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Ausschreibung für Teilnahme an IFK Sommerakademie vom 22. bis 28. August 2010 in Maria Taferl: Kulturen der Wahrnehmung - Bewerbung ist noch bis 15. März 2010 möglich

Das IFK bietet NachwuchswissenschafterInnen die Möglichkeit, den "Kulturen der Wahrnehmung" auf den Grund zu gehen; den komplexen Phänomenen zwischen Wahrgenommenem und Nicht-Wahrgenommenem und deren VermittlerInnen. Die Bewerbungsfrist zur Teilnahme endet am 15. März 2010 (Poststempel).

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Zum Rahmenthema: "Kulturen der Wahrnehmung"

"Da unsere Wahrnehmung nicht blindlings registriert, sondern immer etwas als etwas meint, kondensiert sich die Fülle des aktuell Gegebenen als Kernbereich, anvisiert von einer bestimmten Perspektive und eingehüllt in Horizonte. Der Horizont ist es, der im Forschen des Blicks die Identität des Gegenstandes gewährleistet. Der Horizont ist es, der zwischen Wahrgenommenen und Nicht-Wahrgenommenen vermittelt. So konstituiert sich ein Wahrnehmungsfeld, in dem alles da ist. Doch so, dass eines hervortritt, anderes fernrückt, je nach Blickpunkt, der teils durch unser Interesse, teils durch unser Hier- und Jetztsein bestimmt ist". So hat vom Gesichtspunkt der Neuen Phänomenologie Bernhard Waldenfels das komplexe Phänomen der Wahrnehmung umrissen. Diese Definition ist umfassender, weicher und sicherlich kunstnäher als die Art der Wahrnehmung, von der die mit Apparaturen operierenden modernen Wissenschaften ausgehen. Die Sommerakademie will aus dem großen Spektrum dieses Problemfeldes, das gegenwärtig von der Neurophysiologie bis zur Linguistik erforscht wird, einige kulturwissenschaftliche Aspekte herauslösen. In fünf Sektionen sollen folgende Themen behandelt werden:

Sektion 1: Sprache und Wahrnehmung (Ludwig Jäger)

Bereits für die Sprachphilosophie an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert verlieren sowohl das Auge als auch die visuell-perzeptive Gegebenheit der Dinge ihre Unschuld: Die "Mythen vom unschuldigen Auge und vom absolut Gegebenen" werden etwa bei Herder und Humboldt sprachphilosophisch als solche "entlarvt". Das Auge beginnt nun "immer schon erfahren seine Arbeit". Es funktioniert nicht mehr "aus eigener Kraft, sondern als pflichtbewusstes Mitglied eines komplexen und kapriziösen Mechanismus", in dem die kategoriellen Leistungen der Sprache eine bedeutende Rolle spielen (Nelson Goodman).
Die Sektion wird sich mit folgenden Problemfeldern befassen: Sprachlichkeit von Wahrnehmen und Erkennen; Bedingungen der Wahrnehmbarkeit von "Zeichendingen"; Sprache im Raum wechselseitiger Wahrnehmung und visueller und akustischer Sprachwahrnehmung. Alle philosophisch/theoretischen Fragen werden nach Möglichkeit im Licht empirischer Befunde erörtert und an Beispielen exemplifiziert und anschaulich gemacht.

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Sektion 2: Wahrnehmung und Syn/Ästhesie (Hania Siebenpfeiffer)

Im Spannungsfeld von Wahrnehmung und Ästhetik stellt diese Sektion ein Grenzphänomen in den Mittelpunkt ihrer Diskussion: die Synästhesie. Synästhesien sind Zwitter, hybride Zustände unkontrollierbarer und der Intention entzogener sinnlicher Vermischungen, in denen die in den Rubriken der Einzelsinne geregelte Wahrnehmung ihren Modus verliert und einer intermodalen Erfahrung Platz macht. Das Neben- bzw. Nacheinander des Tast- und Sehsinns, der akustischen und der olfaktorischen Wahrnehmung fordert seit dem 18. Jahrhundert Kunst und Wissenschaft gleichermaßen heraus. Die Synästhesie weist auf die primäre Leiblichkeit von Perzeptionen ebenso wie auf die Nachträglichkeit ihrer modalisierten Bewusstwerdung hin. Die Sektion wird den Dimensionen des Synästhetischen über die Verschränkung von aktueller Theoriebildung und konkretem historischem Fallbeispiel nachgehen. Den historischen Bezugspunkt bildet das 18. Jahrhundert, in dem synästhetische Phänomene erstmals ins Bewusstsein traten. Den theoretischen Bezugspunkt bildet das aktuelle Interesse an der Koppelung von Wahrnehmung, Ästhetik und Erkenntnis.
Von den Beiträgen dieser Sektion wird erwartet, dass sie beide Perspektiven in eigener Gewichtung akzentuieren, indem sie den Stellenwert der Synästhesie in gegenwärtigen ästhetischen und philosophischen Wahrnehmungstheorien ausloten und dabei die Indienstnahme ästhetischer Konzepte des 18. Jahrhunderts reflektieren.

