUEN MEISTER ist nicht anachronistisch, sie ist aus ihrer Zeit heraus gegründet worden als eine Gesinnungsgemeinschaft, die man heute allerdings anders wahrnehmen muss als vor zehn Jahren. Wenn ihre Mitglieder ihrer Malweise treu geblieben sind, dann spricht genau das für ihre Aktualität. (…)

Als sich die Gruppe 1999 – nebenbei bemerkt in Böblingen, während einer Ausstellung im Landratsamt mit dem bezeichnenden Titel »Augenschmaus« – zusammenfand, ging es darum, gegen den Kunstmarkt das Bewusstsein für ältere Techniken zu schärfen, gemeinsam und damit gestärkt gegen den allgegenwärtigen Trend abstrakter und konzeptioneller Positionen anzutreten und den Realismus zu neuem Ansehen zu bringen. Ein solcher Impuls war kein Sonderfall: In den 1970er Jahren gründete sich etwa die Gruppe »Die Realisten« – kurioserweise auch bestehend aus fünf Malern und einer Malerin um Klaus Langkafel –, die bevorzugt realistische Stillleben herstellen. Sie wehrten sich damit gegen die vorherrschende Abstraktion und erkannten: in der Gruppe ging das besser und wirkungsvoller. Im Jahr 2000 formierten sich die NEUEN MEISTER als Verein, der als solcher allerdings zwischenzeitlich wieder aufgelöst wurde (…).

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(…) Spätestens seit dem Siegeszug der neuen Leipziger Schule – mit Neo Rauch & Co. – muss sich die figurative, realistische Malerei nicht mehr rechtfertigen. Oder anders gesagt, jetzt wird es wichtig, sich unter Gleichgesinnten zu profilieren (…). Unter Anspielungen, zuweilen zitatenreich, aber auch ganz eigenständig lassen sich alle möglichen Positionen ausmachen: einen fotografischen, hyperrealistischen, magischen, phantastischen, kritischen, postsozialistischen und Sur-Realismus. Alle diese Stile sind untereinander offen – ich will mal sagen: Es dürfte unendlich viele Schattierungen realistischer Positionen geben. Sie werden sich nicht wundern, wenn ich den phantastischen Realismus rausgreife. Der Begriff verbindet sich mit der Wiener Schule um Arik Brauer, Ernst Fuchs und Rudolf Hausner, doch lässt er sich nicht auf einen zeitlich fixierten Stil reduzieren. Sehen Sie mir nach, dass ich mich hier kurz fasse: Das Phantastische in der Kunst ist ein Thema durch die gesamte Kunstgeschichte, zumindest seit einiger skurriler Buchmalereien aus dem Mittelalter, von wo man schritt- und sprungweise über Bosch und Grünewald, Runge und Redon, de Chirico und Chagall bis hin zu Max Ernst und Paul Klee und weiter bis in die Gegenwart gelangt. Schnell landet man auch bei den NEUEN MEISTERN, wo noch kein Halten ist: Siegfried Zademack etwa ist nicht nur hier Mitglied, sondern auch bei der internationalen, über 30köpfigen Künstlervereinigung »Libellule«, deren Name die thematischen Grenzmarken vom greifbaren zum unbegreiflichen Realismus kennzeichnet – das Wort bedeutet sowohl Libelle wie auch Meerjungfrau. Das Phantastische umfasst das Wunderbare genauso wie das Grauenhafte und Groteske, es aktualisiert vor unseren Augen das vergangene Imaginäre. (…)

(…) Das Werk von Ines Scheppach fällt in der Technik aus dem Rahmen, arbeitet sie doch mit Blei- und Farbstift sowie Ölpastell, gelegentlich auch mit dem Kohlestift: So müssen wir sie als Zeichnerin einstufen, auch wenn die malerische Qualität überwältigend ist – auch die Bandbreite: Mit ihren Stiften entführt sie den Betrachter in märchenhafte Szenerien, in denen Menschen ihrem Staunen vor der Welt Ausdruck verleihen: als steinerne Götter, halbmenschliche Heroen, emotionalisierte Typen bis hin zu wirklichen Menschen, die unsere Nachbarn sein könnten. Das raffiniert arrangierte Personal hält den Zauber in einer Schwebe zwischen Phantasmagorie, Allegorie und Interieur bzw. realem Natureindruck. Nie kann man jedoch sicher sein, in welchem der potentiellen Räume sich die Figuren aufhalten. Verschließen die sich im Kreis drehenden, ihre Blöße nur von einem dünnen Tuch umhüllten Personen die Augen vor real einstürzenden Häusern oder sind wir Zeugen einer Bühnenaufführung vor einer Katastrophenkulisse? Schein und Sein gehen ineinander über. Selbst das alte Paar, er Flöte spielend, sie keck durch die zum Kreis geformten Finger blinzelnd, hinterlässt Fragen. »Sehen und Hören« heißt das Blatt: So realistisch es gezeichnet ist, es kann auch als Symbolbild durchgehen, eine Allegorie der Sinne. Oder deutet das Alter der beiden an, dass ihnen – der Wortkombination folgend – bald Hören und Sehen vergehen wird? Plötzlich erhält eine Szene einen ernsten Hintergrund, der auf den ersten Blick heiter wirkte. Auch die sogenannten »Ritterspiele« mit ihren witzigen Blechkameraden ergeben möglicherweise ein Bild der Vergänglichkeit. Die Pastellbilder von Ines Scheppach sind eine melancholische Hommage an den Menschen als staunendes Wesen und das Faszinosum der Menschwerdung, doch lässt sie keinen Zweifel an der Bedrohung der Menschlichkeit – durch die Brüchigkeit des erträumten Idylls und die Zerstörungskraft der eigenen Spezies.

Siegfried Zademack ist der am deutlichsten den alten Meistern verpflichtet. Seine brillante Technik ist ausdrücklich an Renaissancekünstlern geschult. Allerdings darf man den zuweilen anarchischen Affront gegen die traditionelle Bildwelt nicht übersehen angesichts der Detailgenauigkeit. Zum einen scheint es so, als habe Zademack einen dalí-artigen Furor über die Anmut eines Van-Eyck-Gemäldes des 15. Jahrhunderts gejagt. Mit Leidenschaft malt der Extrem-Phantast unter den NEUEN MEISTERN Engel. Vielleicht ist er überhaupt neben Ernst Fuchs der einzige ernstzunehmende Maler, der noch Engel malen kann. Doch die hinreißend schön proportionierten Engel – hier bin ich beispielsweise bei den wohlgeformten Modellen, deren Realität man gern hinnimmt – konterkarieren das Image der Boten Gottes. Ihre Flügel sind überdimensionierte, allenfalls angeklebte Federn, zum Fliegen wohl untauglich; in Begleitung des Todes künden sie eher von der Vergänglichkeit ihrer eigenen Schönheit; sie sind zudem mutmaßliche Verwandte geheimnisvoll verhüllter Figuren, deren Wege in die Irre, ins Nichts, gegen Barrieren oder sonstwohin führen; gelegentlich zeigt Zademack seine Engel auch mal schamlos doppel- statt ungeschlechtlich (…).

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Mit einer fast schon blasphemischen Kühnheit, die die klassische Orientierung des Künstlers in anderem Licht erscheinen lässt, zitiert Zademack den Christus von Velazquez, der – statt als Gekreuzigter sich der Menschheit zu opfern – mit erhobenen Armen auf einem Seil balanciert. Das traditionelle Bild wird darüber hinaus torpediert durch eindeutig moderne Symbole wie das Gewehr, das gleich zweifach jeglicher Ewigkeits-Perspektive eine Abfuhr erteilt: »Am Ende der zukünftigen Vergangenheit« und »Zimmer ohne Aussicht« heißen die entsprechenden Bilder. Andere Metaphern, allen voran das eisenschwere Gewicht, das den Flügelfedern gegenübersteht, auch gestrandete Schiffe oder marmorne Götterhäupter, die sich menschlicher Regungen befleißigen, machen deutlich, dass es ihm – wie auch Ines Scheppach – um den Menschen an sich geht und um seine Stellung im Gefüge kosmischer Gesetze. Dabei setzt Siegfried Zademack vor allem die Gesetze der Schwerkraft und damit die gesicherte Platzierung in der Welt außer Kraft.

(…) Die Freude an den phantasiestrotzenden Bildern einer Ausstellung beflügelt die Wahrnehmung. Joachim Lehrer geht es auch um den Menschen. Soweit können wir das Thema als symptomatisch ansehen. Wie sollte es auch anders sein, erwächst doch die Phantasie allein dem menschlichen Geist. Wenn ich allerdings davon gesprochen habe, dass das Modell dabei keine entscheidende Rolle spielt, lässt sich das hier bestens nachvollziehen: Auf den Arbeiten Lehrers sind gar keine Menschen zu sehen – mit Ausnahme seines eigenen Konterfeis, das uns auf einem der Bilder neugierig entgegenblickt, in klassischer Trompe-l'œil-Manier, das heißt als Augentäuschung. »Die Welt – ein Staunen«, so heißt das Bild. Alle NEUEN MEISTER – wie übrigens auch die alten – können sich den Spaß kaum verkneifen zu zeigen: Seht meine Meisterschaft, ich mache, dass ihr Dinge seht, die es nicht gibt. Das ist legitim, und es steckt an: Auch das ist ein Grund, warum wir diese Ausstellung so wunderbar genießen können. Zurück zu Joachim Lehrer. Er braucht keine Menschen, um deren Befindlichkeiten, Sehnsüchte, Emotionen auszudrücken. Ihm reichen Autos, Züge, Flugzeuge, bevorzugt vom Schrottplatz – und ein gewitztes Naturell. Die Arbeiten heißen denn auch »Schreibt sie? – Ruft sie an?«, »Der Traumtänzer« oder »Das Rendezvous«.