Sektion 3: Mit den Augen fühlen - mit dem Körper sehen. Wahrnehmungsexperimente in Kunst und technischen Medien (Marie-Luise Angerer)

In seiner Arbeit über die Techniken des Betrachters wies Jonathan Crary auf die Entdeckung des Körpers als Basis der menschlichen Wahrnehmung in den neuesten Kunstströmungen hin. Er bezog sich in seinen Analysen explizit auf die Projekte des dänischen Künstlers Olafur Eliasson. Dieser brachte im Unterschied zu den visuellen Experimenten des 19. Jahrhunderts basale Parameter ins Schwanken und stellte die Unterscheidung von betrachtendem Subjekt und Objekt immer wieder - technisch induziert - in Frage. 2003 hatte Eliasson in der Tate Modern die Arbeit The Weather Project realisiert. Er konzipierte für das Museum eine Sonne, die den gesamten Raum der Tate Modern ausleuchtete und aus dem Ausstellungsraum einen Ort machte, in dem die Besucher sich auf den Boden legten, um die Atmosphäre auf sich wirken zu lassen. Dies scheint kennzeichnend für eine Strömung nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Medien- und Literaturtheorie, Neuer Phänomenologie, Tanz- und Kulturforschung zu sein, die in das komplexe Gewebe von Wahrnehmung - Affekt - Materialität - Kognition - Performanz und Medientechnik einzudringen versucht.
Diese Sektion soll konkrete Wahrnehmungsexperimente aus dem Gebiet der Künste und technischen Medien kommentieren.

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Sektion 4: Wahrnehmung von Subjektivität als Thema und Werkzeug in den Sozialwissenschaften (Elisabeth Timm)

Alle empirisch arbeitenden kultur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen produzieren ihre Daten mit der Aufnahme von Beziehungen und deren subjektiver Wahrnehmung. Selten wird thematisiert, dass die Mehrzahl der Feldforschungen, teilnehmenden Beobachtungen, qualitativen Interviews, Wahrnehmungsspaziergänge, Datenaufnahmen etc. gar nicht auf einer stringenten Methode der einen oder anderen, subjektivistischen oder objektivistischen Schule beruhen, sondern eine Praxis des muddling through sind. Zwischen der Stringenz und Klarheit methodischer Handreichungen und der Praxis empirischer Studien besteht eine außerordentlich große Lücke.
Diese Lücke soll in dieser Sektion als Raum für den Umgang mit subjektiver Wahrnehmung in drei Richtungen befragt werden: Wie kommt es, dass die Reflexion oder Neutralisierung der Wahrnehmung der forschenden Person in der Ethnologie und Soziologie so viel Beachtung erfahren hat? Inwiefern haben in den einzelnen Disziplinen Forschungshaltungen Forschungsmethoden abgelöst? Wo liegen die Schnittflächen und Funktionen, die zwischen subjektiver Wahrnehmung im Forschungsfeld und ihrer Repräsentation im Forschungsergebnis vermitteln? Inwiefern haben neuere Entwicklungen in den Neuro- und Sozialwissenschaften (z. B. Akteur-Netzwerk-Theorie) die Frage nach Subjektivität neu thematisiert?