Auch Michael Krähmer kommt ohne die menschliche Figur aus, keineswegs ohne den menschlichen Geist. Seine magischen Landschaften – so nennt er seine Schöpfungen selbst – sind Sehnsuchtsräume. Wenn ich bei der winterlichen Witterung aus dem Fenster blicke, ertappe ich mich dabei zu denken: Dort wäre ich jetzt gern, würde auch nicht daran zweifeln wollen, dass es solche Orte gibt. Aber leider muss ich Sie und mich enttäuschen: Es gibt sie nicht, diese Landschaften. Wenn Ines Scheppach kosmische Bezüge durch symbolische, mythologische und theatralische Szenerien darstellt, so schafft Michael Krähmer dies durch die unendlichen Weiten der Meere und Flüsse, Wolken und Horizonte, oft auch regelwidrig – das heißt gegen die Wahrnehmungsrealität – durch ausdrücklich so betitelte »Zeitfenster«, die uns bildlich, jedoch immer glaub-würdig, auf Dimensionen hinweisen, die salopp gesagt gegen die Natur sind. Außerdem zeigt uns die Vogelperspektive, dass wir als Betrachter bedauerlicherweise nicht zugleich als Strandurlauber teilhaben. Es ist eine Schöpferperspektive, die sich der Künstler anmaßen darf – immerhin sitzt er am längeren Pinsel, auch wenn dessen Spuren auf Krähmers Bildern nicht mehr zu erkennen sind. Oder es ist die vom Künstler bestimmte Perspektive des menschlichen Geistes, der sein Inneres nach außen kehrt. Da haben wir ihn also wieder, den Menschen als Thema.

Ich komme zum fünften (…) Künstler der Runde. (...) Roland Heyder hat sich immerhin einen Traum wahrgemacht und lebt heute auf Teneriffa. Der Autodidakt scheint der Wandervogel unter den NEUEN MEISTERN zu sein: Studienaufenthalte in Südostasien, Südafrika oder Kalifornien stehen auf seinem Portfolio. Ohne unrechtmäßig Verbindungen zu ziehen, behaupte ich, dass Heyder in seinem Werk im besten Sinne des Wortes und souverän zwischen Illusion und Realität, zwischen Traum und Klarsicht vagabundiert, das heißt, frei agiert. So nimmt er etwa den Durchbruch des Winters ganz wörtlich und lässt die Schneedecke als Laken ins Zimmer fließen. Oder nehmen wir das Gemälde »Das Castell«: Eine freizügig bekleidete junge Frau (…) beobachtet anscheinend heimlich eine denkbar skurrile Szene. Ein Kutter zuckelt vor einem dramatischen Wolkenhimmel über eine ruhige See, am Heck sind Strippen festgemacht, die sich als Schnüre riesiger Luftballons erweisen, von denen einer eine blutende Wunde zeigt von einem noch steckenden Messer. Doch damit nicht genug: die Ballons sind nach oben hin von einem begrünten Abhang überwachsen, aus dem eine Aussichtsplattform und ein Felsmassiv hervorgehen, Wasserfälle stürzen abwärts. Roland Heyder spricht in Rätseln, gibt seinen collageartigen Phantasiestücken einen hyperrealistischen Anstrich. Ich werde mich hüten, dieses irreal-wirkliche Motiv zu deuten: Wie weit in der Anlage Sex and Crime verborgen sind, wie man das nur ahnbare Kastell betrachten kann, sei dem einzelnen Betrachter überlassen.

(…) Die Erkenntnis, dass wir am Ende nicht mehr wissen als zu Beginn, dass aber jeder Betrachter angehalten ist, seinen eigenen Reim auf die hier ausgestellten Werke zu machen, ist einerseits gering und andrerseits großartig genug. Die Bilder der NEUEN MEISTER schaffen eine Realität, die bestechend, aber phantastisch ist. In erster Linie entsteht sie im Kopf des Künstlers und ein zweites Mal im Kopf des Betrachters. Es fällt eine poetische Faktizität auf, sprich: die Weltentwürfe sind so unglaublich wie denkbar. Dass die Künstler der Gruppe uns hier zu lenken verstehen, bringt mich dazu, diesen Stil über die gängigen Formulierungen hinaus als suggestiven Realismus zu bezeichnen, der in der Tragweite eine Lebenswelt entwirft, die zwischen der der Phantasiestücke eines E.T.A. Hoffmann und der glaskaren Räumlichkeit eines Franz Kafkas anzusiedeln ist. Romantik und Neue Sachlichkeit in einem. Mag die Technik der Arbeiten altmeisterlich sein, ihr Gehalt ist der Zeit ihrer Entstehung verpflichtet, in der selbst die mittlerweile digitalen Traumfabriken zur frappierenden Simulation oder gar puren Realität geworden sind.

Weitere Informationen

Die Gruppe wird vorraussichtlich im Oktober 2013 im Phantasten-Museum-Wien ausstellen.
Weitere Informationen gibt es hier.