Sektion 5: Wahrnehmungsschärfe und mechanische Objektivität (Helmut Lethen)

Bald nach Aufkommen des Ideals einer "mechanischen Objektivität", die die Wahrnehmungskulturen der Wissenschaften im 19. Jahrhundert beherrschte, wurde das Argument der "Schärfe" der Beobachtung auch von Künstlern, Literaten und Medienleuten übernommen. Die Möglichkeit, die Welt mittels technischer Apparate zu erblicken und zu durchdringen, schien zu versprechen, sie ohne Eintrübungen durch subjektive Einstellungen oder moralische Interventionen erfassen zu können. Der Blick durch das Mikroskop oder die Kamera schien die Fakten mit einer Genauigkeit zu erfassen, die die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit übertraf. Obwohl gegenwärtig die Wissenschaftsgeschichte die epistemologischen Bedingungen des Arguments der "Schärfe" der Beobachtung gut erforscht hat, geistert es nach wie vor durch Literatur-, Kunst-, und Medienkritik. Das neue "Lob der Unschärfe" weist darauf hin, wie dominant die Parameter der "Schärfe" geblieben sind.
Die Sektion soll das Problem auf verschiedenen Feldern untersuchen: das Ideal der mechanischen Objektivität in den Historischen Avantgarden (1910-1930), Austauschbeziehungen zwischen Fototheorie und Kunst- und Literaturtheorien im 19. und 20. Jahrhundert; die Rolle der Wahrnehmungsschärfe in der "Ästhetik des Schreckens".

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TeilnehmerInnen:
NachwuchsforscherInnen und kulturwissenschaftlich versierte KünstlerInnen, die zum Stichtag 15.03.2010 nicht älter als 35 Jahre sind und ein zentrales Interesse am Projekt der Kulturwissenschaften und Cultural Studies haben. Österreichische BewerberInnen oder solche, die an österreichischen Wissenschaftseinrichtungen arbeiten, werden besonders zur Antragsstellung ermutigt.

Arbeitsablauf:
Die verschiedenen Subthemen werden in einzelnen Sektionen mit Referaten behandelt. Die TeilnehmerInnen verpflichten sich zur Übernahme eines Arbeitsthemas. Um eine intensive Diskussion und einen ausgeglichenen Wissensstand der StipendiatInnen zu garantieren, wird die Lektüre von grundlegenden Texten bzw. Dokumenten, die als Arbeitsunterlagen vorweg zugesandt werden, vorausgesetzt.

Arbeitssprache:
Die Arbeitssprache ist Deutsch. Bewerbungen aus dem nicht-deutschsprachigen Raum sind willkommen.

Auswahl der TeilnehmerInnen:
Die Verständigung über die erfolgreiche Bewerbung zur IFK_Akademie erfolgt Anfang Mai 2010. Anschließend nehmen die Mitglieder der IFK_faculty mit den StipendiatInnen Kontakt auf, um die einzelnen Beiträge für die Akademie sowie die weitere Vorgangsweise zu vereinbaren.

Stipendienumfang:
Alle ausgewählten BewerberInnen, insgesamt maximal 20 Personen, erhalten vom IFK ein Stipendium, das die Unterbringung im Einzelzimmer und Verpflegung sowie die Bereitstellung der Arbeitsunterlagen beinhaltet. Die Reisekosten sind selbst zu tragen. Im Anschluss an die Verständigung über die erfolgreiche Bewerbung werden auch die organisatorischen Details bekannt gegeben.

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Bewerbungsunterlagen:
1) Stammdatenblatt (siehe Antragsformular auf der IFK-Homepage)
2) Tabellarischer Lebenslauf und Lichtbild
3) Tabellarischer Bildungsgang (Schule, Universität, etc.), Kopie des letzten akademischen Abschlusszeugnisses; gegebenenfalls eine Liste der wissenschaftlichen Veröffentlichungen
4) Interessenskizze (etwa 4.000 Zeichen) und/oder konkreter Themenvorschlag zu einem der fünf Subthemen (etwa 4.000 Zeichen).

Bewerbungsfrist
Der Antrag ist per Post bis spätestens 15. März 2010 (Fax oder E-Mail nicht zulässig; es gilt das Datum des Poststempels) zu senden an:

Adresse:
IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften
z. Hd. PD Dr. Lutz Musner
Reichsratsstraße 17
1010 Wien
Österreich
Tel.: (+43-1) 504 11 26-29
Fax: (+43-1) 504 11 32
E-Mail: musner@ifk.ac.at